Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Tumortherapiefelder: Mit Strom gegen das Glioblastom?

28.10.2015

Ein neuartiges Konzept zur Behandlung bösartiger Hirntumoren ist kürzlich in den USA zugelassen worden und darf gemäß EU-Bestimmungen auch in Deutschland zum Einsatz kommen. Einer ersten positiven Studie zufolge könnte das haubenartige Gerät, das auf der Kopfhaut getragen wird und Wechselstromfelder erzeugt, das Überleben von Patienten verbessern. „Von einem Durchbruch zu sprechen wäre allerdings übertrieben“, urteilt Professor Wolfgang Wick von der Deutschen Gesellschaft für Neurologie.

Die bislang vorliegenden Daten seien zwar prinzipiell erfreulich, sie müssten aber in weiteren Studien bestätigt werden. „Es gibt noch viele offene Fragen“, erklärt der Ärztliche Direktor der Neurologischen Klinik am Universitätsklinikum Heidelberg. „Wir müssen uns Zeit nehmen für eine sorgfältige Bewertung dieser neuen Methode, denn dies wird uns weiter bringen als intensives Marketing.“


(c) fotolia/iceteaimages

Quelle: www.dgn.org

Das Behandlungssystem der Firma Novocure wird auch in Deutschland vermarktet. Das tragbare Gerät erzeugt elektrische Wechselfelder, die sogenannten Tumortherapiefelder (TTfields, TTF), welche von einer speziellen Haube mit integrierten Keramik-Gel-Pads durch die Schädeldecke abgegeben werden, um die Teilung von Krebszellen zu bremsen oder zu stoppen.

Für Europa hat das Medizinprodukt das CE-Zeichen zur Behandlung eines rezidivierenden Glioblastoms bei Erwachsenen erhalten. Das für den Heimgebrauch konzipierte Gerät darf also gemäß Richtlinie 93/42/EWG der EU auch hierzulande in Verkehr gebracht werden, wobei für die Einrichtung und Kontrolle spezialisierte und zertifizierte Ärzte aufgesucht werden müssen.

„Therapiestandard für Patienten mit einem neu diagnostizierten Glioblastom ist derzeit noch eine Resektion des Tumors, gefolgt von Radio-Chemotherapie mit Temozolomid“, so Professor Wick. Die Zwischenergebnisse der noch unveröffentlichten Phase-III-Studie EF-14 hatten allerdings einen statistisch signifikanten Effekt auf das progressionsfreie Überleben (PFS) zugunsten des Geräts erbracht.

Mit dem System betrug das PFS ab der Diagnose median 10,9 Monate, ohne System dagegen nur 7,9 Monate. Das Gesamtüberleben ab dem Zeitpunkt der Diagnose war ebenfalls verbessert, und zwar von median 19,6 Monaten auf 22,6 Monate. Schließlich war auch die 2-Jahres-Überlebensrate bei Anwendern des Geräts mit 48 Prozent deutlich besser als in der Kontrollgruppe mit 32 Prozent.

Von den Studiendaten zur Anwendung

„Viele Fragen sind im Moment noch offen“, so Wick, „wissenschaftliche, klinische und nicht zuletzt wirtschaftliche.“ Zu kritisieren sei, dass die Studie EF-14 vorzeitig und bereits in der Interimsanalyse abgebrochen wurde, nachdem der primäre Endpunkt erreicht worden war. Es gab keine Placebo-Gruppe, und nach dem Studienabbruch hatte man den Patienten aus der Kontrollgruppe das Überwechseln (Cross-over) in den Behandlungsarm erlaubt. „Grund zur Skepsis gibt auch die Tatsache, dass das Gerät zwar bei der Primärtherapie offenbar einen klaren Vorteil gebracht hatte; eine vorausgegangene Studie zur Progressionstherapie war jedoch wegen fehlender Effektivität gescheitert“, so Wick. Auf jedem aktuellen Kongress, auf dem die Daten vorgestellt wurden, waren die Gesamtüberlebensdaten wieder etwas modifiziert; unabhängig beurteilte, reife Daten stehen also noch aus.

Nicht für alle Patienten geeignet

Eine neuartige Belastung im Vergleich zu anderen Therapien könnte auch der Umgang mit dem Behandlungssystem selbst sein: Für einen vergleichsweise langen Zeitraum müssen nämlich die Elektroden für die Wechselstromapplikation auf der rasierten Kopfhaut verbleiben. Die Patienten sind zwar mit einem kleinen Rucksack frei beweglich, tragen jedoch die ungewöhnliche, mit einem Kabelstrang versorgte Haube auf dem Kopf. „Dies stellt eine bisher unbekannte Belastung dar für Patienten, die die Therapie bisher eher noch als stigmatisierend erleben“, befürchtet Wick. Mit annähernd 20.000 Euro pro Monat seien schließlich auch die Kosten für das neue System vergleichsweise sehr hoch.

Für den Patienten seien Risikoreduktionen und mediane Verlängerungen des progressionsfreien Überlebens vergleichsweise abstrakte Werte, die gegenüber der persönlichen und für das Umfeld buchstäblich sichtbaren Belastung ausbalanciert werden müssten, sagt der Neurologe. „In der Gesamtbilanz stellen die neuen Ergebnisse daher sicher keinen Durchbruch dar. Der Schlüssel zum Fortschritt sind weitere wissenschaftliche Studien und eine genaue Überprüfung aller Daten zum Wohle unserer Patienten.“

Quellen

• FDA News Release: FDA approves expanded indication for medical device to treat a form of brain cancer. 5. Oktober 2015
• Novocure Press Release: Novocure to Present the Latest Data from the EF-14 Clinical Trial in Newly Diagnosed GBM at the 15th Interim Meeting of the World Federation of Neurosurgical Societies. 9. September 2015

Fachlicher Kontakt bei Rückfragen
Prof. Dr. Wolfgang Wick
Neurologische Klinik & Nationales Centrum für Tumorerkrankungen
Im Neuenheimer Feld 400, 69120 Heidelberg
Tel.: +49 (0) 6221 56 7075
Fax: +49 (0) 6221 56 7554
E-Mail: wolfgang.wick@med.uni-heidelberg.de

Pressestelle der Deutschen Gesellschaft für Neurologie
Tel.: +49 (0) 89 46148622
Fax: +49 (0) 89 46148625
E-Mail: presse@dgn.org
Pressesprecher: Prof. Dr. med. Hans-Christoph Diener, Essen

Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie e.V. (DGN)
sieht sich als neurologische Fachgesellschaft in der gesellschaftlichen Verantwortung, mit ihren mehr als 8000 Mitgliedern die neurologische Krankenversorgung in Deutschland zu sichern. Dafür fördert die DGN Wissenschaft und Forschung sowie Lehre, Fort- und Weiterbildung in der Neurologie. Sie beteiligt sich an der gesundheitspolitischen Diskussion. Die DGN wurde im Jahr 1907 in Dresden gegründet. Sitz der Geschäftsstelle ist Berlin.
http://www.dgn.org

1. Vorsitzender: Prof. Dr. med. Ralf Gold, 2. Vorsitzender: Prof. Dr. med. Martin Grond
3. Vorsitzender: Prof. Dr. med. Gereon R. Fink, Geschäftsführer: Dr. rer. nat. Thomas Thiekötter

Geschäftsstelle: Reinhardtstr. 27 C, 10117 Berlin
Tel.: +49 (0) 30 531437930
E-Mail: info@dgn.org

Weitere Informationen:

http://www.dgn.org/presse/pressemitteilungen/3148-tumortherapiefelder-mit-strom-...

Frank A. Miltner | idw - Informationsdienst Wissenschaft

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizintechnik:

nachricht Wachkoma: System soll Patienten helfen, sich zu verständigen
24.05.2017 | Universität Bielefeld

nachricht Premiere einer verblüffenden Technik
23.05.2017 | Deutsches Herzzentrum Berlin

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizintechnik >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Lässt sich mit Boten-RNA das Immunsystem gegen Staphylococcus aureus scharf schalten?

Staphylococcus aureus ist aufgrund häufiger Resistenzen gegenüber vielen Antibiotika ein gefürchteter Erreger (MRSA) insbesondere bei Krankenhaus-Infektionen. Forscher des Paul-Ehrlich-Instituts haben immunologische Prozesse identifiziert, die eine erfolgreiche körpereigene, gegen den Erreger gerichtete Abwehr verhindern. Die Forscher konnten zeigen, dass sich durch Übertragung von Protein oder Boten-RNA (mRNA, messenger RNA) des Erregers auf Immunzellen die Immunantwort in Richtung einer aktiven Erregerabwehr verschieben lässt. Dies könnte für die Entwicklung eines wirksamen Impfstoffs bedeutsam sein. Darüber berichtet PLOS Pathogens in seiner Online-Ausgabe vom 25.05.2017.

Staphylococcus aureus (S. aureus) ist ein Bakterium, das bei weit über der Hälfte der Erwachsenen Haut und Schleimhäute besiedelt und dabei normalerweise keine...

Im Focus: Can the immune system be boosted against Staphylococcus aureus by delivery of messenger RNA?

Staphylococcus aureus is a feared pathogen (MRSA, multi-resistant S. aureus) due to frequent resistances against many antibiotics, especially in hospital infections. Researchers at the Paul-Ehrlich-Institut have identified immunological processes that prevent a successful immune response directed against the pathogenic agent. The delivery of bacterial proteins with RNA adjuvant or messenger RNA (mRNA) into immune cells allows the re-direction of the immune response towards an active defense against S. aureus. This could be of significant importance for the development of an effective vaccine. PLOS Pathogens has published these research results online on 25 May 2017.

Staphylococcus aureus (S. aureus) is a bacterium that colonizes by far more than half of the skin and the mucosa of adults, usually without causing infections....

Im Focus: Orientierungslauf im Mikrokosmos

Physiker der Universität Würzburg können auf Knopfdruck einzelne Lichtteilchen erzeugen, die einander ähneln wie ein Ei dem anderen. Zwei neue Studien zeigen nun, welches Potenzial diese Methode hat.

Der Quantencomputer beflügelt seit Jahrzehnten die Phantasie der Wissenschaftler: Er beruht auf grundlegend anderen Phänomenen als ein herkömmlicher Rechner....

Im Focus: A quantum walk of photons

Physicists from the University of Würzburg are capable of generating identical looking single light particles at the push of a button. Two new studies now demonstrate the potential this method holds.

The quantum computer has fuelled the imagination of scientists for decades: It is based on fundamentally different phenomena than a conventional computer....

Im Focus: Tumult im trägen Elektronen-Dasein

Ein internationales Team von Physikern hat erstmals das Streuverhalten von Elektronen in einem nichtleitenden Material direkt beobachtet. Ihre Erkenntnisse könnten der Strahlungsmedizin zu Gute kommen.

Elektronen in nichtleitenden Materialien könnte man Trägheit nachsagen. In der Regel bleiben sie an ihren Plätzen, tief im Inneren eines solchen Atomverbunds....

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Meeresschutz im Fokus: Das IASS auf der UN-Ozean-Konferenz in New York vom 5.-9. Juni

24.05.2017 | Veranstaltungen

Diabetes Kongress in Hamburg beginnt heute: Rund 6000 Teilnehmer werden erwartet

24.05.2017 | Veranstaltungen

Wissensbuffet: „All you can eat – and learn”

24.05.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

DFG fördert 15 neue Sonderforschungsbereiche (SFB)

26.05.2017 | Förderungen Preise

Lässt sich mit Boten-RNA das Immunsystem gegen Staphylococcus aureus scharf schalten?

26.05.2017 | Biowissenschaften Chemie

Unglaublich formbar: Lesen lernen krempelt Gehirn selbst bei Erwachsenen tiefgreifend um

26.05.2017 | Gesellschaftswissenschaften