Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Schnelle und stomunabhängige Hilfe bei Herzstillstand

26.06.2012
Textile Kühl-Pads in neuartiger Hypothermie-Notfallweste schützen vor neurologischen Schäden

Textile Kühlpads sollen künftig neurologische Schäden nach einer erfolgreichen Wiederbelebung verhindern helfen. Das von Wissenschaftlern der Hohenstein Institute in Bönnigheim entwickelte System kommt ohne Strom aus und ist damit insbesondere für die Erstversorgung bei einem Herzstillstand optimal geeignet.

Denn was ist zum Beispiel zu tun, wenn ein Reisender in Bus, Bahn oder Flugzeug kollabiert? Jährlich erleiden allein in Europa ca. 375 000 Menschen einen Herzstillstand: Plötzlich beginnt das Herz unkontrolliert zu schlagen, der Puls gerät aus dem Takt, innerhalb von Sekunden bricht der Patient bewusstlos zusammen und Atmung sowie Herzschlag setzen aus.

Für die Betroffenen zählt ab jetzt jede Sekunde, denn mit jeder Minute, die bis zur Reanimation verstreicht, schwinden die Überlebenschancen der Patienten um zehn Prozent. Zwar sind inzwischen in öffentlichen Gebäuden und Verkehrsmitteln Defibrillatoren zwingend vorgeschrieben, mit denen per Stromschlag das Herz wieder zum schlagen gebracht wird. Für die meisten Patienten mit Herzstillstand ist jedoch selbst die erfolgreiche Reanimation lediglich ein Teilerfolg - denn nur wenige überleben diese lebensrettende Maßnahme ohne neurologische Folgeschäden. In der Zeit bis zum Eintreffen des Notarztes können nämlich durch die mangelnde Durchblutung und Versorgung mit Sauerstoff bereits Teile des Gehirns nachhaltig geschädigt werden. Nicht selten werden die Betroffenen dadurch zum Pflegefall.

Um künftig solche neurologischen Schäden zu vermeiden, haben Wissenschaftler des Fachbereichs Hygiene, Umwelt & Medizin an den Hohenstein Instituten ein neues Therapieverfahren für Ersthelfer erarbeitet. Im Rahmen eines vom Land Baden-Württemberg geförderten Forschungsprojektes beim Ideenwettbewerb ‚Biotechnologie und Medizintechnik’, entwickelten die Wissenschaftler um Prof. Dr. Dirk Höfer den Prototyp einer textilen Kühlweste. Das neuartige Medizinprodukt verspricht eine verbesserte Akutbehandlung bei Herzstillständen indem es den Körper der Patienten sehr schnell abkühlt.

Seit langem weiß man, dass Kälte das Gehirn vor dem gefürchteten Sauerstoffdefizit bei mangelnder Durchblutung bewahren kann. Die gezielte Absenkung der Temperatur im Körperinneren auf 32 °C bis 34 °C schützt das Denkorgan nachweislich vor irreparablen neurologischen Schäden. Dieses einfache, doch überaus wirksame Therapieprinzip machen sich die Hohenstein Wissenschaftler zu Nutze. Hierzu entwickelten sie zunächst ein wasser- und absolut luftdichtes textiles Hohlgewebe, sogenannte Kühl-Pads, welche mit entsprechenden Anschlussmöglichkeiten versehen und in eine Weste integriert sind. Die Kühl-Pads sind mit einem unter Vakuum stehenden Metallbehälter verbunden, der ein spezielles Mineral (Zeolith) enthält. Beim Öffnen eines zwischengeschalteten Ventils wird das Wasser in den Pads schlagartig fast bis zum Gefrierpunkt heruntergekühlt (siehe Info-Box) und damit auch dem Körper des Patienten sehr effektiv Körperwärme entzogen. Das Kühlsystem auf Basis der Zeolith-/Wasser-Adsorptionstechnologie ist einfach konstruiert und erlaubt es, die Körperkerntemperatur nach Eintreten eines Herzstillstandes jederzeit und ortsunabhängig drastisch zu senken – und das ohne Elektrizität! In Zukunft sollen die autarken Kühl-Pads moderne mobile Defibrillatoren (mit automatisierter EKG-Analyse) ergänzen und z.B. in öffentlichen Gebäuden und Verkehrsmitteln von Ersthelfern ohne medizinische Kenntnisse eingesetzt werden. Patienten mit Herzstillstand haben damit eine deutlich bessere Chance nur geringfügige Folgeschäden davonzutragen.

Mit der Hypothermie-Notfallweste ist es den Hohenstein Forschern gelungen, eine neue nicht-invasive Methode zur Oberflächenkühlung des Körpers zu entwickeln. D. h. es ist kein operativer Eingriff notwendig und anders als bei konventionellen Kühlsystemen ist der direkte Einsatz am Notfallort ohne jegliche Energiequelle möglich. „Die Kühl-Pads besitzen enormes Potenzial in der neurologischen Rehabilitation bei Herzstillständen.“, so Prof. Dr. Dirk Höfer. „Neben den Vorteilen für den einzelnen Betroffenen bedeutet jeder vermiedene Pflegefall zudem einen großen finanziellen Vorteil für die Allgemeinheit“. Auch wenn die Forscher zunächst einen Industriepartner für Produktion und Vertrieb der Kühl-Pads suchen, fassen sie bereits weitere innovative Anwendungen textiler Kühl- und Wärmeprozesse in der Medizin ins Auge.

Rose-Marie Riedl | Hohenstein Institute
Weitere Informationen:
http://www.hohenstein.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizintechnik:

nachricht Einfacher Schieltest mit neu entwickelter Strabismus-Video-Brille
19.07.2017 | UniversitätsSpital Zürich

nachricht Kunstherz auf dem Prüfstand
13.07.2017 | Eidgenössische Technische Hochschule Zürich (ETH Zürich)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizintechnik >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: 3-D scanning with water

3-D shape acquisition using water displacement as the shape sensor for the reconstruction of complex objects

A global team of computer scientists and engineers have developed an innovative technique that more completely reconstructs challenging 3D objects. An ancient...

Im Focus: Einblicke unter die Oberfläche des Mars

Die Region erstreckt sich über gut 1000 Kilometer entlang des Äquators des Mars. Sie heißt Medusae Fossae Formation und über ihren Ursprung ist bislang wenig bekannt. Der Geologe Prof. Dr. Angelo Pio Rossi von der Jacobs University hat gemeinsam mit Dr. Roberto Orosei vom Nationalen Italienischen Institut für Astrophysik in Bologna und weiteren Wissenschaftlern einen Teilbereich dieses Gebietes, genannt Lucus Planum, näher unter die Lupe genommen – mithilfe von Radarfernerkundung.

Wie bei einem Röntgenbild dringen die Strahlen einige Kilometer tief in die Oberfläche des Planeten ein und liefern Informationen über die Struktur, die...

Im Focus: Molekulares Lego

Sie können ihre Farbe wechseln, ihren Spin verändern oder von fest zu flüssig wechseln: Eine bestimmte Klasse von Polymeren besitzt faszinierende Eigenschaften. Wie sie das schaffen, haben Forscher der Uni Würzburg untersucht.

Bei dieser Arbeit handele es sich um ein „Hot Paper“, das interessante und wichtige Aspekte einer neuen Polymerklasse behandelt, die aufgrund ihrer Vielfalt an...

Im Focus: Das Universum in einem Kristall

Dresdener Forscher haben in Zusammenarbeit mit einem internationalen Forscherteam einen unerwarteten experimentellen Zugang zu einem Problem der Allgemeinen Realitätstheorie gefunden. Im Fachmagazin Nature berichten sie, dass es ihnen in neuartigen Materialien und mit Hilfe von thermoelektrischen Messungen gelungen ist, die Schwerkraft-Quantenanomalie nachzuweisen. Erstmals konnten so Quantenanomalien in simulierten Schwerfeldern an einem realen Kristall untersucht werden.

In der Physik spielen Messgrößen wie Energie, Impuls oder elektrische Ladung, welche ihre Erscheinungsform zwar ändern können, aber niemals verloren gehen oder...

Im Focus: Manipulation des Elektronenspins ohne Informationsverlust

Physiker haben eine neue Technik entwickelt, um auf einem Chip den Elektronenspin mit elektrischen Spannungen zu steuern. Mit der neu entwickelten Methode kann der Zerfall des Spins unterdrückt, die enthaltene Information erhalten und über vergleichsweise grosse Distanzen übermittelt werden. Das zeigt ein Team des Departement Physik der Universität Basel und des Swiss Nanoscience Instituts in einer Veröffentlichung in Physical Review X.

Seit einigen Jahren wird weltweit untersucht, wie sich der Spin des Elektrons zur Speicherung und Übertragung von Information nutzen lässt. Der Spin jedes...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Gipfeltreffen der String-Mathematik: Internationale Konferenz StringMath 2017

24.07.2017 | Veranstaltungen

Von atmosphärischen Teilchen bis hin zu Polymeren aus nachwachsenden Rohstoffen

24.07.2017 | Veranstaltungen

Recherche-Reise zum European XFEL und DESY nach Hamburg

24.07.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Gipfeltreffen der String-Mathematik: Internationale Konferenz StringMath 2017

24.07.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Von atmosphärischen Teilchen bis hin zu Polymeren aus nachwachsenden Rohstoffen

24.07.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Lupinen beim Trinken zugeschaut – erstmals 3D-Aufnahmen vom Wassertransport zu Wurzeln

24.07.2017 | Biowissenschaften Chemie