Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Prostatakarzinom viel präziser diagnostizieren - Quantensprung für Prostata-Patienten

24.08.2015

Krebs sofort operieren oder vorerst abwarten? Diese Entscheidung wird künftig leichter, weil ein neuer Biopsie-Roboter die Ärzte unterstützt: Mit seiner Hilfe kann man ein Prostatakarzinom viel präziser diagnostizieren

Aus Zwei mach Eins: Um die Prostata genauer darstellen zu können und Tumore dort besser zu diagnostizieren, werden am Universitätsklinikum Tübingen neuerdings zwei Bilder digital verschmolzen – nämlich Ultraschall-Bilder und Aufnahmen aus dem MRT, dem Magnetresonanztomografen.


Neue Lösungen für Patienten mit Prostata-Krebs: Um den Tumor besonders genau lokalisieren und diagnostizieren zu können, nutzt man eine neue, dreidimensionale Darstellung. Diese entsteht, indem die Bilder aus zwei unterschiedlichen Verfahren digital miteinander verschmolzen werden – Ultraschall-Aufnahmen und Daten aus dem MRT, dem Magnetresonanztomografen. (Bildnachweis Universitätsklinikum Tübingen)

Eine Spezial-Software errechnet aus den beiden Daten-Sätzen hoch präzise Darstellungen. Diese dreidimensionalen Bilder werden später dazu genutzt, um die Nadel bei der Biopsie zu navigieren. Das funktioniert dank Unterstützung eines Roboters sogar millimetergenau.

Auf diesem Weg erhalten die Ärzte ganz exakte, aussagekräftige Untersuchungsergebnisse. Und eine deutlich verbesserte Grundlage für die Entscheidung, welche Therapie für den Patienten die beste ist.

Dreidimensional und riesig vergrößert schwebt die Prostata auf dem Computerbildschirm. Mit Mausklicks navigiert sich der Arzt durch ihre Schichten. Normales Prostatagewebe, Tumor und Gefäße – all diese Details aus dem Unterleib eines Patienten lassen sich neuerdings millimetergenau darstellen. „Mit dieser Technik können wir Prostatakrebs deutlich besser diagnostizieren“, sagt Dr. Stephan Kruck, Oberarzt aus der Urologischen Klinik.

Der 37-Jährige hat das Verfahren gemeinsam mit dem Radiologen Dr. Sascha Kaufmann vorangebracht. Auch Oberarzt Kaufmann ist überzeugt: „Das ist ein Quantensprung in der Nutzung moderner Bildgebungsverfahren.“ Ein technischer Quantensprung, der zugleich auch ein echter Durchbruch für Patienten mit Prostata-Krebs ist: Genauere Bilder bedeuten für die Patienten bessere Diagnosen und geringere Risiken. Und vor allem: Auf dieser Basis sind künftig individuellere Therapie-Ansätze möglich.

Für Männer mit Prostata-Krebs ist das eine besonders gute Nachricht. Denn dieser Krebs ist nicht nur besonders häufig, er wird bei jedem zehnten Mann im Lauf seines Lebens entdeckt. Vor allem macht er vielen Männern Angst – so sehr, dass sie sich entgegen aller Vernunft vor der Vorsorge drücken.

Schließlich hat Prostata-Krebs den schlechten Ruf, Männer ihrer Männlichkeit zu berauben: Eine Operation und Therapie dieser Geschlechtsdrüse kann dazu führen, dass Männer impotent werden. „Männer haben wirklich Angst, dass ihr Leben nach so einer Operation völlig verändert ist und dass sie sehr viel Lebensqualität verlieren“, weiß Kruck aus Patientengesprächen.

Also auf die Operation verzichten? Tatsächlich hat man schon bisher manchen Patienten dazu geraten, den Krebs im Körper zu lassen – immer dann, wenn die Untersuchungen ergeben hatten, dass es sich um kein aggressives Karzinom handelt. Für diese Patienten begann eine Phase der so genannten „aktiven Überwachung“: Regelmäßige Nachkontrollen des Tumors sollte sicherstellen, dass das Risiko beherrschbar bleibt.

Doch die Einschätzung des Tumors barg Risiken. Nicht immer lagen die Ärzte richtig mit dem, was sie über Ausdehnung und Aggressivität des Krebses sagten, was an den bisher ungenaueren Diagnose-Verfahren lag. Das zeigte sich dann, wenn Patienten nach einer Zeit der Überwachung doch noch operiert wurden: Bei manchen Patienten erwiesen sich die Annahmen über die Ausdehnung und Aggressivität des Tumors nachträglich als falsch, das Risiko war zu niedrig eingestuft worden. Mit regelmäßigen Kontrollen ließ sich das Risiko zwar beherrschen – doch künftig wird das Risiko noch deutlich geringer sein.

Denn genau an diesem Punkt bringt das neue Verfahren enorme zusätzliche Sicherheiten. Es zeigt nicht nur sehr viel exakter die Strukturen der Prostata, es erlaubt außerdem, Biopsien sehr treffsicher zu platzieren. Das bedeutet einerseits: Man kann bei dieser Untersuchung die Proben so millimetergenau in einem Raster entnehmen, dass die exakte Ausdehnung des Tumors eindeutig geklärt wird. Und man kann andererseits bei erneuten Untersuchungen im Raster die Ergebnisse vergleichen und so auch viel exakter nachweisen, ob sich der Tumor zwischenzeitlich aggressiver entwickelt hat.

Beim Biopsie-Verfahren schlagen die Tübinger Urologen und Radiologen gemeinsam einen Weg ein, der weltweit einzigartig ist: Sie lassen sich von einem medizinischen Robotersystem dabei helfen, das Raster für die Biopsie-Nadeln absolut exakt einzuhalten, auf Basis der hochauflösenden Bilddaten. Der Roboter hilft auch dabei, menschliche Fehler oder Zittern auszugleichen. Eine weitere Besonderheit: Die Tübinger Ärzte führen diese Untersuchung nicht vom Enddarm aus durch, wie es bislang bei Prostata-Biopsien meist üblich war. Zwar kann man vom Enddarm aus die Prostata bequem erreichen, doch dem Patienten drohen nicht unerhebliche Infektionsrisiken durch die Darmbakterien, was bisher mit massiv dosierten Antibiotika verhindert wurde.

Neuer Zugang vom Darm aus

Die Tübinger Mediziner wählen einen anderen Zugang: vom Damm aus, dem Haut-Abschnitt zwischen Hoden und Darmausgang. Die Stelle ist erstens besser steril zu halten, und zweitens können von dort aus einige Regionen der Prostata besser erreicht werden. Man nutzt nur zwei winzige Einstich-Öffnungen. Indem der Winkel der Nadel variiert wird, arbeiten die Ärzte genau im vorgesehenen Such-Raster, der Roboter assistiert. Die Patienten werden währenddessen in eine leichte Narkose versetzt.

„Eine Kurznarkose birgt zwar eigene Risiken“, sagt Oberarzt Kruck, „diese sind jedoch durch die Weiterentwicklung der Narkosetechnik sehr selten. Die meisten Patienten sind eigentlich ganz froh, wenn sie nichts von der Biopsie mitbekommen. Und wir schließen zugleich auch jeden Fehler aus, der durch eine Bewegung des Patienten entstehen könnte.“

Mit der soliden Grundlage dieser Daten können Oberarzt Kruck und seine Kollegen ihre Patienten nun sehr viel verlässlicher beraten. Es wird für mehr Patienten zu einem gangbaren Weg, eine Prostata-Operation mit all ihren Risiken erst einmal zu verschieben und auf die „aktive Überwachung“ zu setzen. So steht am Ende eine individuelle, personalisierte Therapie-Empfehlung. Und der Patient kann, gut informiert und beraten, seine eigene Entscheidung treffen.

INFO Prostata-Krebs

Prostata-Krebs ist häufig. Statistisch muss sich mindestens jeder zehnte Mann in Deutschland im Lauf seines Lebens mit dieser Diagnose auseinandersetzen. Um den Krebs früh erkennen und dadurch erfolgreicher therapieren zu können, rät die moderne Medizin allen Männern ab einem bestimmten Alter, regelmäßig zur Früherkennung zu gehen. In einem ersten Schritt wird das Blut untersucht: Ist dort der Marker PSA erhöht, gilt ein Krebs als wahrscheinlich. Dann startet Schritt für Schritt ein mittlerweile sehr genau standardisiertes Verfahren. Auf weitere Untersuchungen folgt schließlich die individuelle Therapie-Empfehlung. Für Patienten gilt es als optimal, ein zertifiziertes Prostata-Zentrum aufzusuchen, sobald Prostata-Krebs nachgewiesen wurde. In einem solchen Zentrum werden die höchsten Standards erfüllt, die modernsten Erkenntnisse umgesetzt, die interdisziplinären Teams haben besonders viel Erfahrung – und all das wird regelmäßig von unabhängigen Prüfern überwacht.

Medienkontakt

Universitätsklinikum Tübingen
Klinik für Urologie
Privatdozent Dr. Stephan Kruck
Stephan.Kruck@med.uni-tuebingen.de

Weitere Informationen:

http://www.medizin.uni-tuebingen.de Universitätsklinikum Tübingen
http://www.medizin.uni-tuebingen.de/Patienten/Kliniken/Urologie.html Uniklinik für Urologie Tübingen

Dr. Ellen Katz | idw - Informationsdienst Wissenschaft

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizintechnik:

nachricht Bypass – Lebensbrücke für das Herz; keine Angst vor der Herz-Operation
21.09.2017 | Deutsche Gesellschaft für Thorax-, Herz- und Gefäßchirurgie e.V.

nachricht Positron trifft Kernspin
19.09.2017 | Universitätsklinikum Ulm

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizintechnik >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Hochpräzise Verschaltung in der Hirnrinde

Es ist noch immer weitgehend unbekannt, wie die komplexen neuronalen Netzwerke im Gehirn aufgebaut sind. Insbesondere in der Hirnrinde der Säugetiere, wo Sehen, Denken und Orientierung berechnet werden, sind die Regeln, nach denen die Nervenzellen miteinander verschaltet sind, nur unzureichend erforscht. Wissenschaftler um Moritz Helmstaedter vom Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt am Main und Helene Schmidt vom Bernstein-Zentrum der Humboldt-Universität in Berlin haben nun in dem Teil der Großhirnrinde, der für die räumliche Orientierung zuständig ist, ein überraschend präzises Verschaltungsmuster der Nervenzellen entdeckt.

Wie die Forscher in Nature berichten (Schmidt et al., 2017. Axonal synapse sorting in medial entorhinal cortex, DOI: 10.1038/nature24005), haben die...

Im Focus: Highly precise wiring in the Cerebral Cortex

Our brains house extremely complex neuronal circuits, whose detailed structures are still largely unknown. This is especially true for the so-called cerebral cortex of mammals, where among other things vision, thoughts or spatial orientation are being computed. Here the rules by which nerve cells are connected to each other are only partly understood. A team of scientists around Moritz Helmstaedter at the Frankfiurt Max Planck Institute for Brain Research and Helene Schmidt (Humboldt University in Berlin) have now discovered a surprisingly precise nerve cell connectivity pattern in the part of the cerebral cortex that is responsible for orienting the individual animal or human in space.

The researchers report online in Nature (Schmidt et al., 2017. Axonal synapse sorting in medial entorhinal cortex, DOI: 10.1038/nature24005) that synapses in...

Im Focus: Tiny lasers from a gallery of whispers

New technique promises tunable laser devices

Whispering gallery mode (WGM) resonators are used to make tiny micro-lasers, sensors, switches, routers and other devices. These tiny structures rely on a...

Im Focus: Wundermaterial Graphen: Gewölbt wie das Polster eines Chesterfield-Sofas

Graphen besitzt extreme Eigenschaften und ist vielseitig verwendbar. Mit einem Trick lassen sich sogar die Spins im Graphen kontrollieren. Dies gelang einem HZB-Team schon vor einiger Zeit: Die Physiker haben dafür eine Lage Graphen auf einem Nickelsubstrat aufgebracht und Goldatome dazwischen eingeschleust. Im Fachblatt 2D Materials zeigen sie nun, warum dies sich derartig stark auf die Spins auswirkt. Graphen kommt so auch als Material für künftige Informationstechnologien infrage, die auf der Verarbeitung von Spins als Informationseinheiten basieren.

Graphen ist wohl die exotischste Form von Kohlenstoff: Alle Atome sind untereinander nur in der Ebene verbunden und bilden ein Netz mit sechseckigen Maschen,...

Im Focus: Hochautomatisiertes Fahren bei Schnee und Regen: Robuste Warnehmung dank intelligentem Sensormix

Schlechte Sichtverhältnisse bei Regen oder Schnellfall sind für Menschen und hochautomatisierte Fahrzeuge eine große Herausforderung. Im europäischen Projekt RobustSENSE haben die Forscher von Fraunhofer FOKUS mit 14 Partnern, darunter die Daimler AG und die Robert Bosch GmbH, in den vergangenen zwei Jahren eine Softwareplattform entwickelt, auf der verschiedene Sensordaten von Kamera, Laser, Radar und weitere Informationen wie Wetterdaten kombiniert werden. Ziel ist, eine robuste und zuverlässige Wahrnehmung der Straßensituation unabhängig von der Komplexität und der Sichtverhältnisse zu gewährleisten. Nach der virtuellen Erprobung des Systems erfolgt nun der Praxistest, unter anderem auf dem Berliner Testfeld für hochautomatisiertes Fahren.

Starker Schneefall, ein Ball rollt auf die Fahrbahn: Selbst ein Mensch kann mitunter nicht schnell genug erkennen, ob dies ein gefährlicher Gegenstand oder...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

23. Baltic Sea Forum am 11. und 12. Oktober nimmt Wirtschaftspartner Finnland in den Fokus

21.09.2017 | Veranstaltungen

6. Stralsunder IT-Sicherheitskonferenz im Zeichen von Smart Home

21.09.2017 | Veranstaltungen

Gewässerforscher treffen sich in Cottbus

21.09.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

23. Baltic Sea Forum am 11. und 12. Oktober nimmt Wirtschaftspartner Finnland in den Fokus

21.09.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Alternder Stern bläst Materie von sich

21.09.2017 | Physik Astronomie

TU Ilmenau erforscht innovative mikrooptische Bauelemente für neuartige Anwendungen

21.09.2017 | Energie und Elektrotechnik