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Nach 15 Jahren Blindheit wird es wieder hell

07.08.2015

Augenmediziner setzen am UKL erstmals Netzhautprothese ein

Zum ersten Mal nach 15 Jahren völliger Blindheit konnte Bernd Burkhardt wieder Lichtflecke erkennen – und das an seinem 62. Geburtstag. Möglich wurde dies durch die Implantation einer Netzhautprothese, durchgeführt von den Augenärzten am Universitätsklinikum Leipzig. Der Eingriff war der erste dieser Art am UKL, und auch der erste im ostdeutschen Raum.


Die ARGUS II Retinaprothese besteht aus einer Brille mit Sender und einem Taschencomputer, die Signale an das im Auge befindliche Implantat übermitteln.

Second Sight

„Es wird wieder hell“, beschreibt Bernd Burkhardt seine neue Wahrnehmung. Burkhardt ist der erste am UKL operierte Retinaprothesenträger. “Ich sehe jetzt unstrukturierte Lichtflecke, die ich lernen muss zu interpretieren“, schildert er nach dem Anschalten des Implantats. Das erfolgte genau an seinem 62. Geburtstag.

„Das war natürlich ein ganz besonderes Geschenk“, freut sich Burkhardt über seine ARGUS II genannte Netzhautprothese. Burkhardt leidet an der erblichen Augenerkrankung Retinitis pigmentosa (RP). Seit seiner Jugend ist er stark sehgeschwächt, seit 15 Jahren völlig blind. Jetzt ist der Jenaer der erste Patient, dem an der Augenklinik am Universitätsklinikum Leipzig die moderne computergestützte Seh-Prothese implantiert wurde.

Klinikdirektor Prof. Peter Wiedemann operierte vier Stunden, um ein hochempfindliches Elektrodennetzgitter im Auge zu platzieren und zu befestigen. „Eine anspruchsvolle Operation, da die kleinen Elektroden nur durch eine dünne Silikonschicht geschützt sind und wir nur einen Versuch haben, um diese richtig anzubringen“, beschreibt der erfahrene Augenchirurg den Eingriff.

Die ARGUS II Retinaprothese besteht aus einem im Auge auf der erkrankten Netzhaut befestigten Implantat und einer Brille, die über eine Kamera visuelle Informationen über einen Taschencomputer an das Elektrodennetz im Auge sendet. Dazu werden die Signale in Impulse umgewandelt, die ein an der Brille befindlicher Sender kabellos an das für den Träger nicht spürbare Implantat übermittelt. „Der Patient nimmt damit Lichtblitze wahr, die eine Unterscheidung von hell-dunkel, damit auch das Erkennen von Flächen und von Bewegungen, ermöglichen“, erklärt Prof. Wiedemann den Effekt des Gerätes.

Diese Wahrnehmungen zu interpretieren und daraus Informationen über die Umgebung zu gewinnen, muss allerdings über mehrere Monate intensiv geübt werden. Im Ergebnis können dann helle Gegenstände von dunklen unterschieden werden, Stufen und Türen werden erkannt ebenso wie beispielsweise eine laufende Person.

Voraussetzung ist eine funktionierende Signalübermittlung. Zwei Wochen nach der Operation wird dies erprobt, indem das Gerät angeschaltet und individuell angepasst wird. Im Falle des ersten Leipziger Patienten verlief das sehr gut: Schon am ersten Tag konnte er Linien erkennen.

„Richtiges Sehen ist zwar etwas anderes, aber für die von degenerativen Netzhauterkrankungen betroffenen Patienten, für die dieses Gerät geeignet ist, stellt das schon eine ganz neue Qualität dar“, so der Augenchirurg Wiedemann, der seit vielen Jahren die Entwicklungen auf diesem Gebiet begleitet.

ARGUS II ist seit wenigen Jahren verfügbar und wird nur an einigen bestimmten Kompetenzzentren in Deutschland eingesetzt. „Mit diesem System gibt es erstmals ein zugelassenes und außerhalb von experimentellen Studien verfügbares Gerät, mit dem wir unseren erblindeten Patienten tatsächlich helfen können“, so Wiedemann. Das betrifft derzeit Patienten mit erblicher Netzhautdegeneration, die zu völliger Erblindung führt, wie Retinitis pigmentosa. Davon betroffen sind ca. 30.000 Menschen in Deutschland, einer von 50.000 Menschen erkrankt oftmals schon in jungen Jahren an RP.

So wie Bernd Burkhardt, der familiär vorbelastet ist. Trotz seiner Erkrankung ist der Thüringer, der auch im Blindenverband aktiv ist, voller Energie und Lebensmut. Obwohl blind, arbeitete der Ingenieur bis zur Wende bei Carl Zeiss, unterstützt durch seine Kollegen. Dann schulte er um zum Physiotherapeuten. Seit kurzem ist Burkhardt Rentner und kann sich intensiv mit seiner neuen Prothese beschäftigen.

„Ich trage das Gerät jeden Tag, zuerst nur 30 Minuten, jetzt ein bis zwei Stunden“, so Burkhardt. Er freut sich auf das bevorstehende Intensivtraining, zu dem er zunächst wieder ans Uniklinikum nach Leipzig kommen wird. „Ich rechne mit einem Jahr, in dem ich viel über meine neue Prothese lernen werde.“

Prof. Peter Wiedemann ist begeistert von den Fortschritten seines Patienten. „Das ist wirklich ein sehr gutes Ergebnis“, so der Augenarzt. Für Bernd Burkhardt sei die Retinaprothese eine gute Alternative. „Das Gerät ist dennoch nicht für jeden geeignet“, dämpft Wiedemann zu große Erwartungen. „Die Entscheidung für oder gegen eine solche Operation muss sehr individuell getroffen und gut abgewogen werden.“

Helena Reinhardt | idw - Informationsdienst Wissenschaft
Weitere Informationen:
http://www.uniklinik-leipzig.de/

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