Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Magnetstäbe im Rücken gegen Wirbelsäulenverkrümmung

19.01.2012
UMG-Kinderorthopäden wenden erstmals weltweit neues Operationsverfahren bei Kindern mit Wirbelsäulenverkrümmung an. Magnetstäbe im Rücken ersparen Kindern mehrere Operationen.
Wenn bei Kindern Wirbelsäulenverkrümmungen, sogenannte Skoliosen, begradigt werden müssen, können sie anders als bei jugendlichen oder erwachsenen Patienten nur mit großen Nachteilen an der Wirbelsäule versteift werden. Bei Kindern kann eine Versteifung der Brustwirbelsäule zum Wachstumsstopp des Brustkorbes und der Lungen führen. Im schlimmsten Fall sterben diese Kinder dann frühzeitig an Lungenversagen.

Erstmalig weltweit hat das Team der Kinderorthopädie der Universitätsmedizin Göttingen jetzt ein minimalinvasives Operations-Verfahren angewendet, mit dem Wirbelsäulenverkrümmungen bei Kindern noch besser behandelt werden können. Für die Begradigung der Wirbelsäule haben sie parallel zur Wirbelsäule zwei Magnetstäbe eingesetzt. Sie lassen sich durch ein externes Gerät im Verlauf des Wachstums ausfahren und sich so der Länge der Wirbelsäule nach flexibel anpassen. Dazu wurden die Stäbe an den Rippen und am Becken des Kindes fixiert. Diese neue OP-Variante hat den Vorteil: Die Wirbelsäule bleibt unberührt und wird in ihrem Wachstum nicht beeinträchtigt. Die neue Behandlungsmethode ist für Kinder zwischen dem zweiten und dem zwölften Lebensjahr geeignet, die an einer flexiblen Wirbelsäulenverkrümmung leiden.

"Mit dem neuen Magnetverfahren ist uns in der Kinderwirbelsäulenchirurgie ein wichtiger Fortschritt gelungen. Unser junger Patient hat bereits nach wenigen Tagen schon wieder eine stabile Sitzposition. Durch die eingesetzten Magnetstäbe können wir die Wirbelsäule um bis zu 4,8 Zentimeter verlängern. So können wir Gunnar und zukünftigen Patienten ungefähr vier bis fünf Verlängerungsoperationen ersparen. Damit sinkt auch das Risiko von Infektionen", sagt Professorin Hell.

DEM RÜCKEN HALT GEBEN
In einer zweistündigen Operation haben die Kinderorthopäden der Universitätsmedizin Göttingen dem 11-jährigen Gunnar über zwei kleine Schnitte im Rücken zwei Magnetstäbe rechts und links der Wirbelsäule eingesetzt und an den Rippen und am Becken befestigt. So wird die Wirbelsäule begradigt, ohne sie direkt zu berühren. Mit diesem neuen OP-Verfahren haben die Experten Gunnars Wirbelsäulenverkrümmung von 50 Grad auf ungefähr acht Grad reduziert. Von einer Skoliose spricht man ab einem Wert von zehn Grad.

Röntgenbild von Gunnar nach der OP: Magnetstäbe rechts und links richten die Wirbelsäule auf. Foto: umg

Die Magnetstäbe lassen sich nun über ein Gerät, das einen starken Magneten enthält, jederzeit dem Wachstum der Wirbelsäule anpassen. Dafür wird das Gerät von außen auf dem Rücken positioniert. Auf Knopfdruck zieht es die Stäbe genau auf die notwendige Länge der Wirbelsäule auseinander.

Das neue Verfahren hat viele Vorteile für die kleinen Patienten: Durch die Fixierung der Stäbe an Becken und Rippen wird das natürliche Wachstum der Wirbelsäule nicht beeinflusst. Zur Verlängerung der Stäbe ist keine Narkose nötig. Das Verfahren ist schmerzfrei und erspart den Patienten so mehrere Operationen. Bei älteren Verfahren mit so genannten Teleskopstangen mussten die Stangen alle sechs Monate in einer Operation verlängert werden.

Die Magnetstäbe wurden zwar schon bei anderen Kindern eingesetzt. Bei diesen Verfahren wurden die Stäbe jedoch direkt an der Wirbelsäule fixiert. Dies ist mit einer Verletzung der Knochenhaut der Wirbelsäule verbunden. Das kann im schlimmsten Fall zu einer Spontanversteifung der Wirbelsäule führen und bedeutet dann einen unerwünschten Wachstumsstopp an der Wirbelsäule mit weitreichenden Folgen für den Patienten. Die neue Operationsmethode von Professorin Anna Hell und ihrem Team soll diesem Problem vorbeugen. Die Wirbelsäule wird bei dem Verfahren nicht berührt und kann deshalb normal wachsen.

Im Universitätsklinikum Göttingen wird Gunnar nun regelmäßig die Länge der Stäbe auf die Länge seiner Wirbelsäule angepasst. Diese Prozedur muss so lange wiederholt werden, bis Gunnar ausgewachsen ist.

"Ich bin sehr glücklich, dass es meinem Sohn schon wieder so gut geht. Er freut sich schon, wie bei ‚Star Wars‘ von außen verlängert zu werden. Diesmal erstmals ohne Narkose", sagt Dr. Christiane Weiland, Mutter von Gunnar.

Die Kinderorthopädie der UMG ist eine von wenigen Schwerpunktkliniken deutschlandweit, die Kinder mit angeborenen oder erworbenen Wirbelsäulenverformungen in großer Anzahl behandelt.
WEITERE INFORMATIONEN:
Universitätsmedizin Göttingen, Georg-August-Universität
Abteilung Orthopädie / Schwerpunkt Kinderorthopädie
Prof. Dr. Anna K. Hell, Telefon 0551 / 39-8701 (10-12 Uhr)
Robert-Koch-Str. 40, 37075 Göttingen
anna.hell@med.uni-goettingen.de

Stefan Weller | Uni Göttingen
Weitere Informationen:
http://www.uni-goettingen.de
http://www.universitaetsmedizin-goettingen.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizintechnik:

nachricht Neue Hoffnung für Leberkrebspatienten
24.03.2017 | Universitätsklinikum Regensburg (UKR)

nachricht Fliegende Intensivstationen: Ultraschallgeräte in Rettungshubschraubern können Leben retten
23.03.2017 | Deutsche Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin (DEGUM)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizintechnik >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Wegweisende Erkenntnisse für die Biomedizin: NAD⁺ hilft bei Reparatur geschädigter Erbinformationen

Eine internationale Forschergruppe mit dem Bayreuther Biochemiker Prof. Dr. Clemens Steegborn präsentiert in 'Science' neue, für die Biomedizin wegweisende Forschungsergebnisse zur Rolle des Moleküls NAD⁺ bei der Korrektur von Schäden am Erbgut.

Die Zellen von Menschen und Tieren können Schäden an der DNA, dem Träger der Erbinformation, bis zu einem gewissen Umfang selbst reparieren. Diese Fähigkeit...

Im Focus: Designer-Proteine falten DNA

Florian Praetorius und Prof. Hendrik Dietz von der Technischen Universität München (TUM) haben eine neue Methode entwickelt, mit deren Hilfe sie definierte Hybrid-Strukturen aus DNA und Proteinen aufbauen können. Die Methode eröffnet Möglichkeiten für die zellbiologische Grundlagenforschung und für die Anwendung in Medizin und Biotechnologie.

Desoxyribonukleinsäure – besser bekannt unter der englischen Abkürzung DNA – ist die Trägerin unserer Erbinformation. Für Prof. Hendrik Dietz und Florian...

Im Focus: Fliegende Intensivstationen: Ultraschallgeräte in Rettungshubschraubern können Leben retten

Etwa 21 Millionen Menschen treffen jährlich in deutschen Notaufnahmen ein. Im Kampf zwischen Leben und Tod zählt für diese Patienten jede Minute. Wenn sie schon kurz nach dem Unfall zielgerichtet behandelt werden können, verbessern sich ihre Überlebenschancen erheblich. Damit Notfallmediziner in solchen Fällen schnell die richtige Diagnose stellen können, kommen in den Rettungshubschraubern der DRF Luftrettung und zunehmend auch in Notarzteinsatzfahrzeugen mobile Ultraschallgeräte zum Einsatz. Experten der Deutschen Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin e.V. (DEGUM) schulen die Notärzte und Rettungsassistenten.

Mit mobilen Ultraschallgeräten können Notärzte beispielsweise innere Blutungen direkt am Unfallort identifizieren und sie bei Bedarf auch für Untersuchungen im...

Im Focus: Gigantische Magnetfelder im Universum

Astronomen aus Bonn und Tautenburg in Thüringen beobachteten mit dem 100-m-Radioteleskop Effelsberg Galaxienhaufen, das sind Ansammlungen von Sternsystemen, heißem Gas und geladenen Teilchen. An den Rändern dieser Galaxienhaufen fanden sie außergewöhnlich geordnete Magnetfelder, die sich über viele Millionen Lichtjahre erstrecken. Sie stellen die größten bekannten Magnetfelder im Universum dar.

Die Ergebnisse werden am 22. März in der Fachzeitschrift „Astronomy & Astrophysics“ veröffentlicht.

Galaxienhaufen sind die größten gravitativ gebundenen Strukturen im Universum, mit einer Ausdehnung von etwa zehn Millionen Lichtjahren. Im Vergleich dazu ist...

Im Focus: Giant Magnetic Fields in the Universe

Astronomers from Bonn and Tautenburg in Thuringia (Germany) used the 100-m radio telescope at Effelsberg to observe several galaxy clusters. At the edges of these large accumulations of dark matter, stellar systems (galaxies), hot gas, and charged particles, they found magnetic fields that are exceptionally ordered over distances of many million light years. This makes them the most extended magnetic fields in the universe known so far.

The results will be published on March 22 in the journal „Astronomy & Astrophysics“.

Galaxy clusters are the largest gravitationally bound structures in the universe. With a typical extent of about 10 million light years, i.e. 100 times the...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungen

Lebenswichtige Lebensmittelchemie

23.03.2017 | Veranstaltungen

Die „Panama Papers“ aus Programmierersicht

22.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Förderung des Instituts für Lasertechnik und Messtechnik in Ulm mit rund 1,63 Millionen Euro

24.03.2017 | Förderungen Preise

TU-Bauingenieure koordinieren EU-Projekt zu Recycling-Beton von über sieben Millionen Euro

24.03.2017 | Förderungen Preise