Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Homburger Mediziner entwickeln mit Partnern weltweit erstes Funkimplantat zur Langzeitmessung des Hirndrucks

14.10.2010
Etwa 60000 Menschen in Deutschland leiden am Hydrocephalus, im Volksmund auch als Wasserkopf bekannt. Die Krankheit entsteht, wenn mehr Hirnflüssigkeit gebildet wird, als abfließen kann. Dies führt zu einem höheren Hirndruck.

Wird dieser zu hoch, leiden die Betroffenen zum Beispiel unter Kopfschmerzen, Gangstörungen, Inkontinenz und Demenz. Neurochirurgen der Saar-Uni aus der Forschungsgruppe „Hydrocephalus und Hirndruck“ unter Professor Dr. Wolf-Ingo Steudel haben nun gemeinsam mit Wissenschaftlern der RWTH Aachen und dem Industriepartner Raumedic weltweit erstmalig ein Implantat entwickelt, mit welchem der Hirndruck von außen über einen längeren Zeitraum abgelesen werden kann.

Ein paar Zentimeter in 30 Jahren sind nicht viel. Doch für Wolf-Ingo Steudel sind sie ein Lebenswerk. So klein ist das Implantat zur telemetrischen Hirndruckmessung, das Ingenieure, Industriepartner und Mediziner nun gemeinsam entwickelt haben. Der Ärztliche Direktor und Vorstandsvorsitzende des Homburger Uniklinikums sucht seit Beginn der Achtzigerjahre nach einer Möglichkeit, Patienten mit erhöhtem Hirndruck einen regelrechten Operationsmarathon zu ersparen. „Es gibt Patienten mit Hydrocephalus, die werden im Leben 10-, 15- oder gar 20-mal operiert“, erklärt Steudel, der vor seinem Amtsantritt als Direktor des Uniklinikums Leiter der Klinik für Neurochirurgie in Homburg war.

Hydrocephalus-Patienten wird meist ein so genanntes Shuntsystem implantiert. Das ist ein dünner Schlauch, über den die überschüssige Hirnflüssigkeit in die Bauchhöhle oder das Herz abgeleitet wird. So wird der Druck reduziert.

Reguliert wird die Menge der abzuleitenden Flüssigkeit über ein kleines Ventil. Funktioniert dieses System jedoch nicht richtig, können die Patienten unter Symptomen für erhöhten Hirndruck leiden. „Man weiß dann oft nicht, was los ist“, beschreibt Neurochirurg Wolf-Ingo Steudel das Problem. Denn eine sichere Analyse des Hirndruckes ist in solchen Fällen bisher nur durch eine erneute Operation möglich. Die Mediziner müssen also oft rein auf Verdacht den Schädel öffnen.

Den Forschern im „iShunt“-Projekt ist es nun weltweit zum ersten Mal gelungen, eine Telemetriesonde zu entwickeln, die den Hirndruck über einen langen Zeitraum verlässlich messen und nach außen übermitteln kann. Der Sensor zur Druckmessung und die Antenne zur Datenübertragung befinden sich in einem Implantat unter der Haut. Über ungefährliche Funkwellen kann der Hirndruck dann durch die Haut über ein Lesegerät erfasst werden. „Stellt ein Arzt fest, dass der Druck tatsächlich zu hoch oder zu niedrig ist, kann er ohne erneute Operation das Ventil am Shuntsystem weiter öffnen oder schließen“, erklärt Steudel die Neuheit.

Das System ist seit vergangenen November auf dem Markt und befindet sich gerade in der Anwendungsphase. Zwei Patienten wurde seit März in Homburg das neue Implantat eingesetzt. „Es hat alles sehr gut funktioniert. Die Implantationen sind komplikationslos verlaufen, und die Hirndruckmessung hat ausgezeichnet funktioniert“, zieht Dr. Melanie Schmitt Bilanz. Sie ist eine von insgesamt vier Medizinern, die unter der Leitung von Wolf-Ingo Steudel in Homburg am iShunt mitarbeiten. Weiter arbeiten PD Dr. Michael Kiefer, Dr. Regina Eymann und Dr. Sebastian Antes an dem Projekt mit.

Vorerst ist die Telemetriesonde für eine Anwendungsdauer von 29 Tagen zugelassen. Das ist vom Gesetzgeber so vorgeschrieben. Um eine Zulassung für eine zeitlich unbegrenzte Dauer macht sich Neurochirurg Steudel jedoch keine Sorgen. Denn das System funktioniert auch über Jahre fehlerfrei und zuverlässig, wie Tests im Vorfeld ergeben haben. Mit dem Ende der Anwenderstudie im März 2011 wollen die Mediziner die zeitlich unbegrenzte Zulassung für Sender und Sonde beantragen.

Die Krönung seines Lebenswerkes ist für Wolf-Ingo ein Shuntsystem, das vollständig autonom den Hirndruck reguliert. In fünf Jahren könnte es soweit sein. Das wird nicht nur für die Patienten eine Erleichterung sein. „Das Schlimmste für einen Chirurgen ist es, wenn er Patienten immer wieder und immer wieder operieren muss“, erklärt Steudel. Die vielen Operationen werden dann auch dank seiner Arbeit längst passé sein.

Das Projekt "iShunt" wird vom Bundesforschungsministerium gefördert.

Weitere Informationen:

Professor Dr. Wolf-Ingo Steudel
Tel.: (06841) 1624013
E-Mail: aed.sekretariat(at)uks.eu

Thorsten Mohr | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-saarland.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizintechnik:

nachricht Herzforschung - Neue Katheterklappe in Tübingen entwickelt
16.01.2017 | Universitätsklinikum Tübingen

nachricht Fernüberwachung bei Herzschwäche kann Klinikaufenthalt ersparen
09.01.2017 | Universitäts-Herzzentrum Freiburg - Bad Krozingen

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizintechnik >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Innovatives Hochleistungsmaterial: Biofasern aus Florfliegenseide

Neuartige Biofasern aus einem Seidenprotein der Florfliege werden am Fraunhofer-Institut für Angewandte Polymerforschung IAP gemeinsam mit der Firma AMSilk GmbH entwickelt. Die Forscher arbeiten daran, das Protein in großen Mengen biotechnologisch herzustellen. Als hochgradig biegesteife Faser soll das Material künftig zum Beispiel in Leichtbaukunststoffen für die Verkehrstechnik eingesetzt werden. Im Bereich Medizintechnik sind beispielsweise biokompatible Seidenbeschichtungen von Implantaten denkbar. Ein erstes Materialmuster präsentiert das Fraunhofer IAP auf der Internationalen Grünen Woche in Berlin vom 20.1. bis 29.1.2017 in Halle 4.2 am Stand 212.

Zum Schutz des Nachwuchses vor bodennahen Fressfeinden lagern Florfliegen ihre Eier auf der Unterseite von Blättern ab – auf der Spitze von stabilen seidenen...

Im Focus: Verkehrsstau im Nichts

Konstanzer Physiker verbuchen neue Erfolge bei der Vermessung des Quanten-Vakuums

An der Universität Konstanz ist ein weiterer bedeutender Schritt hin zu einem völlig neuen experimentellen Zugang zur Quantenphysik gelungen. Das Team um Prof....

Im Focus: Traffic jam in empty space

New success for Konstanz physicists in studying the quantum vacuum

An important step towards a completely new experimental access to quantum physics has been made at University of Konstanz. The team of scientists headed by...

Im Focus: Textiler Hochwasserschutz erhöht Sicherheit

Wissenschaftler der TU Chemnitz präsentieren im Februar und März 2017 ein neues temporäres System zum Schutz gegen Hochwasser auf Baumessen in Chemnitz und Dresden

Auch die jüngsten Hochwasserereignisse zeigen, dass vielerorts das natürliche Rückhaltepotential von Uferbereichen schnell erschöpft ist und angrenzende...

Im Focus: Wie Darmbakterien krank machen

HZI-Forscher entschlüsseln Infektionsmechanismen von Yersinien und Immunantworten des Wirts

Yersinien verursachen schwere Darminfektionen. Um ihre Infektionsmechanismen besser zu verstehen, werden Studien mit dem Modellorganismus Yersinia...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Mittelstand 4.0 – Mehrwerte durch Digitalisierung: Hintergründe, Beispiele, Lösungen

20.01.2017 | Veranstaltungen

Nachhaltige Wassernutzung in der Landwirtschaft Osteuropas und Zentralasiens

19.01.2017 | Veranstaltungen

Künftige Rohstoffexperten aus aller Welt in Freiberg zur Winterschule

18.01.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

21.500 Euro für eine grüne Zukunft – Unserer Umwelt zuliebe

20.01.2017 | Unternehmensmeldung

innovations-report im Interview mit Rolf-Dieter Lafrenz, Gründer und Geschäftsführer der Hamburger Start ups Cargonexx

20.01.2017 | Unternehmensmeldung

Niederlande: Intelligente Lösungen für Bahn und Stahlindustrie werden gefördert

20.01.2017 | Förderungen Preise