Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Hirnschrittmacher soll Depression dauerhaft bekämpfen

31.01.2011
Fast zehn Prozent aller Depressionen verlaufen so schwer, dass die Patienten auf keine gängige Behandlungsmethode ansprechen. Hoffnung macht in jüngster Zeit die gezielte Stimulation von Bereichen im Gehirn mit einer Art "Hirnschrittmacher"

Mediziner der Universität Bonn haben nun zusammen mit US-Kollegen eine neue Zielstruktur für die tiefe Hirnstimulation (so der Fachterminus) vorgestellt. Sie hoffen auf eine noch bessere Erfolgsquote bei geringeren Nebenwirkungen. Die Arbeit ist in den renommierten "Neuroscience and Biobehavioral Reviews" erschienen (doi: 10.1016/j.neurobiorev.2010.12.009).

Bei der tiefen Hirnstimulation implantieren Mediziner Elektroden ins Gehirn. Mit einem elektrischen Schrittmacher, den die Betroffenen unter das Schlüsselbein eingesetzt bekommen, können die Ärzte so dauerhaft die Funktion bestimmter Hirngebiete beeinflussen. Ursprünglich wurde die Methode zur Behandlung von Parkinsonkranken entwickelt, um die typischen Bewegungsstörungen zu mildern.

Dauerhafte Besserung

Seit einigen Jahren wird die Methode auch bei der Behandlung schwerster Depressionen erforscht. Mit erstaunlichem und völlig unerwartetem Erfolg: Bei Patienten, die einen jahrelangen erfolglosen Behandlungsmarathon hinter sich hatten, bildeten sich die Symptome mitunter deutlich zurück. Das erstaunlichste dabei: "Die Depression kommt bei den Patienten, die auf die Stimulation angesprochen haben, nicht wieder", betont Professor Dr. Thomas Schläpfer von der Bonner Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie. "Die Methode scheint dauerhaft zu wirken - und das bei der therapieresistentesten Patientengruppe, die in der Literatur beschrieben wurde. Das hat es bislang noch nicht gegeben."

Die tiefe Hirnstimulation wurde bislang bei drei verschiedenen Hirnregionen erprobt: dem Nucleus accumbens, der Capsula interna und einer Struktur namens cg25. Erstaunlicherweise sind die Effekte nahezu identisch - unabhängig davon, welches dieser Zentren die Ärzte reizen. Die Bonner Forscher konnten inzwischen zusammen mit Kollegen aus Baltimore und Washington aufklären, warum das so ist: Mit Hilfe einer neuartigen Tomographie-Methode konnten sie die "Verkabelung" der drei Hirnzentren sichtbar machen. "Dabei haben wir festgestellt, dass zumindest zwei dieser drei Gebiete - wahrscheinlich sogar alle drei - an ein und demselben Kabelstrang hängen", erklärt der Bonner Hirnschirurg Professor Dr. Volker Coenen.

Die Rede ist vom so genannten Medialen Vorderhirnbündel, einer Struktur, die bei Tieren schon lange bekannt ist. Das Vorderhirnbündel bildet eine Art Rückkopplungsschleife, die uns positive Erfahrungen antizipieren lässt. "Dieser Schaltkreis motiviert uns dazu, in Aktion zu treten", sagt Coenen. "Bei Depressiven ist er augenscheinlich gestört. Die Folge ist unter anderem eine extreme Antriebsarmut - ein charakteristisches Symptom der Krankheit."

Nucleus accumbens, Capsula interna und cg25 scheinen alle mit dem medialen Vorderhirnbündel verbunden zu sein - etwa so wie Blätter mit dem Ast, dem sie entspringen. Wer eine dieser Hirnregionen reizt, beeinflusst gleichzeitig in einem gewissen Maß auch die anderen Komponenten des Motivations-Schaltkreises. Coenen, der das Vorderhirnbündel als erster beim Menschen anatomisch beschrieben hat, schlägt nun vor, die Elektrode für die tiefe Hirnstimulation direkt in diese Struktur zu implantieren. "Wir würden damit die Strompulse an die Basis des Netzwerkes senden und nicht wie bisher an die Peripherie", erläutert Schläpfer. "So könnten wir möglichweise mit geringeren Stromstärken arbeiten und dennoch größere Erfolge erzielen."

Vergleichsweise risikoarmer Eingriff

Beobachtungen an Parkinson-Kranken scheinen diese Idee zu stützen: Dort reizt man ein Netzwerk von Hirnstrukturen, die für Bewegungen zuständig sind. Je grundständiger (bildlich gesprochen: je näher am Ast) die elektrischen Reize gesetzt werden, desto größer ist ihr Effekt. Gleichzeitig verringert sich die Gefahr unerwünschter Nebenwirkungen.

Weltweit tragen inzwischen über 80.000 Parkinson-Patienten einen Hirnschrittmacher in ihrem Körper. "Die bisherigen Erfahrungen zeigen, dass der dazu erforderliche Eingriff am Gehirn relativ risikoarm ist", betont Professor Coenen. "Es spricht also aus ärztlicher Sicht nichts dagegen, mit dieser Methode auch Menschen mit schwersten Depressionen zu helfen."

Kontakt:
Professor Dr. Arnd Coenen
Klinik und Poliklinik für Neurochirurgie, Universität Bonn
Telefon: 0228/287-16503
E-Mail: volker.coenen@ukb.uni-bonn.de
Professor Dr. Thomas Schläpfer
Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Bonn
Telefon: 0228/287-15715
E-Mail: schlaepf@jhmi.edu

Frank Luerweg | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-bonn.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizintechnik:

nachricht Neues DaVinci-OP-System: Universitätsmedizin Mainz erweitert Spektrum an robotergestützten OP´s
03.02.2017 | Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz

nachricht Deutschlandweit erste Installation: Kompakter Roboter assistiert bei MRT-geführter Prostatabiopsie
02.02.2017 | Universitätsklinikum Leipzig AöR

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizintechnik >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Zinn in der Photodiode: nächster Schritt zur optischen On-Chip-Datenübertragung

Schon lange suchen Wissenschaftler nach einer geeigneten Lösung, um optische Komponenten auf einem Computerchip zu integrieren. Doch Silizium und Germanium allein – die stoffliche Basis der Chip-Produktion – sind als Lichtquelle kaum geeignet. Jülicher Physiker haben nun gemeinsam mit internationalen Partnern eine Diode vorgestellt, die neben Silizium und Germanium zusätzlich Zinn enthält, um die optischen Eigenschaften zu verbessern. Das Besondere daran: Da alle Elemente der vierten Hauptgruppe angehören, sind sie mit der bestehenden Silizium-Technologie voll kompatibel.

Schon lange suchen Wissenschaftler nach einer geeigneten Lösung, um optische Komponenten auf einem Computerchip zu integrieren. Doch Silizium und Germanium...

Im Focus: Innovative Antikörper für die Tumortherapie

Immuntherapie mit Antikörpern stellt heute für viele Krebspatienten einen Erfolg versprechenden Ansatz dar. Weil aber längst nicht alle Patienten nachhaltig von diesen teuren Medikamenten profitieren, wird intensiv an deren Verbesserung gearbeitet. Forschern um Prof. Thomas Valerius an der Christian Albrechts Universität Kiel gelang es nun, innovative Antikörper mit verbesserter Wirkung zu entwickeln.

Immuntherapie mit Antikörpern stellt heute für viele Krebspatienten einen Erfolg versprechenden Ansatz dar. Weil aber längst nicht alle Patienten nachhaltig...

Im Focus: Durchbruch mit einer Kette aus Goldatomen

Einem internationalen Physikerteam mit Konstanzer Beteiligung gelang im Bereich der Nanophysik ein entscheidender Durchbruch zum besseren Verständnis des Wärmetransportes

Einem internationalen Physikerteam mit Konstanzer Beteiligung gelang im Bereich der Nanophysik ein entscheidender Durchbruch zum besseren Verständnis des...

Im Focus: Breakthrough with a chain of gold atoms

In the field of nanoscience, an international team of physicists with participants from Konstanz has achieved a breakthrough in understanding heat transport

In the field of nanoscience, an international team of physicists with participants from Konstanz has achieved a breakthrough in understanding heat transport

Im Focus: Hoch wirksamer Malaria-Impfstoff erfolgreich getestet

Tübinger Wissenschaftler erreichen Impfschutz von bis zu 100 Prozent – Lebendimpfstoff unter kontrollierten Bedingungen eingesetzt

Tübinger Wissenschaftler erreichen Impfschutz von bis zu 100 Prozent – Lebendimpfstoff unter kontrollierten Bedingungen eingesetzt

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Der Lkw der Zukunft kommt ohne Fahrer aus

21.02.2017 | Veranstaltungen

Physikerinnen und Physiker diskutieren in Bremen über aktuelle Grenzen der Physik

21.02.2017 | Veranstaltungen

Kniffe mit Wirkung in der Biotechnik

21.02.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Der Lkw der Zukunft kommt ohne Fahrer aus

21.02.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Zur Sprache gebracht: Und das intelligente Haus „hört zu“

21.02.2017 | Messenachrichten

Wie Proteine zueinander finden

21.02.2017 | Biowissenschaften Chemie