Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Herzklappenimplantation mit höchster Präzision

30.03.2012
Bergmannsheil setzt erstmals Transkatheter der zweiten Generation ein

Erstmalig im Ruhrgebiet hat die Klinik für Herz- und Thoraxchirurgie des Berufsgenossenschaftlichen Universitätsklinikums Bergmannsheil ein neues Katheterverfahren zur Implantation einer Herzklappe durchgeführt.


Prof. Strauch demonstriert das Kathetersystem mit einer entfalteten Herzklappe. D. Wagner / Bergmannsheil

Das Behandlungsteam um Klinikdirektor Prof. Dr. Justus T. Strauch setzte zwei Patienten eine künstliche Aortenklappe mittels eines sogenannten Transkathetersystems der zweiten Generation ein: Die zusammengefaltete Herzklappe wird hierbei durch die Herzspitze eingeführt und an der Stelle der erkrankten Klappe schrittweise entfaltet. Gegenüber früheren Verfahren erlaubt es die neue Methode, die Positionierung der Herzklappe während des Eingriffs im Bedarfsfall zu korrigieren. Mögliche Komplikationen können auf diese Weise verringert werden.

Schritt für Schritt freigesetzt

„Mit dem neuen Verfahren wird die Herzklappe nicht mehr auf einen Schlag, sondern Schritt für Schritt freigesetzt“, erläutert Prof. Strauch. „Der Operateur kann dabei ihre Position solange nachjustieren, bis sie korrekt in der alten Herzklappe verankert ist und sie erst dann komplett entfalten.“ Das Grundprinzip der sogenannten transapikalen Aortenklappenimplantation bleibt jedoch gleich: Die neue Herzklappe, die aus einem Gittergerüst und den Klappensegeln aus Biomaterial besteht, sitzt zunächst zusammengefaltet auf der Spitze des Katheters. Mit einem kleinen Schnitt unterhalb der linken Brust des Patienten wird ein Zugang eröffnet. Hier wird der Katheter eingeführt und durch die Herzspitze (also: transapikal) bis zur alten Aortenklappe zwischen linker Herzkammer und Aorta vorgeschoben. Der Eingriff wird unter ständiger Ultraschall- und Röntgenkontrolle durchgeführt, sodass der Operateur die Platzierung der neuen Herzklappe am Bildschirm kontrollieren kann. Befindet sich das Kathetersystem exakt an der richtigen Stelle, löst der Operateur die Entfaltung der Klappe aus. Beim Transkatheter der zweiten Generation erfolgt dies statt in einem in drei Schritten. Mit der neuen Klappe wird die alte, erkrankte Klappe aufgedehnt: Der ungehinderte Blutfluss wird auf diese Weise wieder hergestellt.
Eingriff ohne Herz-Lungenmaschine

Am 8. März dieses Jahres haben Prof. Strauch und sein Team zwei Patienten erfolgreich mit dem neuen Verfahren behandelt, einen 81-jährigen und einen 83-jährigen Mann. Seine Klinik ist damit die erste im gesamten Ruhrgebiet und eine von nur sechs Kliniken in Deutschland, die diese Methode anwendet. Generell böte die transapikale Herzklappenimplantation gerade für ältere Patienten erhebliche Vorteile, so Prof. Strauch: „Eine Öffnung des Brustkorbs per Sternotomie ist hier nicht erforderlich, außerdem führen wir den Eingriff am schlagenden Herzen durch: Deshalb können wir darauf verzichten, das Herz des Patienten während des Eingriffs stillzulegen und ihn an die Herz-Lungenmaschine anzuschließen.“ Denn diese konventionellen Maßnahmen seien vor allem für ältere Patienten mit instabilem Allgemeinzustand und begleitenden Erkrankungen besonders belastend und oft zu risikoreich.
Neues Verfahren verringert Komplikationsrisiken

Durch das neue Transkatheterverfahren der zweiten Generation würde außerdem das Komplikationsrisiko noch einmal verringert, das sich durch eine inkorrekte Positionierung der Herzklappe ergeben könnte. Laut Prof. Strauch ist das beim herkömmlichen Transkatheterverfahren bei etwa zehn Prozent der Eingriffe der Fall. Mit dem Transkatheter der zweiten Generation könne diese Komplikationsrate auf etwa vier Prozent gesenkt werden. „Außerdem kann der Operateur mit mehr Ruhe und bei normalem hämodynamischen Druck arbeiten: Blutdruckstabilisierende Medikamente sind also bei der neuen Methode nicht erforderlich“, so Prof. Strauch. Für jüngere Patienten ohne besonderes Behandlungsrisiko sei allerdings der klassische chirurgische Aortenklappenersatz ohne Kathetereinsatz nach wie vor der therapeutische Goldstandard. „Die Klappentypen sind hierbei in der Regel deutlich langlebiger“, weiß der Herzchirurg. Für ältere Hochrisikopatienten sei das Katheterverfahren dagegen eine mittlerweile erfolgreiche etablierte und wissenschaftlich gestützte Behandlungsoption – sowohl mit dem Transkatheter der ersten wie der zweiten Generation.
Aortenklappenstenose: Häufigster Herzklappenfehler

Verengungen der Aortenklappe (sogenannte Aortenklappenstenose) gelten als die häufigsten Herzklappenfehler beim Menschen. Schätzungsweise zehn Prozent der über 75-Jährigen leiden daran. Hervorgerufen wird die Aortenklappenstenose im Allgemeinen durch Entzündungen oder Kalkablagerungen an der Klappenöffnung. Verringert sich die Öffnung der Klappe, so ist an dieser Stelle ein höherer Druck erforderlich, um die gleiche Menge Blut durch die Aortenklappe in die Brustschlagader zu pumpen. Die Folge sind eine stärkere Beanspruchung und Verdickung des Herzmuskels und eine Verringerung der Blut- und Sauerstoffversorgung im Herzen sowie im ganzen Körper. Bemerkbar macht sich die Erkrankung anfänglich durch Atemnot oder ein Engegefühl in der Brust. Im fortgeschrittenen Stadium kann es zur zeitweisen Bewusstlosigkeit und zur Ausbildung einer Herzinsuffizienz kommen. Bei einer schwergradigen Symptomatik muss die erkrankte Herzklappe in der Regel operativ ersetzt werden. Dies kann konventionell über eine Öffnung des Brustkorbs erfolgen oder mit den erwähnten minimalinvasiven, interventionellen Katheterverfahren.
Transapikal und transfemoral

Die kathetergestützte Aortenklappenimplantation (TAVI = Transcatheter Aortic Valve Intervention) kann auf zwei Wegen durchgeführt werden: Mittels eines kleinen Schnittes unterhalb der linken Brust und über die Herzspitze (transapikale Aortenklappenimplantation) oder über einen kleinen Zugang in den Leistengefäßen des Patienten (transfemorale Aortenklappenimplantation). Am Universitätsklinikum Bergmannsheil werden beide Verfahren von der Klinik für Herz- und Thoraxchirurgie sowie von der Klinik für Kardiologie und Angiologie (Direktor: Prof. Dr. Andreas Mügge) praktiziert.

Über das Bergmannsheil

Das Berufsgenossenschaftliche Universitätsklinikum Bergmannsheil repräsentiert den Strukturwandel im Ruhrgebiet wie kein anderes Krankenhaus: 1890 als erste Unfallklinik der Welt zur Versorgung von verunglückten Bergleuten gegründet, zählt es heute zu den modernsten und leistungsfähigsten Akutkliniken der Maximalversorgung und gehört zum Universitätsklinikum der Ruhr-Universität Bochum (UK RUB). In 22 Kliniken und Fachabteilungen mit insgesamt 622 Betten werden jährlich rund 19.000 Patienten stationär und ca. 60.000 ambulant behandelt. Mehr als die Hälfte der Patienten kommen aus dem überregionalen Einzugsbereich. Weitere Informationen im Internet unter: www.bergmannsheil.de.

Weitere Informationen:

Prof. Dr. Justus T. Strauch
Direktor der Klinik für Herz- und Thoraxchirurgie
Berufsgenossenschaftliches Universitätsklinikum Bergmannsheil GmbH
Bürkle-de-la-Camp-Platz 1
44789 Bochum
Tel.: 0234/302-6000 (Sekretariat)
E-Mail: justus.strauch@bergmannsheil.de

Pressekontakt:

Robin Jopp
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Wi-Med Bergmannsheil GmbH
c/o Berufsgenossenschaftliches Universitätsklinikum Bergmannsheil GmbH
Bürkle-de-la-Camp-Platz 1
44789 Bochum
Tel.: 0234/302-6125
E-Mail: robin.jopp@bergmannsheil.de

Robin Jopp | idw
Weitere Informationen:
http://www.bergmannsheil.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizintechnik:

nachricht Herzforschung - Neue Katheterklappe in Tübingen entwickelt
16.01.2017 | Universitätsklinikum Tübingen

nachricht Fernüberwachung bei Herzschwäche kann Klinikaufenthalt ersparen
09.01.2017 | Universitäts-Herzzentrum Freiburg - Bad Krozingen

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizintechnik >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Forscher spinnen künstliche Seide aus Kuhmolke

Ein schwedisch-deutsches Forscherteam hat bei DESY einen zentralen Prozess für die künstliche Produktion von Seide entschlüsselt. Mit Hilfe von intensivem Röntgenlicht konnten die Wissenschaftler beobachten, wie sich kleine Proteinstückchen – sogenannte Fibrillen – zu einem Faden verhaken. Dabei zeigte sich, dass die längsten Proteinfibrillen überraschenderweise als Ausgangsmaterial schlechter geeignet sind als Proteinfibrillen minderer Qualität. Das Team um Dr. Christofer Lendel und Dr. Fredrik Lundell von der Königlich-Technischen Hochschule (KTH) Stockholm stellt seine Ergebnisse in den „Proceedings“ der US-Akademie der Wissenschaften vor.

Seide ist ein begehrtes Material mit vielen erstaunlichen Eigenschaften: Sie ist ultraleicht, belastbarer als manches Metall und kann extrem elastisch sein....

Im Focus: Erstmalig quantenoptischer Sensor im Weltraum getestet – mit einem Lasersystem aus Berlin

An Bord einer Höhenforschungsrakete wurde erstmals im Weltraum eine Wolke ultrakalter Atome erzeugt. Damit gelang der MAIUS-Mission der Nachweis, dass quantenoptische Sensoren auch in rauen Umgebungen wie dem Weltraum eingesetzt werden können – eine Voraussetzung, um fundamentale Fragen der Wissenschaft beantworten zu können und ein Innovationstreiber für alltägliche Anwendungen.

Gemäß dem Einstein’schen Äquivalenzprinzip werden alle Körper, unabhängig von ihren sonstigen Eigenschaften, gleich stark durch die Gravitationskraft...

Im Focus: Quantum optical sensor for the first time tested in space – with a laser system from Berlin

For the first time ever, a cloud of ultra-cold atoms has been successfully created in space on board of a sounding rocket. The MAIUS mission demonstrates that quantum optical sensors can be operated even in harsh environments like space – a prerequi-site for finding answers to the most challenging questions of fundamental physics and an important innovation driver for everyday applications.

According to Albert Einstein's Equivalence Principle, all bodies are accelerated at the same rate by the Earth's gravity, regardless of their properties. This...

Im Focus: Mikrobe des Jahres 2017: Halobacterium salinarum - einzellige Urform des Sehens

Am 24. Januar 1917 stach Heinrich Klebahn mit einer Nadel in den verfärbten Belag eines gesalzenen Seefischs, übertrug ihn auf festen Nährboden – und entdeckte einige Wochen später rote Kolonien eines "Salzbakteriums". Heute heißt es Halobacterium salinarum und ist genau 100 Jahre später Mikrobe des Jahres 2017, gekürt von der Vereinigung für Allgemeine und Angewandte Mikrobiologie (VAAM). Halobacterium salinarum zählt zu den Archaeen, dem Reich von Mikroben, die zwar Bakterien ähneln, aber tatsächlich enger verwandt mit Pflanzen und Tieren sind.

Rot und salzig
Archaeen sind häufig an außergewöhnliche Lebensräume angepasst, beispielsweise heiße Quellen, extrem saure Gewässer oder – wie H. salinarum – an...

Im Focus: Innovatives Hochleistungsmaterial: Biofasern aus Florfliegenseide

Neuartige Biofasern aus einem Seidenprotein der Florfliege werden am Fraunhofer-Institut für Angewandte Polymerforschung IAP gemeinsam mit der Firma AMSilk GmbH entwickelt. Die Forscher arbeiten daran, das Protein in großen Mengen biotechnologisch herzustellen. Als hochgradig biegesteife Faser soll das Material künftig zum Beispiel in Leichtbaukunststoffen für die Verkehrstechnik eingesetzt werden. Im Bereich Medizintechnik sind beispielsweise biokompatible Seidenbeschichtungen von Implantaten denkbar. Ein erstes Materialmuster präsentiert das Fraunhofer IAP auf der Internationalen Grünen Woche in Berlin vom 20.1. bis 29.1.2017 in Halle 4.2 am Stand 212.

Zum Schutz des Nachwuchses vor bodennahen Fressfeinden lagern Florfliegen ihre Eier auf der Unterseite von Blättern ab – auf der Spitze von stabilen seidenen...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Gehirn und Immunsystem beim Schlaganfall – Neueste Erkenntnisse zur Interaktion zweier Supersysteme

24.01.2017 | Veranstaltungen

Hybride Eisschutzsysteme – Lösungen für eine sichere und nachhaltige Luftfahrt

23.01.2017 | Veranstaltungen

Mittelstand 4.0 – Mehrwerte durch Digitalisierung: Hintergründe, Beispiele, Lösungen

20.01.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Mikro-U-Boote für den Magen

24.01.2017 | Biowissenschaften Chemie

Echoortung - Lernen, den Raum zu hören

24.01.2017 | Biowissenschaften Chemie

RWI/ISL-Containerumschlag-Index beendet das Jahr 2016 mit Rekordwert

24.01.2017 | Wirtschaft Finanzen