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Erster Biofit-Partnering-Kongress 2010 in Lille

01.12.2010
Grenzüberschreitende Kooperationen auf dem Gebiet der Biotechnologie – Auch in Frankreich gibt es Kompetenz-Netzwerke

Am 26. und 27.10.2010 wurde mit Biofit im nordfranzösischen Großraum Lille-Pas de Calais eine neue Biotech-Partnering-Veranstaltung mit internationalem Flair aus der Taufe gehoben. Die in einjährigem Turnus abzuhaltende Biofit soll neuer Treffpunkt für Hochschulwissenschaftler, R&D-Manager der Privatindustrie, Start-up-Unternehmer, Finanz-Investoren sowie große Phamaunternehmen wie Sanofi-Pasteur werden.

Technologie-Transfers standen an beiden Tagen im Mittelpunkt.
Zunehmend verbessert die EU als politische Einheit die früher eher trüben Aussichten für Europas Grenzregionen. Anstatt hinderlicher Landesgrenzen werden seit 2005 zunehmend komplexe Sozialstrukturen wie Arbeits- oder Wohnort im Ausland, grenzüberschreitender Öffentlicher Personen-Nahverkehr (ÖPNV) etc. als spezifische Probleme der Einwohner diesseits und jenseits der Grenzlinien wahrgenommen. Benachbarte Grenz-Regionen wie Lille-Wallonien, Longwy/Lothringen und Luxembourg, die deutsch-französische Region Straßburg-Kehl oder das schweizerische Basel mit seinen Pharmaunternehmen und Abertausenden von Pendlern aus Südbaden und dem Elsass zählen zu den Euroregionen, die gemäß einer European Governance (Europäische Gouvernanz) verwaltet werden sollen. Erste Schritte auf diesem neuen europäischen Weg wurden in der nordfranzösischen Metropole Lille, kaum eine Stunde Zugfahrt von London oder Brüssel entfernt, sichtbar.
Euralille und Eurasanté
Lilles supermoderner, aus dem Boden gestampfter Stadtteil Euralille mit seinen futuristisch anmutenden Hochhaus-Fassaden beeindruckt. Er beherbergt die Verwaltung Dutzender junger Biotech-Unternehmen aus dem In- und Ausland. Nagelneue Produktionsstätten wurden im benachbarten Healthcare-Park Eurasanté (Europa und Santé = Gesundheit) errichtet. Rund 700 Biotech-Unternehmen mit über 22000 Mitarbeitern sind in der Region Nord-Pas de Calais angesiedelt. Wer eine Produktionsstätte im Eurasanté-Park anstrebt, kann sich unmittelbar mit Etienne Vervaecke, CEO von Eurasanté, in Verbindung setzen. Der französische Staat fördert die Ansiedlung neuer Life-Science-Firmen. Bayer Schering, GSK Biologicals und Astra Zeneca haben hier in den letzten Dekaden bedeutende Forschungs- und Produktionsstandorte errichtet. Hier forscht und entwickelt seit 2008 auch der traditionsreiche, global agierende englische Nahrungsmittelhersteller Tate & Lyle AG hochwertige Ernährungsprodukte, Futtermittel sowie Nahrungszusatzstoffe. Tate & Lyle ist Teil des hier angesiedelten Kompetenznetzes Ernährung, Gesundheit und Altersforschung. Dieser Cluster umfasst inzwischen Investitionen von 250 Mio. Euro.
Auf der Biofit-Partnering-Veranstaltung wurde Biotech-Unternehmen die Möglichkeit geboten, ihr Portfolio von Forschungs- und Entwicklungsallianzen durch gezielte Vorstellung interessanter Projekte und zukunftsträchtiger Innovationen aus universitärer und privater Forschung zu erweitern und zu vertiefen. Weiter soll Biofit die Umsetzung von wissenschaftlicher Forschung in Patente, Herstellungslizenzen sowie Firmen-Neugründungen beschleunigen. Neues Wissen soll schneller entwickelt und auf eine kommerziell nutzbare Basis gestellt werden. Rund 1500 Biofit-Meetings plante das Management um Prof. Vervaecke, incl. Einzelgesprächen zwischen universitären Forschern, Start-up-Firmenchefs, Finanzexperten und Vertretern großer Pharma-Unternehmen. Sogar der Vertreter eines Instituts für Licencing war anwesend und beriet einige Firmenchefs. Auf speziellen Konferenzen wurden neue Möglichkeiten von Technologie-Transfers sowie Lizenzvergaben ausgelotet. Vertreten waren zahlreiche Unis und Forschungsinstitute, von Boston über London und Genf bis zum belgischen Gent. Aus Deutschland erläuterten Vertreter von Max-Planck-Innovation, der Technologie-Transferstelle der MPG, die Vorgehensweise bei Lizenzerteilungen ihrer GmbH, die die Erfindungen der MPG-Wissenschaftler vermarktet. Von der Bio.Europe-Partnering-Messe in München wurde berichtet, in 2009 stammten nur 20 % der neu zugelassenen Medikamente aus den Forschungslabors der Pharmaunternehmen, 80 % wurden „zugekauft“. Diese Fakten unterstreichen, wie wichtig inzwischen für den Erfolg auf dem Pharmamarkt das Partnering geworden ist.

Forschungsaktivitäten kleinerer Biotech-Unternehmen
Zahlreiche in der Bio-Region Nord-Pas de Calais angesiedelte innovative Biotech-Firmen stellten sich vor. Innobiochips, ein Start-up aus dem Jahr 2008, gründeten zwei Mitarbeiter des Instituts für Biologie der Uni Lille, ein Peptid-Chemiker und ein Biologe gemeinsam mit einem Wissenschaftler des CNRS (dem staatlich gelenkten Centre National de la Recherche Scientifique = bei uns die halbstaatlichen Forschungs-Organisationen Fraunhofer- oder Max-Planck-Gesellschaft). Schwerpunkt von Innobiochips ist die Herstellung und Zurichtung von Makro- und Mikro-Arrays für Klinik- und Forschungslabors. Es besitzt weiter eine große Datenbank mit Antikörper- und Peptid-Studien. Die Wissenschaftler können auch Print-Biochips und gleichzeitig Proteine herstellen. Ihre Kunden sind mittelgroße Biotech- und Pharmaunternehmen. Weil ihre maßgeschneiderten Lösungen in vorhandene Labor-Ausstattungen integriert werden können, sparen diese Kooperations-Unternehmen viel Geld bei ihren Forschungsausgaben ein. Gleichzeitig können sie mit vielen zusätzlichen Daten angereicherte, breit basierte Peptid- und Protein-Experimente in kürzester Zeit durchführen.
Vorgestellt wurde danach das Vertrags-Forschungs-Institut ImaBiotech, diesjährige Preisträger des Prix Création-Développement des französischen Forschungsministeriums für seine Entwicklungen auf dem Gebiet der Massenspektrometrie. ImaBiotech stellt seine Forschungskapazitäten und Expertisen im Bereich Molekularanalysen und Biomarker mittels der selbst entwickelten MALDI-Imaging-Technologie anderen Pharma- und Biotech-Unternehmen zur Verfügung. Mit MALDI können Tausende Bestandteile von Stoffen gleichzeitig detektiert werden. Chemische Moleküle werden mithilfe innovativer Technologien schneller gefunden und optimiert. Für ADME-Studien (A = Adsorption, D = Distribution/Verteilung, M = Metabolismus/Stoffwechsel und E = Eliminierung) von pharmakologischen Wirkstoffen bietet ImaBiotech ihre speziellen Kenntnisse und Erfahrungen wiederum Pharmaunternehmen an. Nun hat man ein veterinärmedizinisches Markt-Projekt und sucht nach Geldgebern

Erwähnenswert ist auch das 1999 gegründete biopharmazeutische Unternehmen Genfit, das einen Umsatz von 10 Mio. Euro mit inzwischen über 100 Mitarbeiter in Lille sowie einer Niederlassung in Cambridge, Mass., generiert. Genfit-CEO und Mitgründer Jean-Francois Mouney berichtete, dass er nach einigen Jahren sein Unternehmen verließ, um nacheinander mehrere Start-up-Firmen aus den roten Zahlen zu führen, bevor er wieder zu Genfit zurückkehrte. Ziel seines Unternehmens, das privaten Geldgebern gehört, ist die Suche nach neuen Therapien für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, neurodegenerativen sowie Diabetes-Erkrankungen.

Neue Geldzuflüsse
Eurasanté-CEO Verwaecke zeigte sich stolz auf „seine“ Bioregion mit Lille und Dünkirchen als Metropolen und das bisher Erreichte. Biofit wurde erst vor acht Monaten als neue Partnering-Organisation gegründet und soll dem Verbund aus Grenzregion, Life-Science-Wissenschaften und -Unternehmen neuen Schwung verleihen. Verwaecke bietet gute materielle und finanzielle Konditionen für neuansiedlungswillige Biotech-Unternehmen. Mit dem „Grand Emprunt“ (= große, öffentlich aufgelegte Staatsanleihe) schuf Staatspräsident Nicolas Sarkozy in 2009 und 2010 beste Rahmenbedingungen: Eine Schatulle von insgesamt 35 Mrd. Euro für Forschung und Entwicklung sowie Industrieunternehmen ist vorhanden. Damit ist die finanzielle Basis für ein schnelleres Wachstum der Pharma- und Biotechnologie-Branche in Frankreich gesichert. Erstmals werden mit diesen Mitteln, die nicht direkt aus dem Staatshaushalt stammen, auch erfolgreiche französische Spitzen-Universitäten und Forschungsinstitute gefördert. Im Ausland erfolgreiche, kompetente französische Wissenschaftler sollen mit Rückkehrprämien zur Heimkehr bewegt werden und gut dotierte Stellen im Inland erhalten.
Eine Produktionsstätte der besonderen Art
Ein Werksbesuch beim Feinchemikalien-Hersteller Minakem SAS, der u.a. Wirkstoffe für Kosmetik, Körperpflege und Medikamente in Beuvry-la-Forêt bei Dünkirchen herstellt, rundete die Biofit-Tagung ab. Minakem besitzt neben zwei Werken in Frankreich mit Chemtec auch eine Niederlassung bei Leuna. Mit 559 Mitarbeitern insgesamt wird 2010 ein prognostizierter, leicht erhöhter Jahresumsatz von 109 Mio. Euro fast ausschließlich mit Auftragsproduktion erreicht. Man wächst langsam, doch stetig, sagt der freundliche Firmenchef Pierre Charrier, der uns Journalisten gern und geduldig durch sein besonders sauberes Werk führte. Nach einigen Minuten Aufenthalt in diesem Chemiewerk vor den Toren Dünkirchens fällt auf: Es stinkt hier nicht und es riecht nicht. Der Grund: Sämtliche chemischen Wirkstoffe werden in hermetisch abgeschlossenen Behältern bzw. Rohrleitungen angeliefert und transportiert, die Gemische in großen, fest verschlossenen Bottichen zusammengerührt. Auf keiner der bis zu drei Produktionsebenen finden sich chemische Bestandteile auf dem Fußboden oder Staub an den Apparaturen. Diese Art Umweltschutz des Feinchemikalienherstellers kommt nicht nur bei der Belegschaft, sondern auch bei den Einwohnern von Dünkirchen gut an.

Freier Wissenschaftsjournalist, Brunnenstraße 16, 72074 Tübingen, Tel. 07071/253015.

Richard E. Schneider*) | LABO
Weitere Informationen:
http://www.labo.de/suche/Life-Sciences---Erster-Biofit-Partnering-Kongress-2010-in-Lille-.htm

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