Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Bauchwasser-Pumpe erstattet Bericht per Handytechnologie

23.05.2014

Am Universitätsklinikum Würzburg wurden in diesem Frühjahr die weltweit ersten Bauchwasser-Pumpen implantiert, bei denen das medizintechnische System die behandelnden Ärzte per Datenfernübertragung selbsttätig über wichtige Leistungsdaten und seinen Betriebszustand informiert. Für die Patienten bedeutet diese Weiterentwicklung einen zusätzlichen Komfortgewinn.

Im Spätstadium der Leberzirrhose sowie bei bestimmten Tumorarten leiden vielen Patienten unter erheblichen Flüssigkeitsansammlungen in der freien Bauchhöhle. „Unbehandelt würde der Körper in diesen Fällen nicht selten innerhalb einer Woche zwischen 10 und 20 Liter Wasser – so genannten Aszites – einlagern“, berichtet Prof. Andreas Geier, Leiter des Schwerpunkts Hepatologie der Medizinischen Klinik und Poliklinik II des Universitätsklinikums Würzburg (UKW).


Die Aszites-Pumpe saugt die freie Flüssigkeit aus der Bauchhöhle ab und pumpt sie in die Harnblase des Patienten. Bild: Sequana Medical, adaptiert

Um diese „Wassermassen“ in den Griff zu bekommen, reichen Diuretika – also wasserausscheidende Medikamente – häufig nicht mehr aus. Eine Standardmethode bei diesen schwerkranken Patienten ist es, die Flüssigkeitsansammlung mit einer Kanüle durch die Bauchdecke zu punktieren und den Aszites abzulassen – bis zu zehn Liter in einer Sitzung.

„Dieser minimal-invasive Eingriff muss im Extremfall zweimal wöchentlich durchgeführt werden“, schildert Prof. Ingo Klein von der Klinik und Poliklinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie des UKW und fährt fort: „Der schnelle Flüssigkeits- und Eiweißverlust ist für den Organismus dieser Patienten sehr belastend. Hinzu kommt, dass sich gerade bei Leberzirrhose häufig ein sekundäres Geflecht von Blutgefäßen im Bauchraum bildet, die auf keinen Fall versehentlich beim Punktieren getroffen werden dürfen. Und schließlich bedeutet das regelmäßige Erscheinen in der Klinik speziell für weiter weg lebende Kranke einen hohen organisatorischen Aufwand.“

Ansaugen aus der Bauchhöhle, abgeben in die Blase

Für diese Patienten mit sehr hoher Punktionsfrequenz hat die Medizintechnik vor wenigen Jahren eine implantierbare Aszites-Pumpe auf den Markt gebracht. Sie hat in etwa das Volumen von zwei Streichholzschachteln und wird unter die Haut im rechten Unterbauch implantiert. Über einen im Körper geführten Schlauch saugt sie den Aszites aus der Bauchhöhle an und fördert ihn über einen weiteren Schlauch in die Harnblase, von wo das Überschusswasser zusammen mit dem Urin ausgeschieden wird. Weltweit wurde dieser Eingriff, der in einer kurzen Vollnarkose erfolgt, bislang schon über 200 Mal durchgeführt, davon acht Mal am UKW. „Die Patienten berichten über einen deutlichen Gewinn an Lebensqualität, vor allem durch die neu erlangte Unabhängigkeit von einer engmaschigen ambulanten und teils stationären Wiedervorstellung“, berichtet Prof. Geier.

Intelligentes Ladegeräte liest Betriebsdaten aus

Die Akkuleistung der Pumpe reicht für das Fördern von etwa vier Litern. Danach wird sie per Induktion wieder aufgeladen. Dazu ist es erforderlich, ein spezielles Ladegerät auf die Haut über der Pumpe aufzulegen. Das Ladegerät kann allerdings weit mehr als „nur“ die Energieversorgung der Pumpe sicherzustellen: Während der Ladephase liest das externe Geräts ebenso drahtlos wichtige Betriebsdaten der Pumpe aus. „So erfahren wir unter anderem, ob die Pumpe einwandfrei arbeitet und welche Mengen wann gefördert wurden“, beschreibt Prof. Geier. Mit diesem Wissen sei es dann zum Beispiel möglich, die Arbeitsweise der Pumpe an sich ändernde Bedingungen anzupassen.

„Allerdings musste hierzu das intelligente Ladegerät bislang direkt an einen Rechner in der Klinik angeschlossen werden, so dass die Patienten für diese Abfragen zum Teil von weit her an das Leberzentrum des UKW kommen mussten“, sagt der Hepatologe. „Dies hat den Hersteller zu einer technischen Weiterentwicklung der Pumpe veranlasst, die wir in Würzburg in einem sogenannten ‚Limited Market Release‘ als erste Klinik überhaupt erfolgreich eingesetzt haben.“

Neu: Ladegerät versendet selbsttätig Pumpeninformationen

Konkret sind die neuen Ladegeräte jetzt zusätzlich mit einem GSM-Chip ausgestattet. Ähnlich wie ein Mobiltelefon kann das Aggregat damit die ausgelesenen Pumpendaten per Funk über weite Distanzen übermitteln zunächst an die Herstellerfirma, die diese dann unmittelbar an die Experten des Würzburger Leberzentrums weitergibt. „Damit entfällt für uns die Notwendigkeit zum direkten Kontakt mit dem Ladegerät“, erläutert Prof. Geier.

In diesem Frühjahr haben er und Prof. Klein die weltweit ersten beiden Patienten mit dem neuen System versorgt. Mitte März erhielt es ein 63-jähriger, der an Leberzirrhose leidet. Um dem sich in diesem Zusammenhang bildenden Aszites Herr zu werden, waren vor dem Eingriff wöchentliche Punktionen erforderlich. Hierbei zogen die Würzburger Leberspezialisten jeweils zwischen sechs bis acht Liter des Bauchwassers ab. Ende März folgt ein 54-jähriger Patient bei dem sich wöchentlich etwa vier Liter Aszites ansammeln, die durch andere Therapien nicht mehr therapierbar waren.

Bei beiden kommt der logistische Vorteil der neuen Funkdatenübermittlung voll zum Tragen: Einer lebt im Raum Kulmbach, der andere bei Göttingen. Durch die „Handy-Verbindung“ der Pumpe mit den UKW-Spezialisten bleiben ihnen so regelmäßige zeitaufwändige Fahrten nach Würzburg erspart. „Wie die anderen sechs von uns versorgten Patienten mit dem herkömmlichen Pumpensystem sind auch diese Pilotpatienten mit der Performance der Aszites-Pumpe und der damit gewonnenen Lebensqualität hoch zufrieden“, berichtet Prof. Geier.

Susanne Just | idw - Informationsdienst Wissenschaft
Weitere Informationen:
http://www.ukw.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizintechnik:

nachricht Smartphones im Kampf gegen die Blindheit
18.10.2017 | Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

nachricht Mehr Patientensicherheit: Neue Testmethoden für die Eignung von Implantaten für MRT-Untersuchungen
11.10.2017 | Ostbayerische Technische Hochschule Amberg-Weiden

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizintechnik >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Hochfeldmagnet am BER II: Einblick in eine versteckte Ordnung

Seit dreißig Jahren gibt eine bestimmte Uranverbindung der Forschung Rätsel auf. Obwohl die Kristallstruktur einfach ist, versteht niemand, was beim Abkühlen unter eine bestimmte Temperatur genau passiert. Offenbar entsteht eine so genannte „versteckte Ordnung“, deren Natur völlig unklar ist. Nun haben Physiker erstmals diese versteckte Ordnung näher charakterisiert und auf mikroskopischer Skala untersucht. Dazu nutzten sie den Hochfeldmagneten am HZB, der Neutronenexperimente unter extrem hohen magnetischen Feldern ermöglicht.

Kristalle aus den Elementen Uran, Ruthenium, Rhodium und Silizium haben eine geometrisch einfache Struktur und sollten keine Geheimnisse mehr bergen. Doch das...

Im Focus: Schmetterlingsflügel inspiriert Photovoltaik: Absorption lässt sich um bis zu 200 Prozent steigern

Sonnenlicht, das von Solarzellen reflektiert wird, geht als ungenutzte Energie verloren. Die Flügel des Schmetterlings „Gewöhnliche Rose“ (Pachliopta aristolochiae) zeichnen sich durch Nanostrukturen aus, kleinste Löcher, die Licht über ein breites Spektrum deutlich besser absorbieren als glatte Oberflächen. Forschern am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist es nun gelungen, diese Nanostrukturen auf Solarzellen zu übertragen und deren Licht-Absorptionsrate so um bis zu 200 Prozent zu steigern. Ihre Ergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler nun im Fachmagazin Science Advances. DOI: 10.1126/sciadv.1700232

„Der von uns untersuchte Schmetterling hat eine augenscheinliche Besonderheit: Er ist extrem dunkelschwarz. Das liegt daran, dass er für eine optimale...

Im Focus: Schnelle individualisierte Therapiewahl durch Sortierung von Biomolekülen und Zellen mit Licht

Im Blut zirkulierende Biomoleküle und Zellen sind Träger diagnostischer Information, deren Analyse hochwirksame, individuelle Therapien ermöglichen. Um diese Information zu erschließen, haben Wissenschaftler des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnik ILT ein Mikrochip-basiertes Diagnosegerät entwickelt: Der »AnaLighter« analysiert und sortiert klinisch relevante Biomoleküle und Zellen in einer Blutprobe mit Licht. Dadurch können Frühdiagnosen beispielsweise von Tumor- sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen gestellt und patientenindividuelle Therapien eingeleitet werden. Experten des Fraunhofer ILT stellen diese Technologie vom 13.–16. November auf der COMPAMED 2017 in Düsseldorf vor.

Der »AnaLighter« ist ein kompaktes Diagnosegerät zum Sortieren von Zellen und Biomolekülen. Sein technologischer Kern basiert auf einem optisch schaltbaren...

Im Focus: Neue Möglichkeiten für die Immuntherapie beim Lungenkrebs entdeckt

Eine gemeinsame Studie der Universität Bern und des Inselspitals Bern zeigt, dass spezielle Bindegewebszellen, die in normalen Blutgefässen die Wände abdichten, bei Lungenkrebs nicht mehr richtig funktionieren. Zusätzlich unterdrücken sie die immunologische Bekämpfung des Tumors. Die Resultate legen nahe, dass diese Zellen ein neues Ziel für die Immuntherapie gegen Lungenkarzinome sein könnten.

Lungenkarzinome sind die häufigste Krebsform weltweit. Jährlich werden 1.8 Millionen Neudiagnosen gestellt; und 2016 starben 1.6 Millionen Menschen an der...

Im Focus: Sicheres Bezahlen ohne Datenspur

Ob als Smartphone-App für die Fahrkarte im Nahverkehr, als Geldwertkarten für das Schwimmbad oder in Form einer Bonuskarte für den Supermarkt: Für viele gehören „elektronische Geldbörsen“ längst zum Alltag. Doch vielen Kunden ist nicht klar, dass sie mit der Nutzung dieser Angebote weitestgehend auf ihre Privatsphäre verzichten. Am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) entsteht ein sicheres und anonymes System, das gleichzeitig Alltagstauglichkeit verspricht. Es wird nun auf der Konferenz ACM CCS 2017 in den USA vorgestellt.

Es ist vor allem das fehlende Problembewusstsein, das den Informatiker Andy Rupp von der Arbeitsgruppe „Kryptographie und Sicherheit“ am KIT immer wieder...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Das Immunsystem in Extremsituationen

19.10.2017 | Veranstaltungen

Die jungen forschungsstarken Unis Europas tagen in Ulm - YERUN Tagung in Ulm

19.10.2017 | Veranstaltungen

Bauphysiktagung der TU Kaiserslautern befasst sich mit energieeffizienten Gebäuden

19.10.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Forscher finden Hinweise auf verknotete Chromosomen im Erbgut

20.10.2017 | Biowissenschaften Chemie

Saugmaschinen machen Waschwässer von Binnenschiffen sauberer

20.10.2017 | Ökologie Umwelt- Naturschutz

Strukturbiologieforschung in Berlin: DFG bewilligt Mittel für neue Hochleistungsmikroskope

20.10.2017 | Förderungen Preise