Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     Siemens  n-tv 
Datenbankrecherche:

Fachgebiet (optional):

 

Ursachen einer gefürchteten OP-Komplikation aufgeklärt

29.11.2010
Eine ebenso häufige wie gefürchtete Komplikation nach Operationen am Verdauungssystem ist eine Lähmung des kompletten Darmtrakts. Mediziner der Universität Bonn haben nun die Ursache für diesen so genannten postoperativen Ileus gefunden: Demnach sorgen bestimmte Immunzellen zunächst für eine lokale Entzündung in der Nähe des operierten Gebiets. Mit dem Blutstrom gelangen die Abwehrzellen jedoch auch zu anderen Darmbereichen. Dort sorgen sie dafür, dass sich die Entzündung auf das komplette Organ ausdehnt. Die Arbeit erscheint in der Dezemberausgabe von „Nature Medicine“, der wohl renommiertesten klinischen Fachzeitschrift (doi: 10.1038/nm.2255).

Anzeige

Unser Darm zieht sich regelmäßig in geordneter Abfolge zusammen und auseinander und transportiert dadurch den Speisebrei Richtung After. Nach Operationen am Magen-Darm-Trakt stellt er diese Bewegung jedoch häufig ein - und zwar nicht nur in der Nähe des operierten Gebiets, sondern überall. Dabei kommt es zudem zu einer generellen Entzündung aller Darmsegmente.


Dieses operativ-bedingte Darmversagen, der „postoperative Ileus“, ist eine sehr häufige Komplikation und tritt nach einer Vielzahl verschiedener Operationen auf. Die Folge sind Bauchbeschwerden und eine erhöhte Infektionsrate. Zudem müssen frisch operierte Patienten oft durch Infusionen ernährt werden. Das verlängert den Krankenhausaufenthalt und führt zu erheblichen Kosten.

Als Ursache vermuteten Ärzte bislang eine Fehlsteuerung der Nerven, die die Darmbewegung steuern. Die bisherigen Versuche, die Nervenfunktion wiederherzustellen, waren jedoch wenig erfolgreich: „Zur Zeit gibt es weder eine Therapie noch eine Prophylaxe gegen den postoperativen Ileus“, betont Professor Dr. Jörg Kalff, bislang leitender Oberarzt der Chirurgischen Klinik der Uni Bonn und ab Dezember deren Direktor.

Der Mediziner weiß, wovon er redet: Er hat von 2004 bis 2009 eine klinische Forschergruppe zu postoperativen Darmbeschwerden geleitet, die durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft gefördert wurde. Zusammen mit seinem Kollegen Dr. Arne Koscielny sowie Dr. Daniel Engel und Professor Dr. Christian Kurts von den Instituten für molekulare Medizin und experimentelle Immunologie hat er nun eine völlig andere Erklärung für den Stillstand im Darm erarbeitet: Die Forscher zeigen, dass die Entzündung auf der einen und die Lähmung auf der anderen Seite in einem ursächlichen Zusammenhang stehen.

Für beide Symptome verantwortlich sind demnach die so genannten T-Helfer-Zellen sowie die dendritischen Zellen, die diese T-Zellen regulieren. Beide Zelltypen patrouillieren normalerweise durch den Körper und bekämpfen eingedrungene Viren und Bakterien. Im Magen-Darm-Trakt befindet sich eine sehr große Anzahl von dendritischen Zellen und T-Zellen. Sie verhindern, dass der Darm durch Krankheitserreger besiedelt wird. Außerdem halten sie die natürlichen Darmbakterien in Schach: Diese sind für eine ordnungsgemäße Verdauungsfunktion erforderlich. Sie dürfen aber nicht „ausbrechen“ und sich in anderen Körperorganen vermehren.

Immunzellen haben einen schlechten Orientierungssinn

Bei Darmoperationen kommt es zwangsläufig zu einem Gewebeschaden, den immunologische Sensorzellen wie z.B. Makrophagen und die dendritischen Zellen wahrnehmen. Sie alarmieren dann die T-Zellen und aktivieren diese. Folge ist eine lokale Entzündung, in deren Zug die Darmmuskulatur gelähmt wird. Zudem verlassen einige T-Zellen den Ort des Geschehens über die Pfortader und die Leber und gelangen in den Blutkreislauf. Sie können sich jedoch gewissermaßen an ihre Herkunft „erinnern“ und kehren nach wenigen Stunden wieder in den Darm zurück. „Sie wissen jedoch nicht genau, aus welchem Bereich des Darms sie stammen“, erklärt Professor Kurts. „Sie gelangen bei ihrer Rückkehr daher an irgendeinen anderen Ort des Magen-Darm-Trakts. Da sie jedoch nach wie vor aktiviert sind, rufen sie auch dort eine Entzündung hervor. Auf diese Weise kommt es zur Ausbreitung der Entzündung und zur Lähmung des gesamten Magen-Darm-Trakts.“

Aus der Entdeckung der Bonner Forscher ergeben sich neue Ansätze für die Diagnose und Therapie dieser alltäglichen Komplikation: Die Ärzte können beispielsweise die im Blut zirkulierenden T-Zellen nachweisen und so den Verlauf der Erkrankung messen. Auch eine gezielte Therapie sei denkbar: „Bei Darmoperationen können wir nicht einfach die gesamte Immunabwehr herunterfahren“, betont Professor Kalff. Einerseits seien die Patienten oft geschwächt und damit infektanfällig. Andererseits könnten ansonsten die Darmbakterien außer Kontrolle geraten. „Unsere Erkenntnisse klären jedoch, welcher Teil des Immunsystems beim postoperativen Ileus beteiligt ist. Wir können nun versuchen, ganz gezielt diesen Teil durch Medikamente zu beruhigen, ohne die Gesamtfunktion der körpereigenen Abwehr zu sehr zu beeinträchtigen.“ Derartige Methoden könnten in der Zukunft Patienten eventuell postoperative Komplikationen ersparen.

Kontakt:
Prof. Dr. med. Christian Kurts
Institut für Experimentelle Immunologie
Telefon: 0228/287-11050
E-Mail: ckurts@uni-bonn.de

Professor Dr. Jörg Kalff
Klinik für Allgemein-, Viszeral-, Thorax- und Gefäßchirurgie
Telefon: 0228/287-15479
E-Mail: kalff@uni-bonn.de

Frank Luerweg | Quelle: Informationsdienst Wissenschaft
Weitere Informationen: www.uni-bonn.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Bitterrezeptoren für Stevia-Süßstoffe entdeckt
24.05.2012 | Technische Universität München

nachricht Wie vorbeugen bei erblichem Krebs?
23.05.2012 | Goethe-Universität Frankfurt am Main

Alle Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>


Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Im wahrsten Sinne „Spitzenforschung“: IPHT-Forscher untersuchen Eiweißfasern mit größter Genauigkeit


Krankheiten wie Parkinson, Alzheimer und bestimmte Krebsformen gehen auf eine fehlerhafte Faltung und Aggregation von Eiweißen im Körper zurück.

Wissenschaftlern des Instituts für Photonische Technologien (IPHT) in Jena ist es erstmals gelungen, Proteinstrukturen auf sub-molekularer Ebene nachzuweisen und spektroskopisch zu analysieren. Ein wichtiger Schritt zum Verständnis der Krankheitsursachen.

„Bis heute hat man nicht genau verstanden, was die fehlerhafte Faltung und Aggregation von Eiweißen, zum Beispiel im Zusammenhang mit Alzheimer, ...

Im Focus: Widerspenstiges Quasiteilchen erzeugt


Die Quantenphysik beschreibt physikalische Vorgänge in Festkörpern und anderen Vielteilchensystemen auch mit Hilfe von Quasiteilchen.

Innsbrucker Physikern um Rudolf Grimm ist es nun erstmals gelungen, ein neues Quasiteilchen - ein repulsives Polaron - in einem Quantengas experimentell zu erzeugen. Die Forscher berichten darüber in der Online-Ausgabe der Fachzeitschrift Nature.

Ultrakalte Quantengase sind ein ideales Experimentierfeld, um physikalische Phänomene in Festkörpern zu simulieren. Unter streng kontrollierten Bedingungen ...

Im Focus: Licht lässt Partikel wachsen - Forscher entdecken neuen Mechanismus in der Atmosphäre


Licht lässt die Partikel in der Atmosphäre wachsen. In einem Experiment hat ein internationales Forscherteam erstmals einen neuen Mechanismus nachweisen können, bei dem Partikel durch Licht größer werden und der damit Einfluss auf die Wolkenbildung und das Klima hat.

Photokatalytische Reaktionen können zu einer schnellen Bindung von nicht kondensierenden flüchtigen organischen Kohlenwasserstoffen (VOCs) auf der Oberfläche der Partikel führen. Unter solchen Bedingungen nehme die Größe und Masse der Partikel schnell zu, schreiben die Wissenschaftler im renommierten Fachblatt PNAS.

Die Ergebnisse des Laborexperimentes könnten Effekte erklären, die bisher schon bei Feldkampagnen ...

Im Focus: Abschreckung: Tabak signalisiert angreifenden Zikaden Verteidigungsbereitschaft


Ähnlich wie blutsaugende Insekten prüfen Pflanzenschädlinge ihren Wirt auf Abwehrsignale, bevor sie anfangen zu fressen

Pflanzen bilden wenige Minuten nach Angriff eines Fraßfeindes Jasmonsäure, ein Hormon, das die Verteidigung gegen Insekten in Gange setzt mit der Folge, dass giftige Stoffe wie Nikotin oder Verdauungshemmer in den Blättern akkumulieren.

Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für chemische Ökologie, Jena, haben jetzt herausgefunden, dass Zwergzikaden die Verteidigungsbereitschaft von Tabakpflanzen aufspüren können. ...

Im Focus: Erbgutkopie reist im Protein-Koffer


Wissenschaftlern vom Institut für Physikalische und Theoretische Chemie der Universität Bonn ist es erstmals gelungen, den Transport eines wichtigen Informationsträgers in biologischen Zellen praktisch unmodifiziert in Echtzeit zu filmen.

Die Studie zeigt, wie die so genannte Boten-RNA die Zellkernhülle überwindet und vom Zellkern in das Zytoplasma gelangt. Diese Arbeit ist nun in dem renommierten Journal „Proceedings of the National Academy of Sciences of the USA“ (PNAS) publiziert.

Der Bauplan aller Lebewesen ist in ihrem Erbgut gespeichert. Dieses lagert bei höheren ...

Alle Focus-News des innovations-reports >>>

Anzeige

B2B Suche
Produkt / Dienstleistung
Firma / Organisation

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Aktuell

Energieversorger vor dem Umbruch

24.05.2012 | Studien Analysen

Stem-cell-growing surface enables bone repair

24.05.2012 | Biowissenschaften Chemie

Im wahrsten Sinne „Spitzenforschung“: IPHT-Forscher untersuchen Eiweißfasern mit größter Genauigkeit

24.05.2012 | Biowissenschaften Chemie

VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Veranstaltungen

NieKE Themenforum: Ökonomie - Tierschutz - Lebensmittelsicherheit

24.05.2012 | Veranstaltungsnachrichten

Nachhaltigkeit in der Schifffahrt: Werte vs. Wertschöpfung

24.05.2012 | Veranstaltungsnachrichten

Wissenschaft und Öffentlichkeit

24.05.2012 | Veranstaltungsnachrichten

FindAndHelp