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Am 10. Dezember werden in Oslo die diesjährigen Nobelpreisträger für Medizin geehrt – für zwei bahnbrechende Funde zur Funktion des Immunsystems. Münchner Wissenschaftler haben erstmals das neue Wissen um beide Entdeckungen in die Entwicklung eines therapeutischen Impfstoffs gegen eine Form des „Blutkrebses“ einfließen lassen, die „akute myeloische Leukämie“ (AML).
Dieser Impfstoff wird am Klinikum der Universität München von Mai 2012 an erstmals in einer Studie an Patienten nach einer Chemotherapie eingesetzt. Nach der Behandlung bleiben bei vielen der Kranken noch einige bösartige Zellen im Körper, die die AML später erneut ausbrechen lassen, so dass nach fünf Jahren nur etwa jeder vierte Patient überlebt. „Wir hoffen, diese gefährlichen restlichen Zellen durch die Aktivierung des Immunsystems zerstören zu können“, sagt Privat-Dozentin Dr. Marion Subklewe von der Medizinischen Klinik und Poliklinik III am Campus Großhadern.
Die Forscher Jules Hoffmann und Bruce Beutler, die in Oslo ausgezeichnet werden, haben die so genannten Toll-like-Rezeptoren (TLRs) entdeckt. Diese Moleküle sitzen auf der Oberfläche von Zellen des angeborenen Immunsystems und erkennen nach dem Schlüssel-Schloss-Prinzip Strukturen von Bakterien und Viren. Die daraus resultierende Stimulation bringt eine Immunreaktion gegen die Erreger in Gang, die aber je nach Art des Toll-Like-Rezeptors unterschiedlich verläuft. Zu den TLR-haltigen Zellen zählen auch die „dendritischen Zellen“ (DCs), die vom ebenfalls ausgezeichneten und kurz vor der Bekanntgabe der Nobelpreisträger gestorbenen Ralph Steinman erstmals identifiziert wurden.
Impfstoff gegen Krebs
Seit langem träumen Krebsmediziner davon, die Körperabwehr ihrer Patienten so anzuspornen, dass sie die bösartigen Zellen eines fortgeschrittenen Tumors vernichten. Für diese Hoffnung gibt es gute Gründe: Dendritische Zellen tasten mit ihren Sensoren wie den TLRs ständig die Oberfläche ihrer Umgebung ab und dirigieren die Immunantwort gegen fremde Organismen und Zellen. Ziel der Forscher ist es, das Immunsystem sozusagen künstlich auf spezifische Strukturen der Tumoren zu trimmen. Sprich: einen therapeutischen Impfstoff gegen verschiedene Krebsarten zu „designen“. Im Labor werden mithin Immunzellen der Patienten gezüchtet und sozusagen neu programmiert. Idealerweise eignen sich dafür die dendritischen Zellen – so auch bei dem neuen Impfstoff, den das Team der Biologin Prof. Dolores Schendel vom Institut für Molekulare Immunologie des Helmholtz-Zentrums München federführend realisiert hat. „Der Impfstoff wird aufwändig hergestellt auf Basis von Monozyten, die den Patienten entnommen werden“, erklärt Dr. Subklewe. Wenn man diese Immunzellen in einer Zellkultur „richtig“ behandelt, erwachsen daraus dendritische Zellen, die sich aktiv gegen AML-Zellen richten. Diese „richtige“ Behandlung ist allerdings eine Kunst, an der sich Forscher weltweit seit Jahren versuchen.
RNA-Moleküle liefern Bauanleitung
So auch die Münchner Wissenschaftler. Sie haben zum einen das Verfahren beschleunigt. Denn schon drei Tage nach der Entnahme – statt wie sonst üblich in mindestens einer Woche – erwachsen dendritische Zellen, „die zwar schon reif, aber noch jugendlich frisch sind“, wie Dr. Subklewe es ausdrückt. Zum zweiten leiten die Forscher – und das ist ebenfalls neu – den Reifungsprozess der Monozyten mit der Stimulation eines ganz bestimmten TLR ein, „so dass die resultierenden dendritischen Zellen genau die Eigenschaften erhalten, die für eine effektive Induktion von Anti-Tumorantworten notwendig sind.“ Zum dritten werden die Zellen mit so genannten RNA-Molekülen bestückt, nach deren Bauanleitung die dendritschen Zellen zwei Proteine herstellen, die für AML-Zellen charakteristisch sind. Diese Proteine werden von den dendritischen Zellen zerlegt und die entstehenden Molekülteile auf der Oberfläche präsentiert. Wie alle Tests ergaben, sind die so erzeugten dendritischen Zellen, so Dr. Subklewe „sehr effektiv“. Sie stimulieren verschiedene Arme des Immunsystems; sie sind mobil; und sie schütten reichlich Immun-Botenstoffe aus, vor allem das wichtige Interleukin-12.
Bei der kommenden klinischen Studie geht es zunächst vor allem darum, ob die Therapie sicher ist und den Patienten nicht schadet. Allerdings werden die Forscher natürlich auch ermitteln, ob die Behandlung Rückfälle verhindert und das erkrankungsfreie Überleben verlängert „Das“, sagt die Ärztin, „hoffen wir natürlich alle.“
Kooperierende Einrichtungen der Studie
Privat-Dozentin Dr. med. Marion Subklewe leitet die Studie gemeinsam mit Prof. Dr. med. Wolfgang Hiddemann (Dir. Medizinische Klinik III). Die klinische Studie erfolgt in Kooperation mit der Arbeitsgruppe von Prof. Dr. Dolores Schendel vom Institut für Molekulare Immunologie am Helmholtz Zentrum München und Prof. Dr. med. Gunnar Kvalheim von der Abteilung Zelltherapie des Radiumhospitalet der Universität Oslo. Das Projekt wird gefördert durch das Bayerische Immuntherapie-Netzwerk und der HGF-Allianz für die Immuntherapie von Krebs.
Kontakt:
PD Dr. Marion Subklewe
Medizinischen Klinik und Poliklinik III
Campus Großhadern
E-Mail: Marion.Subklewe@med.uni-muenchen.de
Klinikum der Universität München
Im Klinikum der Universität München (LMU) sind im Jahr 2010 an den Standorten Großhadern und Innenstadt 465.000 Patienten ambulant, teilstationär und stationär behandelt worden. Die 45 Fachkliniken, Institute und Abteilungen sowie 35 interdisziplinäre Zentren verfügen über mehr als 2.200 Betten. Von insgesamt über 10.000 Beschäftigten sind rund 1.800 Mediziner. Das Klinikum der Universität München hat im Jahr 2010 rund 70 Millionen Euro an Drittmitteln verausgabt und ist seit 2006 Anstalt des öffentlichen Rechts.
Gemeinsam mit der Medizinischen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität ist das Klinikum der Universität München an sechs Sonderforschungsbereichen der DFG (SFB 455, 571, 594, 596, 684, 824), an drei Sonderforschungsbereichen-/Transregio (TR 05, TR 22, TR 36), einer Forschergruppe (FOR 535) sowie an drei Graduiertenkollegs (GK 1091 und 1202, SFB-TR 36) beteiligt. Hinzu kommen die drei Exzellenzcluster „Center for Integrated Protein Sciences“ (CIPSM), „Munich Center of Advanced Photonics“ (MAP) und „Nanosystems Initiative Munich“ (NIM) sowie die Graduiertenschule „Graduate School of Systemic Neurosciences“ (GSN-LMU).
Philipp Kressirer | Quelle: Informationsdienst Wissenschaft
Weitere Informationen: www.klinikum.uni-muenchen.de/
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