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„Time is brain“ – so lautet die Handlungsmaxime beim Schlaganfall. Je rascher der Blutfluss und dadurch die Sauerstoffversorgung im Gehirn wieder normalisiert werden, desto geringer sind die Schäden. Nach Schätzungen der Deutschen Schlaganfall Stiftung trifft es jährlich rund 250.000 Bundesbürger.
Neben einseitigen Lähmungen leiden Betroffene an dauerhaften Gefühls-, Gleichgewichts- und Wahrnehmungsstörungen sowie Seh- und/oder Sprachstörungen. Der Schlaganfall ist die dritthäufigste Todesursache neben Krebs- und Herzerkrankungen und immer noch die häufigste Ursache für Invalidität. Und doch sind die Therapien meist unzureichend und eine Akutversorgung kommt oft zu spät.
Eine Behandlung mit weiblichen Geschlechtshormonen soll helfen: „Hormone steuern nicht nur unsere Organentwicklung und die Funktion der Reproduktionsorgane, sie könnten auch das Hirngewebe schützen und beschädigte Teile zur Regeneration stimulieren“, sagt Dr. rer. biol. hum. Cordian Beyer vom Universitätsklinikum der RWTH Aachen. Der Professor für Neuroanatomie erforscht die Funktion von Sexualhormonen im Gehirn.
Er erklärt: Beim Schlaganfall wird das Gehirn entweder mit zu wenig Blut versorgt oder das Blut tritt aus den Gefäßen in das Hirngewebe. Die Verstopfung der Gefäße bezeichnen Mediziner als Hirninfarkt, das Aufbrechen als Hirnblutung. Blutgerinnsel werden entweder, wie bei einer Embolie, mit dem Blutstrom aus anderen Gefäßen mit geschwemmt oder bilden sich, wie bei einer Thrombose, direkt in einem Gefäß. Innerhalb von wenigen Stunden sterben die Zellen an der Unterversorgung mit Sauerstoff und Nährstoffen „schlagartig“ ab. Das Nervengewebe wird dauerhaft beschädigt, wichtige Funktionen können nicht wiederhergestellt werden.
An der RWTH konnte nun in Tierstudien mit Ratten das Schlaganfallgebiet mit einer Hormonbehandlung um bis zu 70 Prozent reduziert werden. „Dabei spielen vor allem Abwehrzellen des Gehirns, die so genannten Mikroglia, eine wichtige Rolle“, so Beyer. Diese übernehmen in Zusammenarbeit mit Immunzellen aus den Gefäßen eine zentrale Rolle beim Schlaganfall und steuern entzündliche Prozesse im Hirngewebe. Die verabreichten Hormone hemmen diese Abwehrzellen und sorgen andererseits dafür, dass geschädigte Nervenzellen besser überleben können. Den maximalen Effekt erzielt man mit einer speziellen Kombination von Progesteron und Östrogen. Inwieweit diese Beobachtungen auch beim Menschen zutreffen, sollen klinische Studien an Schlaganfallpatienten in den nächsten Jahren zeigen.
Mutterkuchen liefert Schutz- und Steuerfunktion
Der menschliche Körper hat verschiedene Hormonfabriken. Progesteron und Östrogen sind weibliche Geschlechtshormone, die während der Menstruation regelmäßig in bestimmten Phasen und während einer Schwangerschaft in besonders erhöhten Mengen vorhanden sind. Der Hormonspiegel steigt dann um ein Vielfaches an. „Der weibliche Körper, aber auch der im Mutterleib befindliche Embryo, wird regelrecht mit Hormonen überschwemmt“, so Beyer, „die Einnistung der befruchteten Eizelle und deren Reifung wird dadurch ermöglicht und die spätere Milchproduktion vorbereitet.“ Er fügt hinzu: „Experten sind sich heute ziemlich sicher, dass Frauen mit Multipler Sklerose während einer Schwangerschaft weniger Schübe bekommen. Hierfür werden die erhöhten Hormonspiegel in der Schwangerschaft verantwortlich gemacht. Hormone besitzen also eine wichtige Schutzfunktion bei diesen neurologischen Erkrankungen.“
Weibliche Geschlechtshormone fördern gerade in den letzten drei Monaten einer Schwangerschaft die Reifung von bestimmten Organen des Embryos. Beyer und Kollegen aus der Kinderheilkunde der Universität Ulm stellten fest, dass extreme Frühgeborene, die aufgrund der vorzeitigen Geburt keine ausreichenden Hormonmengen aus dem Mutterkuchen erhielten, häufig Entwicklungsstörungen und Krankheiten erleiden. Vor allem die Atemwege und Hirnentwicklung sind hierbei betroffen. In Tiermodellen und in einer humanen Pilotstudie konnten mit einer gezielten Hormonbehandlung diese Störungen verringert werden.
Weitere Informationen erteilt Professor Dr. rer. biol. hum. Cordian Beyer vom RWTH-Institut für Neuroanatomie unter: +49(0)241/80-89100 oder cbeyer@ukaachen.de.
CELINA BEGOLLI
Thomas von Salzen | Quelle: Informationsdienst Wissenschaft
Weitere Informationen: www.rwth-aachen.de
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