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Bei Menschen, die einen ihrer fünf Sinne – hören, sehen, fühlen, riechen, schmecken – verloren haben, verstärkt sich einer der anderen vier Sinne.
Gehörlos geborene Menschen kompensieren den Ausfall des Hörens mit verbesserten Fähigkeiten in anderen Sinnessystemen. Dass sie dafür auch Hirnareale nutzen, die eigentlich für das Hören vorgesehen sind, fanden jetzt Wissenschaftler aus Kanada, USA und Deutschland in einem interdisziplinären Projekt heraus. Sie veröffentlichten ihre Ergebnisse in der jüngsten Ausgabe der Fachzeitschrift „Nature Neuroscience“.
Das Team setzt sich zusammen aus Wissenschaftlern der kanadischen University of Western Ontario, der amerikanischen Virginia Commonwealth University und des Instituts für Audioneurotechnologie (VIANNA), das zur Klinik für Hals-, Nasen und Ohrenheilkunde der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) gehört.
Die Forscher deaktivierten bei gehörlosen Tieren vorübergehend Areale im Gehirn, die eigentlich für das Hören genutzt werden. Sie konnten nachweisen, dass dadurch die überdurchschnittlichen visuellen Fähigkeiten ausfallen. Zudem konnten sie zeigen, dass eine solche Umwidmung von Hirnressourcen spezifisch abläuft: Zwei Hörareale sind für zwei verschiedene überdurchschnittliche visuelle Fähigkeiten notwendig, an der direkt benachbarte Areale nicht beteiligt sind.
Dies beweist, dass die Reorganisation des Gehirns für Gehörlose hilfreich ist, um sich in der Umwelt ohne Hörsinn zurechtzufinden. Aber sie zerstört die funktionale Einheit der Hörareale, was für einen Erfolg der Therapie mit einer Hörprothese, einem Cochlea-Implantat (CI), hinderlich sein kann. „Bei angeborener Gehörlosigkeit ist daher eine frühe Therapie unerlässlich“, erklärt Professor Dr. Andrej Kral, der gemeinsam mit Professor Dr. Thomas Lenarz VIANNA leitet.
„Eine frühe Therapie mit einem CI ist auch deswegen sinnvoll, weil sich bei angeborener Gehörlosigkeit das Gehirn anders entwickelt als bei Hörenden“, erläutert Professor Kral. In einer weiteren Veröffentlichung in der jüngsten Ausgabe der Fachzeitschrift „The New England Journal of Medicine“ weist der Neurowissenschaftler gemeinsam mit dem Hals-, Nasen-, Ohren-Chirurgen Gerard M. O’Donoghue aus Nottingham, United Kingdom, darauf hin. Angeborene Gehörlosigkeit beeinflusse beispielsweise Aufmerksamkeit und Gedächtnis. „Das Gehirn passt sich dank seiner Plastizität so gut es geht an den Zustand des Nichthörens an. Bei einer späteren Therapie muss sich das Gehirn umorganisieren“, sagt Professor Kral.
Weitere Informationen erhalten Sie von Professor Dr. Andrej Kral, Telefon (0511) 532-7272, kral.andrej@mh-hannover.de
Stefan Zorn | Quelle: Informationsdienst Wissenschaft
Weitere Informationen: dx.doi.org/10.1038/nn.2653
www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMra0911225
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