Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Der Wirt macht den Unterschied

26.03.2009
Braunschweiger Helmholtz-Forscher zeigen die Rolle des Wirts bei Grippeerkrankung.

Für manche Menschen ist es Gewissheit: Sobald die jährliche Grippesaison anfängt, erwischt es sie auf jeden Fall. Da tröstet es wenig, dass es andere Menschen gibt, die scheinbar resistent sind gegen die Grippe oder die Krankheit nach ein paar Tagen auskuriert haben.

Genau dieses Phänomen untersuchten nun Forscher am Braunschweiger Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI) anhand verschiedener Mausstämme. "Während sich viele wissenschaftliche Arbeiten lediglich mit dem Grippevirus befassen, haben wir untersucht, wie die Wirtsseite auf eine Infektion reagiert", sagt Klaus Schughart, Leiter der Arbeitsgruppe "Experimentelle Mausgenetik". In Infektionsversuchen fanden die Forscher nun heraus, dass eine überschießende Immunantwort in Mäusen für den tödlichen Krankheitsausgang verantwortlich ist. Diese Überreaktion ist genetisch veranlagt. Ihre Ergebnisse veröffentlichte jetzt das Wissenschaftsmagazin "PLoS One".

Für ihre Untersuchungen infizierten Forscher sieben verschiedene Maus-Inzuchtstämme mit derselben Menge Grippeviren vom Typ "Influenza A". Innerhalb eines Mausstamms sind die Tiere alle genetisch identisch, wie eineiige Zwillinge. Ein Stamm unterscheidet sich aber von einem anderen wie verschiedene Individuen in der menschlichen Bevölkerung. Zu ihrer Überraschung konnten die Forscher starke Unterschiede beim Grippeverlauf zwischen den sieben Stämmen finden. Bei fünf Stämmen verlief die Erkrankung glimpflich: Die Tiere verloren an Gewicht, erholten sich aber nach sieben bis acht Tagen wieder vollständig. Bei zwei Mausstämmen hingegen kam es zu einem rapiden Gewichtsverlust und die Tiere starben nach wenigen Tagen.

Die Forscher suchten nach Gründen für diese Unterschiede: Sie erforschten dazu, wie das Immunsystem der Tiere auf das Virus reagiert.

"Die Mäuse sterben an ihrer eigenen Immunabwehr, die sie eigentlich vor dem Virus schützen soll. Das Immunsystem produziert zu viele Botenstoffe, die Immunzellen stark aktivieren. Diese Zellen töten dann virusinfizierte Gewebezellen in den Lungen", sagt Schughart.

Gleichzeitig zerstören diese überaktiven Zellen aber auch gesundes Lungengewebe. In Mäusen, die starben, fanden die Forscher außerdem hundert Mal mehr Viren als in Tieren, die überlebten. "Es scheint, als besitzen die Tiere bestimmte Rezeptoren auf ihren Zellen, die sie empfänglicher machen für eine schwere Virusinfektion." Ähnlich könnte es bei einer Grippeinfektion im Menschen aussehen, auch hier könnten genetische Faktoren einen schweren Krankheitsverlauf begünstigen. "Wir beginnen erst zu verstehen, welche Rolle die genetischen Faktoren des Wirts spielen und was eine erhöhte Empfänglichkeit bei einer Grippe begründet", sagt Schughart.

Jährlich sterben zwischen 10.000 und 30.000 Menschen in Deutschland an einer Grippe, meist durch den Erreger vom Typ "Influenza A". Von dem Haupttyp A gibt es verschiedene Subtypen, bei denen sich die Zusammensetzung der Virushülle unterscheidet. H1N1 und H3N2 sind die verbreitetesten Grippestämme beim Menschen, H5N1 das bekannte Vogelgrippe-Virus. Das "H" steht für das Protein Hämagglutinin, mit dem das Virus an Zellen des Atemweges andockt und diese infiziert. Damit die neu hergestellten Grippeviren die Wirtszellen verlassen können, benötigen sie wiederum die Neuraminidase ("N"). Um einer Immunantwort zu entgehen, ändert das Virus die Merkmale "H" und "N" ständig. Mal leicht, mal stark: Dann entsteht ein vollkommen neuer Virussubtyp mit neuer Nummer, auf den meist eine weltweite schwere Grippepandemie folgt.

Orginialpublikation: Srivastava B, B?az.ejewska P, Heßmann M, Bruder D, Geffers R, et al. 2009 Host Genetic Background Strongly Influences the Response to Influenza A Virus Infections. PLoS ONE 4(3): e4857.

doi:10.1371/journal.pone.0004857

Dr. Bastian Dornbach | Helmholtz-Zentrum
Weitere Informationen:
http://www.helmholtz-hzi.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Titandioxid-Nanopartikel können Darmentzündungen verstärken
19.07.2017 | Universität Zürich

nachricht Künftige Therapie gegen Frühgeburten?
19.07.2017 | Universitätsspital Bern

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Molekulares Lego

Sie können ihre Farbe wechseln, ihren Spin verändern oder von fest zu flüssig wechseln: Eine bestimmte Klasse von Polymeren besitzt faszinierende Eigenschaften. Wie sie das schaffen, haben Forscher der Uni Würzburg untersucht.

Bei dieser Arbeit handele es sich um ein „Hot Paper“, das interessante und wichtige Aspekte einer neuen Polymerklasse behandelt, die aufgrund ihrer Vielfalt an...

Im Focus: Das Universum in einem Kristall

Dresdener Forscher haben in Zusammenarbeit mit einem internationalen Forscherteam einen unerwarteten experimentellen Zugang zu einem Problem der Allgemeinen Realitätstheorie gefunden. Im Fachmagazin Nature berichten sie, dass es ihnen in neuartigen Materialien und mit Hilfe von thermoelektrischen Messungen gelungen ist, die Schwerkraft-Quantenanomalie nachzuweisen. Erstmals konnten so Quantenanomalien in simulierten Schwerfeldern an einem realen Kristall untersucht werden.

In der Physik spielen Messgrößen wie Energie, Impuls oder elektrische Ladung, welche ihre Erscheinungsform zwar ändern können, aber niemals verloren gehen oder...

Im Focus: Manipulation des Elektronenspins ohne Informationsverlust

Physiker haben eine neue Technik entwickelt, um auf einem Chip den Elektronenspin mit elektrischen Spannungen zu steuern. Mit der neu entwickelten Methode kann der Zerfall des Spins unterdrückt, die enthaltene Information erhalten und über vergleichsweise grosse Distanzen übermittelt werden. Das zeigt ein Team des Departement Physik der Universität Basel und des Swiss Nanoscience Instituts in einer Veröffentlichung in Physical Review X.

Seit einigen Jahren wird weltweit untersucht, wie sich der Spin des Elektrons zur Speicherung und Übertragung von Information nutzen lässt. Der Spin jedes...

Im Focus: Manipulating Electron Spins Without Loss of Information

Physicists have developed a new technique that uses electrical voltages to control the electron spin on a chip. The newly-developed method provides protection from spin decay, meaning that the contained information can be maintained and transmitted over comparatively large distances, as has been demonstrated by a team from the University of Basel’s Department of Physics and the Swiss Nanoscience Institute. The results have been published in Physical Review X.

For several years, researchers have been trying to use the spin of an electron to store and transmit information. The spin of each electron is always coupled...

Im Focus: Das Proton präzise gewogen

Wie schwer ist ein Proton? Auf dem Weg zur möglichst exakten Kenntnis dieser fundamentalen Konstanten ist jetzt Wissenschaftlern aus Deutschland und Japan ein wichtiger Schritt gelungen. Mit Präzisionsmessungen an einem einzelnen Proton konnten sie nicht nur die Genauigkeit um einen Faktor drei verbessern, sondern auch den bisherigen Wert korrigieren.

Die Masse eines einzelnen Protons noch genauer zu bestimmen – das machen die Physiker um Klaus Blaum und Sven Sturm vom Max-Planck-Institut für Kernphysik in...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Operatortheorie im Fokus

20.07.2017 | Veranstaltungen

Technologietag der Fraunhofer-Allianz Big Data: Know-how für die Industrie 4.0

18.07.2017 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - September 2017

17.07.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

1,4 Millionen Euro für Forschungsprojekte im Industrie 4.0-Kontext

20.07.2017 | Förderungen Preise

Von photonischen Nanoantennen zu besseren Spielekonsolen

20.07.2017 | Physik Astronomie

Bildgebung von entstehendem Narbengewebe

20.07.2017 | Biowissenschaften Chemie