Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Wechselwirkung zwischen Gehirn und Essverhalten im Visier der Adipositasforschung

17.12.2013
Das Integrierte Forschungs- und Behandlungszentrum (IFB) AdipositasErkrankungen in Leipzig baut seine Studien zu krankhaftem Übergewicht um zwei neue Forschungsfelder aus.

Eine Nachwuchsforschungsgruppe zur "Neurobiologie der Entscheidungsfindung bei Adipositas" geht der Frage nach, wie es bei übergewichtigen Menschen zu oft ungünstigen Essgewohnheiten kommt und wie diese wieder verändert werden können.

Eine weitere Gruppe untersucht die Wechselwirkungen zwischen Gehirn, bestimmten Hormonen und der Nahrungsaufnahme. Denn welche Rolle unser Gehirn bei der Entstehung einer Adipositas spielt, wird in der Adipositasforschung zunehmend wichtig.

Essen als Belohnung

Dr. Annette Horstmann und ihr sechsköpfiges Forscherteam untersuchen für das IFB am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften das Entscheidungsverhalten bei stark übergewichtigen Menschen. Horstmanns Studien deuten darauf hin, dass adipöse Probanden stärker zu Verhaltensweisen neigen, die schnelle Belohnungen versprechen. Beim Essverhalten kann das dazu führen, dass die Betroffenen schneller und gewohnheitsmäßiger z.B. süßen Verlockungen nachgeben. Viele adipöse Patienten berichten auch, dass sie in bestimmten Situationen "einfach Schokolade essen müssen."

"Wir untersuchen welche Rolle das Gehirn dabei spielt, dass manche Menschen zu einem solchen rigiden Gewohnheitshandeln neigen und andere ihr Handeln stärker an dem Wunsch gesund und schlank zu bleiben ausrichten", erklärt Horstmann. Dazu werden beispielsweise in Bilder-, Geruchs- oder Geschmacktests die Reaktionen im Gehirn bei über- und normalgewichtigen Studienteilnehmern gemessen und mit Lern- und Entscheidungsaschiedlichen Handlungsweisen erklären. Ziel von Dr. Horstmann ist es, die neurobiologischen Grundlagen des Entscheidungsverhaltens und die verschiedenen Einflüsse darauf, durch bestimmte Gene oder Botenstoffe des Gehirns, zu entschlüsseln. Dies könnte hilfreich sein, um spezielle Therapien oder Verhaltenstrainings zu entwickeln, die es ermöglichen, rigide Verhaltensweisen wieder zu "verlernen", um weniger impulsiv und stärker zielgerichtet reagieren zu können.

Hormone beeinflussen Essverhalten

Eine weitere neue Gruppe von jungen Wissenschaftlern um Dr. Wiebke Fenske untersucht die "Neuroendokrinen Mechanismen der Adipositas", insbesondere die Frage wie überschüssige Nahrungsaufnahme und Gewichtszunahme kurz- und langfristig Gehirnbereiche und -funktionen verändern, die das Essverhalten regulieren. Vor allem der Hypothalamus, ein entscheidendes Steuerungszentrum der Nahrungsaufnahme, und das Belohnungsempfinden, also das positive Gefühl nach angenehmen Reizen, wie der Nahrungsaufnahme, können nachhaltig gestört sein. Wenn das Belohnungssystem des Gehirns nur noch auf große Nahrungsmengen anspricht, macht dies Abnehmversuche und vor allem das Halten eines erreichten niedrigeren Gewichts schwierig. Es kommt zur Wiederzunahme der verlorenen Kilos, also dem Yoyo-Effekt. Eine wichtige Rolle hierbei spielen offenbar die Hormone Leptin im Hypothalamus und Dopamin, auch bekannt als "Glückshormon". Letzteres ist ein Botenstoff des Belohnungssystems, das u. a. positiv auf Antrieb, Motivation, Lust, und Freude an der Nahrungsaufnahme wirkt.

Unterschiedliche Mengen des Hormons Dopamin

"Jüngere Daten weisen darauf hin, dass adipöse Menschen mehr Nahrung konsumieren müssen, um denselben "zufriedenstellenden" Dopaminspiegel zu erreichen wie Normalgewichtige", erläutert Fenske. Diese Zusammenhänge zu entschlüsseln, haben sich die Leipziger in Kooperation mit US-amerikanischen Forschern um Prof. Ivan de Araujo von der Yale University zur Aufgabe gemacht.

Verantwortlich für die unterschiedlichen Dopaminlevels bei über- und normalgewichtigen Menschen, scheint unter anderem die Fettaufnahme mit der Nahrung zu sein. "Dopamin könnte ein wichtiger Faktor sein, warum viele Menschen etwa nach Abnehmkuren wieder Gewicht zunehmen, während Patienten, die mit Hilfe der Adipositas-Chirurgie Kilos verlieren, diese Gewichtsreduktion meist über viele Jahre halten können", so Fenske. Wie es zu diesem Unterschied kommt und welchen Einfluss die Adipositas-Chirurgie auf die Hirnregionen hat, die das Essverhalten kontrollieren, sollen die neuen Studien klären. Dies könnte neue Ansatzpunkte für nicht-operative, auch langfristig wirksame Adipositas-Therapien liefern.

Neben den nun sechs Nachwuchsgruppen in der Adipositasforschung untersuchen Wissenschaftler des IFB und der Universitätsmedizin Leipzig in über 40 verschiedenen interdisziplinären Forschungsprojekten die Ursachen, Auswirkungen und Behandlungsansätze bei krankhaftem Übergewicht und seinen Folgeerkrankungen.

Hintergrundinformationen

Das IFB AdipositasErkrankungen ist eines von acht Integrierten Forschungs- und Behandlungszentren, die in Deutschland vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert werden. Es ist eine gemeinsame Einrichtung der Universität Leipzig und des Universitätsklinikums Leipzig (AöR). Ziel der Bundesförderung ist es, Forschung und Behandlung interdisziplinär so unter einem Dach zu vernetzen, dass Ergebnisse der Forschung schneller als bisher in die Behandlung adipöser Patienten integriert werden können. Am IFB AdipositasErkrankungen gibt es derzeit über 40 Forschungsprojekte. Zur Patientenversorgung stehen eine IFB AdipositasAmbulanz für Erwachsene und eine für Kinder und Jugendliche zur Verfügung. Das IFB wird das Feld der Adipositasforschung und -behandlung in den nächsten Jahren kontinuierlich ausbauen.

(Doris Gabel)

Weitere Informationen:

Dr. Annette Horstmann
IFB AdipositasErkrankungen
Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften
Telefon: +49 341 9940-2258
E-Mail: horstmann@cbs.mpg.de
Web: www.cbs.mpg.de
Dr. Wiebke K. Fenske
IFB AdipositasErkrankungen
Medizinisches Forschungszentrum
Telefon: +49 341 97-13306
E-Mail: wiebkekristin.fenske@medizin.uni-leipzig.de
Web: www.ifb-adipositas.de
Doris Gabel
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit IFB
Telefon: +49 341 97-13361
E-Mail: presse@ifb-adipositas.de

Diana Smikalla | idw
Weitere Informationen:
http://www.ifb-adipositas.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Neuer Ansatz gegen Gastritis
10.08.2017 | Medizinische Hochschule Hannover

nachricht Wenn Schimmelpilze das Auge zerstören
10.08.2017 | Julius-Maximilians-Universität Würzburg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Wissenschaftler entdecken seltene Ordnung von Elektronen in einem supraleitenden Kristall

In einem Artikel der aktuellen Ausgabe des Forschungsmagazins „Nature“ berichten Wissenschaftler vom Max-Planck-Institut für Chemische Physik fester Stoffe in Dresden von der Entdeckung eines seltenen Materiezustandes, bei dem sich die Elektronen in einem Kristall gemeinsam in einer Richtung bewegen. Diese Entdeckung berührt eine der offenen Fragestellungen im Bereich der Festkörperphysik: Was passiert, wenn sich Elektronen gemeinsam im Kollektiv verhalten, in sogenannten „stark korrelierten Elektronensystemen“, und wie „einigen sich“ die Elektronen auf ein gemeinsames Verhalten?

In den meisten Metallen beeinflussen sich Elektronen gegenseitig nur wenig und leiten Wärme und elektrischen Strom weitgehend unabhängig voneinander durch das...

Im Focus: Wie ein Bakterium von Methanol leben kann

Bei einem Bakterium, das Methanol als Nährstoff nutzen kann, identifizierten ETH-Forscher alle dafür benötigten Gene. Die Erkenntnis hilft, diesen Rohstoff für die Biotechnologie besser nutzbar zu machen.

Viele Chemiker erforschen derzeit, wie man aus den kleinen Kohlenstoffverbindungen Methan und Methanol grössere Moleküle herstellt. Denn Methan kommt auf der...

Im Focus: Topologische Quantenzustände einfach aufspüren

Durch gezieltes Aufheizen von Quantenmaterie können exotische Materiezustände aufgespürt werden. Zu diesem überraschenden Ergebnis kommen Theoretische Physiker um Nathan Goldman (Brüssel) und Peter Zoller (Innsbruck) in einer aktuellen Arbeit im Fachmagazin Science Advances. Sie liefern damit ein universell einsetzbares Werkzeug für die Suche nach topologischen Quantenzuständen.

In der Physik existieren gewisse Größen nur als ganzzahlige Vielfache elementarer und unteilbarer Bestandteile. Wie das antike Konzept des Atoms bezeugt, ist...

Im Focus: Unterwasserroboter soll nach einem Jahr in der arktischen Tiefsee auftauchen

Am Dienstag, den 22. August wird das Forschungsschiff Polarstern im norwegischen Tromsø zu einer besonderen Expedition in die Arktis starten: Der autonome Unterwasserroboter TRAMPER soll nach einem Jahr Einsatzzeit am arktischen Tiefseeboden auftauchen. Dieses Gerät und weitere robotische Systeme, die Tiefsee- und Weltraumforscher im Rahmen der Helmholtz-Allianz ROBEX gemeinsam entwickelt haben, werden nun knapp drei Wochen lang unter Realbedingungen getestet. ROBEX hat das Ziel, neue Technologien für die Erkundung schwer erreichbarer Gebiete mit extremen Umweltbedingungen zu entwickeln.

„Auftauchen wird der TRAMPER“, sagt Dr. Frank Wenzhöfer vom Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) selbstbewusst. Der...

Im Focus: Mit Barcodes der Zellentwicklung auf der Spur

Darüber, wie sich Blutzellen entwickeln, existieren verschiedene Auffassungen – sie basieren jedoch fast ausschließlich auf Experimenten, die lediglich Momentaufnahmen widerspiegeln. Wissenschaftler des Deutschen Krebsforschungszentrums stellen nun im Fachjournal Nature eine neue Technik vor, mit der sich das Geschehen dynamisch erfassen lässt: Mithilfe eines „Zufallsgenerators“ versehen sie Blutstammzellen mit genetischen Barcodes und können so verfolgen, welche Zelltypen aus der Stammzelle hervorgehen. Diese Technik erlaubt künftig völlig neue Einblicke in die Entwicklung unterschiedlicher Gewebe sowie in die Krebsentstehung.

Wie entsteht die Vielzahl verschiedener Zelltypen im Blut? Diese Frage beschäftigt Wissenschaftler schon lange. Nach der klassischen Vorstellung fächern sich...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

International führende Informatiker in Paderborn

21.08.2017 | Veranstaltungen

Wissenschaftliche Grundlagen für eine erfolgreiche Klimapolitik

21.08.2017 | Veranstaltungen

DGI-Forum in Wittenberg: Fake News und Stimmungsmache im Netz

21.08.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Fraunhofer IPM präsentiert »Deep Learning Framework« zur automatisierten Interpretation von 3D-Daten

22.08.2017 | Informationstechnologie

Globale Klimaextreme nach Vulkanausbrüchen

22.08.2017 | Geowissenschaften

RWI/ISL-Containerumschlag-Index erreicht neuen Höchstwert

22.08.2017 | Wirtschaft Finanzen