Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Wechselstrom verkürzt Reaktionszeit im Merktest

08.08.2012
Klinische Neurophysiologen verkürzen Reaktionszeit im Merktest:
Schlaganfall- und Alzheimer-Patienten könnte Wechselstrom helfen

Viele Menschen greifen im Alltag zu Koffein, Nikotin und manche auch zu Ritalin, um Konzentration und geistige Leistungsfähigkeit zu steigern. Experten sprechen vom sogenannten Neuroenhancement. Eine ähnliche Wirkung hoffen klinische Neurophysiologen zukünftig zu erzielen, indem sie Hirnströme mit Strom verstärken. Forschern der Universität Göttingen gelang es erstmals, in einem Lernexperiment mit Testpersonen die Reaktionszeit in einem Merktest mittels transkranieller Wechselstromstimulation (tACS) deutlich zu verkürzen.

Ziel dieser Experimente sei jedoch nicht, die Leistung gesunder Menschen im Alltag zu erhöhen, betont die Deutsche Gesellschaft für Klinische Neurophysiologie und funktionelle Bildgebung (DGKN). Die Fachgesellschaft hält Einsatzgebiete in der Rehabilitation von Schlaganfall-Patienten, Alzheimer und weiteren Hirnerkrankungen für möglich.

In einem Merktest testeten die Göttinger Hirnforscher zunächst das Kurzzeitgedächtnis und die Reaktionsgeschwindigkeit ohne den Einfluss jeglicher Neuroenhancer. Auf einem Bildschirm blitzten für jeweils 350 Millisekunden einzelne Buchstaben auf. Die Testpersonen entschieden anschließend per Mausklick, an welcher Position ein bestimmter Buchstabe erschienen war. Ein Elektroenzephalogramm (EEG) maß während des Tests Hirnströme über Elektroden, die an den jeweils aktiven Bereichen auf der Kopfhaut platziert wurden. Dabei entdeckte das Team typische Hirnströme: „Immer wenn die Probanden im Test gefordert waren, erschienen 200 bis 500 Millisekunden später sogenannte phasensynchrone Theta-Wellen im EEG“, erläutert Professor Dr. med. Walter Paulus, Leiter der Abteilung für Klinische Neurophysiologie an der Universitätsmedizin Göttingen.

Um die Reaktionsgeschwindigkeit im Merktest zu verkürzen, verstärkten die klinischen Neurophysiologen genau diese Theta-Wellen mittels transkranieller Wechselstromstimulation. „Die Technik ist absolut harmlos und schmerzfrei. Die Stromwellen nehmen die Probanden nicht bewusst wahr.“ Denn die Wirkung hänge weniger von der Stromstärke ab, als von der Synchronisation mit den entdeckten Wellen im Theta-Bereich. „Die Reaktionszeit konnten wir mit dieser Methode um etwa fünf Prozent verkürzen“, so Paulus.

Wie die Wirkung zustande kommt, ist nicht geklärt. Experten gehen davon aus, dass der Strom die Bildung neuer Kontakte zwischen Nerven im Gehirn stimuliert oder ruhende Synapsen aktiviert. Der DGKN-Experte sieht die Anwendung beispielsweise in der Rehabilitation von Schlaganfall-Patienten: „Die Therapie könnte überlebende Hirnzellen trainieren, verloren gegangene Aufgaben zu übernehmen und dadurch etwa Lähmungen lindern“, so Paulus. Eine ähnliche Technik, die transkranielle Gleichstromstimulation (tDCS), werde derzeit bereits an Schlaganfall-Patienten erprobt. Auch bei Morbus Alzheimer, der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) oder Schizophrenie sei ein Einsatz vorstellbar. Eine Alltagsrelevanz sieht der DGKN-Experte derzeit jedoch nicht. „Ein Einsatz der tACS oder tDCS als Neuroenhancer vergleichbar zu Nikotin oder Koffein ist noch in weiter Ferne“, sagt Paulus.

Quelle:
Polanía R., Nitsche MA, Korman C., Batsikadze G., Paulus W.: The Importance of Timing in Segregated Theta Phase-Coupling for Cognitive Performance.
Current Biology 2012; doi: 10.1016/j.cub.2012.05.021
http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S096098221200574X
Kontakt für Journalisten:
Pressestelle DGKN
Kathrin Gießelmann
Postfach 30 11 20
70451 Stuttgart
Tel.: 0711 8931-981
Fax: 0711 8931-167
giesselmann@medizinkommunikation.org
Die Deutsche Gesellschaft für Klinische Neurophysiologie und funktionelle Bildgebung (DGKN) ist die medizinisch-wissenschaftliche Fachgesellschaft für Ärzte und Wissenschaftler in Deutschland, die auf dem Gebiet der klinischen und experimentellen Neurophysiologie tätig sind. Anliegen der DGKN ist es, die Forschung auf diesem Gebiet zu fördern sowie eine qualitätsgesicherte Aus-, Weiter- und Fortbildung zu garantieren. Zu diesem Zweck richtet die DGKN wissenschaftliche Tagungen, Symposien und Fortbildungsveranstaltungen aus. Sie erarbeitet Richtlinien und Empfehlungen für die Anwendung von Methoden wie EEK, EMG oder Ultraschall. Darüber hinaus setzt sich die DGKN für den wissenschaftlichen Nachwuchs ein, indem sie etwa Stipendien und Preise vor allem für junge Forscher vergibt. Die Methoden der klinischen Neurophysiologie kommen Patienten bei der Diagnose und Therapie von neurologischen Erkrankungen wie Parkinson, Alzheimer, Migräne, Epilepsie, Schlaganfall oder Multiple Sklerose zugute.

Kathrin Gießelmann | idw
Weitere Informationen:
http://www.dgkn.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Wachablösung im Immunsystem: wie Dendritische Zellen ihre Bewaffnung an Mastzellen übergeben
16.11.2017 | Universitätsklinikum Magdeburg

nachricht Wie Lungenkrebs zur Entstehung von Lungenhochdruck führt
16.11.2017 | Justus-Liebig-Universität Gießen

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Ultrakalte chemische Prozesse: Physikern gelingt beispiellose Vermessung auf Quantenniveau

Wissenschaftler um den Ulmer Physikprofessor Johannes Hecker Denschlag haben chemische Prozesse mit einer beispiellosen Auflösung auf Quantenniveau vermessen. Bei ihrer wissenschaftlichen Arbeit kombinierten die Forscher Theorie und Experiment und können so erstmals die Produktzustandsverteilung über alle Quantenzustände hinweg - unmittelbar nach der Molekülbildung - nachvollziehen. Die Forscher haben ihre Erkenntnisse in der renommierten Fachzeitschrift "Science" publiziert. Durch die Ergebnisse wird ein tieferes Verständnis zunehmend komplexer chemischer Reaktionen möglich, das zukünftig genutzt werden kann, um Reaktionsprozesse auf Quantenniveau zu steuern.

Einer deutsch-amerikanischen Forschergruppe ist es gelungen, chemische Prozesse mit einer nie dagewesenen Auflösung auf Quantenniveau zu vermessen. Dadurch...

Im Focus: Leoniden 2017: Sternschnuppen im Anflug?

Gemeinsame Pressemitteilung der Vereinigung der Sternfreunde und des Hauses der Astronomie in Heidelberg

Die Sternschnuppen der Leoniden sind in diesem Jahr gut zu beobachten, da kein Mondlicht stört. Experten sagen für die Nächte vom 16. auf den 17. und vom 17....

Im Focus: «Kosmische Schlange» lässt die Struktur von fernen Galaxien erkennen

Die Entstehung von Sternen in fernen Galaxien ist noch weitgehend unerforscht. Astronomen der Universität Genf konnten nun erstmals ein sechs Milliarden Lichtjahre entferntes Sternensystem genauer beobachten – und damit frühere Simulationen der Universität Zürich stützen. Ein spezieller Effekt ermöglicht mehrfach reflektierte Bilder, die sich wie eine Schlange durch den Kosmos ziehen.

Heute wissen Astronomen ziemlich genau, wie sich Sterne in der jüngsten kosmischen Vergangenheit gebildet haben. Aber gelten diese Gesetzmässigkeiten auch für...

Im Focus: A “cosmic snake” reveals the structure of remote galaxies

The formation of stars in distant galaxies is still largely unexplored. For the first time, astron-omers at the University of Geneva have now been able to closely observe a star system six billion light-years away. In doing so, they are confirming earlier simulations made by the University of Zurich. One special effect is made possible by the multiple reflections of images that run through the cosmos like a snake.

Today, astronomers have a pretty accurate idea of how stars were formed in the recent cosmic past. But do these laws also apply to older galaxies? For around a...

Im Focus: Pflanzenvielfalt von Wäldern aus der Luft abbilden

Produktivität und Stabilität von Waldökosystemen hängen stark von der funktionalen Vielfalt der Pflanzengemeinschaften ab. UZH-Forschenden gelang es, die Pflanzenvielfalt von Wäldern durch Fernerkundung mit Flugzeugen in verschiedenen Massstäben zu messen und zu kartieren – von einzelnen Bäumen bis hin zu ganzen Artengemeinschaften. Die neue Methode ebnet den Weg, um zukünftig die globale Pflanzendiversität aus der Luft und aus dem All zu überwachen.

Ökologische Studien zeigen, dass die Pflanzenvielfalt zentral ist für das Funktionieren von Ökosys-temen. Wälder mit einer höheren funktionalen Vielfalt –...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Technologievorsprung durch Textiltechnik

17.11.2017 | Veranstaltungen

Roboter für ein gesundes Altern: „European Robotics Week 2017“ an der Frankfurt UAS

17.11.2017 | Veranstaltungen

Börse für Zukunftstechnologien – Leichtbautag Stade bringt Unternehmen branchenübergreifend zusammen

17.11.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Technologievorsprung durch Textiltechnik

17.11.2017 | Veranstaltungsnachrichten

IHP präsentiert sich auf der productronica 2017

17.11.2017 | Messenachrichten

Roboter schafft den Salto rückwärts

17.11.2017 | Innovative Produkte