Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Vorhofflimmern – schonend zurück in den Tak

14.07.2011
Forscher entwickeln neues Verfahren zur Niedrig-Energie-Defibrillation

Eine neue Methode, Herzflimmern schonend und schmerzfrei zu behandeln, hat ein Forscherteam unter Leitung von Wissenschaftlern des Max-Planck-Instituts für Dynamik und Selbstorganisation in Göttingen und der Cornell University in Ithaca, USA, entwickelt.


Herzflimmern. Drei mit kurzem zeitlichem Abstand aufeinanderfolgende Momentaufnahmen von raum-zeitlich chaotischer Erregung des Herzens. Dieser Zustand ungeordneter, elektrischer Erregung kann zum Erliegen der Pumpfunktion des Herzens und zum plötzlichen Herztod führen. LEAP erlaubt die schonende und schmerzfreie Beendigung dieses lebensgefährlichen Zustandes. Bildausschnitt: 6 x 6 cm2. Bedeutung der Farben: schwarz = ruhend, gelb = erregt. MPI für Dynamik und Selbstorganisation

Erstmals konnten die Forscher am Tiermodell zeigen, dass eine Abfolge niedrig-energetischer elektrischer Pulse Vorhofflimmern erfolgreich beenden kann. Dabei kommt die so genannte Niedrig-Energie-Defibrillation mit etwa 84 Prozent weniger Energie aus als die herkömmliche Defibrillation.

An der neuen Studie waren auch Wissenschaftler der Universitätsmedizin Göttingen, des Rochester Institute of Technology, der Ecole Normale Supérieure de Lyon und des Laboratoire Non-Linéaire de Nice maßgeblich beteiligt.

In einem gesunden Herzen steuern elektrische Impulse, die sich geordnet entlang des Herzmuskels ausbreiten, die mechanische Pumpaktivität des Organs: In regelmäßigem Takt ziehen sich Herzkammern und Vorhöfe zusammen und erschlaffen danach wieder. Bei Menschen, die unter Herzrhythmusstörungen leiden, funktioniert dies nicht zuverlässig. Die elektrischen Signale breiten sich chaotisch in spiralförmigen Wellen im Herzen aus, unterbinden den regelmäßigen Herzschlag und verhindern so, dass der Körper adäquat mit Blut versorgt wird. Etwa ein bis zwei Millionen Menschen in Deutschland sind vom so genannten Vorhofflimmern betroffen.

Für Patienten, bei denen Vorhofflimmern auftritt, gibt es die Möglichkeit der Defibrillation, auch Kardioversion genannt. Ein starker elektrischer Puls, den die Betroffenen als schmerzhaft empfinden und der das umliegende Gewebe schädigen kann, bringt das Herz zurück in den gewohnten Takt. Aufgrund der Schmerzhaftigkeit wird die Defibrillation in der Regel während einer kurzen Narkose durchgeführt. Die Forscher um Stefan Luther vom Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation und Flavio H. Fenton von der Cornell University setzen nun auf eine andere Methode: die Niedrig-Energie-Defibrillation.

Mit Hilfe eines Herzkatheters erzeugen die Forscher eine Abfolge von fünf vergleichsweise schwachen elektrischen Pulsen im Herzen. „Wenige Sekunden später schlägt das Herz wieder regelmäßig“, beschreibt Luther die jüngsten Ergebnisse. Die Energiemenge, die dem Herzen in Form von elektrischen Pulsen zugeführt wird, lässt sich im Vergleich mit der herkömmlichen Methode so um 84 Prozent verringern.

Obwohl beide Verfahren auf den ersten Blick ähnlich funktionieren, lösen sie innerhalb des Herzens völlig verschiedene Prozesse aus. „Der klassische Defibrillator legt auf einen Schlag alle Zellen des Organs gleichzeitig lahm“, erklärt Robert F. Gilmour von der Cornell University. Für einen kurzen Moment können sie keinerlei elektrische Signale weiterleiten; die lebensbedrohlichen, chaotischen Wellen werden unterbunden. Danach kehrt das Herz in seinen gewohnten, gesunden Takt zurück – wie ein Computer, den man kurz aus- und wieder einschaltet.

Das neue Verfahren beendet die chaotischen Wellen im Herzen hingegen Schritt für Schritt. „Unsere wichtigsten Helfer dabei sind natürliche Inhomogenitäten im Herzen wie etwa Fettgewebe, Blutgefäße oder Bindegewebe“, erklärt Eberhard Bodenschatz, Direktor am Max-Planck-Institut. In Experimenten und Simulationen konnten die Forscher zeigen, dass diese Inhomogenitäten Ausgangspunkte für geordnete Wellen sein können. „Recht schwache elektrische Signale reichen aus, um die Zellen an diesen Stellen anzuregen, wieder „normale“ Wellen auszusenden“, erklärt Fenton. Mit jedem Puls werden mehr Inhomogenitäten aktiviert, so dass sie die chaotischen Wellen nach und nach verdrängen und das gesamte Organ wieder in den richtigen Takt versetzen.

Grundsätzlich lassen sich die Ergebnisse auch auf die Defibrillation von Kammerflimmern übertragen, eine lebensbedrohliche Rhythmusstörung, die durch einen internen oder externen Defibrillator beendet werden kann. Für viele Patienten mit implantiertem Cardioverter-Defibrillator könnte die neue Technik Schmerzen vermindern, die Erfolgsrate der Behandlung erhöhen und die Batterielebensdauer verlängern und damit die Häufigkeit des chirurgischen Geräteaustausches reduzieren.

„Die Niedrig-Energie-Defibrillation ist eine bahnbrechende Entwicklung und ein hervorragendes Beispiel einer erfolgreichen Kooperation zwischen Grundlagenwissenschaftlern und Klinikern mit unmittelbarer Bedeutung für die Entwicklung neuer Therapieverfahren“, sagt Markus Zabel, Leiter der Klinischen Elektrophysiologie der Abteilung Kardiologie und Pneumologie der Universitätsmedizin Göttingen. „Wir arbeiten intensiv daran, diese neu Technik so schnell wie möglich zur Behandlung unserer Patienten einsetzen zu können“, ergänzt Gerd Hasenfuss, Vorsitzender des Herzzentrums der Universitätsmedizin Göttingen.

Diese Forschung wurde finanziert durch die Max Planck Gesellschaft, durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (FKZ 01EZ0905/6) und im Rahmen des European Community's Seventh Framework Programme FP7/2007–2013, HEALTH-F2-2009-241526 (EUTrigTreat).

Kontakt:

Dr. Birgit Krummheuer
Press Office
Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation, Göttingen
Telefon: +49 551 5176-668
Prof. Stefan Luther
Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation, Göttingen
Telefon: +49 551 5176-370
E-Mail: stefan.luther@ds.mpg.de
E-Mail: birgit.krummheuer@ds.mpg.de
Dr. Flavio Fenton
Department of Biomedical Sciences/Cornell University
Telefon: +1 516 672-6003
E-Mail: flavio.h.fenton@cornell.edu
Prof. Dr. Markus Zabel
Abteilung Kardiologie und Pneumologie - Herzzentrum Göttingen
Universitätsmedizin Göttingen, Georg-August-Universität
Telefon: +49 551 39-10265
E-Mail: markus.zabel@med.uni-goettingen.de
Originalpublikation:
Stefan Luther, Flavio H. Fenton, Bruce G. Kornreich, Amgad Squires, Philip Bittihn, Daniel Hornung, Markus Zabel, James Flanders, Andrea Gladuli, Luis Campoy, Elizabeth M. Cherry, Gisa Luther, Gerd Hasenfuss, Valentin I. Krinsky, Alain Pumir, Robert F. Gilmour Jr., Eberhard Bodenschatz:
Low-energy Control of Electrical Turbulence in the Heart
Nature, 14 July 2011

Barbara Abrell | Max-Planck-Gesellschaft
Weitere Informationen:
http://www.mpg.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Die neue Achillesferse von Blutkrebs
22.05.2018 | Ludwig Boltzmann Gesellschaft

nachricht Schnelltests für genauere Diagnose bei Hirntumoren
17.05.2018 | Universitätsklinikum Heidelberg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Kosmische Ravioli und Spätzle

Die inneren Monde des Saturns sehen aus wie riesige Ravioli und Spätzle. Das enthüllten Bilder der Raumsonde Cassini. Nun konnten Forscher der Universität Bern erstmals zeigen, wie diese Monde entstanden sind. Die eigenartigen Formen sind eine natürliche Folge von Zusammenstössen zwischen kleinen Monden ähnlicher Grösse, wie Computersimulationen demonstrieren.

Als Martin Rubin, Astrophysiker an der Universität Bern, die Bilder der Saturnmonde Pan und Atlas im Internet sah, war er verblüfft. Die Nahaufnahmen der...

Im Focus: Self-illuminating pixels for a new display generation

There are videos on the internet that can make one marvel at technology. For example, a smartphone is casually bent around the arm or a thin-film display is rolled in all directions and with almost every diameter. From the user's point of view, this looks fantastic. From a professional point of view, however, the question arises: Is that already possible?

At Display Week 2018, scientists from the Fraunhofer Institute for Applied Polymer Research IAP will be demonstrating today’s technological possibilities and...

Im Focus: Raumschrott im Fokus

Das Astronomische Institut der Universität Bern (AIUB) hat sein Observatorium in Zimmerwald um zwei zusätzliche Kuppelbauten erweitert sowie eine Kuppel erneuert. Damit stehen nun sechs vollautomatisierte Teleskope zur Himmelsüberwachung zur Verfügung – insbesondere zur Detektion und Katalogisierung von Raumschrott. Unter dem Namen «Swiss Optical Ground Station and Geodynamics Observatory» erhält die Forschungsstation damit eine noch grössere internationale Bedeutung.

Am Nachmittag des 10. Februars 2009 stiess über Sibirien in einer Höhe von rund 800 Kilometern der aktive Telefoniesatellit Iridium 33 mit dem ausgedienten...

Im Focus: Bose-Einstein-Kondensat im Riesenatom - Universität Stuttgart untersucht exotisches Quantenobjekt

Passt eine ultrakalte Wolke aus zehntausenden Rubidium-Atomen in ein einzelnes Riesenatom? Forscherinnen und Forschern am 5. Physikalischen Institut der Universität Stuttgart ist dies erstmals gelungen. Sie zeigten einen ganz neuen Ansatz, die Wechselwirkung von geladenen Kernen mit neutralen Atomen bei weitaus niedrigeren Temperaturen zu untersuchen, als es bisher möglich war. Dies könnte einen wichtigen Schritt darstellen, um in Zukunft quantenmechanische Effekte in der Atom-Ion Wechselwirkung zu studieren. Das renommierte Fachjournal Physical Review Letters und das populärwissenschaftliche Begleitjournal Physics berichteten darüber.*)

In dem Experiment regten die Forscherinnen und Forscher ein Elektron eines einzelnen Atoms in einem Bose-Einstein-Kondensat mit Laserstrahlen in einen riesigen...

Im Focus: Algorithmen für die Leberchirurgie – weltweit sicherer operieren

Die Leber durchlaufen vier komplex verwobene Gefäßsysteme. Die chirurgische Entfernung von Tumoren ist daher oft eine schwierige Aufgabe. Das Fraunhofer-Institut für Bildgestützte Medizin MEVIS hat Algorithmen entwickelt, die die Bilddaten von Patienten analysieren und chirurgische Risiken berechnen. Leberkrebsoperationen werden damit besser planbar und sicherer.

Jährlich erkranken weltweit 750.000 Menschen neu an Leberkrebs, viele weitere entwickeln Lebermetastasen aufgrund anderer Krebserkrankungen. Ein chirurgischer...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

48V im Fokus!

21.05.2018 | Veranstaltungen

„Data Science“ – Theorie und Anwendung: Internationale Tagung unter Leitung der Uni Paderborn

18.05.2018 | Veranstaltungen

Visual-Computing an Bord der MS Wissenschaft

17.05.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

22. Business Forum Qualität: Vom Smart Device bis zum Digital Twin

22.05.2018 | Veranstaltungsnachrichten

Kosmische Ravioli und Spätzle

22.05.2018 | Physik Astronomie

Licht zur Herstellung energiereicher Chemikalien nutzen

22.05.2018 | Biowissenschaften Chemie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics