Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Virotherapie bei fortgeschrittenem Bauchfellkrebs - erste Ergebnisse einer Klinischen Studie

02.11.2012
Erste Studienergebnisse am Universitätsklinikum Tübingen weisen auf Verträglichkeit und Wirksamkeit virotherapeutischer Behandlungen von Patienten mit Chemotherapie-resistentem Bauchfellkrebs hin.

Auf dem momentan in Berlin stattfindenden 8. Weltkongress (30. Oktober bis 2. November 2012) über bösartige Tumorerkrankungen des Bauchfells (Peritonealkarzinose) hat die Abteilung für Gastroenterologie, Hepatologie und Infektiologie des Universitätsklinikums Tübingen erste Ergebnisse zu einer neuartigen Studien-Behandlung von Patienten mit Chemotherapie-resistentem Bauchfellkrebs vorgestellt.

Bei diesem als Virotherapie bezeichneten Verfahren werden Krebspatienten im Rahmen einer Klinischen Prüfung modifizierte Impfviren verabreicht, die Tumorzellen gezielt befallen und sich in diesen nahezu ungebremst vermehren können. Im Erfolgsfall werden pro Tumorzelle Tausende von Nachkommenviren gebildet, was am Ende des Infektionsprozesses in einem massenhaftem Aufplatzen der befallenen Tumorzellen (der sogenannten Onkolyse) endet.

Durch diesen Mechanismus können große Teile von Tumorgewebe zerstört werden. Die neu freigesetzten Nachkommenviren infizieren dann weitere, bis dahin noch nicht befallene Tumorzellen, bevorzugt in der unmittelbaren Nachbarschaft. Auf diese Weise entsteht bei dieser neuartigen biologischen Krebstherapie ein Domino-Effekt, der von keinem einzigen der bisher zugelassenen Krebsmedikamente erreicht wird.

Da gesunde Zellen im Gegensatz zu Tumorzellen genetisch nicht verändert sind und deshalb über eine intakte Immunabwehr verfügen, werden diese in der Regel nur zu einem geringen Grad infiziert und sind dann gegenüber den hier eingesetzten Impfviren in der Lage, jegliche Form einer höhergradigen Virusvermehrung erst gar nicht zuzulassen.

Eine Besonderheit bei der Tübingen Virotherapiestudie besteht darin, dass die Virotherapeutika nicht - wie bei anderen Krebsmedikamenten meist üblich - intravenös verabreicht werden, sondern über einen Katheter alle 28 Tage direkt in die Bauchfellhöhle appliziert werden. Damit gelangen die Virotherapeutika unmittelbar zu den aggressiv wachsenden Tumorherden. Dadurch können die Impfviren direkt und ohne vorherige größere “Scharmützel” mit dem Immunsystem die entsprechenden Tumoroberflächen infizieren.

“Die bisherigen Erfahrungen mit unseren Tübinger Studienpatienten zeigen, dass das von uns eingesetzte Virotherapeutikum GL-ONC1 der Fa. Genelux, Bernried, bei direkter Applikation in die Bauchfellhöhle gut vertragen wird”, berichtet der Tübinger Studienleiter Prof. Ulrich M. Lauer. “Obwohl wir noch in einer sehr frühen Phase unserer Klinischen Prüfung sind, haben wir bereits in der ersten Patientengruppe ermutigende und vielversprechende Daten gesehen, die darauf hinweisen, dass wir über längere Zeiträume hinweg zu einer effizienten Vermehrung der Impfviren in Tumorherden kommen können. Weitere Ergebnisse zeigen, dass wir Krebszellen, die sich in der Bauchfellflüssigkeit finden, effizient infizieren und lysieren können; d.h., die von unseren Impfviren getroffenen Zellen platzen auf und werden dadurch unwiederbringlich zerstört (Onkolyse)”.

Eine Besonderheit des Virotherapeutikums GL-ONC1 besteht darin, dass von diesem spezielle Markerproteine unmittelbar nach Infektion der Tumorzellen produziert werden, die sich dann in der Bauchfellhöhle, aber auch im Blut der behandelten Krebspatienten mengenmäßig bestimmen lassen. “Mit Hilfe der vom Impfvirus hergestellten Markerproteine können wir kurzfristig den Infektionsverlauf und die Zerstörung der Tumorzellen überwachen, was uns eine unmittelbare Abschätzung der erzielten onkolytischen Wirkung ermöglicht”, führt Prof. Lauer weiter aus.

Bei dieser Phase I/II-Studie wird das Studienvirus GL-ONC1 als alleiniges Therapeutikum verabreicht; von Patientengruppe zu Patientengruppe erfolgt eine Dosissteigerung. Patienten mit hochagressiven Tumoren wie beispielsweise Magenkarzinom, Pankreaskarzinom, Kolorektalem Karzinom oder Ovarialkarzinom können daran teilnehmen, wenn bei Ihnen eine Absiedelung in die Bauchfellhöhle nachgewiesen wurde.

Seit April 2012 haben bislang 4 Patienten insgesamt 8 Infusionen in die Bauchfellhöhle erhalten. Drei Patienten aus der ersten Dosis-Gruppe erhielten 1x107 infektiöse Viruspartikel (niedrigste Dosisstufe), ein erster Patient aus der zweiten Dosisgruppe erhielt 1x108 Impfviren.

Im weiteren Verlauf soll in dieser Studie am Universitätsklinikum Tübingen in erster Linie bestimmt werden, wie sich das Sicherheitsprofil dieser Virotherapie-Modalität darstellt. Darüber hinaus wird geprüft, inwiefern Lebensqualität und Überleben der behandelten Patienten verbessert werden können. In die Studie sollen insgesamt bis zu 30 Patienten in zwei Studienphasen eingeschlossen werden.

Weiterführende Informationen finden sich unter www.clinicaltrials.gov (NCT01443260).

Medienkontakt

Universitätsklinikum Tübingen
Medizinische Klinik, Abteilung Innere Medizin I
Hepatologie, Gastroenterologie, Infektiologie
Prof. Dr. med. Ulrich M. Lauer
Otfried-Müller-Str. 10, D-72076 Tübingen
Tel. +49-7071/29-8 31 90
FAX +49-7071/29-46 86
E-Mail: ulrich.lauer@uni-tuebingen.de

Dr. Ellen Katz | idw
Weitere Informationen:
http://www.medizin.uni-tuebingen.de
http://www.clinicaltrials.gov

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Tollwutviren zeigen Verschaltungen im gläsernen Gehirn
19.01.2017 | Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

nachricht Sicher und gesund arbeiten mit Datenbrillen
13.01.2017 | Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Erstmalig quantenoptischer Sensor im Weltraum getestet – mit einem Lasersystem aus Berlin

An Bord einer Höhenforschungsrakete wurde erstmals im Weltraum eine Wolke ultrakalter Atome erzeugt. Damit gelang der MAIUS-Mission der Nachweis, dass quantenoptische Sensoren auch in rauen Umgebungen wie dem Weltraum eingesetzt werden können – eine Voraussetzung, um fundamentale Fragen der Wissenschaft beantworten zu können und ein Innovationstreiber für alltägliche Anwendungen.

Gemäß dem Einstein’schen Äquivalenzprinzip werden alle Körper, unabhängig von ihren sonstigen Eigenschaften, gleich stark durch die Gravitationskraft...

Im Focus: Quantum optical sensor for the first time tested in space – with a laser system from Berlin

For the first time ever, a cloud of ultra-cold atoms has been successfully created in space on board of a sounding rocket. The MAIUS mission demonstrates that quantum optical sensors can be operated even in harsh environments like space – a prerequi-site for finding answers to the most challenging questions of fundamental physics and an important innovation driver for everyday applications.

According to Albert Einstein's Equivalence Principle, all bodies are accelerated at the same rate by the Earth's gravity, regardless of their properties. This...

Im Focus: Mikrobe des Jahres 2017: Halobacterium salinarum - einzellige Urform des Sehens

Am 24. Januar 1917 stach Heinrich Klebahn mit einer Nadel in den verfärbten Belag eines gesalzenen Seefischs, übertrug ihn auf festen Nährboden – und entdeckte einige Wochen später rote Kolonien eines "Salzbakteriums". Heute heißt es Halobacterium salinarum und ist genau 100 Jahre später Mikrobe des Jahres 2017, gekürt von der Vereinigung für Allgemeine und Angewandte Mikrobiologie (VAAM). Halobacterium salinarum zählt zu den Archaeen, dem Reich von Mikroben, die zwar Bakterien ähneln, aber tatsächlich enger verwandt mit Pflanzen und Tieren sind.

Rot und salzig
Archaeen sind häufig an außergewöhnliche Lebensräume angepasst, beispielsweise heiße Quellen, extrem saure Gewässer oder – wie H. salinarum – an...

Im Focus: Innovatives Hochleistungsmaterial: Biofasern aus Florfliegenseide

Neuartige Biofasern aus einem Seidenprotein der Florfliege werden am Fraunhofer-Institut für Angewandte Polymerforschung IAP gemeinsam mit der Firma AMSilk GmbH entwickelt. Die Forscher arbeiten daran, das Protein in großen Mengen biotechnologisch herzustellen. Als hochgradig biegesteife Faser soll das Material künftig zum Beispiel in Leichtbaukunststoffen für die Verkehrstechnik eingesetzt werden. Im Bereich Medizintechnik sind beispielsweise biokompatible Seidenbeschichtungen von Implantaten denkbar. Ein erstes Materialmuster präsentiert das Fraunhofer IAP auf der Internationalen Grünen Woche in Berlin vom 20.1. bis 29.1.2017 in Halle 4.2 am Stand 212.

Zum Schutz des Nachwuchses vor bodennahen Fressfeinden lagern Florfliegen ihre Eier auf der Unterseite von Blättern ab – auf der Spitze von stabilen seidenen...

Im Focus: Verkehrsstau im Nichts

Konstanzer Physiker verbuchen neue Erfolge bei der Vermessung des Quanten-Vakuums

An der Universität Konstanz ist ein weiterer bedeutender Schritt hin zu einem völlig neuen experimentellen Zugang zur Quantenphysik gelungen. Das Team um Prof....

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Hybride Eisschutzsysteme – Lösungen für eine sichere und nachhaltige Luftfahrt

23.01.2017 | Veranstaltungen

Mittelstand 4.0 – Mehrwerte durch Digitalisierung: Hintergründe, Beispiele, Lösungen

20.01.2017 | Veranstaltungen

Nachhaltige Wassernutzung in der Landwirtschaft Osteuropas und Zentralasiens

19.01.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Erstmalig quantenoptischer Sensor im Weltraum getestet – mit einem Lasersystem aus Berlin

23.01.2017 | Physik Astronomie

Vom Feld in die Schule: Aktuelle Forschung zu moderner Landwirtschaft für den Unterricht

23.01.2017 | Bildung Wissenschaft

Hybride Eisschutzsysteme – Lösungen für eine sichere und nachhaltige Luftfahrt

23.01.2017 | Veranstaltungsnachrichten