Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Zu viel Vitamin D in Schwangerschaft kann Nahrungsmittelallergien auslösen

27.02.2013
Schwangere sollten auf die zusätzliche Einnahme von Vitamin D verzichten. Offenbar kann eine Substitution das Risiko erhöhen, dass die Kinder nach der Geburt eine Nahrungsmittelallergie entwickeln. Das ist das Fazit einer aktuellen Studie des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung und der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, die jetzt in der Februar-Ausgabe des Fachblatts Allergy veröffentlicht wurde.

Vitamin D hat seit jeher einen guten Ruf: Es stärkt die Knochen, schützt gerade in der kalten Jahreszeit vor Infektionen und unterstützt das Nerven- und Muskelsystem. Insbesondere in der Prävention und Therapie von Rachitis wird es weltweit seit rund 50 Jahren bei Säuglingen und Kleinkindern eingesetzt. In jüngster Zeit jedoch hinterfragen wissenschaftliche Untersuchungen zunehmend die positive Sicht auf das „Knochen-Vitamin“. Ende der 1990er Jahre wurde erstmals auf den Zusammenhang zwischen einem hohen Vitamin-D-Spiegel und der Entstehung von Allergien aufmerksam gemacht.

Um diesem Problem nachzugehen widmete sich Dr. Kristin Weiße vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig gemeinsam mit der Arbeitsgruppe um Prof. Gabriele Stangl vom Institut für Ernährungswissenschaften der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg der Fragestellung: Lässt sich eine Korrelation zwischen der Vitamin-D-Konzentration im Blut von werdenden Müttern und im Nabelschnurblut einerseits sowie dem Immunstatus zum Zeitpunkt der Geburt und allergischen Erkrankungen des Kindes später im Leben andererseits nachweisen? Oder anders formuliert: Beeinflusst der Vitamin-D-Spiegel der werdenden Mutter das Allergierisiko des Kindes?

Zur Untersuchung dieser Fragestellung konnte das Team um Dr. Kristin Weiße aus Leipzig auf die LiNA-Kohorte zurückgreifen, die das Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) gemeinsam mit dem Städtischen Klinikum St. Georg unter der Leitung von Dr. Irina Lehmann zwischen 2006 und 2008 aufgebaut hat. Insgesamt 622 Mütter mit 629 geborenen Kindern konnten in die Langzeit-Studie „Lebensstil und Umweltfaktoren und deren Einfluss auf das Neugeborenen-Allergierisiko“ einbezogen werden. Gemessen wurde der Vitamin-D-Spiegel zum einen im Blut der schwangeren Mütter und zum anderen im Nabelschnurblut der geborenen Kinder.

Daneben wurde über Fragebögen das Auftreten von Nahrungsmittelallergien bei den Kindern in den ersten beiden Lebensjahren erfasst. Das Ergebnis ist deutlich: Wird bei werdenden Müttern ein niedriger Vitamin-D-Spiegel im Blut nachgewiesen, dann treten bei ihren zweijährigen Kindern Nahrungsmittelallergien seltener auf als bei werdenden Müttern mit einem hohen Vitamin-D-Spiegel. In der Umkehrung bedeutet das: Ein hohes Vitamin-D-Niveau bei Schwangeren trägt zu einem erhöhten Risiko für die ungeborenen Kinder bei, im Kleinkindalter an einer Nahrungsmittelallergie zu erkranken.

Zudem zeigen die Kinder einen erhöhten Wert an spezifischem Immunglobulin E gegenüber Nahrungsmittelallergenen wie Hühnereiweiß, Milcheiweiß, Weizenmehl, Erdnuss oder Sojabohne. Außerdem fanden die UFZ-Wissenschaftlerinnen einen Hinweis auf den Mechanismus, der dem Zusammenhang Vitamin D-Nahrungsmittelallergie zugrunde liegen könnte. Dr. Gunda Herberth – gleichfalls aus dem Department Umweltimmunologie des UFZ – schaute sich die Immunantwort der betroffenen Kinder genauer an und analysierte vor allem regulatorische T-Zellen im Nabelschnurblut. Diese Zellen können eine Überreaktion des Immunsystems auf Allergene verhindern und damit vor Allergien schützen.

Aus ihren früheren Analysen wissen die UFZ-Forscher: Gibt es zu wenig dieser regulatorischen T-Zellen im Nabelschnurblut steigt das Risiko für Allergien. Das erstaunliche Ergebnis aus der aktuellen Untersuchung: Je mehr Vitamin D im Blut von Mutter und Kind zu finden war, umso weniger regulatorische T-Zellen waren nachweisbar. So könnte der gefundene Zusammenhang bedeuten, dass ein Zuviel an Vitamin D die Entwicklung von regulatorischen T-Zellen unterdrückt und damit das Allergierisiko steigert.

Dr. Kristin Weiße erklärt, dass der Vitamin-D-Spiegel neben der Ernährung hauptsächlich von Bedingungen wie Jahreszeit, Sonnenexposition und Aufenthalt im Freien beeinflusst wird, Faktoren, die in den vorliegenden Risikoanalysen Vitamin-D – Nahrungsmittelallergie ebenfalls berücksichtigt wurden. Auch wenn die Entstehung von Nahrungsmittelallergien bei weitem nicht einzig und allein vom Vitamin-D-Spiegel abhängt, ist es doch wichtig, diesen Faktor zu berücksichtigen. Die UFZ–Forscher würden Schwangeren eher nicht empfehlen, Vitamin D-Ergänzungspräparate einzunehmen. „Basierend auf unseren Daten kann ein Zuviel an Vitamin D letztlich das Risiko erhöhen, dass die Kinder im Laufe der ersten beiden Lebensjahre eine Nahrungsmittelallergie entwickeln.“
Daniela Weber

Publikation:
Weisse, K., Winkler, S., Hirche, F., Herberth, G., Hinz, D., Bauer, M., Roeder, S., Rolle-Kampczyk, U., von Bergen, M., Olek, S., Richter, T., Diez, U., Borte, M., Stangl, G.I., Lehmann, I. (2013): Maternal and newborn vitamin D status and its impact on food allergy development in the German LINA cohort study. Allergy 68 (2), 220 – 228.
http://dx.doi.org/10.1111/all.12081
Die Untersuchungen der LiNA-Studie wurden der Helmholtz-Gemeinschaft unterstützt.

Weitere Informationen:
Dr. Irina Lehmann, Dr. Kristin Weiße
Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ)
Telefon: 0341-235-1216, -1264, -1547
http://www.ufz.de/index.php?de=4384
oder über
Tilo Arnhold (UFZ-Pressestelle)
Telefon: 0341-235-1635
http://www.ufz.de/index.php?de=640

Weiterführende Links:
LiNA-Studie (Lebensstil und Umweltfaktoren und deren Einfluss auf das Neugeborenen- Allergierisiko)
http://www.ufz.de/index.php?de=10309

Im Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) erforschen Wissenschaftler die Ursachen und Folgen der weit reichenden Veränderungen der Umwelt. Sie befassen sich mit Wasserressourcen, biologischer Vielfalt, den Folgen des Klimawandels und Anpassungsmöglichkeiten, Umwelt- und Biotechnologien, Bioenergie, dem Verhalten von Chemikalien in der Umwelt, ihrer Wirkung auf die Gesundheit, Modellierung und sozialwissenschaftlichen Fragestellungen. Ihr Leitmotiv: Unsere Forschung dient der nachhaltigen Nutzung natürlicher Ressourcen und hilft, diese Lebensgrundlagen unter dem Einfluss des globalen Wandels langfristig zu sichern. Das UFZ beschäftigt an den Standorten Leipzig, Halle und Magdeburg 1000 Mitarbeiter. Es wird vom Bund sowie von Sachsen und Sachsen-Anhalt finanziert.
http://www.ufz.de/

Die Helmholtz-Gemeinschaft leistet Beiträge zur Lösung großer und drängender Fragen von Gesellschaft, Wissenschaft und Wirtschaft durch wissenschaftliche Spitzenleistungen in sechs Forschungsbereichen: Energie, Erde und Umwelt, Gesundheit, Schlüsseltechnologien, Struktur der Materie, Verkehr und Weltraum. Die Helmholtz-Gemeinschaft ist mit über 33.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in 18 Forschungszentren und einem Jahresbudget von rund 3,4 Milliarden Euro die größte Wissenschaftsorganisation Deutschlands. Ihre Arbeit steht in der Tradition des Naturforschers Hermann von Helmholtz (1821-1894).

http://www.helmholtz.de

Tilo Arnhold | UFZ News
Weitere Informationen:
http://www.ufz.de/index.php?de=31369

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Neuer Ansatz: Nierenschädigungen therapieren, bevor Symptome auftreten
20.09.2017 | Universitätsklinikum Regensburg (UKR)

nachricht Neuer Ansatz zur Therapie der diabetischen Nephropathie
19.09.2017 | Universitätsklinikum Magdeburg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Tiny lasers from a gallery of whispers

New technique promises tunable laser devices

Whispering gallery mode (WGM) resonators are used to make tiny micro-lasers, sensors, switches, routers and other devices. These tiny structures rely on a...

Im Focus: Wundermaterial Graphen: Gewölbt wie das Polster eines Chesterfield-Sofas

Graphen besitzt extreme Eigenschaften und ist vielseitig verwendbar. Mit einem Trick lassen sich sogar die Spins im Graphen kontrollieren. Dies gelang einem HZB-Team schon vor einiger Zeit: Die Physiker haben dafür eine Lage Graphen auf einem Nickelsubstrat aufgebracht und Goldatome dazwischen eingeschleust. Im Fachblatt 2D Materials zeigen sie nun, warum dies sich derartig stark auf die Spins auswirkt. Graphen kommt so auch als Material für künftige Informationstechnologien infrage, die auf der Verarbeitung von Spins als Informationseinheiten basieren.

Graphen ist wohl die exotischste Form von Kohlenstoff: Alle Atome sind untereinander nur in der Ebene verbunden und bilden ein Netz mit sechseckigen Maschen,...

Im Focus: Hochautomatisiertes Fahren bei Schnee und Regen: Robuste Warnehmung dank intelligentem Sensormix

Schlechte Sichtverhältnisse bei Regen oder Schnellfall sind für Menschen und hochautomatisierte Fahrzeuge eine große Herausforderung. Im europäischen Projekt RobustSENSE haben die Forscher von Fraunhofer FOKUS mit 14 Partnern, darunter die Daimler AG und die Robert Bosch GmbH, in den vergangenen zwei Jahren eine Softwareplattform entwickelt, auf der verschiedene Sensordaten von Kamera, Laser, Radar und weitere Informationen wie Wetterdaten kombiniert werden. Ziel ist, eine robuste und zuverlässige Wahrnehmung der Straßensituation unabhängig von der Komplexität und der Sichtverhältnisse zu gewährleisten. Nach der virtuellen Erprobung des Systems erfolgt nun der Praxistest, unter anderem auf dem Berliner Testfeld für hochautomatisiertes Fahren.

Starker Schneefall, ein Ball rollt auf die Fahrbahn: Selbst ein Mensch kann mitunter nicht schnell genug erkennen, ob dies ein gefährlicher Gegenstand oder...

Im Focus: Ultrakurze Momentaufnahmen der Dynamik von Elektronen in Festkörpern

Mit Hilfe ultrakurzer Laser- und Röntgenblitze haben Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für Quantenoptik (Garching bei München) Schnappschüsse der bislang kürzesten Bewegung von Elektronen in Festkörpern gemacht. Die Bewegung hielt 750 Attosekunden lang an, bevor sie abklang. Damit stellten die Wissenschaftler einen neuen Rekord auf, ultrakurze Prozesse innerhalb von Festkörpern aufzuzeichnen.

Wenn Röntgenstrahlen auf Festkörpermaterialien oder große Moleküle treffen, wird ein Elektron von seinem angestammten Platz in der Nähe des Atomkerns...

Im Focus: Ultrafast snapshots of relaxing electrons in solids

Using ultrafast flashes of laser and x-ray radiation, scientists at the Max Planck Institute of Quantum Optics (Garching, Germany) took snapshots of the briefest electron motion inside a solid material to date. The electron motion lasted only 750 billionths of the billionth of a second before it fainted, setting a new record of human capability to capture ultrafast processes inside solids!

When x-rays shine onto solid materials or large molecules, an electron is pushed away from its original place near the nucleus of the atom, leaving a hole...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Höher - schneller - weiter: Der Faktor Mensch in der Luftfahrt

20.09.2017 | Veranstaltungen

Wälder unter Druck: Internationale Tagung zur Rolle von Wäldern in der Landschaft an der Uni Halle

20.09.2017 | Veranstaltungen

7000 Teilnehmer erwartet: 69. Urologen-Kongress startet heute in Dresden

20.09.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Drohnen sehen auch im Dunkeln

20.09.2017 | Informationstechnologie

Pfeilgiftfrösche machen auf „Kommando“ Brutpflege für fremde Kaulquappen

20.09.2017 | Biowissenschaften Chemie

Frühwarnsystem für gefährliche Gase: TUHH-Forscher erreichen Meilenstein

20.09.2017 | Energie und Elektrotechnik