Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Unter Verdacht: Schmerzmittel Ziconotid könnte Suizidneigung steigern

23.11.2010
Experten raten zu genauer Diagnostik und strenger Überwachung
RUB-Mediziner warnen in „PAIN“

Der Wirkstoff Ziconotid, das synthetisch hergestellte Gift der Meeresschnecke Conus magus, wurde bei seiner Einführung vor sechs Jahren als sichere Alternative zu Morphin gefeiert. Jetzt gerät es zunehmend in Verdacht, bei Patienten Suizide auszulösen.

RUB-Forscher um Prof. Dr. Christoph Maier (Leiter Schmerzambulanz RUB-Klinikum Bergmannsheil) vermuten, dass Ziconotid nicht nur die Weiterleitung von Schmerzreizen hemmt, sondern dabei auch die Stimmung verschlechtern und gleichzeitig Ängste und Impulskontrolle reduzieren könnte. Diese Mechanismen könnten bei Gefährdeten Suizide begünstigen.

Die Forscher raten zu sorgfältiger Diagnostik und Überwachung des psychischen Zustands der mit Ziconotid behandelten Patienten. Sie berichten im Journal „PAIN“.

Alternative zu Opioiden bei starken Schmerzen

Vorteile von Ziconotid: Es verursacht keine opioid-typischen Nebenwirkungen wie Atemdepression und führt nicht zur Gewöhnung (Toleranzentwicklung). Seit 2004 ist es auf dem europäischen und amerikanischen Markt und wird über Schmerzmittelpumpen bei Patienten eingesetzt, bei denen Opioide nicht ausreichend wirken oder inakzeptable Nebenwirkungen auslösen. Seit einiger Zeit jedoch mehren sich Berichte über psychische Nebenwirkungen von Ziconotid. Die Bochumer Forscher analysierten mehrere Studien und förderten auch mehrere Fälle von Suizidversuchen zutage, die die Originalautoren damals aber nicht der Behandlung mit Ziconotid anlasteten. In PAIN stellen die RUB-Mediziner zwei neue Fälle von Patienten vor, die den Verdacht erhärten, dass Ziconotid Suizidgedanken verstärkt.

Suizid trotz Schmerzlinderung und unauffälligen Tests

„Der erste Fall ist besonders tragisch, weil ein Patient, der seit Jahren Schmerzen in den Füßen und zahlreiche erfolglose Behandlungsversuche hinter sich hatte, durch Ziconotid erstmals eine deutliche Besserung seiner Schmerzen erlebt hatte“, so Prof. Maier. Nebenwirkungen traten nicht auf. Tests ergaben, dass unter der Behandlung mit Ziconotid seine Depressivität, die schon vor Behandlungsbeginn nicht sehr ausgeprägt war, sogar noch sank. Nach gut drei Wochen machte er auf alle einen ausgeglichenen Eindruck. Aber zwei Monate nach dem Beginn der Behandlung mit Ziconotid beging er überraschend Selbstmord. Eine andere Patientin, 39 Jahre alt und seit 14 Jahren Rückenschmerzpatientin, hatte vor 20 Jahren depressive Phasen und einen Suizidversuch nach einer Schwangerschaft hinter sich. Zwei Monate nach dem Beginn der Behandlung mit Ziconotid – das sie nach aktuellen Empfehlungen wegen ihrer Vorgeschichte gar nicht hätte erhalten dürfen – berichtete sie über verstärkte Suizidgedanken. Außerdem klagte sie über weitere psychische Nebenwirkungen mit Halluzinationen, Verwirrtheit, die zu zwei schweren Autounfällen geführt hatte, und teilweisen Gedächtnisverlust. Möglicherweise hatten diese Unfälle ebenfalls suizidalen Charakter. Die Mediziner setzten die Ziconotidgaben aus. Zwei Wochen später waren die Suizidgedanken ebenso wie die Halluzinationen verschwunden.

Hersteller und Zulassungsbehörden sollen prüfen

„Beide Fälle stützen die Vermutung, dass es zwischen Ziconotid und Suizidneigung einen kausalen Zusammenhang gibt“, folgert Prof. Maier. „Hersteller und Zulassungsbehörden sollten das dringend noch einmal überprüfen“, fordert der Schmerzspezialist. Alle Patienten sollten vor Behandlungsbeginn sorgfältig auf psychische Störungen untersucht und während der Behandlung engmaschig kontrolliert werden, unabhängig von einer Schmerzlinderung durch das Medikament. „Diese Fälle unterstreichen außerdem, dass eine Steigerung der Schmerztherapie bei Versagen üblicher Mittel nicht immer der richtige Weg ist“, so Maier. „Oft ist sie sogar ein Irrweg, auf den auch auf dem diesjährigen Kongress der deutschen Schmerztherapeuten vor wenigen Wochen bereits hingewiesen wurde.“

Titelaufnahme

Christoph Maier, Hans-Helmut Gockel, Kai Gruhn, Elena K. Krumova and Marc-Andreas Edel: Increased risk of suicide under intrathecal ziconotide treatment? – A warning. In: PAIN, online 1.11.2010, doi:10.1016/j.pain.2010.10.007, http://www.painjournalonline.com/article/S0304-3959%2810%2900615-9/abstract

Weitere Informationen

Prof. Dr. Christoph Maier, Leiter der Schmerzklinik des RUB-Klinikums Bergmannsheil, Bürkle-de-la-Camp-Platz 1, 44789 Bochum, Tel. 0234/302-6366, E-Mail: christoph.maier@rub.de

Redaktion: Meike Drießen

Dr. Josef König | idw
Weitere Informationen:
http://www.ruhr-uni-bochum.de/
http://www.painjournalonline.com/article/S0304-3959%2810%2900615-9/abstract

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Bei Notfällen wie Herzinfarkt und Schlaganfall immer den Notruf 112 wählen: Jede Minute zählt!
22.06.2017 | Deutsche Herzstiftung e.V./Deutsche Stiftung für Herzforschung

nachricht Tropenviren bald auch in Europa? Bayreuther Forscher untersuchen Folgen des Klimawandels
21.06.2017 | Universität Bayreuth

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Klima-Satellit: Mit robuster Lasertechnik Methan auf der Spur

Hitzewellen in der Arktis, längere Vegetationsperioden in Europa, schwere Überschwemmungen in Westafrika – mit Hilfe des deutsch-französischen Satelliten MERLIN wollen Wissenschaftler ab 2021 die Emissionen des Treibhausgases Methan auf der Erde erforschen. Möglich macht das ein neues robustes Lasersystem des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnologie ILT in Aachen, das eine bisher unerreichte Messgenauigkeit erzielt.

Methan entsteht unter anderem bei Fäulnisprozessen. Es ist 25-mal wirksamer als das klimaschädliche Kohlendioxid, kommt in der Erdatmosphäre aber lange nicht...

Im Focus: Climate satellite: Tracking methane with robust laser technology

Heatwaves in the Arctic, longer periods of vegetation in Europe, severe floods in West Africa – starting in 2021, scientists want to explore the emissions of the greenhouse gas methane with the German-French satellite MERLIN. This is made possible by a new robust laser system of the Fraunhofer Institute for Laser Technology ILT in Aachen, which achieves unprecedented measurement accuracy.

Methane is primarily the result of the decomposition of organic matter. The gas has a 25 times greater warming potential than carbon dioxide, but is not as...

Im Focus: How protons move through a fuel cell

Hydrogen is regarded as the energy source of the future: It is produced with solar power and can be used to generate heat and electricity in fuel cells. Empa researchers have now succeeded in decoding the movement of hydrogen ions in crystals – a key step towards more efficient energy conversion in the hydrogen industry of tomorrow.

As charge carriers, electrons and ions play the leading role in electrochemical energy storage devices and converters such as batteries and fuel cells. Proton...

Im Focus: Die Schweiz in Pole-Position in der neuen ESA-Mission

Die Europäische Weltraumagentur ESA gab heute grünes Licht für die industrielle Produktion von PLATO, der grössten europäischen wissenschaftlichen Mission zu Exoplaneten. Partner dieser Mission sind die Universitäten Bern und Genf.

Die Europäische Weltraumagentur ESA lanciert heute PLATO (PLAnetary Transits and Oscillation of stars), die grösste europäische wissenschaftliche Mission zur...

Im Focus: Forscher entschlüsseln erstmals intaktes Virus atomgenau mit Röntgenlaser

Bahnbrechende Untersuchungsmethode beschleunigt Proteinanalyse um ein Vielfaches

Ein internationales Forscherteam hat erstmals mit einem Röntgenlaser die atomgenaue Struktur eines intakten Viruspartikels entschlüsselt. Die verwendete...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

10. HDT-Tagung: Elektrische Antriebstechnologie für Hybrid- und Elektrofahrzeuge

22.06.2017 | Veranstaltungen

„Fit für die Industrie 4.0“ – Tagung von Hochschule Darmstadt und Schader-Stiftung am 27. Juni

22.06.2017 | Veranstaltungen

Forschung zu Stressbewältigung wird diskutiert

21.06.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Individualisierte Faserkomponenten für den Weltmarkt

22.06.2017 | Physik Astronomie

Evolutionsbiologie: Wie die Zellen zu ihren Kraftwerken kamen

22.06.2017 | Biowissenschaften Chemie

Spinflüssigkeiten – zurück zu den Anfängen

22.06.2017 | Physik Astronomie