Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Unfruchtbar? - Neue WHO-Richtlinie zur Ejakulatuntersuchung bringt mehr Diagnose-Sicherheit

08.05.2012
Zeugungsfähig oder nicht?
Die Untersuchung des Ejakulats hat einen zentralen Stellenwert bei der Diagnose der männlichen Unfruchtbarkeit. Die neue Richtlinie zur Ejakulatuntersuchung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) liegt inzwischen in deutscher Übersetzung vor und muss bis 2013 verpflichtend umgesetzt werden.

„Damit wird flächendeckend ein hoher Qualitätsstandard in andrologischen Laboren etabliert und Vergleichbarkeit erreicht“, sagt Prof. Dr. Sabine Kliesch, Pressesprecherin der Deutschen Gesellschaft für Urologie e.V.. Für die betroffenen Männer bedeute das mehr Sicherheit bei der Abklärung der Ursachen der männlichen Infertilität, in deren Folge gezielte therapeutische Maßnahmen zur Kinderwunschbehandlung eingeleitet werden können, so die Urologin und Andrologin, die den Vorsitz der Fachgruppe Ejakulatuntersuchung der Bundesärztekammer innehat.

Etwa jedes sechste Paar in Deutschland ist ungewollt kinderlos. Die Ursachen dafür liegen zu gleichen Teilen bei Mann oder Frau oder bei beiden, weshalb bei unerfülltem Kinderwunsch immer auch die Rolle des Mannes berücksichtigt werden muss. Prof. Kliesch: „Mindestens sieben Prozent aller Männer im fortpflanzungsfähigen Alter haben zeitweise Probleme mit der Zeugungsfähigkeit.“

Dafür können zum Beispiel Hodenhochstand im Kindesalter, Hormonstörungen, eine Infektion der Samenwege, Krampfadern im Hoden, genetische Ursachen oder andere Allgemeinerkrankungen verantwortlich sein. Auch Nikotin, Stress, Alkohol, Übergewicht, Umwelteinflüsse, Drogen, Doping mit anabolen Steroiden oder Medikamenteneinnahme können die männliche Fruchtbarkeit negativ beeinflussen.

Zur Diagnose dienen der Ultraschall des Hodens, eine Blutuntersuchung zur Bestimmung des Hormonhaushalts und eben die Analyse einer Samenprobe, die unter anderem die Parameter Volumen und pH-Wert des Ejakulats sowie Gesamtzahl, Konzentration, Beweglichkeit, Form und Vitalität der Spermien erfasst. Die Untersuchung erfolgt nun nach den strengen Kriterien der fünften und neuesten Überarbeitung der WHO-Richtlinie von 2010, die inzwischen im „WHO Laborhandbuch“ übersetzt wurde und Grundlage der aktuellen Richtlinie der Bundesärztekammer zur Qualitätssicherung laboratoriumsmedizinischer Untersuchungen ist. Für die Bewertung der genannten Parameter der Ejakulatanalyse legt die WHO-Richtlinie neue untere Grenzwerte fest. Sie beruhen erstmals auf evidenzbasierten Daten, die in einer weltweiten Studie (T.G. Cooper et al.) mit mehr als 4500 Männern aus 14 verschiedenen Ländern auf vier Kontinenten erhoben wurden und deutlich unter den vorigen Richtwerten von 1999 liegen.

„Männer, deren Samenqualität unterhalb der Referenzwerte liegt, werden mit großer Wahrscheinlichkeit Schwierigkeiten haben, eine spontane Schwangerschaft auszulösen“, so die Chefärztin des Centrums für Reproduktionsmedizin und Andrologie (CeRA) in Münster. Darüber hinaus macht die WHO neue Vorgaben bei der Spermienpräparation und legt Mindestanforderungen für die Qualitätssicherung in andrologischen Laboren in Form einer internen und externen Qualitätskontrolle fest.

„Zur schnellen Umsetzung der Richtlinie initiieren die DGU und die Deutsche Gesellschaft für Andrologie e.V. (DGA) bereits seit 2011 bundesweite Fortbildungen“, unterstreicht Prof. Kliesch, deren Klinik WHO Kollaborationszentrum und WHO Referenzlabor in Deutschland ist. In der Übergangsfrist bis 2013 rät sie den Betroffenen, im Einzelfall nachzufragen, ob die Ejakulatanalyse nach dem WHO-Standard 2010 erfolgt.

Männern mit eingeschränkter Samenqualität macht die Urologin Mut: „Selbst bei der schwersten Form der Unfruchtbarkeit, wenn keine Spermien im Ejakulat vorhanden sind, lassen sich bei rund 50 Prozent der Betroffenen Spermien operativ aus dem Hoden gewinnen. Sie können eingefroren und zur künstlichen Befruchtung verwendet werden.“ In Deutschland nehmen jährlich rund 200 000 Paare eine reproduktionsmedizinische Behandlung in Anspruch. Über alle Verfahren gesehen, kommt es in 29 Prozent zu einer Schwangerschaft; die Baby-Take-Home-Rate liegt bei knapp 20 Prozent. Die Kosten für die ersten drei Behandlungszyklen werden zur Hälfte von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen. Aktuell wird ein Gesetzesentwurf diskutiert, wonach der Bund die Kinderwunschbehandlung künftig zu einem Viertel mitfinanziert und sich der Eigenanteil der Paare von 50 auf 25 Prozent reduzieren würde.

Nichtrauchen ist der beste Schutz vor männlicher Unfruchtbarkeit. „Rauchen senkt die Befruchtungsrate um die Hälfte.“ Die Wirkung von Nahrungsergänzungsmitteln auf die Samenqualität bleibe, trotz positiver Ergebnisse einer Cochrane-Übersichts-Studie aus dem Jahr 2011, unter Experten umstritten, betont die DGU-Pressesprecherin.

Weitere Informationen:
Prof. Dr. med. Sabine Kliesch
Chefärztin Klinische Andrologie
Centrum für Reproduktionsmedizin und Andrologie
Head Clinical Andrology
Centre for Reproductive Medicine and Andrology
WHO Collaborating Center
EAA Training Center
University Clinic Münster
Domagkstraße 11
48149 Münster
oder

DGU-Pressestelle
Bettina-Cathrin Wahlers
Sabine Martina Glimm
Stremelkamp 17
21149 Hamburg
Tel: 040 - 79 14 05 60
Mobil: 0170 - 48 27 28 7
E-Mail: redaktion@bettina-wahlers.de

Zusätzliche Hinweise
„WHO laboratory manual for the examination and processing of human semen“, 5th ed.

http://whqlibdoc.who.int/publications/2010/9789241547789_eng.pdf

„WHO Laborhandbuch
zur Untersuchung und Aufarbeitung des menschlichen Ejakulates“
Nieschlag, E.; Schlatt, S.; Behre, H.M.; Kliesch, S. (Hrsg.)
Springer Berlin Heidelberg; Auflage: 5. Aufl. 2012
"Richtlinie der Bundesärztekammer zur Qualitätssicherung laboratoriumsmedizinischer Untersuchungen“:

http://www.bundesaerztekammer.de/downloads/RiliBAeKLabor201111.pdf

Bettina-Cathrin Wahlers | idw
Weitere Informationen:
http://www.urologenportal.de/

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Entschlüsselung von Kommunikationswegen zwischen Tumor- und Immunzellen beim Eierstockkrebs
06.12.2016 | Wilhelm Sander-Stiftung

nachricht Tempo-Daten für das „Navi“ im Kopf
06.12.2016 | Deutsches Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen e.V. (DZNE)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Poröse kristalline Materialien: TU Graz-Forscher zeigt Methode zum gezielten Wachstum

Mikroporöse Kristalle (MOFs) bergen große Potentiale für die funktionalen Materialien der Zukunft. Paolo Falcaro von der TU Graz et al zeigen in Nature Materials, wie man MOFs gezielt im großen Maßstab wachsen lässt.

„Metal-organic frameworks“ (MOFs) genannte poröse Kristalle bestehen aus metallischen Knotenpunkten mit organischen Molekülen als Verbindungselemente. Dank...

Im Focus: Gravitationswellen als Sensor für Dunkle Materie

Die mit der Entdeckung von Gravitationswellen entstandene neue Disziplin der Gravitationswellen-Astronomie bekommt eine weitere Aufgabe: die Suche nach Dunkler Materie. Diese könnte aus einem Bose-Einstein-Kondensat sehr leichter Teilchen bestehen. Wie Rechnungen zeigen, würden Gravitationswellen gebremst, wenn sie durch derartige Dunkle Materie laufen. Dies führt zu einer Verspätung von Gravitationswellen relativ zu Licht, die bereits mit den heutigen Detektoren messbar sein sollte.

Im Universum muss es gut fünfmal mehr unsichtbare als sichtbare Materie geben. Woraus diese Dunkle Materie besteht, ist immer noch unbekannt. Die...

Im Focus: Significantly more productivity in USP lasers

In recent years, lasers with ultrashort pulses (USP) down to the femtosecond range have become established on an industrial scale. They could advance some applications with the much-lauded “cold ablation” – if that meant they would then achieve more throughput. A new generation of process engineering that will address this issue in particular will be discussed at the “4th UKP Workshop – Ultrafast Laser Technology” in April 2017.

Even back in the 1990s, scientists were comparing materials processing with nanosecond, picosecond and femtosesecond pulses. The result was surprising:...

Im Focus: Wie sich Zellen gegen Salmonellen verteidigen

Bioinformatiker der Goethe-Universität haben das erste mathematische Modell für einen zentralen Verteidigungsmechanismus der Zelle gegen das Bakterium Salmonella entwickelt. Sie können ihren experimentell arbeitenden Kollegen damit wertvolle Anregungen zur Aufklärung der beteiligten Signalwege geben.

Jedes Jahr sind Salmonellen weltweit für Millionen von Infektionen und tausende Todesfälle verantwortlich. Die Körperzellen können sich aber gegen die...

Im Focus: Shape matters when light meets atom

Mapping the interaction of a single atom with a single photon may inform design of quantum devices

Have you ever wondered how you see the world? Vision is about photons of light, which are packets of energy, interacting with the atoms or molecules in what...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

NRW Nano-Konferenz in Münster

07.12.2016 | Veranstaltungen

Wie aus reinen Daten ein verständliches Bild entsteht

05.12.2016 | Veranstaltungen

Von „Coopetition“ bis „Digitale Union“ – Die Fertigungsindustrien im digitalen Wandel

02.12.2016 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Das Universum enthält weniger Materie als gedacht

07.12.2016 | Physik Astronomie

Partnerschaft auf Abstand: tiefgekühlte Helium-Moleküle

07.12.2016 | Physik Astronomie

Bakterien aus dem Blut «ziehen»

07.12.2016 | Biowissenschaften Chemie