Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Therapie der chronischen Migräne: es gilt die 0-8-15-Regel

16.03.2012
Lange Zeit diskutierten die Kopfschmerz-Experten, ob es eine chronische Migräne überhaupt gibt.

Dieser Disput ist inzwischen entschieden: Die chronische Migräne ist in der internationalen Klassifikation der Kopfschmerzen enthalten. Allerdings ist ihre Behandlung schwierig. Denn Migräneattacken sollten nicht häufiger als an 10 bzw. 15 Tagen pro Monat medikamentös behandelt werden. »Darum ist bei dieser sehr seltenen Kopfschmerzform eine multimodale Therapie entscheidend wichtig, bei der verschiedene Verfahren miteinander kombiniert werden«, erklärt die Essener Kopfschmerzspezialistin Dr. Astrid Gendolla auf dem Deutschen Schmerz- und Palliativtag 2012 in Frankfurt.

Anfallsartige, meist einseitige, pulsierende Kopfschmerzen von mittlerer bis starker Intensität, die bei körperlicher Aktivität stärker werden, hinzu kommen Übelkeit und/oder Erbrechen, Licht- oder Geräuschempfindlichkeit, mitunter gehen der Attacke neurologische Störungen voraus, die sogenannte Aura – das sind die Symptome einer Migräne, an der in Deutschland etwa zehn Prozent der Bevölkerung leiden, Frauen häufiger als Männer. Unbehandelt dauern die Attacken zwischen vier und 72 Stunden. Zur Attackenbehandlung stehen dann verschiedene Arzneimittel zur Verfügung – manche Patienten kommen mit Acetylsalicylsäure & Co. aus, bei stärkeren Attacken kommen die Triptane zum Einsatz.

Haben Migräne-Patienten an mehr als 15 Tagen pro Monat Kopfschmerzen, davon an mehr als acht Tagen migräneartige Schmerzen über einen Zeitraum von mindestens drei Monaten, kann es sich um eine chronische Migräne handeln. Allerdings ist diese Definition international noch im Fluss: »Die Einteilung der chronischen Migräne entwickelt sich stetig weiter«, sagt die Kopfschmerz-Expertin Dr. Astrid Gendolla auf dem Deutschen Schmerz- und Palliativtag in Frankfurt. Der Grund: Wenn Patienten ihre Kopfschmerzen öfter als zehn Tage im Monat mit spezifischen Migränemitteln wie Triptanen oder mehr als 15 Tage mit freiverkäuflichen Schmerzmitteln behandeln, kann diese Therapie selbst zumeist dumpf-drückende tägliche Kopfschmerzen auslösen: Experten nennen diesen Kopfschmerz »Analgetika-Kopfschmerz«. Für diese Kopfschmerzart empfehlen die Leitlinien hierzulande eine Entzugsbehandlung, gefolgt von einer exakten Diagnose der eigentlichen Kopfschmerzform und einer Neujustierung von Prophylaxe und Behandlung.

Während US-amerikanische Experten keinen Unterschied machen, ob bei einer chronischen Migräne Medikamentenübergebrauch und damit möglicherweise ein Analgetika-Kopfschmerz vorliegt oder nicht, sehen die deutschen Kopfschmerz-Experten dies zurückhaltender. Gendolla: »Wir differenzieren stärker danach, ob ein Medikamentenübergebrauch vorliegt oder nicht und richten danach unsere Therapie aus.«

Unabhängig von der Diskussion über die Definition gilt es aber, den Patientinnen und Patienten zu helfen. Darum steht die genaue Diagnose ganz oben auf der Liste der Maßnahmen. Dazu gehört auch, Auslöser und Faktoren, welche die Attacken verstärken können, zu identifizieren und zu minimieren. Auch gilt es, Begleiterkrankungen und andere Faktoren zu behandeln, welche die Migräne beeinflussen. Wichtig ist auch, die Medikation der Patienten genau zu erheben und einen Behandlungsplan zu entwerfen. Dieser muss sowohl medikamentöse als auch nicht-medikamentöse Strategien enthalten.

So ist eine übliche Attackenbehandlung im Rahmen der vertretbaren Grenzen möglich. Doch vor allem setzen die Experten auf prophylaktische Maßnahmen. »Allerdings gibt es dafür nur wenige medikamentöse Optionen«, bedauert Prof. Dr. Hartmut Göbel, Ärztlicher Direktor der Neurologisch-Verhaltensmedizinischen Schmerzklinik Kiel. Die üblichen Medikamente, die zur Vorbeugung bei normaler Migräne eingesetzt werden, sind für die Behandlung der chronischen Migräne nicht zugelassen. Außerdem beeinträchtigen die unerwünschten Nebenwirkungen dieser Präparate Menschen, die fast täglich unter Kopfschmerzen leiden, stärker als Patienten, die nur gelegentliche Attacken haben.

Seit September 2011 ist in Deutschland Botulinumtoxin A zur prophylaktischen Behandlung der chronischen Migräne zugelassen. Die Substanz wird an sieben definierten Kopf- und Halsmuskulaturbereichen injiziert. »Damit steht erstmals eine wirksame und verträgliche Behandlungsoption zur Prophylaxe dieser schweren Erkrankung zur Verfügung« erklärt Professor Göbel. »Für den Einsatz dieser Substanz gilt jedoch die 0-8-15-Regel«, sagt Astrid Gendolla. »Diese so genannte Regel bedeutet: Die Patientin oder der Patient sollte keinen Medikamenten-Übergebrauchskopfschmerz haben sowie mindestens 8 Migräne-Tage und über 15 Kopfschmerztage im Monat aufweisen.«

Allerdings muss diese medikamentöse Behandlung in ein therapeutisches Gesamtkonzept integriert sein. Zu diesem gehören verhaltensmedizinische Strategien, Entspannungsverfahren und Bewegungstherapie. »Ebenso wichtig ist es, dass die Patientinnen und Patienten ein Kopfschmerz-Tagebuch führen, damit man Behandlungserfolge messen und den Verlauf der Erkrankung besser beobachten kann«, sagt Gendolla.

Barbara Ritzert | idw
Weitere Informationen:
http://www.schmerz-und-palliativtag.de/

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Chancen für die Behandlung von Kinderdemenz
24.07.2017 | Julius-Maximilians-Universität Würzburg

nachricht Titandioxid-Nanopartikel können Darmentzündungen verstärken
19.07.2017 | Universität Zürich

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Einblicke unter die Oberfläche des Mars

Die Region erstreckt sich über gut 1000 Kilometer entlang des Äquators des Mars. Sie heißt Medusae Fossae Formation und über ihren Ursprung ist bislang wenig bekannt. Der Geologe Prof. Dr. Angelo Pio Rossi von der Jacobs University hat gemeinsam mit Dr. Roberto Orosei vom Nationalen Italienischen Institut für Astrophysik in Bologna und weiteren Wissenschaftlern einen Teilbereich dieses Gebietes, genannt Lucus Planum, näher unter die Lupe genommen – mithilfe von Radarfernerkundung.

Wie bei einem Röntgenbild dringen die Strahlen einige Kilometer tief in die Oberfläche des Planeten ein und liefern Informationen über die Struktur, die...

Im Focus: Molekulares Lego

Sie können ihre Farbe wechseln, ihren Spin verändern oder von fest zu flüssig wechseln: Eine bestimmte Klasse von Polymeren besitzt faszinierende Eigenschaften. Wie sie das schaffen, haben Forscher der Uni Würzburg untersucht.

Bei dieser Arbeit handele es sich um ein „Hot Paper“, das interessante und wichtige Aspekte einer neuen Polymerklasse behandelt, die aufgrund ihrer Vielfalt an...

Im Focus: Das Universum in einem Kristall

Dresdener Forscher haben in Zusammenarbeit mit einem internationalen Forscherteam einen unerwarteten experimentellen Zugang zu einem Problem der Allgemeinen Realitätstheorie gefunden. Im Fachmagazin Nature berichten sie, dass es ihnen in neuartigen Materialien und mit Hilfe von thermoelektrischen Messungen gelungen ist, die Schwerkraft-Quantenanomalie nachzuweisen. Erstmals konnten so Quantenanomalien in simulierten Schwerfeldern an einem realen Kristall untersucht werden.

In der Physik spielen Messgrößen wie Energie, Impuls oder elektrische Ladung, welche ihre Erscheinungsform zwar ändern können, aber niemals verloren gehen oder...

Im Focus: Manipulation des Elektronenspins ohne Informationsverlust

Physiker haben eine neue Technik entwickelt, um auf einem Chip den Elektronenspin mit elektrischen Spannungen zu steuern. Mit der neu entwickelten Methode kann der Zerfall des Spins unterdrückt, die enthaltene Information erhalten und über vergleichsweise grosse Distanzen übermittelt werden. Das zeigt ein Team des Departement Physik der Universität Basel und des Swiss Nanoscience Instituts in einer Veröffentlichung in Physical Review X.

Seit einigen Jahren wird weltweit untersucht, wie sich der Spin des Elektrons zur Speicherung und Übertragung von Information nutzen lässt. Der Spin jedes...

Im Focus: Manipulating Electron Spins Without Loss of Information

Physicists have developed a new technique that uses electrical voltages to control the electron spin on a chip. The newly-developed method provides protection from spin decay, meaning that the contained information can be maintained and transmitted over comparatively large distances, as has been demonstrated by a team from the University of Basel’s Department of Physics and the Swiss Nanoscience Institute. The results have been published in Physical Review X.

For several years, researchers have been trying to use the spin of an electron to store and transmit information. The spin of each electron is always coupled...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Den Geheimnissen der Schwarzen Löcher auf der Spur

21.07.2017 | Veranstaltungen

Den Nachhaltigkeitskreis schließen: Lebensmittelschutz durch biobasierte Materialien

21.07.2017 | Veranstaltungen

Operatortheorie im Fokus

20.07.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Einblicke unter die Oberfläche des Mars

21.07.2017 | Geowissenschaften

Wegbereiter für Vitamin A in Reis

21.07.2017 | Biowissenschaften Chemie

Den Geheimnissen der Schwarzen Löcher auf der Spur

21.07.2017 | Veranstaltungsnachrichten