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TAVI bei gebrechlichen Patienten: Neue Methode zur Abschätzung von Nutzen und Risiko

15.11.2013
Deutsche Stiftung für Herzforschung zeichnet Arbeit mit
August Wilhelm und Lieselotte Becht-Forschungspreis aus

Wenn die Aortenklappe so verengt ist, dass ein Klappenersatz notwendig wird, gab es lange dafür nur die Möglichkeit einer Operation. Da es jedoch sehr alte und sehr kranke Patienten gibt, die nicht operiert werden können, weil das Risiko als zu hoch angesehen wird, wurde ein neues Verfahren entwickelt, bei dem die neue Herzklappe mittels Kathetertechnik eingesetzt wird: die kathetergestützte Aortenklappenimplantation (TAVI).


Eine kathetergestützt implantierte Aortenklappe: Durchleuchtungsbild* direkt nach der Implantation
Aufnahme: Universitätsmedizin Göttingen

Damit verfügt die Herzmedizin seit rund zehn Jahren über eine neue Therapieoption für diese Risiko-Patienten. Im Klinikalltag stellen jedoch Herzspezialisten bei den oftmals hochbetagten und schwerkranken TAVI-Patienten in der Nachbeobachtung fest, dass trotz der neuen TAVI-Methode eine erhebliche Sterblichkeit sowohl direkt nach dem Eingriff als auch längere Zeit danach besteht.

Um gerade bei gebrechlichen Patienten den zu erwartenden Nutzen einer TAVI und die durch den Eingriff bedingte Sterblichkeit und das Langzeitüberleben genauer berechnen zu können, haben Dr. med. Miriam Puls, Assistenzärztin der Klinik für Kardiologie und Pneumologie der Georg-August-Universität Göttingen, und Kollegen im Rahmen einer Studie ein Verfahren entwickelt, dass der Vorhersage einer erhöhten Erkrankungshäufigkeit und Sterblichkeit nach einer TAVI dient.

Für die Risikoabschätzung wird erstmals der Grad der Gebrechlichkeit des Patienten nach dem sog. Katz-Index herangezogen. Die Studie „Verhältnis von Nutzen und Risiko der kathetergestützten Aortenklappenimplantation TAVI bei gebrechlichen Patienten: Der Katz-Index als wesentlicher Prädiktor kurz- und langfristiger Morbidität und Mortalität“ wurde von der Deutschen Stiftung für Herzforschung (DSHF) mit dem August Wilhelm und Lieselotte Becht-Preis 2013, dotiert mit 15.000 Euro, auf dem Herbstkongress der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie (DGK) in Dresden ausgezeichnet.

„Gebrechlichkeit ist ein Merkmal, das bei vielen der hochbetagten TAVI-Patienten anzutreffen ist, das aber in den gängigen chirurgischen Risikomodellen keine Berücksichtigung findet“, erläutert Preisträgerin Dr. Puls zur Studie. „Diese Arbeit zeichnet sich dadurch aus, dass sie eben diese gängigen Berechnungsmodelle der Herzchirurgie zur Risikoabschätzung um ein neues Verfahren erweitert, das den Bedingungen eines TAVI-Eingriffs bei gebrechlichen Patienten viel besser gerecht zu werden scheint“, würdigt der Herzspezialist Prof. Dr. med. Udo Sechtem, Vorstandsvorsitzender der DSHF, die prämierte Studie.

Warum Gebrechlichkeit als neue Messgröße in der Risikobestimmung?

Die Göttinger Forscher stellten fest, dass viele aus der klassischen Herzchirurgie bekannte Risikofaktoren wie beispielsweise hohes Lebensalter, weibliches Geschlecht, eingeschränkte Auswurfleistung des Herzens, chronisch-obstruktive Lungenerkrankung oder eine vorausgegangene Herzoperation nicht mit einer erhöhten Sterblichkeit ihrer TAVI-Patienten einhergingen.

So führten Dr. Puls und ihre Kollegen für ihre Studie eine Langzeitbeobachtung von im Schnitt 1,5 Jahren an den ersten 300 Patienten durch, die am Herzzentrum Göttingen mittels TAVI behandelt wurden (Durchschnittsalter: 82±5 Jahre). Untersucht wurde der Einfluss der Gebrechlichkeit auf das Überleben nach TAVI.

Gebrechlichkeit wurde mit Hilfe des Katz-Index definiert, der die Selbständigkeit einer Person anhand von 6 Aktivitäten des täglichen Lebens beschreibt: Körperpflege, Ankleiden, Toilettengang, Kontinenz, Essen, Transfer zwischen Bett und Sessel. Bei einem Katz-Index von 6 ist eine Person komplett selbständig, bei einem Index von 0 vollständig pflegebedürftig.

„Für unsere Untersuchung definierten wir jedwede Abhängigkeit bei Aktivitäten des täglichen Lebens, also einen Katz-Index unter 6, als Gebrechlichkeit. Dieses Merkmal zeigten 48 Prozent der von uns untersuchten TAVI-Patienten“, erläutert Dr. Puls.

Hoher Grad der Gebrechlichkeit erhöht Sterblichkeit nach TAVI-Eingriff

Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass die gebrechlichen Patienten eine fast dreimal höhere eingriffsbedingte Sterblichkeit aufweisen als die nicht-gebrechlichen (17% gegenüber 5,8% an Tag 30 nach TAVI), obwohl eingriffsbedingte Komplikationen in beiden Gruppen etwa gleich häufig auftraten. „Die gebrechlichen Personen hatten infolge einer verminderten Widerstandsfähigkeit des Organismus bei einer Komplikation ein deutlich höheres Risiko, an dieser zu sterben“, erläutert Dr. Puls.

Auch wirkte sich Gebrechlichkeit stark auf das Langzeitüberleben von TAVI-Patienten aus: So starben innerhalb des gesamten Beobachtungszeitraumes (im Mittel 1,5 Jahre) 55% der gebrechlichen und 24% der nicht-gebrechlichen Patienten. Somit ist es bei TAVI-Patienten nicht primär die Summe von Begleiterkrankungen und Lebensalter, sondern vielmehr deren Auswirkungen auf den Allgemeinzustand einer Person, die das Langzeitüberleben bestimmen.

„Deshalb sollte der Gebrechlichkeitsstatus eines TAVI-Patienten in Überlegungen zur Risikoabschätzung und zu erwartendem Nutzen des Eingriffs einbezogen werden“, betont Dr. Puls. Auch schlussfolgert die Medizinerin aus den Studienergebnissen, „dass eine TAVI möglichst früh nach Diagnosestellung durchgeführt werden sollte, um einen Eintritt von Pflegebedürftigkeit infolge langjähriger chronischer Krankheit und damit verbunden eine deutlich erhöhte eingriffsbedingte Sterblichkeit zu vermeiden“.

31/2013

Informationen:
Deutsche Herzstiftung e.V./
Deutsche Stiftung für Herzforschung
Pressestelle:
Michael Wichert/Pierre König
Tel. 069/955128-114/-140
Fax: 069/955128-345
E-Mail: wichert@herzstiftung.de /
koenig@herzstiftung.de

Pierre König | idw
Weitere Informationen:
http://www.dshf.de
http://www.herzstiftung.de

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