Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Target-orientierte Therapie bei bösartigen Schilddrüsentumoren

02.02.2009
Tumore der Schilddrüse zählen zu den häufigsten endokrinen Krebserkrankungen des Menschen. Die Mehrzahl dieser Tumore kann gut therapiert werden. Dies gilt aber nicht für die wenig differenzierten und anaplastischen Schilddrüsentumore.

Hier versagen die gängigen Therapieoptionen völlig, so dass die mittlere Überlebenszeit nach Diagnosestellung bei nur 3 - 9 Monaten liegt. Neue Möglichkeiten ergeben sich durch den Einsatz von Medikamenten mit einem definierten molekularen Angriffspunkt (= Target).

In einem aktuellen, von der Wilhelm Sander-Stiftung geförderten Projekt unserer Arbeitsgruppe wird untersucht, ob Medikamente, deren molekulare Targets die Aurorakinasen und das Proteasom sind, zur Behandlung anaplastischer Schilddrüsentumore geeignet sind.

Aurorakinasen sind Enzyme, denen eine zentrale Rolle bei der Regulation der Zellteilung zukommt. Ein Überexpression dieser Enzyme, die vor allem während der Zellteilung aktiv sind, ist für viele menschliche Tumore nachgewiesen worden. Bedingt durch die Überexpression kommt es zur Fehlregulation von Zellteilungsprozessen, wodurch Teilung und Wachstum von Tumorzellen gefördert werden. Vor diesem Hintergrund wurde eine Reihe von Hemmstoffen entwickelt, deren Wirksamkeit in verschiedenen Studien getestet wurde.

Bei dem Proteasom handelt es sich um einen in allen Körperzellen vorkommenden Molekülkomplex. Seine Funktion besteht darin, die Aktivität von Proteinen, die zuvor durch Anhängen einer Ubiquitin-Kette markiert worden sind, über proteolytischen Abbau zu regeln. Viele Tumorzellen zeigen eine gesteigerte Proteasomaktivität. Dies führt zu Störungen im Gleichgewicht der zu regulierenden Proteine, wie z.B. Tumorsuppressoren (wachstumshemmende Eiweiße) und antiapototische Proteine (den Zelltod hemmende Eiweiße), wodurch wiederum Tumorentwicklung und -wachstum begünstigt werden. Hier hemmend einzugreifen, ist ein vergleichsweise neuer Ansatz in der Tumortherapie.

Die Einbeziehung molekularer Angriffspunkte liefert auch für die Therapie von Schilddrüsentumoren vielversprechende Ansätze. Von unserer Arbeitsgruppe wurden bereits gegen den EGF-Rezeptor gerichtete monoklonale Antikörper sowie verschiedene Tyrosinkinaseinhibitoren auf ihre Wirksamkeit bei wenig differenzierten und anaplastischen Schilddrüsentumoren mit Erfolg getestet. In vitro fanden wir eine je nach Substanz unterschiedlich große Hemmung der Zellproliferation sowie einen hemmenden Einfluss auf Faktoren, die die Neubildung von Gefäßen fördern. Diese Ergebnisse konnten inzwischen auch im Tierexperiment bestätigt werden. Derartige Substanzen fanden stellenweise in Phase II Studien bereits Eingang in die klinische Anwendung.

In einem neuen Forschungsschwerpunkt soll untersucht werden, ob die Hemmung von Aurorakinasen und Proteasom eine weitere sinnvolle Therapieoption darstellt. Als Aurorakinase-Inhibitor wird MLN8054 (Millennium Pharmaceuticals) eingesetzt. Für diese Substanz konnte für verschiedene menschliche Tumore bereits eine wachstumshemmende Wirkung nachgewiesen werden. Bortezomib (VelcadeÒ) ebenfalls hergestellt von Millennium Pharmaceuticals, ist der erste beschriebene Proteasominhibitor. Die antitumorale Wirkung dieser Substanz ist hinreichend belegt und seit 2004 ist Bortezomib für die Behandlung des multiplen Myeloms zugelassen.

Erste eigene Untersuchungen lassen für beide Substanzen eine antitumorale Wirkung auch für Schilddrüsentumore vermuten. Diese genauer zu erfassen, ist Ziel umfangreicher in vitro Experimente zur Proliferation, zu Zellzyklusveränderungen, zur Induktion von Apoptose (programmierter Zelltod) und zur Beeinflussung intrazellulärer Signalkaskaden. Die in vivo Wirksamkeit beider Substanzen soll abschließend in einem Tiermodell untersucht werden.

Das geförderte Projekt ist Teil eines Forschungsschwerpunktes, im Rahmen dessen verschiedene Therapiemöglichkeiten für anaplastische Schilddrüsentumore aufgezeigt werden sollen, anhand derer über sinnvolle Kombinationstherapien unter Einbeziehung verschiedener molekularer Targets nachgedacht werden kann.

Kontakt :
PD Dr. S. Hoffmann, Universitätsklinikum Giessen und Marburg
Klinik für Viszeral- Thorax- und Gefäßchirurgie
e-mail: hoffmans@med.uni-marburg.de
Tel. +49(6421) 58-62234
Fax. +49(6421) 58-62543
Dr. A. Wunderlich, Universitätsklinikum Giessen und Marburg
Klinik für Viszeral- Thorax- und Gefäßchirurgie
e-mail: wunderli@med.uni-marburg.de
Tel. +49(6421) 58-62582
Fax. +49(6421) 58-63851
Die Wilhelm Sander-Stiftung fördert dieses Forschungsprojekt mit über 60.000 €. Stiftungszweck der Stiftung ist die medizinische Forschung, insbesondere Projekte im Rahmen der Krebsbekämpfung. Seit Gründung der Stiftung wurden dabei insgesamt über 160 Mio. Euro für die Forschungsförderung in Deutschland und der Schweiz bewilligt. Die Stiftung geht aus dem Nachlass des gleichnamigen Unternehmers hervor, der 1973 verstorben ist.

Bernhard Knappe | idw
Weitere Informationen:
http://www.sanst.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Stammzell-Transplantation: Aktivierung von Signalwegen schützt vor gefährlicher Immunreaktion
20.04.2017 | Technische Universität München

nachricht Was Bauchspeicheldrüsenkrebs so aggressiv macht
18.04.2017 | Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Immunzellen helfen bei elektrischer Reizleitung im Herzen

Erstmals elektrische Kopplung von Muskelzellen und Makrophagen im Herzen nachgewiesen / Erkenntnisse könnten neue Therapieansätze bei Herzinfarkt und Herzrhythmus-Störungen ermöglichen / Publikation am 20. April 2017 in Cell

Makrophagen, auch Fresszellen genannt, sind Teil des Immunsystems und spielen eine wesentliche Rolle in der Abwehr von Krankheitserregern und bei der...

Im Focus: Tief im Inneren von M87

Die Galaxie M87 enthält ein supermassereiches Schwarzes Loch von sechs Milliarden Sonnenmassen im Zentrum. Ihr leuchtkräftiger Jet dominiert das beobachtete Spektrum über einen Frequenzbereich von 10 Größenordnungen. Aufgrund ihrer Nähe, des ausgeprägten Jets und des sehr massereichen Schwarzen Lochs stellt M87 ein ideales Laboratorium dar, um die Entstehung, Beschleunigung und Bündelung der Materie in relativistischen Jets zu erforschen. Ein Forscherteam unter der Leitung von Silke Britzen vom MPIfR Bonn liefert Hinweise für die Verbindung von Akkretionsscheibe und Jet von M87 durch turbulente Prozesse und damit neue Erkenntnisse für das Problem des Ursprungs von astrophysikalischen Jets.

Supermassereiche Schwarze Löcher in den Zentren von Galaxien sind eines der rätselhaftesten Phänomene in der modernen Astrophysik. Ihr gewaltiger...

Im Focus: Deep inside Galaxy M87

The nearby, giant radio galaxy M87 hosts a supermassive black hole (BH) and is well-known for its bright jet dominating the spectrum over ten orders of magnitude in frequency. Due to its proximity, jet prominence, and the large black hole mass, M87 is the best laboratory for investigating the formation, acceleration, and collimation of relativistic jets. A research team led by Silke Britzen from the Max Planck Institute for Radio Astronomy in Bonn, Germany, has found strong indication for turbulent processes connecting the accretion disk and the jet of that galaxy providing insights into the longstanding problem of the origin of astrophysical jets.

Supermassive black holes form some of the most enigmatic phenomena in astrophysics. Their enormous energy output is supposed to be generated by the...

Im Focus: Neu entdeckter Exoplanet könnte bester Kandidat für die Suche nach Leben sein

Supererde in bewohnbarer Zone um aktivitätsschwachen roten Zwergstern gefunden

Ein Exoplanet, der 40 Lichtjahre von der Erde entfernt einen roten Zwergstern umkreist, könnte in naher Zukunft der beste Ort sein, um außerhalb des...

Im Focus: Resistiver Schaltmechanismus aufgeklärt

Sie erlauben energiesparendes Schalten innerhalb von Nanosekunden, und die gespeicherten Informationen bleiben auf Dauer erhalten: ReRAM-Speicher gelten als Hoffnungsträger für die Datenspeicher der Zukunft.

Wie ReRAM-Zellen genau funktionieren, ist jedoch bisher nicht vollständig verstanden. Insbesondere die Details der ablaufenden chemischen Reaktionen geben den...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

3. Bionik-Kongress Baden-Württemberg

24.04.2017 | Veranstaltungen

Smart-Data-Forschung auf dem Weg in die wirtschaftliche Praxis

21.04.2017 | Veranstaltungen

Baukultur: Mehr Qualität durch Gestaltungsbeiräte

21.04.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

3. Bionik-Kongress Baden-Württemberg

24.04.2017 | Veranstaltungsnachrichten

1. Es­se­ner Ge­fahr­gut­ta­ge am 19.-20. Sep­tem­ber 2017 mit fach­be­glei­ten­der Aus­stel­lung

24.04.2017 | Seminare Workshops

Intelligenter Werkstattwagen unterstützt Mensch in der Produktion

21.04.2017 | HANNOVER MESSE