Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Studie ermöglicht erstmals Analyse der frühesten Phase einer HIV-Infektion

08.06.2016

Die ersten Tage nach einer HIV-Infektion sind maßgeblich, denn durch die hohe Viruslast in dieser Phase ist die Gefahr einer Ansteckung für Sexualpartner extrem groß und außerdem werden in diesem Zeitraum die Weichen für den weiteren Verlauf der HIV-Infektion gestellt. DZIF-Wissenschaftler aus der Abteilung Infektionserkrankungen und Tropenmedizin der Universität München (LMU) und aus der Afrikanischen Partnerinstitution des DZIF in Tansania waren an einer prospektiven, multinationalen Studie beteiligt, die virologische und immunologische Veränderungen durch HIV untersucht hat – noch bevor klinische Symptome oder kommerzielle Tests auf eine HIV-Infektion hinweisen konnten.

Mehr als 2.000 Personen mit hohem Risiko einer HIV-Infektion wurden in Tansania, Kenia, Uganda und Thailand über mehrere Jahre zweimal wöchentlich auf eine neue HIV-Infektion untersucht. Eine spezielle, hochsensitive Methode namens APTIMA ermöglicht, HIV-Neuansteckungen schon bei sehr geringen Konzentrationen von circa 20 HIV-Ribonukleinsäure(RNA-)-Kopien pro Milliliter Plasma nachzuweisen.


RV 217-Studienorte in Afrika und Asien

(c) M. Robb

Insgesamt wurden durch diese Nachweismethode 112 Personen nur wenige Tage nach der Infektion mit dem HI-Virus identifiziert. Die Studienergebnisse zu 50 Patienten dieser Kohorte wurden nun im New England Journal beschrieben. Bei diesen HIV-Infektionen im extrem frühen Stadium waren durchschnittlich fünf Tage vom letzten negativen bis zum ersten positiven Bluttest vergangen.

Eine Analyse derart früher Zeitpunkte nach der Ansteckung ist bislang einzigartig, da frühere Studien nur Patienten einschlossen, die bereits Symptome aufwiesen oder sich schon mehrere Wochen zuvor angesteckt hatten.

Langjährige internationale Kooperationen zahlen sich aus

„Die Durchführung dieser Studie war eine große Herausforderung“, sagt Dr. Inge Kroidl, klinische Forschungs-Koordinatorin der „RV 217“ genannten Studie in Tansania. „Wir hatten enorme Zweifel, ob diejenigen Studienteilnehmer, die sehr mobilen und teilweise stigmatisierten Hochrisikogruppen angehörten, wohl bereit dazu wären, an einer derart komplexen Studie teilzunehmen“.

Die langjährige Kooperation des Münchener Tropeninstitutes unter Leitung von Prof. Michael Hoelscher mit dem Mbeya Medical Research Center in Süd-Tansania hatte in vorangegangen Studien die Basis für eine derartige Untersuchung gelegt. Auch in den drei weiteren Ländern bestanden langjährige Forschungserfahrungen des Studienleiters Dr. Merlin Robb, Walter Reed Army Institute of Research.

Akute Phase der HIV-Infektion gibt Aufschluss über die Immunabwehr

Informationen zur frühen Phase der HIV-Infektionen, die durch die aktuelle Studie gesammelt werden, dienen einem besseren Verständnis der Immunabwehr und sollen zu Optimierungen der Impfstrategien führen. Details über den Verlauf der HIV-Viruslast sowie zur Reaktion der Immunabwehr in der Akutphase der Infektion konnten die Wissenschaftler in der RV 217-Studie sammeln. So konnte erstmalig der Zeitraum zwischen Infektion und dem Höchstwert der Viruslast genauer beschrieben werden, in dem es zur Ausbreitung von Zelltypen kommt, die entscheidend für den weiteren Verlauf der HIV-Infektion sind2. Die Zeit vom ersten Nachweis der HIV-RNA bis zum Peak der Viruslast betrug im Mittel 13 Tage.

Zwischen Maximalwert und dem Tiefstwert der Viruslast, dem sogenannten Set-Point, wurden wiederum 31 Tage gemessen. Der weitere Krankheitsverlauf des HIV-infizierten Patienten wird vom Set-Point bestimmt, denn die Höhe der Viruslast bleibt nach Erreichen des Set-Points für eine lange Zeit gleich. Die Höhe der Viruslast zu diesem Zeitpunkt entscheidet über einen raschen oder eher langsamen Verlauf der HIV-Infektion. Der Set-Point wird in den ersten Tagen der HIV-Infektion definiert, und der Verlauf der chronischen HIV-Erkrankung über die nächsten Jahre wird in diesen ersten Tagen determiniert. Informationen über Interaktionen zwischen dem Immunsystem und dem Virus, die die Höhe des Set-Points beeinflussen könnten, sind daher von außerordentlicher Relevanz.

Ziel ist die Heilung von HIV

Die RV 217-Studie wurde 2009 begonnen und rekrutiert weiterhin Teilnehmer. Circa die Hälfte der neuinfizierten HIV-Patienten wurde während der akuten Phase antiretroviral behandelt. Der Vergleich von den früh behandelten Patienten mit den oben genannten 50 Patienten, die sich neu angesteckt hatten, erlaubt Schlüsse über mögliche Effekte dieser Therapie. In Zusatzstudien (RV 398 u.a.) werden innovative Therapiekonzepte z. B. mit monoklonalen Antikörpern getestet. „Langfristiges Ziel dieser Untersuchungen, die wir innerhalb des DZIF auch im Rahmen einer deutschen Kohorte verfolgen, ist es, Strategien zur Eliminierung der HI-Viren im Körper zu erreichen und durch eine frühe HIV-Therapie eine langfristige Remission, möglicherweise auch Heilung, der HIV-Infektion zu erreichen“, sagt Dr. Arne Kroidl, verantwortlich für die klinische HIV-Forschung an der DZIF International Clinical Trials Unit des Tropeninstitutes München.

Publikationen

1 Robb ML, Eller LA, Kibuuka H, et al.: Prospective Study of Acute HIV-1 Infection in Adults in East Africa and Thailand. N Engl J Med 2016;374:2120-30.
doi: 10.1056/NEJMoa1508952.

2 Eller MA, Goonetilleke N, Tassaneetrithep B, et al.: Expansion of Inefficient HIV-Specific CD8 T Cells during Acute Infection. J Virol 2016;90:4005-16.
doi: 10.1128/JVI.02785-15

Kontakt

Dr. Arne Kroidl
DZIF-Schwerpunkt „HIV”
Ludwig-Maximilians-Universität München
T +49 89 2180 17616
E akroidl@lrz.uni-muenchen.de

Pressekontakt

Janna Schmidt und Karola Neubert
DZIF-Pressestelle
T +49 531 6181 1154/1170
E presse@dzif.de

Janna Schmidt | idw - Informationsdienst Wissenschaft
Weitere Informationen:
http://www.dzif.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Vitamin-Mangel, der Kampf gegen die Antriebslosigkeit und Nahrung für die Nerven
08.12.2016 | PhytoDoc Ltd.

nachricht Entschlüsselung von Kommunikationswegen zwischen Tumor- und Immunzellen beim Eierstockkrebs
06.12.2016 | Wilhelm Sander-Stiftung

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Elektronenautobahn im Kristall

Physiker der Universität Würzburg haben an einer bestimmten Form topologischer Isolatoren eine überraschende Entdeckung gemacht. Die Erklärung für den Effekt findet sich in der Struktur der verwendeten Materialien. Ihre Arbeit haben die Forscher jetzt in Science veröffentlicht.

Sie sind das derzeit „heißeste Eisen“ der Physik, wie die Neue Zürcher Zeitung schreibt: topologische Isolatoren. Ihre Bedeutung wurde erst vor wenigen Wochen...

Im Focus: Electron highway inside crystal

Physicists of the University of Würzburg have made an astonishing discovery in a specific type of topological insulators. The effect is due to the structure of the materials used. The researchers have now published their work in the journal Science.

Topological insulators are currently the hot topic in physics according to the newspaper Neue Zürcher Zeitung. Only a few weeks ago, their importance was...

Im Focus: Rätsel um Mott-Isolatoren gelöst

Universelles Verhalten am Mott-Metall-Isolator-Übergang aufgedeckt

Die Ursache für den 1937 von Sir Nevill Francis Mott vorhergesagten Metall-Isolator-Übergang basiert auf der gegenseitigen Abstoßung der gleichnamig geladenen...

Im Focus: Poröse kristalline Materialien: TU Graz-Forscher zeigt Methode zum gezielten Wachstum

Mikroporöse Kristalle (MOFs) bergen große Potentiale für die funktionalen Materialien der Zukunft. Paolo Falcaro von der TU Graz et al zeigen in Nature Materials, wie man MOFs gezielt im großen Maßstab wachsen lässt.

„Metal-organic frameworks“ (MOFs) genannte poröse Kristalle bestehen aus metallischen Knotenpunkten mit organischen Molekülen als Verbindungselemente. Dank...

Im Focus: Gravitationswellen als Sensor für Dunkle Materie

Die mit der Entdeckung von Gravitationswellen entstandene neue Disziplin der Gravitationswellen-Astronomie bekommt eine weitere Aufgabe: die Suche nach Dunkler Materie. Diese könnte aus einem Bose-Einstein-Kondensat sehr leichter Teilchen bestehen. Wie Rechnungen zeigen, würden Gravitationswellen gebremst, wenn sie durch derartige Dunkle Materie laufen. Dies führt zu einer Verspätung von Gravitationswellen relativ zu Licht, die bereits mit den heutigen Detektoren messbar sein sollte.

Im Universum muss es gut fünfmal mehr unsichtbare als sichtbare Materie geben. Woraus diese Dunkle Materie besteht, ist immer noch unbekannt. Die...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Firmen- und Forschungsnetzwerk Munitect tagt am IOW

08.12.2016 | Veranstaltungen

NRW Nano-Konferenz in Münster

07.12.2016 | Veranstaltungen

Wie aus reinen Daten ein verständliches Bild entsteht

05.12.2016 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Hochgenaue Versuchsstände für dynamisch belastete Komponenten – Workshop zeigt Potenzial auf

09.12.2016 | Seminare Workshops

Ein Nano-Kreisverkehr für Licht

09.12.2016 | Physik Astronomie

Pflanzlicher Wirkstoff lässt Wimpern wachsen

09.12.2016 | Biowissenschaften Chemie