Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Stromreize können die Sehleistung bei Patienten mit Gesichtsfeldeinschränkungen verbessern

11.11.2011
Erste Ergebnisse einer neuen Therapie zur Behandlung von Patienten mit Schädigungen des Sehnervs haben Wissenschaftler des Magdeburger Universitätsklinikums und der Berliner Charité im Wissenschaftsjournal Brain Stimulation vorgestellt.

Die Mediziner konnten nachweisen, dass eine nicht-invasive Stimulation mit Wechselstrom die Sehleistung und die sehbezogene Lebensqualität verbessern können.

Schädigungen des Sehnervs sind häufig die Folge eines Schlaganfalls in der Netzhaut, eines Schädelhirntraumas oder von Hirntumoren. Die Betroffenen können nur noch einen Teil ihrer Umwelt sehen.

Früher waren Ärzte davon überzeugt, dass derartige Schäden im Zentralnervensystem unumkehrbar sind. Neurowissenschaftliche Untersuchungen der vergangenen drei Jahrzehnte zeigten jedoch, dass das Gehirn Schäden oftmals noch kompensieren kann. Ein Ziel der aktuellen neurowissenschaftlichen Forschung ist es, geeignete Verfahren zu entwickeln, die das Gehirn bei seiner Kompensationsfähigkeit unterstützen.

Die aktuelle Studie von Wissenschaftlern aus Magdeburg und Berlin zeigt nun, dass Patienten mit einer Teilblindheit auf Grund einer Sehnervschädigung von einer nicht-invasiven Wechselstrom-Therapie profitieren können. Bei dieser Therapie - von den Forschern als „ alternating current stimulation“ (ACS) bezeichnet - werden Elektroden vorübergehend oberhalb der Augenbrauen und neben den Nasenflügeln auf die Haut aufgeklebt. Über die Elektroden erhält der Patient abwechselnd schwache Wechselstromreize.

In der Studie wurden 42 Patienten mit Gesichtsfeldeinschränkungen nach chronischen Sehnervschädigungen aufgenommen und zufällig entweder der rtACS-Behandlungsgruppe oder einer Placebogruppe zugeordnet. Beide Gruppen wurden in einen Zeitraum von zehn Tagen (für jeweils etwa 30 bis 40 Minuten am Tag) behandelt, wobei die Placebogruppe nur scheinbar eine rtACS-Behandlung bekam. Auch die Studienmitarbeiter, die die Diagnostik vor und nach der Behandlung durchführten, wurden nicht über die Gruppenzugehörigkeit in Kenntnis gesetzt.

Wie das Team um Professor Dr. Bernhard Sabel, Direktor des Institutes für Medizinische Psychologie der Otto-von-Guericke-Universität, in der Zeitschrift „Brain Stimulation" (Vol. 4 (4):175-188) berichtet, führte die ACS-Therapie durchschnittlich zu einer etwa 40-prozentigen Verbesserung des erblindeten Bereiches im Vergleich zum noch unbehandelten Erstbefund. Bei den Patienten aus der Placebogruppe, die nur zum Schein eine ACS-Therapie erhielten, war dagegen keine Verringerung des Gesichtsfeldausfalls zu erkennen.

Außerdem konnten die Wissenschaftler nachweisen, dass der Grad der subjektiven Beeinträchtigung durch den Gesichtsfeldausfall nach der ACS-Therapie geringer ausfällt. In einem „Fragebogen zur Sehkraft“ (National Eye Institute Visual Function Questionnaire) gaben die mit ACS behandelten Patienten im Vergleich zu Placebopatienten subjektiv bedeutsame Verbesserungen im Bereich „allgemeine Sehkraft“ an. Diese waren umso größer, je deutlicher die Reduktion des zuvor diagnostizierten Gesichtsfeldausfalls ausfiel.

„Unsere Resultate zeigen, dass das adulte visuelle System sehr viel modizifierbarer als bisher angenommen ist“, schlussfolgert Professor Sabel. Teilschädigungen des visuellen Systems nach Sehnervverletzungen könnten durch eine nicht-invasive Wechselstromstimulation zu neuroplastischen Veränderungen angeregt werden, die sich funktionell in verbesserten Gesichtsfeldern messen lassen.

Die Wissenschaftler werden ihre neuen Ergebnisse am 16. November auf dem Jahrestreffen der Society for Neuroscience in Washington vorstellen.

Orginalbeitrag:
Noninvasive transorbital alternating current stimulation improves subjective visual functioning and vision-related quality of life in optic neuropathy, Brain Stimulation, 4(4):175-188.

http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S1935861X11001094

Kontakt:
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg
Medizinische Fakultät
Institut für Medizinische Psychologie
Prof. Dr. Bernhard Sabel
Tel. 0391-67 21800
Email: IMP@med.ovgu.de

Kornelia Suske | idw
Weitere Informationen:
http://www.med.uni-magdeburg.de/
http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S1935861X11001094

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Neuer Ansatz: Nierenschädigungen therapieren, bevor Symptome auftreten
20.09.2017 | Universitätsklinikum Regensburg (UKR)

nachricht Neuer Ansatz zur Therapie der diabetischen Nephropathie
19.09.2017 | Universitätsklinikum Magdeburg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: The pyrenoid is a carbon-fixing liquid droplet

Plants and algae use the enzyme Rubisco to fix carbon dioxide, removing it from the atmosphere and converting it into biomass. Algae have figured out a way to increase the efficiency of carbon fixation. They gather most of their Rubisco into a ball-shaped microcompartment called the pyrenoid, which they flood with a high local concentration of carbon dioxide. A team of scientists at Princeton University, the Carnegie Institution for Science, Stanford University and the Max Plank Institute of Biochemistry have unravelled the mysteries of how the pyrenoid is assembled. These insights can help to engineer crops that remove more carbon dioxide from the atmosphere while producing more food.

A warming planet

Im Focus: Hochpräzise Verschaltung in der Hirnrinde

Es ist noch immer weitgehend unbekannt, wie die komplexen neuronalen Netzwerke im Gehirn aufgebaut sind. Insbesondere in der Hirnrinde der Säugetiere, wo Sehen, Denken und Orientierung berechnet werden, sind die Regeln, nach denen die Nervenzellen miteinander verschaltet sind, nur unzureichend erforscht. Wissenschaftler um Moritz Helmstaedter vom Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt am Main und Helene Schmidt vom Bernstein-Zentrum der Humboldt-Universität in Berlin haben nun in dem Teil der Großhirnrinde, der für die räumliche Orientierung zuständig ist, ein überraschend präzises Verschaltungsmuster der Nervenzellen entdeckt.

Wie die Forscher in Nature berichten (Schmidt et al., 2017. Axonal synapse sorting in medial entorhinal cortex, DOI: 10.1038/nature24005), haben die...

Im Focus: Highly precise wiring in the Cerebral Cortex

Our brains house extremely complex neuronal circuits, whose detailed structures are still largely unknown. This is especially true for the so-called cerebral cortex of mammals, where among other things vision, thoughts or spatial orientation are being computed. Here the rules by which nerve cells are connected to each other are only partly understood. A team of scientists around Moritz Helmstaedter at the Frankfiurt Max Planck Institute for Brain Research and Helene Schmidt (Humboldt University in Berlin) have now discovered a surprisingly precise nerve cell connectivity pattern in the part of the cerebral cortex that is responsible for orienting the individual animal or human in space.

The researchers report online in Nature (Schmidt et al., 2017. Axonal synapse sorting in medial entorhinal cortex, DOI: 10.1038/nature24005) that synapses in...

Im Focus: Tiny lasers from a gallery of whispers

New technique promises tunable laser devices

Whispering gallery mode (WGM) resonators are used to make tiny micro-lasers, sensors, switches, routers and other devices. These tiny structures rely on a...

Im Focus: Wundermaterial Graphen: Gewölbt wie das Polster eines Chesterfield-Sofas

Graphen besitzt extreme Eigenschaften und ist vielseitig verwendbar. Mit einem Trick lassen sich sogar die Spins im Graphen kontrollieren. Dies gelang einem HZB-Team schon vor einiger Zeit: Die Physiker haben dafür eine Lage Graphen auf einem Nickelsubstrat aufgebracht und Goldatome dazwischen eingeschleust. Im Fachblatt 2D Materials zeigen sie nun, warum dies sich derartig stark auf die Spins auswirkt. Graphen kommt so auch als Material für künftige Informationstechnologien infrage, die auf der Verarbeitung von Spins als Informationseinheiten basieren.

Graphen ist wohl die exotischste Form von Kohlenstoff: Alle Atome sind untereinander nur in der Ebene verbunden und bilden ein Netz mit sechseckigen Maschen,...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

11. BusinessForum21-Kongress „Aktives Schadenmanagement"

22.09.2017 | Veranstaltungen

Internationale Konferenz zum Biomining ab Sonntag in Freiberg

22.09.2017 | Veranstaltungen

Die Erde und ihre Bestandteile im Fokus

21.09.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

11. BusinessForum21-Kongress „Aktives Schadenmanagement"

22.09.2017 | Veranstaltungsnachrichten

DFG bewilligt drei neue Forschergruppen und eine neue Klinische Forschergruppe

22.09.2017 | Förderungen Preise

Lebendiges Gewebe aus dem Drucker

22.09.2017 | Biowissenschaften Chemie