Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Strategien gegen die Nebenwirkungen neuer MS-Therapien

10.09.2009
Bochumer Neurologen im New England Journal of Medicine

Blutwäsche gegen schwere Infektionen

Die Kehrseite neuer Immuntherapien gegen Multiple Sklerose (MS) sind u.a. schwere Infektionen, die tödlich verlaufen können. So öffnet die Behandlung mit Natalizumab, das die Immunantwort herabsetzt, der progressiven multifokalen Leukencephalopathie (PML), einer schweren Gehirnentzündung, die Tür. Als Gegenstrategie setzten Prof. Dr. Ralf Gold (RUB-Klinik für Neurologie, St. Josef Hospital) und Dr. Werner Wenning (Ortenau-Klinikum Offenburg-Gengebach) auf eine Blutwäsche, um den Wirkstoff zu entfernen und die Immunantwort wieder zu stärken.

Über ihre erfolgreiche Behandlungsstrategie berichten sie in der aktuellen Ausgabe des New England Journal of Medicine.

Zerstörerische Wirkung weißer Blutzellen unterbinden

Natalizumab ist ein monoklonaler Antikörper, der in der EU seit 2006 für die Behandlung von schwerer, schubförmiger MS zugelassen ist. Der Antikörper bindet an bestimmte Strukturen auf der Oberfläche von weißen Blutkörperchen und hindert sie so an ihrer Wanderung durch die Gefäßwand in entzündetes Gewebe. So unterbindet der Wirkstoff die zerstörerische Wirkung der weißen Blutzellen, die sich bei MS gegen die Isolierschicht der Nervenfaserbahnen richtet. Da die weißen Blutkörperchen eigentlich der Vernichtung schädlicher Fremdkörper wie Viren oder Bakterien dienen, muss man so allerdings auch eine Schwächung der Immunabwehr in Kauf nehmen.

Enttäuschte Hoffnung: Auch Monotherapie ist nicht ungefährlich

Schon in klinischen Studien hatte Natalizumab bei zwei MS-Patienten zu progressiver multifokaler Leukencephalopathie (PML) geführt. Diese schwere Gehirninfektion wird durch das JC-Virus ausgelöst, das 80 Prozent aller Erwachsenen im Körper tragen, wobei es normalerweise durch das Immunsystem in Schach gehalten wird. Weniger Erfahrene können die Symptome einer PML mit einem MS-Schub verwechseln. "Da die beiden betroffenen Patienten allerdings zeitglich mit dem ebenfalls immunwirksamen Interferon Beta behandelt wurden, bestand die begründete Hoffnung, dass die Monotherapie relativ gefahrlos sei", erklärt Prof. Gold. Zudem hat die Hersteller-Firma BiogenIdec zu Beginn der Zulassung im Sommer 2006 jeweils länderspezifisch umfassende Vorbereitungsseminare angeboten, in denen auch Vorsichts- und Therapiemaßnahmen erörtert wurden. Im Juli 2008 wurde dann fast gleichzeitig bei einem deutschen und einem schwedischen MS-Patienten eine PML diagnostiziert, nach 14 bzw. 16 Monaten Natalizumab-Therapie.

Behandlung in Offenburg, Steuerung in Bochum

Die Behandlungsstrategien gegen die Infektion sind Inhalt der beiden Arbeiten, die von den deutschen und schwedischen Autoren zeitgleich zur Publikation eingereicht wurden. Der deutsche Patient wurde bei Dr. Werner Wenning in Offenburg behandelt, die Therapie von Prof. Gold aus Bochum gesteuert.

Blutwäsche entfernt den Wirkstoff

Ziel der Therapie war die Wiederherstellung des körpereigenen Immunsystems des Patienten, das das JC-Virus bekämpfen sollte. Dazu mussten die Mediziner den Wirkstoff Natalizumab möglichst aus dem Körper des Patienten entfernen. Natalizumab zirkuliert sehr lange im Körper: Erst nach durchschnittlich 16 Tagen reduziert sich der Wirkstoffspiegel um etwa die Hälfte. Die Bochumer und Offenburger Forscher entschieden sich daher für eine Blutwäsche. Spätere Messungen zeigten, dass der Medikamentenspiegel innerhalb einer Woche von 10,8 µg/ml auf unter 0,25 µg/ml reduziert wurde. Parallel verbesserten sich die Symptome vorübergehend. Vier Wochen später trat dann eine sekundäre Verschlechterung auf, die mit der Zunahme von motorischen Ausfällen sowie einer Bewusstseinstrübung einherging. In diesem Stadium der wiedererwachenden Immunantwort (IRIS = immune reconstitution inflammatory syndrome) wird das Virus im Gehirn durch Immunzellen (zytotoxische Lymphozyten) eliminiert. Dies führt zum Tod der virusinfizierten Oligodendrozyten, bestimmter Stützzellen des Gehirns, die für die Isolierung der Nervenzellverbindungen sorgen. Der Patient benötigte vier Wochen Intensivmedizin einschließlich Beatmung und künstlicher Ernährung, bis er dann in die Anschlussrehabilitation verlegt werden konnte. Die therapeutischen Maßnahmen werden im New England Journal of Medicine ausführlich beschrieben und diskutiert.

Neurologen müssen den Umgang mit neuen Nebenwirkungen kennen

"Neue MS-Medikamente haben uns leider neue, manchmal zum Tode führende Nebenwirkungen beschert", sagt Prof. Gold. "Momentan steht Natalizumab weltweit im Mittelpunkt des Interesses, aber bald werden vielleicht andere wie Alemtuzumab oder anti-CD20-Antikörper folgen. Deshalb ist es wichtig, dass die behandelnden Neurologen mit den Komplikationen und deren Behandlung sehr gut vertraut sind. Vielleicht wird uns die Zukunft ein 'therapeutisches Navigieren' durch moderne Immuntherapien bringen, mit Zyklen von Eskalation und Deeskalation in Abhängigkeit von der Krankheitsaktivität."

Titelaufnahmen

Werner Wenning, Aiden Aghikia, Jörg Laubenberger, David B. Clifford, Peter F. Behrens, Andrew Chan, Ralf Gold: Treatment of Progressive Multifocal Leukoencephalopathy Associated with Natalizumab. In: N Engl J Med 361; 11, p. 1075-1080, 10.9.2009, http://content.nejm.org/cgi/content/short/361/11/1075

Linker RA, Kieseier BC, Gold R. Identification and development of new therapeutics for multiple sclerosis. Trends Pharmacol Sci 2008; 29: 558-565

Weitere Informationen

Prof. Dr. Ralf Gold, Neurologische Klinik der Ruhr-Universität Bochum im St. Josef-Hospital, Gudrunstraße 56, 44791 Bochum, Tel.: 0234/509-2410, Fax: 0234/509-2414, E-Mail: ralf.gold@rub.de

Redaktion: Meike Drießen

Dr. Josef König | idw
Weitere Informationen:
http://content.nejm.org/cgi/content/short/361/11/1075
http://www.ruhr-uni-bochum.de/

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht In Deutschland wächst die Zahl der Patienten mit Diabetes mellitus
23.02.2017 | Versorgungsatlas

nachricht Ursache für eine erbliche Muskelerkrankung entdeckt
22.02.2017 | Klinikum der Universität München

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Kühler Zwerg und die sieben Planeten

Erdgroße Planeten mit gemäßigtem Klima in System mit ungewöhnlich vielen Planeten entdeckt

In einer Entfernung von nur 40 Lichtjahren haben Astronomen ein System aus sieben erdgroßen Planeten entdeckt. Alle Planeten wurden unter Verwendung von boden-...

Im Focus: Mehr Sicherheit für Flugzeuge

Zwei Entwicklungen am Lehrgebiet Rechnerarchitektur der FernUniversität in Hagen können das Fliegen sicherer machen: ein Flugassistenzsystem, das bei einem totalen Triebwerksausfall zum Einsatz kommt, um den Piloten ein sicheres Gleiten zu einem Notlandeplatz zu ermöglichen, und ein Assistenzsystem für Segelflieger, das ihnen das Erreichen größerer Höhen erleichtert. Präsentiert werden sie von Prof. Dr.-Ing. Wolfram Schiffmann auf der Internationalen Fachmesse für Allgemeine Luftfahrt AERO vom 5. bis 8. April in Friedrichshafen.

Zwei Entwicklungen am Lehrgebiet Rechnerarchitektur der FernUniversität in Hagen können das Fliegen sicherer machen: ein Flugassistenzsystem, das bei einem...

Im Focus: HIGH-TOOL unterstützt Verkehrsplanung in Europa

Forschung am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) unterstützt die Europäische Kommission bei der Verkehrsplanung: Anhand des neuen Modells HIGH-TOOL lässt sich bewerten, wie verkehrspolitische Maßnahmen langfristig auf Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt wirken. HIGH-TOOL ist ein frei zugängliches Modell mit Modulen für Demografie, Wirtschaft und Ressourcen, Fahrzeugbestand, Nachfrage im Personen- und Güterverkehr sowie Umwelt und Sicherheit. An dem nun erfolgreich abgeschlossenen EU-Projekt unter der Koordination des KIT waren acht Partner aus fünf Ländern beteiligt.

Forschung am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) unterstützt die Europäische Kommission bei der Verkehrsplanung: Anhand des neuen Modells HIGH-TOOL lässt...

Im Focus: Zinn in der Photodiode: nächster Schritt zur optischen On-Chip-Datenübertragung

Schon lange suchen Wissenschaftler nach einer geeigneten Lösung, um optische Komponenten auf einem Computerchip zu integrieren. Doch Silizium und Germanium allein – die stoffliche Basis der Chip-Produktion – sind als Lichtquelle kaum geeignet. Jülicher Physiker haben nun gemeinsam mit internationalen Partnern eine Diode vorgestellt, die neben Silizium und Germanium zusätzlich Zinn enthält, um die optischen Eigenschaften zu verbessern. Das Besondere daran: Da alle Elemente der vierten Hauptgruppe angehören, sind sie mit der bestehenden Silizium-Technologie voll kompatibel.

Schon lange suchen Wissenschaftler nach einer geeigneten Lösung, um optische Komponenten auf einem Computerchip zu integrieren. Doch Silizium und Germanium...

Im Focus: Innovative Antikörper für die Tumortherapie

Immuntherapie mit Antikörpern stellt heute für viele Krebspatienten einen Erfolg versprechenden Ansatz dar. Weil aber längst nicht alle Patienten nachhaltig von diesen teuren Medikamenten profitieren, wird intensiv an deren Verbesserung gearbeitet. Forschern um Prof. Thomas Valerius an der Christian Albrechts Universität Kiel gelang es nun, innovative Antikörper mit verbesserter Wirkung zu entwickeln.

Immuntherapie mit Antikörpern stellt heute für viele Krebspatienten einen Erfolg versprechenden Ansatz dar. Weil aber längst nicht alle Patienten nachhaltig...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Big Data Centrum Ostbayern-Südböhmen startet Veranstaltungsreihe

23.02.2017 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - April 2017

23.02.2017 | Veranstaltungen

Wie werden wir gesund alt? - Alternsforscher tagen auf interdisziplinärem Symposium in Magdeburg

23.02.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Heinz Maier-Leibnitz-Preise 2017: DFG und BMBF zeichnen vier Forscherinnen und sechs Forscher aus

23.02.2017 | Förderungen Preise

Big Data Centrum Ostbayern-Südböhmen startet Veranstaltungsreihe

23.02.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Planeten außerhalb unseres Sonnensystems: Bayreuther Forscher dringen tief ins Weltall vor

23.02.2017 | Physik Astronomie