Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Starke Magnetfelder helfen bei schweren Depressionen

21.10.2010
Starke Magnetfelder eignen sich augenscheinlich sehr gut zur Therapie schwerer Depressionen. Das zeigt eine aktuelle Studie der Universität Bonn, die jetzt im Journal of Psychiatric Research erschienen ist (doi: 10.1016/j.jpsychires.2010.09.008).

Die Mediziner hatten insgesamt zehn Patienten mit der so genannten Magnetkrampftherapie (MKT) behandelt. Bei sechs von ihnen besserte sich der Zustand daraufhin deutlich. Besonders erfreulich: Schwerwiegende Nebenwirkungen blieben komplett aus.

Bei einer Magnetkrampftherapie bringen Mediziner am Kopf des narkotisierten Patienten zwei Spulen an. Diese erzeugen einhundert Mal pro Sekunde ein starkes Magnetfeld und lösen dadurch im Gehirn einen Krampfanfall aus. Die seit mehr als 75 Jahren eingesetzte Elektrokrampftherapie (EKT) funktioniert ähnlich. Bei ihr wird der Anfall aber durch elektrische Impulse hervorgerufen.

Bei vielen Depressiven verbessert sich nach einer EKT das Befinden - die Gründe dafür sind noch unklar. Selbst bei Kranken, die auf keine andere Behandlungsmethode ansprechen, liegt die Erfolgsquote bei 50 bis 70 Prozent. Allerdings hält diese Besserung nur bei der Hälfte von ihnen länger als sechs Monate an. Dennoch schlägt die Methode die heute verfügbaren Medikamente ebenso um Längen wie Psycho- oder Verhaltenstherapien.

Elektrokrampftherapie hat ein Image-Problem

Dennoch hat die EKT ein Image-Problem. Das liegt zum Einen an Filmen wie „Einer flog über das Kuckucksnest“, in dem Jack Nicholson bei vollem Bewusstsein einer Zwangs-EKT unterzogen wurde. Die brachialen Bilder wirken bis heute nach. Zum anderen kann sie aber auch unangenehme Nebenwirkungen haben. So klagt ein Drittel der Patienten über Gedächtnisstörungen. In seltenen Fällen können diese über Wochen oder sogar Monate anhalten.

Die relativ neue Magnetkrampftherapie scheint nach ersten Studien deutlich schonender zu sein. Doch ist sie auch ähnlich effektiv wie die EKT? „Wir sind dieser Frage in unserer Studie nachgegangen“, erklärt die Erstautorin der Publikation Dr. Sarah Kayser. „Dazu haben wir zwanzig schwerst depressive Patienten behandelt - zehn von ihnen per EKT, die anderen zehn per MKT.“

Bei sechs MKT-Patienten und vier EKT-Patienten verbesserte sich das Befinden daraufhin erheblich. Die Teilnehmer der EKT-Gruppe klagten jedoch nach dem Erwachen aus der Narkose häufig über Schwindel, Kopfschmerz oder Muskelschmerzen. Diese Nebenwirkungen blieben in der MKT-Gruppe gänzlich aus.

Die Ärzte untersuchten zudem, wie die beiden Behandlungsmethoden sich auf kognitive Parameter wie das Erinnerungsvermögen auswirkten. Dazu sollten die Probanden nach dem Erwachen aus der Narkose Namen, Alter, Wochentag und ihren augenblicklichen Aufenthaltsort nennen. Den Teilnehmern der EKT-Gruppe gelang es im Schnitt erst nach sechs Minuten, diese Fragen korrekt zu beantworten. Bei den MKT-Patienten betrug diese Zeitspanne lediglich gut zwei Minuten; sie erholten sich also deutlich schneller. Keiner der zwanzig Studienteilnehmer litt unter länger dauernden Gedächtnisstörungen.

Alternative zu Medikamenten?

„Die Magnetkrampftherapie scheint tatsächlich eine Alternative zur Elektrokrampftherapie zu sein, die deutlich weniger Nebenwirkungen hat“, sagt Professor Dr. Thomas E. Schläpfer von der Bonner Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie. „Angesichts der kleinen Patientenzahl ist dieses Ergebnis aber noch mit Vorsicht zu betrachten. Wir müssen jetzt unbedingt weitere Patienten behandeln, um unsere Ergebnisse zu bestätigen.“

Für Menschen, die an Depressionen leiden, sind die Resultate aber schon jetzt Anlass zur Hoffnung: Während die EKT aufgrund ihres unverdient schlechten Rufs von vielen Medizinern auch heute noch eher als „ultima ratio“ gesehen wird, hat die MKT mit diesem Manko nicht zu kämpfen. Sie könnte daher bei Patienten, die auf Medikamenten und Psychotherapien nicht ansprechen, als Alternative zum Einsatz kommen. Das könnte eventuell so manchem Betroffenen einen jahrelangen erfolglosen Behandlungsmarathon ersparen.

Kontakt:
Dr. Sarah Kayser
Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Universität Bonn
Telefon: 0228/287-11451
E-Mail: Sarah.Kayser@ukb.uni-bonn.de
Professor Dr. Thomas Schläpfer
Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Universität Bonn
Telefon: 0228/287-15715
E-Mail: schlaepf@jhmi.edu

Frank Luerweg | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-bonn.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Neue Methode der Eisenverabreichung
26.04.2017 | Eidgenössische Technische Hochschule Zürich (ETH Zürich)

nachricht Bestrahlung bei Hirntumoren? Eine neue, verlässlichere Einteilung erleichtert die Entscheidung
26.04.2017 | Universitätsklinikum Heidelberg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: TU Chemnitz präsentiert weltweit einzigartige Pilotanlage für nachhaltigen Leichtbau

Wickelprinzip umgekehrt: Orbitalwickeltechnologie soll neue Maßstäbe in der großserientauglichen Fertigung komplexer Strukturbauteile setzen

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Bundesexzellenzclusters „Technologiefusion für multifunktionale Leichtbaustrukturen" (MERGE) und des Instituts für...

Im Focus: Smart Wireless Solutions: EU-Großprojekt „DEWI“ liefert Innovationen für eine drahtlose Zukunft

58 europäische Industrie- und Forschungspartner aus 11 Ländern forschten unter der Leitung des VIRTUAL VEHICLE drei Jahre lang, um Europas führende Position im Bereich Embedded Systems und dem Internet of Things zu stärken. Die Ergebnisse von DEWI (Dependable Embedded Wireless Infrastructure) wurden heute in Graz präsentiert. Zu sehen war eine Fülle verschiedenster Anwendungen drahtloser Sensornetzwerke und drahtloser Kommunikation – von einer Forschungsrakete über Demonstratoren zur Gebäude-, Fahrzeug- oder Eisenbahntechnik bis hin zu einem voll vernetzten LKW.

Was vor wenigen Jahren noch nach Science-Fiction geklungen hätte, ist in seinem Ansatz bereits Wirklichkeit und wird in Zukunft selbstverständlicher Teil...

Im Focus: Weltweit einzigartiger Windkanal im Leipziger Wolkenlabor hat Betrieb aufgenommen

Am Leibniz-Institut für Troposphärenforschung (TROPOS) ist am Dienstag eine weltweit einzigartige Anlage in Betrieb genommen worden, mit der die Einflüsse von Turbulenzen auf Wolkenprozesse unter präzise einstellbaren Versuchsbedingungen untersucht werden können. Der neue Windkanal ist Teil des Leipziger Wolkenlabors, in dem seit 2006 verschiedenste Wolkenprozesse simuliert werden. Unter Laborbedingungen wurden z.B. das Entstehen und Gefrieren von Wolken nachgestellt. Wie stark Luftverwirbelungen diese Prozesse beeinflussen, konnte bisher noch nicht untersucht werden. Deshalb entstand in den letzten Jahren eine ergänzende Anlage für rund eine Million Euro.

Die von dieser Anlage zu erwarteten neuen Erkenntnisse sind wichtig für das Verständnis von Wetter und Klima, wie etwa die Bildung von Niederschlag und die...

Im Focus: Nanoskopie auf dem Chip: Mikroskopie in HD-Qualität

Neue Erfindung der Universitäten Bielefeld und Tromsø (Norwegen)

Physiker der Universität Bielefeld und der norwegischen Universität Tromsø haben einen Chip entwickelt, der super-auflösende Lichtmikroskopie, auch...

Im Focus: Löschbare Tinte für den 3-D-Druck

Im 3-D-Druckverfahren durch Direktes Laserschreiben können Mikrometer-große Strukturen mit genau definierten Eigenschaften geschrieben werden. Forscher des Karlsruher Institus für Technologie (KIT) haben ein Verfahren entwickelt, durch das sich die 3-D-Tinte für die Drucker wieder ‚wegwischen‘ lässt. Die bis zu hundert Nanometer kleinen Strukturen lassen sich dadurch wiederholt auflösen und neu schreiben - ein Nanometer entspricht einem millionstel Millimeter. Die Entwicklung eröffnet der 3-D-Fertigungstechnik vielfältige neue Anwendungen, zum Beispiel in der Biologie oder Materialentwicklung.

Beim Direkten Laserschreiben erzeugt ein computergesteuerter, fokussierter Laserstrahl in einem Fotolack wie ein Stift die Struktur. „Eine Tinte zu entwickeln,...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Internationaler Tag der Immunologie - 29. April 2017

28.04.2017 | Veranstaltungen

Kampf gegen multiresistente Tuberkulose – InfectoGnostics trifft MYCO-NET²-Partner in Peru

28.04.2017 | Veranstaltungen

123. Internistenkongress: Traumata, Sprachbarrieren, Infektionen und Bürokratie – Herausforderungen

27.04.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Über zwei Millionen für bessere Bordnetze

28.04.2017 | Förderungen Preise

Symbiose-Bakterien: Vom blinden Passagier zum Leibwächter des Wollkäfers

28.04.2017 | Biowissenschaften Chemie

Wie Pflanzen ihre Zucker leitenden Gewebe bilden

28.04.2017 | Biowissenschaften Chemie