Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Stammzellentransplantation bei schubförmiger MS - ermutigende Ergebnisse einer Phase Ib/IIa Studie

20.02.2009
Beeindruckend ist eine aktuell in The Lancet Neurology veröffentlichte amerikanische Studie mit Stammzellen bei Multiple Sklerose: Nach drei Jahren hatte sich der Zustand bei 81 Prozent der Patienten nicht nur stabilisiert, sondern sogar verbessert: "Zwar bedarf es einer prospektiven randomisierten Studie, um die positiven Ergebnisse bei einer größeren Patientenzahl zu verifizieren und mögliche kurz- und langfristige Nebenwirkungen dieser Therapie zu erfassen", kommentiert der Düsseldorfer Neurologe Prof. Dr. Hans-Peter Hartung, MS-Experte von der Deutschen Gesellschaft für Neurologie, die Studie, "doch die Ergebnisse sind durchaus ermutigend".

Die Multiple Sklerose ist eine entzündliche immunvermittelte Erkrankung des zentralen Nervensystems und häufigste Ursache bleibender neurologischer Behinderung im jüngeren Erwachsenenalter.

Als Ursache werden fehlgeleitete Immunantworten gegen Moleküle in Gehirn und Rückenmark angenommen. Hierauf basieren Behandlungsmethoden mit immunmodulierenden bzw. immunsuppressiven Medikamenten. Diese führen aber in der Mehrzahl nicht zu einem andauernden Krankheitsstopp, sondern viele Patienten erleiden weiter Schübe und erfahren eine zunehmende Behinderung.

Die autologe hämatopoetische Stammzellentransplantation
Dieses Verfahren wurde in der Vergangenheit bei einer Reihe von Autoimmunerkrankungen eingesetzt, um eine sehr starke Unterdrückung des Immunsystems bzw. die Eliminierung schädlicher zellulärer Bestandteile mit nachfolgendem Ersatz durch patienteneigene Knochenmarks-Immunstammzellen zu erreichen. Hierbei werden durch Zytostatika und Immunsuppressiva ("Konditionierung") sog. Blut-Vorläuferzellen aus dem Knochenmark der Patienten freigesetzt, eingefroren und später dem Patienten zurück infundiert. Man unterscheidet hierbei Verfahren, die je nach Wahl der Zytostatika und Immunsuppressiva zu einer kompletten Eliminierung des Knochenmarks führen ("myeloablativ") von solchen, die "milder" sind und das Knochenmark nicht zerstören ("nicht-myeloablativ").

Bisherige nicht-kontrollierte Studien bei Patienten vornehmlich mit fortgeschrittener sekundär progredienter MS haben keine eindeutig überzeugenden therapeutischen Wirkungen gezeigt. Dies mag daran liegen, dass eine solche Behandlung im Stadium der sekundären Progression zu spät kommt, da der Krankheitsprozess dann nicht mehr wesentlich von immungetriggerten Entzündungsreaktionen vorangetrieben wird.

In jedem Fall ist der mögliche Nutzen einer solchen invasiven Therapie gegen potenzielle Risiken abzuwägen. Am schwerwiegendsten ist die mit diesem Verfahren verbundene Sterblichkeit, die etwa bei 3,3 Prozent liegt. In der im März-Heft der internationalen Fachzeitschrift The Lancet Neurology publizierten Phase-Ib/IIa-Studie erhielten Patienten ein milderes Konditionierungsverfahren mit Cyclophophamid und Alemtuzumab bzw. Antithymozytenglobulin. Eingeschlossen wurden 21 Patienten (mittleres Alter 33 Jahre, mittlere Krankheitsdauer 5 Jahre) mit schubförmiger Multipler Sklerose.

Beeindruckende Ergebnisse
Nach drei Jahren hatten sich 81 % aller Patienten um einen Punkt auf der Behinderungsskala EDSS verbessert. Auch kognitive Funktionen und Lebensqualität waren deutlich gebessert. 62 % der Patienten hatten weder klinisch noch in der Kernspintomografie Krankheitsaktivität. Es gab keine Todesfälle und keine sehr gravierenden Nebenwirkungen. 23 % der Patienten erlitten allerdings sechs bis 16 Monate nach der Behandlung einen neuerlichen Schub.

Es handelt sich um die erste prospektive monozentrische Studie, die in Chicago duchgeführt wurde und die ein solches nicht myeloablatives ("mildes") Regime der autologen Immunstammzelltransplantation bei jüngeren MS Patienten mit relativ kurzer Krankheitsdauer und im Stadium der Schubaktivität untersuchte - und die Resultate sind ermutigend. Allerdings bedarf es einer prospektiven randomisierten Studie, um die positiven Ergebnisse bei einer größeren Patientenzahl zu verifizieren und mögliche kurz- und langfristige Nebenwirkungen dieser Therapie zu erfassen.

Zum jetzigen Zeitpunkt ist also diese Behandlung noch experimentell und keinesfalls ein Routineverfahren.

Quelle
Burt RK, Loh Y, Cohen B, et al. Autologous non-myeloablative haemopoietic stem cell transplantation in relapsing-remitting multiple sclerosis: a phase I/II study. The Lancet Neurology 2009; 8: 244-253. (Abstract:

http://www.thelancet.com/journals/laneur/article/PIIS1474-4422(09)70017-1/fulltext

Fachlicher Kontakt bei Rückfragen
Prof. Dr. Hans-Peter Hartung
Neurologische Klinik
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Moorenstr. 5, D-40225 Düsseldorf
Tel.: 0211-8117880, Fax: 0211-8118469
Pressestelle der DGN
c/o albertZWEI media GmbH, presse@dgn.org, Tel: 089 461486-14
Abdruck honorarfrei - Belegexemplar an die Pressestelle erbeten
Geschäftsstelle Deutsche Gesellschaft für Neurologie e.V.
Prof. Dr. med. Otto Busse, Reinhardtstr. 14, 10117 Berlin, Tel: 030 531437930,
busse@dgn-berlin.org

Frank A. Miltner | idw
Weitere Informationen:
http://www.dgn.org/pressemitteilungen.html

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Abstoßung von Spenderorganen: Neue Biomarker sollen Komplikationen verhindern
15.12.2017 | Deutsche Herzstiftung e.V./Deutsche Stiftung für Herzforschung

nachricht Antibiotikaresistenzen durch Nanopartikel überwinden?
15.12.2017 | Friedrich-Schiller-Universität Jena

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Immunsystem - Blutplättchen können mehr als bislang bekannt

LMU-Mediziner zeigen eine wichtige Funktion von Blutplättchen auf: Sie bewegen sich aktiv und interagieren mit Erregern.

Die aktive Rolle von Blutplättchen bei der Immunabwehr wurde bislang unterschätzt: Sie übernehmen mehr Funktionen als bekannt war. Das zeigt eine Studie von...

Im Focus: First-of-its-kind chemical oscillator offers new level of molecular control

DNA molecules that follow specific instructions could offer more precise molecular control of synthetic chemical systems, a discovery that opens the door for engineers to create molecular machines with new and complex behaviors.

Researchers have created chemical amplifiers and a chemical oscillator using a systematic method that has the potential to embed sophisticated circuit...

Im Focus: Nanostrukturen steuern Wärmetransport: Bayreuther Forscher entdecken Verfahren zur Wärmeregulierung

Der Forschergruppe von Prof. Dr. Markus Retsch an der Universität Bayreuth ist es erstmals gelungen, die von der Temperatur abhängige Wärmeleitfähigkeit mit Hilfe von polymeren Materialien präzise zu steuern. In der Zeitschrift Science Advances werden diese fortschrittlichen, zunächst für Laboruntersuchungen hergestellten Funktionsmaterialien beschrieben. Die hiermit gewonnenen Erkenntnisse sind von großer Relevanz für die Entwicklung neuer Konzepte zur Wärmedämmung.

Von Schmetterlingsflügeln zu neuen Funktionsmaterialien

Im Focus: Lange Speicherung photonischer Quantenbits für globale Teleportation

Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für Quantenoptik erreichen mit neuer Speichertechnik für photonische Quantenbits Kohärenzzeiten, welche die weltweite...

Im Focus: Long-lived storage of a photonic qubit for worldwide teleportation

MPQ scientists achieve long storage times for photonic quantum bits which break the lower bound for direct teleportation in a global quantum network.

Concerning the development of quantum memories for the realization of global quantum networks, scientists of the Quantum Dynamics Division led by Professor...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Call for Contributions: Tagung „Lehren und Lernen mit digitalen Medien“

15.12.2017 | Veranstaltungen

Die Stadt der Zukunft nachhaltig(er) gestalten: inter 3 stellt Projekte auf Konferenz vor

15.12.2017 | Veranstaltungen

Mit allen Sinnen! - Sensoren im Automobil

14.12.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Weltrekord: Jülicher Forscher simulieren Quantencomputer mit 46 Qubits

15.12.2017 | Informationstechnologie

Wackelpudding mit Gedächtnis – Verlaufsvorhersage für handelsübliche Lacke

15.12.2017 | Verfahrenstechnologie

Forscher vereinfachen Installation und Programmierung von Robotersystemen

15.12.2017 | Energie und Elektrotechnik