Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Sprachentwicklungsstörungen im Vorschulalter: Kein Nutzenbeleg für Screening

17.08.2009
Zuverlässige Diagnoseinstrumente fehlen / Nutzen der Früherkennung kann wegen fehlender Daten nicht belegt werden

Sprache ist ein zentrales Element des sozialen Lebens. Sie ist nicht nur Voraussetzung für persönliche Beziehungen, sondern auch für berufliche Chancen. Wenn die sprachliche Entwicklung eines Kindes gestört ist, kann das weitreichende Nachteile haben. Es wäre deshalb gut, wenn man solche Kinder sehr frühzeitig identifizieren könnte, die von einer gezielten Förderung profitieren würden.

Für Kinder mit einer umschriebenen Entwickungsstörung des Sprechens und der Sprache (UESS) konnte das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) allerdings keine Belege für den Nutzen eines Sprachscreenings vor Vollendung des sechsten Lebensjahres finden. Es fehlen zurzeit insbesondere Studien zu Früherkennungsuntersuchungen aber auch zuverlässige Diagnoseinstrumente. Zu diesem Ergebnis kommt der Abschlussbericht, den das IQWiG am 17. August 2009 vorgelegt hat.

Keine Studie zum Screening auf umschriebene Sprachentwicklungsstörungen vorhanden

Unter den Studien, die von den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern des Instituts zur Früherkennung von Sprachstörungen identifiziert wurden, gab es keine Studien, die speziell die Effekte eines Sprachscreenings bei Kindern im Vorschulalter mit UESS untersuchten. Um die Frage zu beantworten, ob die notwendigen Voraussetzungen für ein Screeningprogramm in Deutschland erfüllt sind, bewerteten die Autorinnen und Autoren daher als Teilziele auch die bestehenden Diagnoseverfahren und Interventionen.

Diagnostische Verfahren nicht ausreichend validiert

Unter 17 deutschsprachigen Tests gab es keinen, für den die diagnostische Güte bezogen auf die Indikation umschriebene Sprachentwicklungsstörungen hinreichend untersucht ist. Eine umfassendere Validierung der Diagnose-Instrumente wäre also nötig - unter anderem auch um zu klären, wie hoch nach einem Screening die Zahl der zu erwartenden Folgeuntersuchungen bzw. Behandlungen wäre. Eine besondere Herausforderung bei der Diagnosestellung ist es, bei sehr jungen Kindern eine mögliche Störung von einem normalen Entwicklungsverlauf abzugrenzen.

Einzelne Hinweise auf kurzfristige positive Effekte durch Therapie

Neben den diagnostischen Verfahren untersucht der Bericht auch den Nutzen möglicher Therapien. Insgesamt 16 randomisierte kontrollierte Studien (RCTs) konnten die Autorinnen und Autoren dazu identifizieren. Die Interpretation der Studienergebnisse gestaltete sich jedoch schwierig: Fast alle Studien waren anfällig für Verzerrungen. Sie waren außerdem sehr unterschiedlich, was die Art der Therapie, die Einschlusskriterien, den Schweregrad der Störung, die Intensität und die Dauer der Maßnahme betrifft.

Bei den Kindern, die eine Sprachtherapie erhielten, zeigten sich kurzfristig überwiegend positive Effekte auf die sprachliche Entwicklung. Die Kinder, die an Interventionsprogrammen teilnahmen, verbesserten beispielsweise ihre Grammatik, bildeten komplexere Sätze, erweiterten ihren Wortschatz sowie das Laut- und Silbenrepertoire oder artikulierten präziser. Kaum untersucht ist dagegen, ob diese Effekte langfristig bestehen bleiben und ob die Therapien sich auch positiv auswirken auf die Lebensqualität der Kinder, ihre psychosoziale und emotionale Entwicklung sowie auf den Schulerfolg. Ob die Behandlung möglicherweise auch unerwünschte Folgen hat, wurde in den Studien nicht untersucht.

Hinweise oder Belege dafür, dass die Therapien bei jüngeren Kindern einen höheren Nutzen haben als bei Älteren, liegen ebenfalls nicht vor. Keine der ausgewerteten Therapiestudien untersuchte die Effekte eines frühen Therapiebeginns, zum Beispiel mit 3 Jahren, gegenüber einem Therapiebeginn mit 6 Jahren. Die Frage nach dem optimalen Zeitpunkt für eine sprachtherapeutische Behandlung lässt sich anhand der identifizierten Studien somit nicht beantworten.

Voraussetzungen für die Einführung eines Screeningprogramms nicht gegeben

Aus Sicht der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler fehlen in Deutschland derzeit die methodischen Grundlagen, um ein flächendeckendes Screenings auf UESS einzuführen. Es sind daher zunächst umfangreiche wissenschaftliche Untersuchungen notwendig. Forschungsbedarf gibt es zuerst für die Validierung eines Screeningtests (inklusive der weiteren Diagnostik). Erst danach wäre es möglich, die Auswirkungen eines solchen Screenings zu untersuchen und mit dem bisherigen Vorgehen im Rahmen der kinderärztlichen Vorsorgeuntersuchungen, den sogenannten U-Untersuchungen, zu vergleichen.

Notwendig ist es auch zu untersuchen, ob die möglicherweise vorhandenen therapeutischen Effekte auch längerfristig bestehen bleiben. Neben dem möglichen Nutzen, den ein Screening haben kann, muss dabei auch der mögliche Schaden berücksichtigt werden. Ein Schaden wäre beispielsweise, dass Kinder fälschlicherweise als "sprachgestört" diagnostiziert würden. Dies könnte die Eltern-Kind-Beziehung belasten oder eine zeitaufwendigen Therapie nach sich ziehen, von der die Kinder keinen Nutzen haben.

Zum Ablauf der Berichtserstellung

Die vorläufigen Ergebnisse, den sogenannten Vorbericht, hatte das IQWiG im November 2008 veröffentlicht und zur Diskussion gestellt. Nach dem Ende des Stellungnahmeverfahrens wurde der Vorbericht überarbeitet und als Abschlussbericht Mitte Juni 2009 an den Auftraggeber versandt. Eine Dokumentation der schriftlichen Stellungnahmen sowie ein Protokoll der mündlichen Erörterung werden in einem eigenen Dokument zeitgleich mit dem Abschlussbericht publiziert. Der Bericht wurde gemeinsam mit externen Sachverständigen erstellt.

Dr. Anna-Sabine Ernst | idw
Weitere Informationen:
http://www.iqwig.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Schwere Infektionen bei Kindern auch in der Schweiz verbreitet
26.07.2017 | Universitätsspital Bern

nachricht Neue statistische Verfahren zur Überprüfung von Arzneimittel-Generika
25.07.2017 | Ruhr-Universität Bochum

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Navigationssystem der Hirnzellen entschlüsselt

Das menschliche Gehirn besteht aus etwa hundert Milliarden Nervenzellen. Informationen zwischen ihnen werden über ein komplexes Netzwerk aus Nervenfasern übermittelt. Verdrahtet werden die meisten dieser Verbindungen vor der Geburt nach einem genetischen Bauplan, also ohne dass äußere Einflüsse eine Rolle spielen. Mehr darüber, wie das Navigationssystem funktioniert, das die Axone beim Wachstum leitet, haben jetzt Forscher des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) herausgefunden. Das berichten sie im Fachmagazin eLife.

Die Gesamtlänge des Nervenfasernetzes im Gehirn beträgt etwa 500.000 Kilometer, mehr als die Entfernung zwischen Erde und Mond. Damit es beim Verdrahten der...

Im Focus: Kohlenstoff-Nanoröhrchen verwandeln Strom in leuchtende Quasiteilchen

Starke Licht-Materie-Kopplung in diesen halbleitenden Röhrchen könnte zu elektrisch gepumpten Lasern führen

Auch durch Anregung mit Strom ist die Erzeugung von leuchtenden Quasiteilchen aus Licht und Materie in halbleitenden Kohlenstoff-Nanoröhrchen möglich....

Im Focus: Carbon Nanotubes Turn Electrical Current into Light-emitting Quasi-particles

Strong light-matter coupling in these semiconducting tubes may hold the key to electrically pumped lasers

Light-matter quasi-particles can be generated electrically in semiconducting carbon nanotubes. Material scientists and physicists from Heidelberg University...

Im Focus: Breitbandlichtquellen mit flüssigem Kern

Jenaer Forschern ist es gelungen breitbandiges Laserlicht im mittleren Infrarotbereich mit Hilfe von flüssigkeitsgefüllten optischen Fasern zu erzeugen. Mit den Fasern lieferten sie zudem experimentelle Beweise für eine neue Dynamik von Solitonen – zeitlich und spektral stabile Lichtwellen – die aufgrund der besonderen Eigenschaften des Flüssigkerns entsteht. Die Ergebnisse der Arbeiten publizierte das Jenaer Wissenschaftler-Team vom Leibniz-Instituts für Photonische Technologien (Leibniz-IPHT), dem Fraunhofer-Insitut für Angewandte Optik und Feinmechanik, der Friedrich-Schiller-Universität Jena und des Helmholtz-Insituts im renommierten Fachblatt Nature Communications.

Aus einem ultraschnellen intensiven Laserpuls, den sie in die Faser einkoppeln, erzeugen die Wissenschaftler ein, für das menschliche Auge nicht sichtbares,...

Im Focus: Flexible proximity sensor creates smart surfaces

Fraunhofer IPA has developed a proximity sensor made from silicone and carbon nanotubes (CNT) which detects objects and determines their position. The materials and printing process used mean that the sensor is extremely flexible, economical and can be used for large surfaces. Industry and research partners can use and further develop this innovation straight away.

At first glance, the proximity sensor appears to be nothing special: a thin, elastic layer of silicone onto which black square surfaces are printed, but these...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

10. Uelzener Forum: Demografischer Wandel und Digitalisierung

26.07.2017 | Veranstaltungen

Clash of Realities 2017: Anmeldung jetzt möglich. Internationale Konferenz an der TH Köln

26.07.2017 | Veranstaltungen

2. Spitzentreffen »Industrie 4.0 live«

25.07.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Robuste Computer für's Auto

26.07.2017 | Seminare Workshops

Läuft wie am Schnürchen!

26.07.2017 | Seminare Workshops

Leicht ist manchmal ganz schön schwer!

26.07.2017 | Seminare Workshops