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Spätschäden durch Risikoanpassung verringern

05.07.2010
Jedes Jahr erkranken in Deutschland 1.800 Kinder neu an Krebs. Die häufigste Diagnose: akute lymphoblastische Leukämie.

In den letzten 30 Jahren sind die Heilungschancen der betroffenen Kinder kontinuierlich gestiegen: 80 Prozent können heute geheilt werden. Doch der Preis für diese Heilung ist hoch – viele Kinder leiden erheblich unter den Nebenwirkungen der Behandlung. Im Rahmen einer Studie wird nun untersucht, wie die Nebenwirkungen reduziert werden können, ohne die Heilungsrate zu mindern. Die Studienzentrale ist am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Kiel, angesiedelt. Die Deutsche Krebshilfe fördert die Studie über zehn Jahre mit insgesamt 4,4 Millionen Euro.

Die akute lymphoblastische Leukämie (ALL) entsteht im Knochenmark, dem Ursprungsort der Blutbildung. Sie tritt auf, wenn weiße Blutkörperchen durch eine genetische Veränderung nicht mehr zu funktionstüchtigen Zellen heran reifen, sondern sich als unreife Blutzellen rasch und unkontrolliert vermehren. Dadurch werden normale Zellen im Blut verdrängt. In der Folge werden die betroffenen Kinder schwach und müde, sie sind sehr infektanfällig und neigen zu Blutungen. Dank einer Behandlung auf höchstem wissenschaftlichem Standard werden heute 80 Prozent der kleinen Patienten wieder gesund.

„Trotz verbesserter Anpassung der Therapie an das Rückfallrisiko tritt die Erkrankung bei 20 Prozent der Kinder irgendwann wieder auf. Und alle jungen Patienten leiden mehr oder weniger stark unter Neben- und Spätfolgen, so dass man trotz aller Erfolge noch nicht von einer optimalen Behandlung sprechen kann“, sagt Professor Dr. Martin Schrappe, Direktor der Klinik für Allgemeine Pädiatrie am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Kiel. Zu den Spätschäden, die häufig nach einer Chemo- oder Strahlentherapie auftreten, gehören beispielsweise Schleimhautschäden, schwere Infektionen, Organschäden und Zweittumoren. Schrappe koordiniert jetzt eine internationale Studie mit dem Ziel, die Behandlung konsequent und in jedem Einzelfall an das individuelle Rückfallrisiko anzupassen. „Damit wollen wir einerseits den Kindern, die ein geringes Rückfallrisiko haben, unnötige Belastungen ersparen und sie vor Langzeitfolgen schützen. Andererseits wollen wir Kindern, die eine ungünstige Prognose haben, eine effektivere Behandlung zukommen lassen“, so Schrappe.

Um das individuelle Rückfallrisiko zu bestimmen, untersuchen die Wissenschaftler mit molekulargenetischen Methoden die „minimale Resterkrankung“, auch ‘minimal residual disease‘ (MRD) genannt. Mit der ersten Methode weisen sie die leukämiespezifische Erbsubstanz als „genetischen Fingerabdruck“ der Erkrankung im Knochenmark nach. Mit einer zweiten Methode, bei der Eiweißmoleküle auf der Oberfläche der Leukämiezellen angefärbt werden, finden die Forscher ebenfalls kleinste Mengen an Leukämiezellen. „Zusätzlich analysieren wir Veränderungen in der Erbsubstanz der Leukämiezellen als auch der gesunder Zellen der Patienten, die zur Therapieresistenz oder zu übermäßiger Therapietoxizität führen können“, sagte Schrappe.

In der neuen Studie kombinieren die Wissenschaftler erstmals alle drei Nachweismethoden, um eindeutige Informationen über das Ansprechen auf eine Therapie zu erhalten. Danach teilen sie die betroffenen Kinder in drei Gruppen ein: Gruppe 1 umfasst Patienten, bei denen das Risiko für einen Rückfall unter 10 Prozent liegt. „Hier wird die Therapie nicht mehr verschärft, sondern punktuell sogar entschärft“, so Schrappe. Die zweite Gruppe umfasst Patienten, die in 20 bis 30 Prozent der Fälle einen Rückfall erleiden. Hier prüfen Schrappe und seine Kollegen, ob sich durch eine Therapie-Erweiterung das Rückfallrisiko senken lässt. In der Gruppe 3 sind Kinder, deren Leukämie eher ungünstige Eigenschaften aufweist oder die nur zögerlich auf die Behandlung ansprechen. Das Rückfallrisiko ist in dieser Gruppe am größten. „In dieser Hochrisikogruppe prüfen wir durch den Nachweis von MRD den Effekt früher Therapieintensivierungen. Andererseits wollen wir erforschen, ob neue Wirkstoffkombinationen und die Blutstammzelltransplantation die Heilungschancen insbesondere derjenigen Patienten verbessern können, die therapieresistent geworden sind“, fasst Schrappe zusammen.

An der Studie ‘AIEOP-BFM ALL 2009‘ sind insgesamt sieben Länder beteiligt: Deutschland, Österreich, Schweiz, Tschechische Republik, Italien, Israel und Australien. In Deutschland nehmen bundesweit 54 kinderonkologische Zentren teil. Insgesamt erwarten die Wissenschaftler pro Jahr 950 Studien-Patienten. „Darüber hinaus haben alle beteiligten Studiengruppen vereinbart, dass die Studie auch als Plattform zur Bearbeitung biologischer Forschungsfragen dienen soll“, so Schrappe. Ein umfangreiches Begleitforschungsprogramm soll dazu beitragen, bestimmte klinische Phänomene, wie etwa das schlechte Ansprechen auf die Therapie, besser zu verstehen, früher zu erkennen und zukünftig für innovative Therapieansätze zu nutzen.

Dr. med. Eva M. Kalbheim | idw
Weitere Informationen:
http://www.krebshilfe.de

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