Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Sensomotorik - Lernende Blicke

24.03.2014

LMU-Neurologen haben die Bedeutung des Gleichgewichtssinns für die optimale Blickbewegung untersucht. Ihre Ergebnisse könnten die Rehabilitation von Patienten mit einer Störung des Gleichgewichtssinns oder einer Kleinhirnstörung verbessern.

Wenn gesunde Menschen ihre Blickrichtung ändern, sind Kopf- und Augenbewegungen optimal aufeinander abgestimmt. Aus der Vielzahl möglicher Kombinationen, etwa wie schnell und weit wir Kopf und Auge bewegen, wählt das Gehirn jene, die die geringsten Fehler verursacht.

Dr. Nadine Lehnen, Leiterin einer Forschergruppe des Schwindel- und Gleichgewichtszentrums der LMU, ihr Mitarbeiter Dr. Murat Saglam und Professor Stefan Glasauer vom Zentrum für Sensomotorik der LMU haben nun die Blickbewegungen von Menschen mit einer beidseitigen Störung des Gleichgewichtsinns (Vestibulopathie) und von Patienten mit einer Kleinhirnstörung untersucht, worüber sie in der Fachzeitschrift Brain berichten. 

Dafür konnten sie auf ein mathematisches Modell zurückgreifen, das sie entwickelt hatten um horizontale Blickbewegungen vorherzusagen. „Gesunde Menschen wählen diejenige Kombination aus Augen- und Kopfbewegung, bei der die Blickrichtung am Ende der Bewegung am wenigsten variabel ist“, sagt Glasauer.

Sie wählen unbewusst die Bewegungen, die zu den geringsten Fehlern führen. Dies klappt auch, wenn das Trägheitsmoment des Kopfes künstlich verändert wird, indem der Kopf etwas beschwert wird.

Lernen möglich

Patienten, die an einer Störung des Gleichgewichtssinns oder einer Kleinhirnstörung leiden, haben Schwierigkeiten ihre Blicksteuerung neuen Gegebenheiten anzupassen. „Für optimale Zielbewegungen ist die Information des Gleichgewichtssinns unabdingbar“, sagt Nadine Lehnen. Patienten mit einer Störung des Gleichgewichtssinns können daher keine optimalen Blickbewegungen durchführen. „Erstaunlicherweise können aber Patienten mit Kleinhirnstörung bis zu einem gewissen Grad lernen, Auge- und Kopfparameter, wie zum Beispiel die Geschwindigkeit der Kopfbewegung, zu optimieren“, sagt Stefan Glasauer.

„Die Studie von Professor Glasauer und seinen Kollegen zeigt erstmals, dass der Gleichgewichtssinn entscheidend ist für optimale Blickbewegungen“, sagt Dr. Kathleen E. Cullen von der McGill University in Montreal, die die Studie in der kommenden Printausgabe von Brain mit einem wissenschaftlichen Kommentar würdigt. Die Ergebnisse haben Bedeutung für die Rehabilitation von Patienten mit Kleinhirnschädigung und von Patienten mit unvollständiger Vestibulopathie. „Wir nehmen an, dass durch Kopfbewegungen, bei denen das Gehirn passende vestibuläre Information erhält, die Blickbewegung und Wahrnehmung dieser Patienten verbessert werden kann“, sagt Nadine Lehnen. Durch die Kopfbewegungen erhält das Hirn sensomotorische Fehlersignale, die helfen, Kopf- und Augenbewegung nach und nach zu optimieren. Statt ihren Kopf möglichst ruhig zu halten, sollten diese Patienten also eher ermuntert werden, ihren Kopf bewusst zu bewegen, wenn sie ihre Blickrichtung ändern.

Wie Menschen mit unvollständiger Vestibulopathie die optimale Blickrichtung durch Bewegung am besten lernen, wird nun im Rahmen einer Rehabilitationsstudie untersucht, die vom Bundesministerium für Bildung und Forschung am Deutschen Schwindel- und Gleichgewichtszentrum des Klinikums der LMU gefördert wird.

Ansprechpartnerin:
Dr. med. Nadine Lehnen MPhil (Cantab)
Deutsches Zentrum für Schwindel- und Gleichgewichtssstörungen und
Neurologie
Klinikum der Universität München
E-Mail: Nadine.Lehnen@med.uni-muenchen.de
Tel: 089 / 7095 – 7824

Publikation:
Murat Saglam, Stefan Glasauer, Nadine Lehnen
Vestibular and cerebellar contribution to gaze optimality
In: Brain (2014)
doi:10.1093/brain/awu006

Luise Dirscherl | idw - Informationsdienst Wissenschaft
Weitere Informationen:
http://www.uni-muenchen.de/

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Lymphdrüsenkrebs programmiert Immunzellen zur Förderung des eigenen Wachstums um
22.02.2018 | Wilhelm Sander-Stiftung

nachricht Forscher entdecken neuen Signalweg zur Herzmuskelverdickung
22.02.2018 | Ruhr-Universität Bochum

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Vorstoß ins Innere der Atome

Mit Hilfe einer neuen Lasertechnologie haben es Physiker vom Labor für Attosekundenphysik der LMU und des MPQ geschafft, Attosekunden-Lichtblitze mit hoher Intensität und Photonenenergie zu produzieren. Damit konnten sie erstmals die Interaktion mehrere Photonen in einem Attosekundenpuls mit Elektronen aus einer inneren atomaren Schale beobachten konnten.

Wer die ultraschnelle Bewegung von Elektronen in inneren atomaren Schalen beobachten möchte, der benötigt ultrakurze und intensive Lichtblitze bei genügend...

Im Focus: Attoseconds break into atomic interior

A newly developed laser technology has enabled physicists in the Laboratory for Attosecond Physics (jointly run by LMU Munich and the Max Planck Institute of Quantum Optics) to generate attosecond bursts of high-energy photons of unprecedented intensity. This has made it possible to observe the interaction of multiple photons in a single such pulse with electrons in the inner orbital shell of an atom.

In order to observe the ultrafast electron motion in the inner shells of atoms with short light pulses, the pulses must not only be ultrashort, but very...

Im Focus: Good vibrations feel the force

Eine Gruppe von Forschern um Andrea Cavalleri am Max-Planck-Institut für Struktur und Dynamik der Materie (MPSD) in Hamburg hat eine Methode demonstriert, die es erlaubt die interatomaren Kräfte eines Festkörpers detailliert auszumessen. Ihr Artikel Probing the Interatomic Potential of Solids by Strong-Field Nonlinear Phononics, nun online in Nature veröffentlich, erläutert, wie Terahertz-Laserpulse die Atome eines Festkörpers zu extrem hohen Auslenkungen treiben können.

Die zeitaufgelöste Messung der sehr unkonventionellen atomaren Bewegungen, die einer Anregung mit extrem starken Lichtpulsen folgen, ermöglichte es der...

Im Focus: Good vibrations feel the force

A group of researchers led by Andrea Cavalleri at the Max Planck Institute for Structure and Dynamics of Matter (MPSD) in Hamburg has demonstrated a new method enabling precise measurements of the interatomic forces that hold crystalline solids together. The paper Probing the Interatomic Potential of Solids by Strong-Field Nonlinear Phononics, published online in Nature, explains how a terahertz-frequency laser pulse can drive very large deformations of the crystal.

By measuring the highly unusual atomic trajectories under extreme electromagnetic transients, the MPSD group could reconstruct how rigid the atomic bonds are...

Im Focus: Verlässliche Quantencomputer entwickeln

Internationalem Forschungsteam gelingt wichtiger Schritt auf dem Weg zur Lösung von Zertifizierungsproblemen

Quantencomputer sollen künftig algorithmische Probleme lösen, die selbst die größten klassischen Superrechner überfordern. Doch wie lässt sich prüfen, dass der...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Von festen Körpern und Philosophen

23.02.2018 | Veranstaltungen

Spannungsfeld Elektromobilität

23.02.2018 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - April 2018

21.02.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Vorstoß ins Innere der Atome

23.02.2018 | Physik Astronomie

Wirt oder Gast? Proteomik gibt neue Aufschlüsse über Reaktion von Rifforganismen auf Umweltstress

23.02.2018 | Biowissenschaften Chemie

Wie Zellen unterschiedlich auf Stress reagieren

23.02.2018 | Biowissenschaften Chemie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics