Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Sensationeller Erfolg gegen schwere Depressionen durch tiefe Hirnstimulation

05.04.2013
Forscher des Bonner Uniklinikums pflanzten schwerstdepressiven Patienten Schrittmacherelektroden in das Mediale Vorderhirnbündel im Gehirn und erzielten damit einen erstaunlichen Erfolg: Bei sechs der sieben Patienten verbesserten sich die Symptome erheblich.
Diese Methode der „tiefen Hirnstimulation“ wurde bereits an verschiedenen Strukturen im Gehirn getestet, aber mit deutlich geringeren Effekten. Die Ergebnisse werden nun in der renommierten internationalen Fachzeitschrift „Biological Psychiatry“ vorgestellt.

Nach Monaten tiefer Traurigkeit huscht ein erstes Lächeln über das Gesicht der Patientin. Viele Jahre litt sie unter einer schweren Depression und versuchte mehrmals, sich das Leben zu nehmen. Die vergangenen Jahre verbrachte sie meist passiv auf der Couch, selbst Fernsehen war ihr zu viel. Nun freut sich die junge Frau wieder ihres Lebens, lacht und reist gerne. Sie und sechs weitere Patienten, bei denen zuvor sämtliche Therapien ohne Erfolg blieben, nahmen an der Studie zur neuartigen Methode bei schwersten Depressionen am Universitätsklinikum Bonn teil.

Deutliche Linderung der Depression bereits nach Tagen

Prof. Dr. Volker Arnd Coenen, Neurochirurg an der Klinik und Poliklinik für Neurochirurgie, pflanzte den schwerstdepressiven Probanden Elektroden ins Mediale Vorderhirnbündel des Gehirns, die mit einem Hirnschrittmacher verbunden sind. Ein schwacher elektrischer Strom stimuliert dort die Nervenzellen. Diese Methode wird „tiefe Hirnstimulation“ genannt. Bereits nach wenigen Tagen besserten sich bei sechs der sieben Patienten die Beschwerden wie Ängstlichkeit, Niedergeschlagenheit, Antriebslosigkeit und Freudlosigkeit erheblich. „Ein solch sensationeller Erfolg sowohl in Bezug auf Wirkungsstärke wie auch Geschwindigkeit des Ansprechens wurde bislang mit keiner anderen Methode erzielt“, sagt Prof. Dr. Thomas E. Schläpfer von der Bonner Uniklinik für Psychiatrie und Psychotherapie.

Zentraler Teil eines Euphorie-Schaltkreises

Beim Medialen Vorderhirnbündel handelt es sich um einen Nervenstrang, der sich vom tief liegenden Hirnstamm bis zur stirnseitigen Hirnrinde zieht. An einer bestimmten Stelle ist das Bündel besonders schmal, weil die einzelnen Nervenfasern hier eng beieinander liegen. „An diesem Ort erreichen wir mit wenig Strom ein Maximum an Wirkung“, erläutert Prof. Coenen, der neuerdings die Abteilung Stereotaktische und Funktionelle Neurochirurgie am Universitätsklinikum Freiburg leitet. Das Mediale Vorderhirnbündel ist zentraler Teil eines Euphorie-Schaltkreises, der Teil des Belohnungssystems des Gehirns ist. Was die Stimulation in den Nervenzellen genau bewirkt, ist noch nicht bekannt. Aber offensichtlich verändert sie die Stoffwechselaktivität in verschiedenen Gehirnzentren.

Erfolg vorangegangener Studien wurde deutlich gesteigert

Die Wissenschaftler haben bereits in mehreren Studien nachgewiesen, dass die tiefe Hirnstimulation eine erstaunliche und angesichts der Schwere der Symptome unerwartete Linderung der Symptome bei schwersten Depressionen zeigt. Dabei implantierten die Ärzte die Elektroden jedoch nicht in das Mediale Vorderhirnbündel, sondern in den Nucleus Accumbens, der ebenfalls zum Belohnungssystem des Gehirns gehört. Daraufhin verbesserte sich das Befinden bei rund der Hälfte der Probanden deutlich und nachhaltig. „Mit der neuen Studie haben wir jedoch noch viel bessere Ergebnisse erzielt“, sagt Prof. Schläpfer. Statt bei 50 Prozent der Patienten trat nun bei mehr als 85 Prozent eine entscheidende Besserung der Beschwerden ein. Die Stimulationen erfolgten zudem mit noch geringeren Stromstärken, die Wirkung trat statt zuvor nach Wochen nun bereits binnen weniger Tage ein.

Langfristiger Erfolg der Methode ist nachgewiesen

„Offensichtlich haben wir uns nun weiter zu einer entscheidenden Struktur im Gehirn vorgetastet, die für schwerste Depressionen verantwortlich ist“, sagt der Psychiater des Bonner Universitätsklinikums. Optimistisch stimmt die Ärzte zudem, dass nach Abschluss der Studie eine weitere Behandlung bei einem achten Patienten ebenfalls erfolgreich abgeschlossen wurde. Die Patienten wurden bis zu einem Zeitraum von 18 Monaten nach dem Eingriff beobachtet.
„Die antidepressive Wirkung der tiefen Hirnstimulation im Medialen Vorderhirnbündel verringerte sich in diesem Zeitraum nicht“, berichtet Prof. Schläpfer. Dies ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass es sich um keine Kurzzeiteffekte handelt. Das Verfahren gibt Anlass zur Hoffnung für Menschen, die an schwersten Formen der Depression leiden. Es wird aber noch einige Zeit dauern, bis das neue Verfahren zu einer Standardtherapie wird.

Ein Podcast zum Thema steht unter:

https://www.uni-bonn.tv/podcasts/20130322_ST_Hirnstimulation-Schlaepfer.mp4/view (deutsch)

https://www.uni-bonn.tv/podcasts/20130322_ST_Brain-Stimulation-Schlaepfer.mp4/view (englisch)
Full bibliographic informationRapid Effects of Deep Brain Stimulation for Treatment Resistant Major Depression, Biological Psychiatry, DOI: 10.1016/j.biopsych.2013.01.034

Notes for editorsKontakt:

Prof. Dr. med. Thomas E. Schläpfer
Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Bonn
Tel. 0228/28715715
E-Mail: schlaepf@jhmi.edu
Prof. Dr. med. Volker A. Coenen
Neurochirurgische Klinik
Abteilung Stereotaktische und Funktionelle Neurochirurgie
Tel.: 0761/270 50630
E-Mail: stereotaxie@uniklinik-freiburg.de

Andreas Archut | alfa
Weitere Informationen:
http://www.uniklinik-freiburg.de
http://www.uni-bonn.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Neue Methode der Eisenverabreichung
26.04.2017 | Eidgenössische Technische Hochschule Zürich (ETH Zürich)

nachricht Bestrahlung bei Hirntumoren? Eine neue, verlässlichere Einteilung erleichtert die Entscheidung
26.04.2017 | Universitätsklinikum Heidelberg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Weltweit einzigartiger Windkanal im Leipziger Wolkenlabor hat Betrieb aufgenommen

Am Leibniz-Institut für Troposphärenforschung (TROPOS) ist am Dienstag eine weltweit einzigartige Anlage in Betrieb genommen worden, mit der die Einflüsse von Turbulenzen auf Wolkenprozesse unter präzise einstellbaren Versuchsbedingungen untersucht werden können. Der neue Windkanal ist Teil des Leipziger Wolkenlabors, in dem seit 2006 verschiedenste Wolkenprozesse simuliert werden. Unter Laborbedingungen wurden z.B. das Entstehen und Gefrieren von Wolken nachgestellt. Wie stark Luftverwirbelungen diese Prozesse beeinflussen, konnte bisher noch nicht untersucht werden. Deshalb entstand in den letzten Jahren eine ergänzende Anlage für rund eine Million Euro.

Die von dieser Anlage zu erwarteten neuen Erkenntnisse sind wichtig für das Verständnis von Wetter und Klima, wie etwa die Bildung von Niederschlag und die...

Im Focus: Nanoskopie auf dem Chip: Mikroskopie in HD-Qualität

Neue Erfindung der Universitäten Bielefeld und Tromsø (Norwegen)

Physiker der Universität Bielefeld und der norwegischen Universität Tromsø haben einen Chip entwickelt, der super-auflösende Lichtmikroskopie, auch...

Im Focus: Löschbare Tinte für den 3-D-Druck

Im 3-D-Druckverfahren durch Direktes Laserschreiben können Mikrometer-große Strukturen mit genau definierten Eigenschaften geschrieben werden. Forscher des Karlsruher Institus für Technologie (KIT) haben ein Verfahren entwickelt, durch das sich die 3-D-Tinte für die Drucker wieder ‚wegwischen‘ lässt. Die bis zu hundert Nanometer kleinen Strukturen lassen sich dadurch wiederholt auflösen und neu schreiben - ein Nanometer entspricht einem millionstel Millimeter. Die Entwicklung eröffnet der 3-D-Fertigungstechnik vielfältige neue Anwendungen, zum Beispiel in der Biologie oder Materialentwicklung.

Beim Direkten Laserschreiben erzeugt ein computergesteuerter, fokussierter Laserstrahl in einem Fotolack wie ein Stift die Struktur. „Eine Tinte zu entwickeln,...

Im Focus: Leichtbau serientauglich machen

Immer mehr Autobauer setzen auf Karosserieteile aus kohlenstofffaserverstärktem Kunststoff (CFK). Dennoch müssen Fertigungs- und Reparaturkosten weiter gesenkt werden, um CFK kostengünstig nutzbar zu machen. Das Laser Zentrum Hannover e.V. (LZH) hat daher zusammen mit der Volkswagen AG und fünf weiteren Partnern im Projekt HolQueSt 3D Laserprozesse zum automatisierten Besäumen, Bohren und Reparieren von dreidimensionalen Bauteilen entwickelt.

Automatisiert ablaufende Bearbeitungsprozesse sind die Grundlage, um CFK-Bauteile endgültig in die Serienproduktion zu bringen. Ausgerichtet an einem...

Im Focus: Making lightweight construction suitable for series production

More and more automobile companies are focusing on body parts made of carbon fiber reinforced plastics (CFRP). However, manufacturing and repair costs must be further reduced in order to make CFRP more economical in use. Together with the Volkswagen AG and five other partners in the project HolQueSt 3D, the Laser Zentrum Hannover e.V. (LZH) has developed laser processes for the automatic trimming, drilling and repair of three-dimensional components.

Automated manufacturing processes are the basis for ultimately establishing the series production of CFRP components. In the project HolQueSt 3D, the LZH has...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Ballungsräume Europas

26.04.2017 | Veranstaltungen

200 Weltneuheiten beim Innovationstag Mittelstand in Berlin

26.04.2017 | Veranstaltungen

123. Internistenkongress: Wie digitale Technik die Patientenversorgung verändert

26.04.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Ballungsräume Europas

26.04.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Rittal mit neuer Push-in-Leiteranschlussklemme - Kontakte im Handumdrehen

26.04.2017 | HANNOVER MESSE

Plastik – nicht nur Müll

26.04.2017 | Ökologie Umwelt- Naturschutz