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Schulkinder aus dem Gleichgewicht

27.10.2008
Neue Untersuchungen der Hochschule Aalen an über 3.000 hessischen Schülerinnen und Schülern der Klassen 1 bis 10 in Zusammenarbeit mit dem hessischen Kultusministerium (Arbeitsgebiet Schule&Gesundheit) belegen, dass Schülerinnen und Schüler fundamentale Defizite bei Gleichgewichtstests aufweisen und, dass Schülerinnen und Schüler mit schlechtem Gleichgewicht signifikant schlechtere Schulnoten haben.

Ein Mensch kann nur lernen, was er auch über seine Sinnesorgane wahrnimmt. Störungen auf der Ebene der Sinnesorgane (Auge, Ohr, Gleichgewicht) wirken sich dadurch ganz grundlegend auf den Lernprozess aus.

"Der Gleichgewichtssinn ist dabei ein häufig unterschätzter Sinn", erklärt Prof. Dr. Eckhard Hoffmann von der Hochschule Aalen. Der Gleichgewichtssinn informiere den Mensch darüber, wo er sich im Raum befindet und wie er sich bewegt: "Erfolgreiches Lernen und der Gleichgewichtssinn hängen eng zusammen", weiß Hoffmann. Beide Prozesse seien darauf angewiesen, aus unterschiedlichen Quellen parallel eintreffende Sinneseindrücke zu verarbeiten.

Die Erkennung von Beeinträchtigungen des sensorischen Systems ist laut dem Prodekan des Studiengangs Augenoptik/ Augenoptik und Hörakustik notwendig, um Kindern die Chance zu geben, den Lernstoff uneingeschränkt aufzunehmen.

Geeignete Maßnahmen können betroffenen Kindern helfen, die Folgen einer Beeinträchtigung zu mindern: Dies reicht von einer medizinische Diagnostik mit anschließender Therapie, einer Hilfsmittelversorgung mit Brille oder Hörgerät über die Sitzordnung im Klassenzimmer, raumakustische Maßnahmen bis hin zu unterstützenden pädagogischen Maßnahmen.

Sozial benachteiligte Kinder sind häufig besonders betroffen, da Schäden oft erst spät erkannt und nicht ausreichend versorgt werden. Hoffmann: "Die Früherkennung und gute Versorgung von Sinnesbeeinträchtigungen sind ebenso wie präventive Maßnahmen wichtige Bausteine für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. Sie unterstützen dabei, Schülerinnen und Schülern eine faire Chance im Bildungssystem zu ermöglichen."

Neue Untersuchungen der Hochschule Aalen an über 3.000 hessischen Schülerinnen und Schülern der Klassen 1 bis 10 in Zusammenarbeit mit dem hessischen Kultusministerium (Arbeitsgebiet Schule&Gesundheit) belegen, dass Schülerinnen und Schüler fundamentale Defizite bei Gleichgewichtstests aufweisen und, dass Schülerinnen und Schüler mit schlechtem Gleichgewicht signifikant schlechtere Schulnoten haben. Mitte 2007 wurde das interdisziplinäre Projekt "Schnecke - Bildung braucht Gesundheit" gestartet: Hör- Seh- und Gleichgewichtsprüfungen wurden bei 3338 Schülerinnen und Schülern an zehn hessischen Schulen durchgeführt. Schriftliche Befragungen zu Hör- und Sehgewohnheiten und zusätzliche Lärmmessungen an den Schulen ergänzten die Untersuchungen. 2008 werden weitere Screenings durchgeführt, 2000 Schülern haben die Tests bereits absolviert.

"Die Ergebnisse der Gleichgewichtstests offenbaren große Defizite bei vielen Schülerinnen und Schülern aller Schulformen. Bei Haupt- und Realschülern sind Schüler mit angemessenem und zu erwartendem Gleichgewicht in der Minderheit", erläutert Professor Hoffmann die Ergebnisse. Schüler und Schülerinnen mit schlechtem Gleichgewicht haben über die gesamte Schullaufbahn schlechtere Noten in Mathematik und Deutsch, tendenziell auch in Sport. Der durchschnittliche Unterschied zu den Schülern mit gutem Gleichgewicht beträgt je nach Fach bis zu 0,7 Notenstufen. Leistungsdifferenzen in dieser Größenordnung entscheiden oft darüber, ob ein Kind zum Beispiel eine Realschule oder ein Gymnasium besucht. Besonders ausgeprägt sind Gleichgewichtsdefizite bei Haupt- und Realschülern: Hier weist nur jeder vierte Schüler und jede dritte Schülerin die zu erwartende Gleichgewichtsleistung auf. Die Haupt- und Realschüler mit schlechtem Gleichgewicht zeigen signifikant schlechtere Schulleistungen.

Aber auch in Gymnasien und Gesamtschulen zeigen nur rund 60 Prozent der Schüler und 70 Prozent der Schülerinnen angemessene Gleichgewichtsergebnisse. Gymnasiasten mit schlechtem Gleichgewicht weisen ebenfalls schlechtere Schulleistungen in Deutsch und Mathematik auf.

Prof. Dr. Eckhard Hoffmann zu den Konsequenzen aus der Studie: "Die schlechte Nachricht ist, dass viele Schüler ein schlechtes Gleichgewicht haben. Die gute Nachricht ist, dass das Gleichgewicht trainierbar ist. Wir haben ein spezielles Programm zur neurosensoriellen Bildungsförderung entwickelt, um das Gleichgewicht auf verschiedenen Ebenen zu trainieren." Die Wirksamkeit der neu entwickelten Programme auf die Leistungsfähigkeit der Schülerinnen und Schüler soll in weiteren Forschungsprojekten nachgewiesen werden, um Schülerinnen und Schülern effektive und wirksame Angebote unterbreiten zu können, die sie beim Lernprozess unterstützen und ihnen helfen ein gutes Gleichgewicht zu entwickeln.

Monika Theiss | idw
Weitere Informationen:
http://www.htw-aalen.de

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