Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Schmerzforschung: Neues Analysetool erleichtert Diagnose des Schmerzsyndroms CRPS

10.10.2008
Studie des Deutschen Forschungsverbundes Neuropathischer Schmerz (DFNS) erneut mit erstem Förderpreis für klinische Schmerzforschung prämiert.

Morbus Sudeck, Sudeck-Dystrophie, Reflexdystrophie ... viele Synonyme für ein Krankheitsbild, das heute nach einhelligem Konsens als komplexes regionales Schmerzsyndrom (CRPS) bezeichnet wird. Genauso herausfordernd wie einst die Begrifflichkeit bleibt die Diagnose.

Jetzt ist auch hier Hilfe in Sicht: Forscher der Ruhr-Universität Bochum und der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel haben ein Messverfahren samt diagnostischer Formel entwickelt, das die Diagnose des CRPS erleichtert und darüber hinaus leicht im klinischen Alltag zu implementieren ist. "Das Analysetool basiert auf Schwankungen der Hauttemperatur, die im Langzeitverlauf besonders bei CRPS-Patienten eine eigene Dynamik aufzeigen", so der Studienleiter Prof. Dr. Christoph Maier, Bochum. Die Arbeit von Maier und seinen Bochumer Wissenschaftlern Elena Krumova, Dr. Dipl. Psych. Jule Frettlöh, Sabrina Klauenberg, Dipl. Psych. Dipl. Math. Helmut Richter sowie des Kieler Forschers PD Dr. Gunnar Wasner - alle zugleich Mitglieder des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Deutschen Forschungsverbundes Neuropathischer Schmerz (DFNS) - wurde anlässlich des Deutschen Schmerzkongresses in Berlin mit dem ersten Förderpreis für klinische Schmerzforschung ausgezeichnet. Damit geht der Wissenschaftspreis bereits im zweiten Jahr in Folge an ein Forscherteam des DFNS.

Diagnose CRPS - die Hauttemperatur ist wegweisend
Beim komplexen regionalen Schmerzsyndrom (Complex regional pain syndrome, CRPS) entwickeln Patienten nach einem Stoß oder Knochenbruch im betroffenen Körperglied starke chronische Schmerzen, motorische Störungen, Schwellungen, Haut- und Knochenveränderungen. Der Entstehungsmechanismus ist noch weitgehend unbekannt. Auch die Diagnose stellt eine Herausforderung dar, da sie derzeit vorwiegend anhand des Beschwerdebildes erfolgt, das individuell große Unterschiede aufweist. Bereits frühere Studien haben die Bedeutung der Hauttemperatur als diagnostisches Kriterium erkannt. So wurden Seitenunterschiede von mehr als zwei Grad Celsius zwischen dem CRPS-betroffenen Körperglied und der entgegengesetzten gesunden Extremität in komplexen experimentellen Untersuchungen beobachtet. Forscher des Deutschen Forschungsverbundes Neuropathischer Schmerz (DFNS) haben dieses Phänomen nun mit einem eigens entwickelten Messverfahren genau untersucht. Dazu Elena Krumova, die die Studie im Rahmen ihrer Dissertation an der Ruhr-Universität Bochum betreut hat: "Seitenunterschiede in der Hauttemperatur werden auch bei Patienten mit chronischen Extremitätenschmerzen anderer Genese gefunden. Patienten mit CRPS zeigen jedoch zusätzlich eine komplexere Regulationsstörung, die wir erstmals über einen längeren Zeitraum beobachtet haben."
Alltagstaugliches Analysetool entwickelt
Den Bochumer und Kieler Wissenschaftlern gelang es bei drei Kollektiven - bei CRPS-Patienten, bei Schmerz-Patienten, denen kein CRPS zugrunde liegt, sowie bei gesunden Probanden - über einen durchschnittlichen Zeitraum von etwa 7,5 Stunden mit einem Temperaturmessgerät bestimmte Parameter (QOscill, r2 id, DT2)* zu ermitteln, die die gefäßbedingten Schwankungen der Hauttemperatur unter alltäglichen Bedingungen wieder spiegeln. Mithilfe dieser Parameter konnten die Forscher schließlich eine Summenformel (2oQOscill + r2 id + DT2) aufstellen, die eine Differenzierung des CRPS von anderen Schmerz-Erkrankungen ermöglicht. Prof. Christoph Maier, Leiter der Studie in Bochum und Mitglied des Leitungsgremiums des DFNS: "Das von uns entwickelte Analysetool ermöglichte die Abgrenzung der Diagnose CRPS von Schmerzzuständen anderer Ursache mit einer Spezifität von 67%, von gesunden Probanden sogar mit einer Spezifität von 79%". Und abschließend: "CRPS zu diagnostizieren, ist bislang eine Herausforderung. Unser Verfahren erleichtert die Diagnosefindung. Im Gegensatz zu früheren Studien, bei denen komplexe Rahmenbedingungen das Messen der Hauttemperatur in der klinischen Praxis stark limitiert haben, ist die Ermittlung der Parameter für unsere diagnostische Formel leicht im klinischen Alltag durchführbar." Das Anbringen des Messgerätes am Patienten, die Einweisung in das Messverfahren sowie die Datenauswertung beanspruchen insgesamt weniger als 30 Minuten, so dass sich das Verfahren gut als Bedside-Test eignet.
Auszeichnung mit dem ersten Förderpreis für Schmerzforschung 2008
Die Studie des DFNS wurde nun mit dem ersten Förderpreis für Schmerzforschung in der Kategorie "Klinische Forschung" und einer Zuwendung von 7.000 € prämiert. Der erste Förderpreis für klinische Schmerzforschung geht damit bereits im zweiten Jahr in Folge an ein Forscherteam des DFNS. Der Wissenschaftspreis wird jährlich von der Deutschen Gesellschaft zum Studium des Schmerzes e.V. (DGSS) verliehen und von der Grünenthal GmbH, Aachen, gestiftet. Die Preisverleihung erfolgte bei der Eröffnungsveranstaltung des Deutschen Schmerzkongresses 2008 am 09. Oktober in Berlin.

Literatur: Krumova EK, Frettlöh J, Klauenberg S, Richter H, Wasner G, Maier C. Long-term skin temperature measurements - a practical diagnostic tool in Complex Regional Pain Syndrome. Pain 2008 Aug 22. (Epub ahead of print)

*(QOscill: Anzahl der Schwankungen der Hauttemperatur um mehr als 2°C im betroffenen Körperglied im Verhältnis zur Anzahl der Schwankungen der Hauttemperatur um mehr als 2°C im entgegengesetzten (kontralateralen) Körperglied; DT2: Seitendifferenz der Hauttemperatur zwischen betroffenem und kontralateralem Körperglied; r2 id: Bestimmungskoeffizient für die A-Synchronizität, d.h. die Zeit, in der sich die Hauttemperatur von betroffenem und kontralateralem Körperglied in entgegengesetzte Richtungen ändern)

Über den Deutschen Forschungsverbund Neuropathischer Schmerz (DFNS)
Ziel des DFNS, der seit 2002 vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert wird, ist, die medizinische Versorgung von Patienten mit Nervenschmerzen grundlegend zu verbessern. Der DFNS erforscht dazu die Pathophysiologie, Prävention und Therapie neuropathischer Schmerzen. Alle Projekte des DFNS sind darauf ausgerichtet, den klinisch-wissenschaftlichen Leitgedanken, dass jeder einzelne Schmerzmechanismus eine spezifische Therapie erfordert, kurz die mechanismen-orientierte Therapie, in konkrete und zeitnah klinisch anwendbare Ergebnisse umzusetzen. Die beiden Sprecher des DFNS sind Prof. Ralf Baron, Kiel, und Prof. Thomas R. Tölle, München.
Ansprechpartner:
Prof. Dr. med. Christoph Maier
Klinik für Anaesthesiologie, Intensiv-,
Palliativ - und Schmerzmedizin
Berufsgenossenschaftliches Universitätsklinikum
Bergmannsheil GmbH
Ruhr-Universität Bochum
Bürkle-de-la-Camp-Platz 1
44789 Bochum
Tel.: 0234-302-6366
E-Mail: christoph.maier@rub.de
Elena Krumova
Klinik für Anaesthesiologie, Intensiv-, Palliativ - und Schmerzmedizin
Berufsgenossenschaftliches Universitätsklinikum Bergmannsheil GmbH
Ruhr-Universität Bochum
Bürkle-de-la-Camp-Platz 1
44789 Bochum
Tel.: 0234-302-6366
E-Mail: Elena.Krumova@ruhr-uni-bochum.de
Pressekontakt DFNS:
Vedrana Romanovic
Geschäftsstelle des DFNS
Neurologische Klinik und Poliklinik
Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München
Ismaninger Str. 22
81675 München
Tel.: 089 - 4140 - 4628
E-Mail: romanovic@lrz.tum.de

Tanja Schmidhofer | idw
Weitere Informationen:
http://www.neuropathischer-schmerz.de
http://www.med.tu-muenchen.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Vitamin-Mangel, der Kampf gegen die Antriebslosigkeit und Nahrung für die Nerven
08.12.2016 | PhytoDoc Ltd.

nachricht Entschlüsselung von Kommunikationswegen zwischen Tumor- und Immunzellen beim Eierstockkrebs
06.12.2016 | Wilhelm Sander-Stiftung

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Elektronenautobahn im Kristall

Physiker der Universität Würzburg haben an einer bestimmten Form topologischer Isolatoren eine überraschende Entdeckung gemacht. Die Erklärung für den Effekt findet sich in der Struktur der verwendeten Materialien. Ihre Arbeit haben die Forscher jetzt in Science veröffentlicht.

Sie sind das derzeit „heißeste Eisen“ der Physik, wie die Neue Zürcher Zeitung schreibt: topologische Isolatoren. Ihre Bedeutung wurde erst vor wenigen Wochen...

Im Focus: Electron highway inside crystal

Physicists of the University of Würzburg have made an astonishing discovery in a specific type of topological insulators. The effect is due to the structure of the materials used. The researchers have now published their work in the journal Science.

Topological insulators are currently the hot topic in physics according to the newspaper Neue Zürcher Zeitung. Only a few weeks ago, their importance was...

Im Focus: Rätsel um Mott-Isolatoren gelöst

Universelles Verhalten am Mott-Metall-Isolator-Übergang aufgedeckt

Die Ursache für den 1937 von Sir Nevill Francis Mott vorhergesagten Metall-Isolator-Übergang basiert auf der gegenseitigen Abstoßung der gleichnamig geladenen...

Im Focus: Poröse kristalline Materialien: TU Graz-Forscher zeigt Methode zum gezielten Wachstum

Mikroporöse Kristalle (MOFs) bergen große Potentiale für die funktionalen Materialien der Zukunft. Paolo Falcaro von der TU Graz et al zeigen in Nature Materials, wie man MOFs gezielt im großen Maßstab wachsen lässt.

„Metal-organic frameworks“ (MOFs) genannte poröse Kristalle bestehen aus metallischen Knotenpunkten mit organischen Molekülen als Verbindungselemente. Dank...

Im Focus: Gravitationswellen als Sensor für Dunkle Materie

Die mit der Entdeckung von Gravitationswellen entstandene neue Disziplin der Gravitationswellen-Astronomie bekommt eine weitere Aufgabe: die Suche nach Dunkler Materie. Diese könnte aus einem Bose-Einstein-Kondensat sehr leichter Teilchen bestehen. Wie Rechnungen zeigen, würden Gravitationswellen gebremst, wenn sie durch derartige Dunkle Materie laufen. Dies führt zu einer Verspätung von Gravitationswellen relativ zu Licht, die bereits mit den heutigen Detektoren messbar sein sollte.

Im Universum muss es gut fünfmal mehr unsichtbare als sichtbare Materie geben. Woraus diese Dunkle Materie besteht, ist immer noch unbekannt. Die...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Firmen- und Forschungsnetzwerk Munitect tagt am IOW

08.12.2016 | Veranstaltungen

NRW Nano-Konferenz in Münster

07.12.2016 | Veranstaltungen

Wie aus reinen Daten ein verständliches Bild entsteht

05.12.2016 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Hochgenaue Versuchsstände für dynamisch belastete Komponenten – Workshop zeigt Potenzial auf

09.12.2016 | Seminare Workshops

Ein Nano-Kreisverkehr für Licht

09.12.2016 | Physik Astronomie

Pflanzlicher Wirkstoff lässt Wimpern wachsen

09.12.2016 | Biowissenschaften Chemie