Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Schlaganfall auch mit Kathetereingriff behandeln

22.06.2010
Schlaganfall-Patienten sollten so schnell wie möglich in das nächste Krankenhaus transportiert werden, das über eine „Stroke Unit” verfügt. Mit Medikamenten können Ärzte dort das Blutgerinnsel im Gehirn auflösen, das den Schlaganfall ausgelöst hat. Doch diese Infusionsbehandlung, die Thrombolyse, kann das Blutgerinnsel nicht immer vollends entfernen.

Deshalb sollte künftig nach der Thrombolyse vermehrt eine Katheterbehandlung zum Einsatz kommen. Mit ihr können Neuroradiologen verbleibende Gerinnsel entfernen und so den Therapieerfolg verbessern. Darauf weist die Deutsche Gesellschaft für Neuroradiologie (DGNR) anlässlich von zwei Studien hin, die vor Kurzem in den Fachzeitschriften „Stroke“ und „Lancet“ unter Beteiligung deutscher Neuroradiologen erschienen sind.

Verstopft ein Blutgerinnsel eine Hirnarterie, kommt es innerhalb weniger Minuten zum Absterben von Hirngewebe. Lähmungen oder Sprachstörungen können die Folge sein. Die neurologischen Störungen können sich in den nächsten Stunden mitunter dramatisch verschlimmern, weil sich der Hirninfarkt langsam ausdehnt. „Dies kann durch die sofortige Infusionsbehandlung oft verhindert werden”, sagt DGNR-Präsident Professor Dr. med. Rüdiger von Kummer, Leiter des Dresdner Universitäts-SchlaganfallCentrums. Die Therapie werde in Deutschland von zahlreichen Kliniken und interdisziplinären Schlaganfallzentren mit Computer- oder Magnetresonanztomographen angeboten. Diese Geräte würden benötigt, um auszuschließen, dass eine Hirnblutung den Schlaganfall ausgelöst hat. Dann sei eine Infusionsbehandlung streng verboten.

Doch das Zeitfenster für die Thrombolyse ist kurz. „Je früher die Therapie begonnen wird, desto besser sind die Chancen für den Patienten”, berichtet von Kummer. „Die Zeitgrenze liegt nach der im „Lancet“ vorgelegten Analyse bei nur viereinhalb Stunden. Danach ist eine Behandlung nur sinnvoll, wenn der Hirninfarkt trotz weiter bestehender Durchblutungs¬störung nicht gewachsen ist. Dies kann jedoch mit einer Computer- oder Magnetresonanztomographie schnell erkannt werden.” Die Erfahrung zeige auch, dass die Auflösung des Blutgerinnsels mit der Thrombolyse bei nur etwa 40 Prozent der Patienten gelingt. Manchmal bleibe das Blutgefäß nach der Infusion eines Thrombolytikums teilweise oder vollständig verschlossen.

An einigen Zentren bieten Neuroradiologen deshalb eine zusätzliche Katheterbehandlung an. „Beim Herzinfarkt, der wie die meisten Schlaganfälle durch einen Gefäßverschluss ausgelöst wird, ist dies längst Standard”, erklärt von Kummer. „Technisch ist dies auch beim Schlaganfall möglich. Das Gerinnsel wird mechanisch beseitigt. Manche Zentren verlegen auch Stents, kleine Röhrchen, die einen erneuten Verschluss verhindern sollen. Es scheint sich zu bewähren, beim Versagen der Infusionsbehandlung die invasive Thrombus¬entfernung einzuleiten.” Dies führte zu dem Prinzip „drip and ship“, also „Infundiere und verlege den Patienten“, so der Experte. Die Neuroradiologie und Neurologie der Ludwig-Maximilians-Universität in München kam damit zu sehr guten Ergebnissen.

Das Konzept ist neu und zunehmend an Schlaganfall-Zentren möglich, die mit umgebenden Krankenhäusern telemedizinisch verbunden sind. „Bislang werden in Deutschland erst wenige hundert Patienten pro Jahr so behandelt”, berichtet der DGNR-Präsident. „Unsere Empfehlung ist, dass die Stroke Units geeignete Patienten nach der Thrombolyse in diese Zentren verlegen.” Die ersten Erfahrungen mit dem neuen Behandlungsansatz seien gut. Doch wie immer bei neuen Therapien könne der Stellenwert erst nach dem Abschluss größerer Studien beurteilt werden. „Die Zeit für eine solche Studie ist jetzt gekommen. Sie wird schon vorbereitet”, so von Kummer.

Literatur:
Pfefferkorn T, Holtmannspötter M, Schmidt C, Bender A, Pfister HW, Straube A, Mayer TE, Brückmann H, Dichgans M, Fesl G.: Drip, ship, and retrieve: cooperative recanalization therapy in acute basilar artery occlusion. In: Stroke 2010; 41: 722-6

Lees KR, Bluhmki E, von Kummer R, Brott TG, Toni D, Grotta JC, Albers GW, Kaste M, Marler JR, Hamilton SA, Tilley BC, Davis SM, Donnan GA, Hacke W; ECASS, ATLANTIS, NINDS and EPITHET rt-PA Study Group, Allen K, Mau J, Meier D, del Zoppo G, De Silva DA, Butcher KS, Parsons MW, Barber PA, Levi C, Bladin C, Byrnes G.: Time to treatment with intravenous alteplase and outcome in stroke: an updated pooled analysis of ECASS, ATLANTIS, NINDS, and EPITHET trials. In: Lancet 2010; 375: 1695-703

Kontakt für Journalisten:

Deutsche Gesellschaft für Neuroradiologie (DGNR)
Pressestelle
Silke Stark
Postfach 30 11 20
70451 Stuttgart
Telefon: 0711 8931-572
Telefax: 0711 8931-167
stark@medizinkommunikation.org

Silke Stark | idw
Weitere Informationen:
http://www.neuroradiologie.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Tollwutviren zeigen Verschaltungen im gläsernen Gehirn
19.01.2017 | Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

nachricht Sicher und gesund arbeiten mit Datenbrillen
13.01.2017 | Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Innovatives Hochleistungsmaterial: Biofasern aus Florfliegenseide

Neuartige Biofasern aus einem Seidenprotein der Florfliege werden am Fraunhofer-Institut für Angewandte Polymerforschung IAP gemeinsam mit der Firma AMSilk GmbH entwickelt. Die Forscher arbeiten daran, das Protein in großen Mengen biotechnologisch herzustellen. Als hochgradig biegesteife Faser soll das Material künftig zum Beispiel in Leichtbaukunststoffen für die Verkehrstechnik eingesetzt werden. Im Bereich Medizintechnik sind beispielsweise biokompatible Seidenbeschichtungen von Implantaten denkbar. Ein erstes Materialmuster präsentiert das Fraunhofer IAP auf der Internationalen Grünen Woche in Berlin vom 20.1. bis 29.1.2017 in Halle 4.2 am Stand 212.

Zum Schutz des Nachwuchses vor bodennahen Fressfeinden lagern Florfliegen ihre Eier auf der Unterseite von Blättern ab – auf der Spitze von stabilen seidenen...

Im Focus: Verkehrsstau im Nichts

Konstanzer Physiker verbuchen neue Erfolge bei der Vermessung des Quanten-Vakuums

An der Universität Konstanz ist ein weiterer bedeutender Schritt hin zu einem völlig neuen experimentellen Zugang zur Quantenphysik gelungen. Das Team um Prof....

Im Focus: Traffic jam in empty space

New success for Konstanz physicists in studying the quantum vacuum

An important step towards a completely new experimental access to quantum physics has been made at University of Konstanz. The team of scientists headed by...

Im Focus: Textiler Hochwasserschutz erhöht Sicherheit

Wissenschaftler der TU Chemnitz präsentieren im Februar und März 2017 ein neues temporäres System zum Schutz gegen Hochwasser auf Baumessen in Chemnitz und Dresden

Auch die jüngsten Hochwasserereignisse zeigen, dass vielerorts das natürliche Rückhaltepotential von Uferbereichen schnell erschöpft ist und angrenzende...

Im Focus: Wie Darmbakterien krank machen

HZI-Forscher entschlüsseln Infektionsmechanismen von Yersinien und Immunantworten des Wirts

Yersinien verursachen schwere Darminfektionen. Um ihre Infektionsmechanismen besser zu verstehen, werden Studien mit dem Modellorganismus Yersinia...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Mittelstand 4.0 – Mehrwerte durch Digitalisierung: Hintergründe, Beispiele, Lösungen

20.01.2017 | Veranstaltungen

Nachhaltige Wassernutzung in der Landwirtschaft Osteuropas und Zentralasiens

19.01.2017 | Veranstaltungen

Künftige Rohstoffexperten aus aller Welt in Freiberg zur Winterschule

18.01.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

21.500 Euro für eine grüne Zukunft – Unserer Umwelt zuliebe

20.01.2017 | Unternehmensmeldung

innovations-report im Interview mit Rolf-Dieter Lafrenz, Gründer und Geschäftsführer der Hamburger Start ups Cargonexx

20.01.2017 | Unternehmensmeldung

Niederlande: Intelligente Lösungen für Bahn und Stahlindustrie werden gefördert

20.01.2017 | Förderungen Preise