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Sakkadentraining hilft Menschen mit Gesichtsfeldausfall

08.09.2009
Nach einem Hirnschaden leiden bis zu 40 Prozent der Betroffenen unter einer Sehstörung. Bei vielen Patienten fallen dabei Teile des Gesichtsfeldes aus, sie erblinden halbseitig.

Ein computerbasiertes Sehtraining kann ihnen helfen, sich besser in ihrer Umwelt zu orientieren. Das zeigt eine aktuelle Studie von Tübinger Augenärzten. Die Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft (DOG) befürwortet den Einsatz der Methode zur Rehabilitation von neurologischen Patienten.

Häufig zerstört ein Schlaganfall die Sehbahn im Gehirn. Für die Betroffenen hat dies unmittelbare Folgen: Die rechte oder die linke Seite des Gesichtsfeldes ist verschwunden. Diese Halbseitenblindheit, von Augenärzten "homonyme Hemianopsie" genannt, stellt für die Patienten eine schwere Behinderung dar: Sie stolpern über Stühle, Papierkörbe oder andere Hindernisse, stoßen mit Menschen zusammen und gefährden sich und andere im Straßenverkehr. Das Lesen ist stark beeinträchtigt. Die meisten Patienten werden arbeitsunfähig.

"Die Schäden, die zur Halbseitenblindheit geführt haben, lassen sich zwar nicht reparieren", erklärt Professor Dr. med. Susanne Trauzettel-Klosinski von der Universitätsaugenklinik Tübingen. "Die Patienten können aber lernen, ihr verbliebenes Blickfeld effektiver zu nutzen und funktionell zu vergrößern." Möglich wird dies durch das von den Tübinger Forschern entwickelte "kompensatorische explorative Sakkadentraining".

Sakkaden sind ruckartige Bewegungen der Augäpfel. Sie ermöglichen Richtungsänderungen beim Sehen, mit deren Hilfe wir ständig die Umgebung erkunden. "Mit unserem Trainingsprogramm lernen die Patienten, ihre Aufmerksamkeit auch auf Dinge zu richten, die sie eigentlich nicht sehen können", erläutert Professor Trauzettel-Klosinski. Dabei sitzen sie vor einem Notebook, auf dessen Bildschirm in zufälliger Folge kleine Zahlen erscheinen. Ihre Aufgabe ist es, die Zahlen mit der Maus des Computers wegzuklicken. Einige Zahlen erscheinen auch in der blinden Gesichtshälfte. "Die Patienten lernen bald, sie mithilfe der Sakkaden zu finden", sagt die Augenärztin.

In der Studie trainierten die Patienten täglich zweimal 30 Minuten an fünf Tagen der Woche. Nach sechs Wochen Training verkürzte sich nicht nur die Reaktionszeit. Die Patienten waren auch in der Lage, Dinge in der blinden Hälfte des Gesichtsfeldes schneller zu finden. Das Training verbessert außerdem die soziale Lebensqualität der Patienten: Den Trainierten gelang es eher, mit anderen Menschen Blickkontakt aufzunehmen. Auch im Vergleich erweist sich das Verfahren als hochwirksam. Reizten die Forscher das ausgefallene Gesichtsfeld mit flickernden Buchstaben, änderte sich das Erkundungsverhalten der Augen nicht: "Außerdem", so Trauzettel-Klosinski: "Diese visuelle Stimulation erreicht keine Wiederherstellung des Gesichtsfeldes",.

Besonders erfreulich ist, dass die Fortschritte der Patienten auch sechs Wochen nach Ende des Trainings noch vorhanden waren. "Das Sakkadentraining hat damit seine Wirksamkeit erstmalig wissenschaftlich belegt", sagt Professor Dr. med. Christian Ohrloff, Mediensprecher der DOG aus Frankfurt. Die DOG empfiehlt das Sakkadentraining deshalb als geeignetes Instrument zur Rehabilitation neurologischer Patienten.

Quelle: Roth T, Sokolov AN, Messias A, Roth P, Weller M, Trauzettel-Klosinski S. Comparing explorative saccade and flicker training in hemianopia: a randomized controlled study. Neurology. 2009; 72: 324-31

Artikel (dt. Kurzfassung): Roth T, Sokolov AN, Messias A, Roth P, Weller M, Trauzettel-Klosinski S: Sakkadentraining verbessert die visuelle Exploration bei Hemianopsie - eine randomisierte kontrollierte Studie. Zeitschrift für praktische Augenheilkunde 2009, im Druck

Die DOG (Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft) ist die medizinisch-wissenschaftliche Fachgesellschaft für Augenheilkunde in Deutschland. Sie vereint unter ihrem Dach mehr als 5600 Ärzte und Wissenschaftler, die augenheilkundlich forschen, untersuchen und behandeln. Wesentliches Anliegen der DOG ist es, die Forschung in der Augenheilkunde zu fördern: Sie unterstützt wissenschaftliche Projekte und Studien, veranstaltet Kongresse und gibt wissenschaftliche Fachzeitschriften heraus. Darüber hinaus setzt sich die DOG für den wissenschaftlichen Nachwuchs in der Augenheilkunde ein, indem sie zum Beispiel Stipendien vor allem für junge Forscher vergibt. Gegründet im Jahr 1857 in Heidelberg, ist die DOG die älteste medizinisch-wissenschaftliche Fachgesellschaft der Welt.

Kontakt für Journalisten:

Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft (DOG)
Pressestelle
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Postfach 30 11 20
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Telefax: 0711 8931 167
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Anna Julia Voormann | idw
Weitere Informationen:
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