Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Risiko Mangelernährung: "Richtiges" Essen im Krankenhaus und Pflegeheim

09.03.2009
Alte Menschen brauchen hohe Nährstoffdichte, da nur kleine Portionen gegessen werden können

Schwere und chronische Erkrankungen gehen häufig mit einem schlechten Ernährungszustand einher. Mangelernährte Patienten in Langzeitpflege haben zudem ein erhöhtes Risiko für infektiöse Erkrankungen oder Stürze und Frakturen, die wiederum die Sterblichkeit erhöhen.

Studien haben gezeigt, dass es einen klaren Zusammenhang zwischen Verschlechterung des Ernährungszustandes und funktionellen Defiziten, z.B. weniger Kraft in den Händen oder schlechtere Fähigkeit zur selbstständigen Versorgung (Barthel Index) gibt.

"Alte Menschen benötigen eine ausreichend hohe Nährstoffdichte, weil häufig nur noch kleine Portionen gegessen werden können. Mehr Energie durch Sahne, Butter oder Öle oder auch ein höherer Einweißanteil durch hochwertige Proteinpulver in Süßspeisen oder Soßen ebenso wie das Angebot von Zwischenmahlzeiten und Snacks kann zu einer bedarfsdeckenden Ernährung beitragen und damit der Entstehung oder Verschlechterung einer Mangelernährung entgegenwirken", sagt Privatdozent Dr. Matthias Pirlich, Charité - Universitätsmedizin Berlin anlässlich der "edi2009" (27. Februar 2009) in Berlin.

Wenn die natürliche Kost nicht mehr ausreiche, können mögliche Defizite durch Energie- und proteinreiche Trinknahrung ausgeglichen werden. Diese haben den Vorteil, jeweils auch mit Mikronährstoffen und Vitaminen angereichert zu sein. Für Menschen mit Demenz oder motorischen Defiziten ist speziell entwickeltes Fingerfood eine Alternative zum konventionellen Essen mit Besteck und Teller. Erst wenn diese Maßnahmen versagen, besteht die Indikation zur künstlichen Ernährung in Form von enteraler Sondenernährung bzw. - wenn der Magen-Darmtrakt nicht nutzbar ist - in Form der parenteralen Ernährung über die Venen. Vielfach wird auch kombiniert therapiert: der Patient kann noch etwas essen, muss jedoch unterstützend, z.B. über Nacht, künstliche Ernährung erhalten.

"Richtiges" Essen in Kliniken und Langzeitpflegeeinrichtungen sollte daher geschmacklich und optisch attraktiv sein, sowie eine energie- und eiweißreiche Kost und Zwischenmahlzeiten anbieten. Der Bedarf muss individuell erfragt werden. Gemessen an den zum Teil immensen Kosten moderner medikamentöser und apparativer Therapien ist eine solche ideale Speisenversorgung als günstig zu bezeichnen. Die Tatsache, dass gutes Essen auch die Kultur eines Landes widerspiegelt und zum Wohlbefinden der Patienten und Mitarbeiter und letztlich auch zum guten Ruf einer Einrichtung beitragen kann, ist vielen Klinikleitungen offensichtlich noch nicht ausreichend bekannt.

Der Ernährung in Kliniken und Pflegeheimen wurde lange Zeit keine Aufmerksamkeit geschenkt. Ernährung gilt vielfach nur noch als beeinflussbarer Kostenfaktor, der so ökonomisch wie möglich gestaltet werden muss. Dabei wurde vielfältig gezeigt, dass durch individuelle Ernährungsberatung und Anpassung der Speisenauswahl die Nahrungszufuhr bei Tumorleiden oder anderen schweren Erkrankungen und auch bei geriatrischen Patienten gesteigert werden kann. Die individuelle Anpassung ist auch deshalb sinnvoll, weil sich bei vielen Erkrankungen und im Alter der Geschmack und damit auch die Nahrungspräferenzen ändern.

Die 2006 publizierte "German Hospital Malnutrition Study" zeigte, dass 27 Prozent aller Patienten, die stationär behandelt werden müssen, bereits am Aufnahmetag Zeichen der Mangelernährung aufweisen, wobei ein hohes Lebensalter den größten Risikofaktor darstellt. In akut-geriatrischen Kliniken wurden mehr als 50 Prozent aller Patienten als mangelernährt eingestuft. In Langzeitpflegestrukturen werden ähnliche Angaben gemacht. In Deutschland wurden 2007 zwei Studien zu dieser Thematik veröffentlicht. Norman und Smoliner publizierten in der Zeitschrift Nutrition Daten von 112 Bewohnern aus drei Berliner Seniorenheimen (Durchschnittsalter 85 Jahre). Laut Mini Nutritional Assessment (MNA), einem Erhebungsbogen, mit dem man den Ernährungszustand feststellt, waren nur 20 Prozent als wohl ernährt, jedoch neun Prozent als schwer mangelernährt einzustufen. Bei den übrigen 71 Prozent bestand zumindest ein Risiko, ein Ernährungsdefizit zu entwickeln. Ein ähnliches Resultat zeigte eine Studie von Bai et al. (Aktuelle Ernährungsmedizin 2007), die in zehn deutschen Seniorenheimen an 779 Bewohnern durchgeführt wurde (Durchschnittsalter ebenfalls 85 Jahre). Hier waren elf Prozent der Senioren schwer mangelernährt.

Ansprechpartner:
Charité - Universitätsmedizin Berlin
PD Dr. med. Matthias Pirlich
Oberarzt Medizinische Klinik mit SP Gastroenterologie, Hepatologie und Endokrinologie
Charitéplatz 1, 10117 Berlin
Tel. ++49-30-450514062
e-mail: matthias.pirlich@charite.de

Rita Wilp | idw
Weitere Informationen:
http://www.dgem.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Greifswalder Forscher dringen mit superauflösendem Mikroskop in zellulären Mikrokosmos ein
02.12.2016 | Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald

nachricht Epstein-Barr-Virus: von harmlos bis folgenschwer
30.11.2016 | Deutsches Zentrum für Infektionsforschung

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Wie sich Zellen gegen Salmonellen verteidigen

Bioinformatiker der Goethe-Universität haben das erste mathematische Modell für einen zentralen Verteidigungsmechanismus der Zelle gegen das Bakterium Salmonella entwickelt. Sie können ihren experimentell arbeitenden Kollegen damit wertvolle Anregungen zur Aufklärung der beteiligten Signalwege geben.

Jedes Jahr sind Salmonellen weltweit für Millionen von Infektionen und tausende Todesfälle verantwortlich. Die Körperzellen können sich aber gegen die...

Im Focus: Shape matters when light meets atom

Mapping the interaction of a single atom with a single photon may inform design of quantum devices

Have you ever wondered how you see the world? Vision is about photons of light, which are packets of energy, interacting with the atoms or molecules in what...

Im Focus: Greifswalder Forscher dringen mit superauflösendem Mikroskop in zellulären Mikrokosmos ein

Das Institut für Anatomie und Zellbiologie weiht am Montag, 05.12.2016, mit einem wissenschaftlichen Symposium das erste Superresolution-Mikroskop in Greifswald ein. Das Forschungsmikroskop wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und dem Land Mecklenburg-Vorpommern finanziert. Nun können die Greifswalder Wissenschaftler Strukturen bis zu einer Größe von einigen Millionstel Millimetern mittels Laserlicht sichtbar machen.

Weit über hundert Jahre lang galt die von Ernst Abbe 1873 publizierte Theorie zur Auflösungsgrenze von Lichtmikroskopen als ein in Stein gemeißeltes Gesetz....

Im Focus: Durchbruch in der Diabetesforschung: Pankreaszellen produzieren Insulin durch Malariamedikament

Artemisinine, eine zugelassene Wirkstoffgruppe gegen Malaria, wandelt Glukagon-produzierende Alpha-Zellen der Bauchspeicheldrüse (Pankreas) in insulinproduzierende Zellen um – genau die Zellen, die bei Typ-1-Diabetes geschädigt sind. Das haben Forscher des CeMM Forschungszentrum für Molekulare Medizin der Österreichischen Akademie der Wissenschaften im Rahmen einer internationalen Zusammenarbeit mit modernsten Einzelzell-Analysen herausgefunden. Ihre bahnbrechenden Ergebnisse werden in Cell publiziert und liefern eine vielversprechende Grundlage für neue Therapien gegen Typ-1 Diabetes.

Seit einigen Jahren hatten sich Forscher an diesem Kunstgriff versucht, der eine simple und elegante Heilung des Typ-1 Diabetes versprach: Die vom eigenen...

Im Focus: Makromoleküle: Mit Licht zu Präzisionspolymeren

Chemikern am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist es gelungen, den Aufbau von Präzisionspolymeren durch lichtgetriebene chemische Reaktionen gezielt zu steuern. Das Verfahren ermöglicht die genaue, geplante Platzierung der Kettengliedern, den Monomeren, entlang von Polymerketten einheitlicher Länge. Die präzise aufgebauten Makromoleküle bilden festgelegte Eigenschaften aus und eignen sich möglicherweise als Informationsspeicher oder synthetische Biomoleküle. Über die neuartige Synthesereaktion berichten die Wissenschaftler nun in der Open Access Publikation Nature Communications. (DOI: 10.1038/NCOMMS13672)

Chemische Reaktionen lassen sich durch Einwirken von Licht bei Zimmertemperatur auslösen. Die Forscher am KIT nutzen diesen Effekt, um unter Licht die...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Wie aus reinen Daten ein verständliches Bild entsteht

05.12.2016 | Veranstaltungen

Von „Coopetition“ bis „Digitale Union“ – Die Fertigungsindustrien im digitalen Wandel

02.12.2016 | Veranstaltungen

Experten diskutieren Perspektiven schrumpfender Regionen

01.12.2016 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Flüssiger Wasserstoff im freien Fall

05.12.2016 | Maschinenbau

Forscher sehen Biomolekülen bei der Arbeit zu

05.12.2016 | Biowissenschaften Chemie

Wie aus reinen Daten ein verständliches Bild entsteht

05.12.2016 | Veranstaltungsnachrichten