Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Reizdarmpatienten mit Genveränderung haben stärkere Symptome

06.05.2011
Mutation beeinflusst Verarbeitung emotionaler Reize im Gehirn / Heidelberger Humangenetiker veröffentlichen in „Gastroenterology“

Patienten mit Reizdarmsyndrom leiden nicht nur an Bauchschmerzen, Blähungen, Durchfall oder Verstopfung. Bei rund der Hälfte kommen Angststörungen oder Depressionen hinzu.

Jetzt hat die Arbeitsgruppe um Privatdozentin Dr. Beate Niesler, Abteilung Molekulare Humangenetik (Direktorin: Professor Dr. Gudrun Rappold) des Universitätsklinikums Heidelberg in Kooperation mit Professor Emeran Mayer von der University of California in Los Angeles (UCLA), USA, gezeigt: Patienten, bei denen eine bestimmte Genmutation vorliegt, haben stärkere Symptome als Patienten ohne diese Veränderung im Erbgut. Außerdem konnten die Wissenschaftler sowohl bei Reizdarmpatienten als auch bei gesunden Kontrollpersonen mit dieser Mutation eine veränderte Aktivität in einem speziellen Gehirnbereich, dem Mandelkern, nachweisen. Hier werden Reize emotional verarbeitet.

Die Genveränderung liegt in der Erbinformation für einen Baustein des sogenannten Serotonin-3-Rezeptors. Der Rezeptor ist im Körper an ganz unterschiedlichen Vorgängen beteiligt. Im Mandelkern spielt er eine wichtige Rolle bei der Verarbeitung von Reizen, die z.B. an der Entstehung von Übelkeit, Schmerzen oder der Stimmungslage beteiligt. Die Ergebnisse in Kooperation mit Professor Emeran Mayer von der University of California in Los Angeles (UCLA), USA, wurden in der hochrangigen Fachzeitschrift „Gastroenterology“ veröffentlicht.

Magnetresonanztomographie macht Gehirnaktivität sichtbar

Die Heidelberger Wissenschaftler analysierten die Gene von 26 Reizdarmpatienten und 29 gesunden Studienteilnehmern. Die amerikanischen Kollegen ermittelten per Fragebogen bzw. anhand der Patientenakten, wie stark die Symptome der Patienten ausgeprägt sind. Außerdem untersuchten sie mit einem etablierten Testverfahren die Verarbeitung emotionaler Reize im Gehirn. Dazu zeigten die Forscher den Testpersonen zunächst Gesichter mit sichtbaren Gefühlsregungen und dann neutrale Bilder. Mit Hilfe der funktionellen Magnetresonanztomographie wurden gleichzeitig die Durchblutung und damit die Aktivität des Mandelkerns gemessen. Je stärker die Durchblutung, desto größer die emotionale Verarbeitung im Gehirn.

Patienten und gesunde Studienteilnehmer mit einer Genveränderung des Serotonin-3-Rezeptors zeigten eine höhere emotionale Reaktion. Außerdem hatten Reizdarmpatienten mit der Genvariante stärkere Krankheitssymptome.

Wirksamkeit von Medikamenten gezielter untersuchen

Bis zu 15 Prozent der Bevölkerung leidet an Reizdarmsyndrom, die Dunkelziffer ist hoch. Die Erkrankung ist zwar nicht lebensbedrohend, kann jedoch nicht geheilt werden und führt zu einer erheblich reduzierten Lebensqualität, Fehlzeiten im Beruf und in gravierenden Fällen sogar zu Berufsunfähigkeit. Die langwierige Therapie hat zum Ziel, die Symptome zu lindern.

Medikamente, die Serotonin-3-Rezeptoren blockieren, können bei einigen Patienten Symptome wie Durchfall, Schmerzen aber auch Depression und Ängstlichkeit mildern. „Unsere Ergebnisse sind wichtig für weitere klinische Studien, zum Beispiel um zu verstehen, warum diese Medikamente bei einigen Patienten wirken und bei andern nicht“, erklärt Professor Emeran Mayer. „Wir möchten z.B. herausfinden, ob die Wirksamkeit der Rezeptor-Blocker von der individuellen Genvariante der Reizdarm-Patienten abhängig ist.“ sagt Dr. Beate Niesler.

Die Forscher möchten außerdem genauer verstehen, wie sich das Reizdarmsyndrom bei Patienten mit verschiedenen Genvarianten entwickelt und mit Depression und Ängstlichkeit in Zusammenhang steht. Dazu sollen möglichst viele Betroffene in Studien eingeschlossen werden.

Weitere Informationen:
http://www.klinikum.uni-heidelberg.de/Neurogastro-and-psychiatric-disorders.100142.0.html
Literatur:
The HTR3A polymorphism c. -42C>T is Associated with Amygdala Responsiveness in Patients with Irritable Bowel Syndrome. LA Kilpatrick, JS Labus, K Coveleskie, C Hammer, G Rappold, K Tillisch, JA Bueller, B Suyenobu, JM Jarcho, JA McRoberts, B Niesler, EA Mayer. Gastroenterology, (Mar 2011)

Kontakt:

PD Dr.rer.nat. Beate Niesler
Abteilung Molekulare Humangenetik
Institut für Humangenetik
Universitätsklinikum Heidelberg
Tel.: 06221 / 565058
E-Mail: beate.niesler@med.uni-heidelberg.de
Universitätsklinikum und Medizinische Fakultät Heidelberg
Krankenversorgung, Forschung und Lehre von internationalem Rang
Das Universitätsklinikum Heidelberg ist eines der größten und renommiertesten medizinischen Zentren in Deutschland; die Medizinische Fakultät der Universität Heidelberg zählt zu den international bedeutsamen biomedizinischen Forschungseinrichtungen in Europa. Gemeinsames Ziel ist die Entwicklung neuer Therapien und ihre rasche Umsetzung für den Patienten. Klinikum und Fakultät beschäftigen rund 10.000 Mitarbeiter und sind aktiv in Ausbildung und Qualifizierung. In mehr als 50 Departments, Kliniken und Fachabteilungen mit ca. 2.000 Betten werden jährlich rund 550.000 Patienten ambulant und stationär behandelt. Derzeit studieren ca. 3.600 angehende Ärzte in Heidelberg; das Heidelberger Curriculum Medicinale (HeiCuMed) steht an der Spitze der medizinischen Ausbildungsgänge in Deutschland.
Bei Rückfragen von Journalisten:
Dr. Annette Tuffs
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Universitätsklinikums Heidelberg
und der Medizinischen Fakultät der Universität Heidelberg
Im Neuenheimer Feld 672
69120 Heidelberg
Tel.: 06221 / 56 45 36
Fax: 06221 / 56 45 44
E-Mail: annette.tuffs(at)med.uni-heidelberg.de

Dr. Annette Tuffs | idw
Weitere Informationen:
http://www.klinikum.uni-heidelberg.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Ein Knebel für die Anstandsdame führt zu Chaos in Krebszellen
22.03.2017 | Wilhelm Sander-Stiftung

nachricht Spezialisten-Zellen helfen Gedächtnis auf die Sprünge
17.03.2017 | Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Gigantische Magnetfelder im Universum

Astronomen aus Bonn und Tautenburg in Thüringen beobachteten mit dem 100-m-Radioteleskop Effelsberg Galaxienhaufen, das sind Ansammlungen von Sternsystemen, heißem Gas und geladenen Teilchen. An den Rändern dieser Galaxienhaufen fanden sie außergewöhnlich geordnete Magnetfelder, die sich über viele Millionen Lichtjahre erstrecken. Sie stellen die größten bekannten Magnetfelder im Universum dar.

Die Ergebnisse werden am 22. März in der Fachzeitschrift „Astronomy & Astrophysics“ veröffentlicht.

Galaxienhaufen sind die größten gravitativ gebundenen Strukturen im Universum, mit einer Ausdehnung von etwa zehn Millionen Lichtjahren. Im Vergleich dazu ist...

Im Focus: Giant Magnetic Fields in the Universe

Astronomers from Bonn and Tautenburg in Thuringia (Germany) used the 100-m radio telescope at Effelsberg to observe several galaxy clusters. At the edges of these large accumulations of dark matter, stellar systems (galaxies), hot gas, and charged particles, they found magnetic fields that are exceptionally ordered over distances of many million light years. This makes them the most extended magnetic fields in the universe known so far.

The results will be published on March 22 in the journal „Astronomy & Astrophysics“.

Galaxy clusters are the largest gravitationally bound structures in the universe. With a typical extent of about 10 million light years, i.e. 100 times the...

Im Focus: Auf der Spur des linearen Ubiquitins

Eine neue Methode ermöglicht es, den Geheimcode linearer Ubiquitin-Ketten zu entschlüsseln. Forscher der Goethe-Universität berichten darüber in der aktuellen Ausgabe von "nature methods", zusammen mit Partnern der Universität Tübingen, der Queen Mary University und des Francis Crick Institute in London.

Ubiquitin ist ein kleines Molekül, das im Körper an andere Proteine angehängt wird und so deren Funktion kontrollieren und verändern kann. Die Anheftung...

Im Focus: Tracing down linear ubiquitination

Researchers at the Goethe University Frankfurt, together with partners from the University of Tübingen in Germany and Queen Mary University as well as Francis Crick Institute from London (UK) have developed a novel technology to decipher the secret ubiquitin code.

Ubiquitin is a small protein that can be linked to other cellular proteins, thereby controlling and modulating their functions. The attachment occurs in many...

Im Focus: Physiker erzeugen gezielt Elektronenwirbel

Einem Team um den Oldenburger Experimentalphysiker Prof. Dr. Matthias Wollenhaupt ist es mithilfe ultrakurzer Laserpulse gelungen, gezielt Elektronenwirbel zu erzeugen und diese dreidimensional abzubilden. Damit haben sie einen komplexen physikalischen Vorgang steuern können: die sogenannte Photoionisation oder Ladungstrennung. Diese gilt als entscheidender Schritt bei der Umwandlung von Licht in elektrischen Strom, beispielsweise in Solarzellen. Die Ergebnisse ihrer experimentellen Arbeit haben die Grundlagenforscher kürzlich in der renommierten Fachzeitschrift „Physical Review Letters“ veröffentlicht.

Das Umwandeln von Licht in elektrischen Strom ist ein ultraschneller Vorgang, dessen Details erstmals Albert Einstein in seinen Studien zum photoelektrischen...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Die „Panama Papers“ aus Programmierersicht

22.03.2017 | Veranstaltungen

Über Raum, Zeit und Materie

22.03.2017 | Veranstaltungen

Unter der Haut

22.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Die „Panama Papers“ aus Programmierersicht

22.03.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Neues Schiff für die Fischerei- und Meeresforschung

22.03.2017 | Biowissenschaften Chemie

Mit voller Kraft auf Erregerjagd

22.03.2017 | Biowissenschaften Chemie