Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Punktgenau daneben: Mögliche Ursache für Fehlschlag gezielter Leberkrebs-Therapien entdeckt

24.11.2014

Gezielte Leberkrebs-Therapie: Ursache für Fehlschlag entdeckt

Das Scheitern experimenteller Leberkrebs-Therapien, die gezielt gegen das Protein EGFR gerichtet sind, hat seine Ursache vermutlich in einer zu wenig spezifischen Auswahl an PatientInnen. Diesen Schluss erlauben Daten aus einem Doktoratskolleg des Wissenschaftsfonds FWF, die jetzt in NATURE Cell Biology veröffentlicht wurden.


Gezielte Therapien gegen Leberkrebs machen ein differenziertes Bild der Leber erforderlich. Ein Doktoratskolleg des FWF leistete dazu nun einen wichtigen Beitrag.

© Nicole Amberg & Karin Komposch

Die Daten belegen, dass die tumorfördernde Wirkung von EGFR ihren Ursprung nicht direkt im Tumorgewebe hat, sondern in umgebenden Zellen des Immunsystems (Makrophagen). Deswegen zeigen experimentelle Anti-EGFR-Therapeutika wahrscheinlich nur Effektivität in PatientInnen, die EGFR in den Immunzellen aufweisen. Das erweiterte Verständnis über das Vorkommen von EGFR bietet nun aber neue Ansatzmöglichkeiten für diese Therapien.

Leberkrebs ist einer der häufigsten bösartigen Tumore. Limitierte Behandlungsoptionen bieten schlechte Aussichten. Groß war daher die Hoffnung, als vor einigen Jahren gezeigt wurde, dass ein spezielles Protein – der Epidermal Growth Factor Receptor (EGFR) – in bis zu 70 Prozent aller Lebertumore gehäuft vorkommt und die Tumorentwicklung fördert.

Man glaubte, einen Angriffspunkt für gezielte Therapien gefunden zu haben. Doch die Anwendung von Therapeutika zur Hemmung von EGFR erwies sich als Fehlschlag. Die erwartete Wirkung blieb weitestgehend aus. Zu wenig verstand man die Funktion von EGFR. Genau das hat jetzt eine Arbeit an der Medizinischen Universität Wien geändert.

ÜBERRASCHENDES ERGEBNIS

Im Zentrum der Arbeiten am Institut für Krebsforschung standen dabei Mausmodelle, in denen das Vorhandensein von EGFR in verschiedenen Zelltypen unterbunden wurde. So gelang es auch, Lebertumore zu züchten, deren Tumorzellen komplett frei von EGFR waren. Nach bisherigem Wissensstand wäre als Konsequenz ein geringeres Tumorwachstum zu erwarten gewesen. Doch bei der Analyse kam es zu einer Überraschung, wie die Koordinatorin des FWF-Doktoratskollegs "Inflammation and Immunity" Prof. Maria Sibilia ausführt:

"Wir stellten das Gegenteil fest – die Tumore wuchsen stärker. Anders sah es bei Tumoren aus, bei denen EGFR nur in umgebenden Immunzellen fehlte. Hier erfolgte eine deutliche Verlangsamung des Tumorwachstums." Tatsächlich war es bis zu diesem Zeitpunkt nicht einmal bekannt, dass EGFR in diesen Immunzellen überhaupt existiert. Bei den als Kupffer-Zellen bezeichneten Zellen handelt es sich um Makrophagen, die besonders bei Entzündungen und Infektionen zum Schutz unseres Körpers aktiv werden – dass der EGFR einen tumorfördernden Einfluss in diesen Zellen hat, war nicht bekannt.

Um besser zu verstehen, wie die Aktivität von EGFR auf den Kupffer-Zellen das Tumorwachstum beeinflusst, analysierte das Team um Prof. Sibilia seine Funktion weiter. Dabei gelang es, eine komplexe Kette an zellulären Signalwegen zu entschlüsseln, die tatsächlich zu einem verstärkten Wachstum von Leberzellen führt. Dazu die Projektmitarbeiterin Mag. Karin Komposch:

"Wir konnten zeigen, dass Verletzungen der Leber zur Freisetzung eines Botenstoffes, Interleukin-1Beta, führen. Dieser bewirkt über verschiedene Zwischenstufen, dass EGFR in Kupffer-Zellen die Produktion von Interleukin-6 beginnt. Dieser Stoff führt zu einer Vermehrung von Leberzellen. Prinzipiell soll diese Anregung von Zellwachstum der Reparatur geschädigten Gewebes dienen – kann aber eben auch ein unkontrolliertes Wuchern von Leberzellen und damit einen Tumor bewirken."

THERAPIE & DIAGNOSE

Das neue Verständnis bietet aus Sicht des Teams nun eine neue Chance, EGFR-Inhibitoren in der Therapie von Leberkrebs einzusetzen. Denn tatsächlich müsste man diese Inhibitoren nur in PatientInnen anwenden, die den EGFR in den Kupffer-Zellen exprimieren, und nicht in PatientInnen, die den EGFR in den Tumorzellen/Leberzellen aufweisen.

Würde es gelingen, diese Inhibitoren speziell nur in den Kupffer-Zellen wirken zu lassen, könnte dies das Tumorwachstum am stärksten reduzieren. Doch Mag. Komposch sieht auch noch eine andere wichtige Erkenntnis für die Krebsdiagnostik aus dieser Arbeit: "Das Vorhandensein von EGFR in den Kupffer-Zellen könnte wichtige Informationen zum zukünftigen Verlauf der Tumorentwicklung geben, wäre also ein wichtiger prognostischer Marker."

Insgesamt liefern diese Ergebnisse des FWF-Doktoratskollegs somit sowohl grundlegende Erkenntnisse über komplexe zelluläre Signalwege als auch konkrete Ansatzpunkte für neue Entwicklungen in Therapie und Diagnostik.


Originalpublikation: EGFR has a tumour-promoting role in liver macrophages during hepatocellular carcinoma formation. H. Lanaya, A. Natarajan, K. Komposch, L. Li, N. Amberg, L. Chen, S. K.Wculek, M. Hammer, R. Zenz, M. Peck-Radosavljevic, W. Sieghart, M. Trauner, H. Wang und M. Sibilia. Nature Cell Biology 16, 972–981 (2014) doi:10.1038/ncb3031

Bild und Text ab Montag, 24. November 2014, ab 10.00 Uhr MEZ verfügbar unter:
http://www.fwf.ac.at/de/wissenschaft-konkret/projektvorstellungen/2014/pv201411/


Wissenschaftlicher Kontakt:
Prof. Maria Sibilia
Medizinische Universität Wien
Institut für Krebsforschung
Borschkegasse 8a
1090 Wien
T +43 / 1 / 40160 - 57502
E sibilia-office@meduniwien.ac.at

Der Wissenschaftsfonds FWF:
Marc Seumenicht
Haus der Forschung
Sensengasse 1
1090 Wien
T +43 / 1 / 505 67 40 - 8111
E marc.seumenicht@fwf.ac.at
W http://www.fwf.ac.at

Redaktion & Aussendung:
PR&D – Public Relations für Forschung & Bildung Mariannengasse 8
1090 Wien
T +43 / 1 / 505 70 44
E contact@prd.at
W http://www.prd.at

Dr. Katharina Schnell | PR&D – Public Relations für Forschung & Bildung

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Aktuelle Therapiepfade und Studienübersicht zur CLL
20.10.2017 | Kompetenznetz Maligne Lymphome e.V.

nachricht Neue Möglichkeiten für die Immuntherapie beim Lungenkrebs entdeckt
18.10.2017 | Universität Bern

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Hochfeldmagnet am BER II: Einblick in eine versteckte Ordnung

Seit dreißig Jahren gibt eine bestimmte Uranverbindung der Forschung Rätsel auf. Obwohl die Kristallstruktur einfach ist, versteht niemand, was beim Abkühlen unter eine bestimmte Temperatur genau passiert. Offenbar entsteht eine so genannte „versteckte Ordnung“, deren Natur völlig unklar ist. Nun haben Physiker erstmals diese versteckte Ordnung näher charakterisiert und auf mikroskopischer Skala untersucht. Dazu nutzten sie den Hochfeldmagneten am HZB, der Neutronenexperimente unter extrem hohen magnetischen Feldern ermöglicht.

Kristalle aus den Elementen Uran, Ruthenium, Rhodium und Silizium haben eine geometrisch einfache Struktur und sollten keine Geheimnisse mehr bergen. Doch das...

Im Focus: Schmetterlingsflügel inspiriert Photovoltaik: Absorption lässt sich um bis zu 200 Prozent steigern

Sonnenlicht, das von Solarzellen reflektiert wird, geht als ungenutzte Energie verloren. Die Flügel des Schmetterlings „Gewöhnliche Rose“ (Pachliopta aristolochiae) zeichnen sich durch Nanostrukturen aus, kleinste Löcher, die Licht über ein breites Spektrum deutlich besser absorbieren als glatte Oberflächen. Forschern am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist es nun gelungen, diese Nanostrukturen auf Solarzellen zu übertragen und deren Licht-Absorptionsrate so um bis zu 200 Prozent zu steigern. Ihre Ergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler nun im Fachmagazin Science Advances. DOI: 10.1126/sciadv.1700232

„Der von uns untersuchte Schmetterling hat eine augenscheinliche Besonderheit: Er ist extrem dunkelschwarz. Das liegt daran, dass er für eine optimale...

Im Focus: Schnelle individualisierte Therapiewahl durch Sortierung von Biomolekülen und Zellen mit Licht

Im Blut zirkulierende Biomoleküle und Zellen sind Träger diagnostischer Information, deren Analyse hochwirksame, individuelle Therapien ermöglichen. Um diese Information zu erschließen, haben Wissenschaftler des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnik ILT ein Mikrochip-basiertes Diagnosegerät entwickelt: Der »AnaLighter« analysiert und sortiert klinisch relevante Biomoleküle und Zellen in einer Blutprobe mit Licht. Dadurch können Frühdiagnosen beispielsweise von Tumor- sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen gestellt und patientenindividuelle Therapien eingeleitet werden. Experten des Fraunhofer ILT stellen diese Technologie vom 13.–16. November auf der COMPAMED 2017 in Düsseldorf vor.

Der »AnaLighter« ist ein kompaktes Diagnosegerät zum Sortieren von Zellen und Biomolekülen. Sein technologischer Kern basiert auf einem optisch schaltbaren...

Im Focus: Neue Möglichkeiten für die Immuntherapie beim Lungenkrebs entdeckt

Eine gemeinsame Studie der Universität Bern und des Inselspitals Bern zeigt, dass spezielle Bindegewebszellen, die in normalen Blutgefässen die Wände abdichten, bei Lungenkrebs nicht mehr richtig funktionieren. Zusätzlich unterdrücken sie die immunologische Bekämpfung des Tumors. Die Resultate legen nahe, dass diese Zellen ein neues Ziel für die Immuntherapie gegen Lungenkarzinome sein könnten.

Lungenkarzinome sind die häufigste Krebsform weltweit. Jährlich werden 1.8 Millionen Neudiagnosen gestellt; und 2016 starben 1.6 Millionen Menschen an der...

Im Focus: Sicheres Bezahlen ohne Datenspur

Ob als Smartphone-App für die Fahrkarte im Nahverkehr, als Geldwertkarten für das Schwimmbad oder in Form einer Bonuskarte für den Supermarkt: Für viele gehören „elektronische Geldbörsen“ längst zum Alltag. Doch vielen Kunden ist nicht klar, dass sie mit der Nutzung dieser Angebote weitestgehend auf ihre Privatsphäre verzichten. Am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) entsteht ein sicheres und anonymes System, das gleichzeitig Alltagstauglichkeit verspricht. Es wird nun auf der Konferenz ACM CCS 2017 in den USA vorgestellt.

Es ist vor allem das fehlende Problembewusstsein, das den Informatiker Andy Rupp von der Arbeitsgruppe „Kryptographie und Sicherheit“ am KIT immer wieder...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Das Immunsystem in Extremsituationen

19.10.2017 | Veranstaltungen

Die jungen forschungsstarken Unis Europas tagen in Ulm - YERUN Tagung in Ulm

19.10.2017 | Veranstaltungen

Bauphysiktagung der TU Kaiserslautern befasst sich mit energieeffizienten Gebäuden

19.10.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Forscher finden Hinweise auf verknotete Chromosomen im Erbgut

20.10.2017 | Biowissenschaften Chemie

Saugmaschinen machen Waschwässer von Binnenschiffen sauberer

20.10.2017 | Ökologie Umwelt- Naturschutz

Strukturbiologieforschung in Berlin: DFG bewilligt Mittel für neue Hochleistungsmikroskope

20.10.2017 | Förderungen Preise