Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Primärversorgung: Erstanlaufstelle im Gesundheitssystem stärken

17.05.2013
Diskussionsveranstaltung Hauptverband der Österreichischen Sozialversicherungsträger, European Health Forum Gastein, Medizinische Universität Graz
„Primary care in the driver's seat“ – unter diesem Motto diskutierten Experten/-innen in Wien internationale Trends in der Organisation der Primärversorgung. Veranstaltet wurde das Symposium vom Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger (HVB) gemeinsam mit dem European Health Forum Gastein (EHFG) und dem Universitätslehrgang Public Health der Medizinischen Universität Graz.

„Wir haben mit der Gesundheitsreform das Konzept des 'best point of service' etabliert. Jede Leistung im Gesundheitssystem soll also dort erbracht werden, wo sie optimal angesiedelt ist - unter Ressourcen- und Qualitätsaspekten“, so der Generaldirektor des HVB, Dr. Josef Probst. „Die Stärkung der Primärversorgung ist ein zentrales Element der Gesundheitsreform. Wir müssen jetzt diskutieren, was die Aufgabe der Primärversorgung im Detail ist, und welche Ressourcen dafür nötig sind. Dafür ist es hilfreich, Modelle zu analysieren, die sich in anderen Länder bewährt haben.“

EHFG-Präsident Brand: Ärzte/-innen der Primärversorgung gerade in Krisenzeiten wichtig

Das European Health Forum Gastein unterstützt diese Diskussion mit europäischem Know-how und seiner internationalen Vernetzung. „Im europäischen Vergleich zeigt sich, dass gerade in finanziell angespannten Zeiten der Wirtschaftskrise ein stabiles und effizientes System von Ärzten/-innen der Primärversorgung wichtig ist. Nur so haben die Bürger/-innen und Patienten/-innen auch Ansprechpartner/-innen, die sie sicher durch eine sich rasch verändernde Versorgungslandschaft leiten können", so EHFG-Präsident Prof. Helmut Brand (Vorstand Department für Internationale Gesundheit, Universität Maastricht). „Wir müssen heute sehen, dass viele Funktionen der öffentlichen Gesundheit (Public Health) Teil der Primärversorgung sind und auch eine sozialkompensatorische Funktion haben.“

Rektor Smolle: Voraussetzungen für stärkere Rolle von Allgemeinmediziner/-innen schaffen

"Allgemeinmediziner/-innen müssen in der Umsetzung der Gesundheitsreform eine wichtige Rolle spielen. Sie haben den entscheidenden Vorteil, ihre Patienten/-innen oft über viele Jahre zu kennen und zu betreuen, und können daher auch viele Gesundheitsprobleme lösen, ohne dass weitere Überweisungen nötig wären", so Univ.-Prof. Dr. Josef Smolle, Rektor der Medizinischen Universität Graz. "Damit sie diese Aufgabe optimal wahrnehmen und insbesondere die wachsende Zahl chronisch Kranker begleiten und betreuen können, müssen allerdings zwei Voraussetzungen erfüllt sein: Sie müssen für diese Tätigkeit ausreichend remuneriert werden. Und wir müssen noch mehr Wert auf eine gute und fundierte Ausbildung der Allgemeinmediziner/-innen legen."

Primärversorger/-innen wichtig für Umsetzung von Gesundheitsreformen

"In sehr vielen OECD-Ländern, nicht nur in den sogenannten Krisenstaaten der EU, geht der Anteil der Gesundheitsausgaben am Bruttoinlandsprodukt tendenziell zurück. Mit dem allgegenwärtigen Kostendruck und den wachsenden Versorgungserfordernissen bleibt uns keine andere Option, als die Leistungsfähigkeit unserer Gesundheitssysteme zu verbessern", betonte in Wien Dr. Josep Figueras, Direktor des European Observatory on Health Systems and Policy. "Für Reformschritte wie sie in ganz Europa diskutiert werden, zum Beispiel mehr Kosteneffektivität bei Gesundheitsleistungen, eine Entlastung des stationären Bereichs oder eine Stärkung der Prävention, spielen die Anbieter/-innen der Primärversorgung eine zentrale Rolle."

Österreich im internationalen Vergleich: Wenig Fokus auf Primärversorgung

"Die Herausforderungen, vor denen alle Gesundheitssysteme stehen, erfordern Innovation auf vielen Ebenen, zum Beispiel eine verstärkte Orientierung auf die Patienten/-innen als Ganzes, nicht nur ihre Erkrankungen, neue Wege in der Aus- und Fortbildung für Gesundheitsdienstleister/-innen oder eine neue Verteilung der Aufgaben zwischen den Gesundheitsberufen", sagte Dr. Winke Boerma, Netherlands Institute of Health Service Research. "Die Primärversorger/-innen, also in der Regel Allgemeinmediziner/-innen, haben hier viel mehr zu bieten als nur erste Anlaufstelle und Lotsen im Gesundheitssystem zu sein. Sie können viele Gesundheitsprobleme kosteneffektiv behandeln, ohne dass weitere Maßnahmen auf höheren Versorgungsstufen nötig wären."
In Gesundheitssystemen, in denen Hausärzte/-innen eine starke Position hätten, spielten diese auch eine "gate-keeper"-Funktion - sie entscheiden also, ob Patienten/-innen Fachärzte oder Spitäler aufsuchen können. Solche Systeme, zitierte Dr. Boerma aktuelle Studien, seien versorgungseffektiver, es könnten zum Beispiel unnötige Spitalsaufnahmen besser verhindert werden. Allerdings sei in Ländern mit diesem Modell eine niedrigere Patienten/-innen-Zufriedenheit festzustellen, auch der Anteil der Gesundheitsausgaben am Bruttoinlandsprodukt sei in diesen Systemen nicht niedriger als in solchen mit einer weniger starken Rolle von Allgemeinmediziner/-innen.

Österreich habe, so der Experte, viel mehr Krankenhausbetten als im europäischen Durchschnitt, zugleich aber deutlich weniger Allgemeinmediziner/-innen als Länder, die eine unterdurchschnittliche Spitalsdichte aufweisen wie die Niederlande. Auch hinsichtlich einiger anderer Aspekte weise Österreich Besonderheiten im Vergleich zu Ländern mit starker Primärversorgung auf, zitierte Dr. Boerma einen aktuelle Europa-weite Untersuchung (QUALICOPC-Survey): 85 Prozent der Allgemeinmediziner/-innen arbeiten hierzulande in einer Einzelordination, in den Niederlanden nur 30 Prozent, alle anderen in Gruppenpraxen. Österreichische Allgemeinmediziner/-innen sehen durchschnittlich 50 Patienten/-innen pro Arbeitstag, in den Niederlanden sind es nur 30. Dies, obwohl österreichische Hausarzt-Ordinationen im Schnitt 7,5 Stunden pro Arbeitstag geöffnet sind -- in den Niederlanden sind es 10 Stunden. "Österreich hat derzeit ein stark auf die Sekundärversorgung orientiertes Gesundheitssystem", fasste Dr. Boerma die Vergleiche zusammen. "Die Primärversorgung wird vielfach von Allgemeinmediziner/-innen als Einzelkämpfer/-innen wahrgenommen, es gibt wenig koordinierte und organisierte Strukturen."

Bessere Gesundheitsergebnisse mit gut organisierter Primärversorgung

"Die Erwartungen an und Aufgaben für die Primärversorgung haben sich massiv verändert und ausgeweitet, die Hausärzt/-innen rücken immer mehr ins Zentrum der Gesundheitssysteme", betonte Prof. Richard Saltmann, Rollins School of Public Health, Atlanta, Georgia (USA). "Es sind zwei Trends zu beobachten, wie man mit diesen immer komplexeren Anforderungen umgeht. Entweder man weitet die Rolle der Allgemeinmediziner/-innen horizontal aus, macht sie also im wesentlichen zu Koordinatoren/-innen, die ihre Patienten/-innen durch alle anderen Gesundheitsleistungen lotsen. Oder es kommt zu einer vertikalen Ausweitung ihrer Rolle, und sie sind durch vermehrte Spezialisierung in der Lage, wichtige chronische Krankheiten zu behandeln, ohne an Spezialisten/-innen weiterzuverweisen."

In Ländern, in denen die Rolle der Primärversorger/-innen auf unterschiedliche Weise gezielt gestärkt worden sei wie Großbritannien oder Dänemark, seinen auch durchaus bessere Ergebnisse bei bestimmten Indikatoren zu beobachten, berichtete Prof. Saltmann. So sei etwa in UK der Anteil von Patienten/-innen mit koronarer Herzerkrankung, deren Blutdruck oder Blutfettwerte gut eingestellt waren, nach Einführung des "Quality Otcomes Framework", an dem öffentlich finanzierte Allgemeinmediziner/-innen verpflichtend teilnehmen müssen, deutlich gestiegen. "Es ist eine komplexe Aufgabe für Entscheidungsträger/-innen im Gesundheitssystem, die sehr vielfältige und oft auch widersprüchliche Rolle von Allgemeinmediziner/-innen neu zu ordnen und definieren und die entsprechenden Rahmenbedingungen, Regulatorien, aber auch Incentives festzulegen", so Prof. Saltmann.

EHFG Pressestelle
Dr. Birgit Kofler
B&K Kommunikationsberatung GmbH
Tel. Büro Wien: +43 1 319 43 78 13
Mobil: +43 676 636 89 30
Skype: bkk_birgit.kofler
E-Mail: presse@ehfg.org

Thea Roth | idw
Weitere Informationen:
http://www.ehfg.org

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Neue Therapieansätze bei RET-Fusion - Zwei neue Inhibitoren gegen Treibermutation
26.06.2017 | Uniklinik Köln

nachricht Bei Notfällen wie Herzinfarkt und Schlaganfall immer den Notruf 112 wählen: Jede Minute zählt!
22.06.2017 | Deutsche Herzstiftung e.V./Deutsche Stiftung für Herzforschung

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Hyperspektrale Bildgebung zur 100%-Inspektion von Oberflächen und Schichten

„Mehr sehen, als das Auge erlaubt“, das ist ein Anspruch, dem die Hyperspektrale Bildgebung (HSI) gerecht wird. Die neue Kameratechnologie ermöglicht, Licht nicht nur ortsaufgelöst, sondern simultan auch spektral aufgelöst aufzuzeichnen. Das bedeutet, dass zur Informationsgewinnung nicht nur herkömmlich drei spektrale Bänder (RGB), sondern bis zu eintausend genutzt werden.

Das Fraunhofer IWS Dresden entwickelt eine integrierte HSI-Lösung, die das Potenzial der HSI-Technologie in zuverlässige Hard- und Software überführt und für...

Im Focus: Can we see monkeys from space? Emerging technologies to map biodiversity

An international team of scientists has proposed a new multi-disciplinary approach in which an array of new technologies will allow us to map biodiversity and the risks that wildlife is facing at the scale of whole landscapes. The findings are published in Nature Ecology and Evolution. This international research is led by the Kunming Institute of Zoology from China, University of East Anglia, University of Leicester and the Leibniz Institute for Zoo and Wildlife Research.

Using a combination of satellite and ground data, the team proposes that it is now possible to map biodiversity with an accuracy that has not been previously...

Im Focus: Klima-Satellit: Mit robuster Lasertechnik Methan auf der Spur

Hitzewellen in der Arktis, längere Vegetationsperioden in Europa, schwere Überschwemmungen in Westafrika – mit Hilfe des deutsch-französischen Satelliten MERLIN wollen Wissenschaftler ab 2021 die Emissionen des Treibhausgases Methan auf der Erde erforschen. Möglich macht das ein neues robustes Lasersystem des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnologie ILT in Aachen, das eine bisher unerreichte Messgenauigkeit erzielt.

Methan entsteht unter anderem bei Fäulnisprozessen. Es ist 25-mal wirksamer als das klimaschädliche Kohlendioxid, kommt in der Erdatmosphäre aber lange nicht...

Im Focus: Climate satellite: Tracking methane with robust laser technology

Heatwaves in the Arctic, longer periods of vegetation in Europe, severe floods in West Africa – starting in 2021, scientists want to explore the emissions of the greenhouse gas methane with the German-French satellite MERLIN. This is made possible by a new robust laser system of the Fraunhofer Institute for Laser Technology ILT in Aachen, which achieves unprecedented measurement accuracy.

Methane is primarily the result of the decomposition of organic matter. The gas has a 25 times greater warming potential than carbon dioxide, but is not as...

Im Focus: How protons move through a fuel cell

Hydrogen is regarded as the energy source of the future: It is produced with solar power and can be used to generate heat and electricity in fuel cells. Empa researchers have now succeeded in decoding the movement of hydrogen ions in crystals – a key step towards more efficient energy conversion in the hydrogen industry of tomorrow.

As charge carriers, electrons and ions play the leading role in electrochemical energy storage devices and converters such as batteries and fuel cells. Proton...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Future Security Conference 2017 in Nürnberg - Call for Papers bis 31. Juli

26.06.2017 | Veranstaltungen

Von Batterieforschung bis Optoelektronik

23.06.2017 | Veranstaltungen

10. HDT-Tagung: Elektrische Antriebstechnologie für Hybrid- und Elektrofahrzeuge

22.06.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

„Digital Mobility“– 48 Mio. Euro für die Entwicklung des digitalen Fahrzeuges

26.06.2017 | Förderungen Preise

Fahrerlose Transportfahrzeuge reagieren bald automatisch auf Störungen

26.06.2017 | Verkehr Logistik

Forscher sorgen mit ungewöhnlicher Studie über Edelgase international für Aufmerksamkeit

26.06.2017 | Physik Astronomie