Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Vom Polarkreis ins All

29.03.2011
Meilenstein in der Magdeburger Weltraumforschung

Am Dienstagmorgen um 6.01 Uhr ist auf dem schwedischen Weltraumbahnhof Esrange bei Kiruna, 150 km nördlich des Polarkreises, erstmals ein biomedizinisches Experiment aus Magdeburg ins All geschossen worden.

An Bord der unbemannten Forschungsrakete TEXUS-49 schickte der Weltraumbiotechnologe Prof. Oliver Ullrich von der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg Zellen des menschlichen Immunsystems in eine Höhe von 270 Kilometern. Während ihres zirka zehnminütigen Fluges war die Rakete mit ihrer Fracht für etwa fünf Minuten in der Schwerelosigkeit des Weltalls. In dieser Zeit wurden die Versuche ferngesteuert durchgeführt.

„Wir sind überglücklich, dass alles gut geklappt hat“, sagte Ullrich nach dem erfolgreichen Start. „Es ist ein Meilenstein in unserer Forschung. Es war Spannung und Erleichterung zugleich, den Countdown zu hören und die Rakete endlich starten zu sehen.“

Nach vier Jahren Vorbereitung hing letzten Endes alles vom Wetter ab. In den Labors waren alle Vorbereitungen abgeschlossen, die Rakete stand startklar auf der Abschussrampe. Doch der Wetterballon zeigte am geplanten Starttag, Donnerstag voriger Woche, zu starken Wind. Tag um Tag musste der Start verschoben werden. Dann endlich gab es am Montag grünes Licht. Im Labor lief die Aufarbeitung der Zellen an. Doch die Wetterbedingungen waren noch immer nicht optimal. Ein letzter Wetterballon erzwang fünfzehn Minuten vor dem geplanten Start einen Abbruch des Countdowns. Voraussichtlicher Starttermin nun: Dienstag morgen sechs Uhr. Um Mitternacht begann das Laborteam erneut mit der Aufbereitung der Zellen. Die Magdeburger füllten die Zellen in Spritzen, die von einem Team der EADS Astrium eine Stunde vor Start in die Nutzlast der Rakete eingebaut wurden. Kurz vor sechs Uhr morgens war die Stimmung im Kontrollzentrum angespannt. Die letzten Minuten vor dem Start – über Lautsprecher wurden die Sekunden rückwärts gezählt. Per Knopfdruck löste Per Baldemar den Start aus, die Rakete raste mit der Schubkraft von eintausend Flugzeugtriebwerken und bis zu 7500 Kilometern pro Stunde von der Startrampe in die Höhe. Gespannt verfolgten die Wissenschaftler am Boden ihren Flug. Vom Kontrollzentrum aus konnten die Versuche gesteuert und korrigiert werden. Die Nutzlast der Rakete landete nach dem Flug im unbesiedelten nördlichsten Teil Schwedens und wurde von einem Hubschrauber geborgen. Anschließend wurden die Behälter mit den Zellen vom Team der Universität Magdeburg übernommen, aufbereitet und für den Heimtransport vorbereitet. Dort werden die Versuche im Labor mittels modernster Technologie ausgewertet.

Oliver Ullrich erforscht seit fünf Jahren an einem der wichtigsten Probleme der bemannten Raumfahrt. Seit den ersten Langzeitflügen ist bekannt, dass Astronauten bei längeren Aufenthalten in Schwerelosigkeit unter vielfältigen Störungen des Immunsystems und schweren Infektionen leiden. Der Magdeburger Weltraumbiotechnologe will herausfinden, warum menschliche Zellen des Immunsystems in der Schwerelosigkeit versagen. Dazu hat er bereits wichtige Erkenntnisse bei acht Parabelflugkampagnen gewonnen. Dabei fliegt ein Airbus bestimmte Flugmanöver und löst so für mehrere Sekunden Schwerelosigkeit aus. „Die Immunzellen reagieren innerhalb von Sekunden auf den Wegfall der Schwerkraft“, weiß Oliver Ullrich inzwischen. „Bei den Versuchen mit der Rakete wollen wir klären, ob die angeschobenen Prozesse sich fortsetzen.“

Weltweit bereiten die Raumfahrtnationen einen Flug zum Mars vor. „Ein solcher Flug dauert hin und zurück über 500 Tage. Vorher muss unbedingt geklärt werden, warum das Immunsystem ausfällt und wie dem medizinisch entgegengesteuert werden kann“, erklärt der Mediziner. „Möglicherweise finden wir aber auch heraus, dass der Mensch sich gar nicht für längere Zeit vom Erdorbit entfernen kann, weil wir genetisch auf ein Leben auf der Erde programmiert sind.“

Für Rückfragen zum Forschungsvorhaben:
Prof. Hon.-Prof. Dr. med. Dr. rer. nat. Oliver Ullrich,
Institut für Maschinenkonstruktion, Fakultät für Maschinenbau,
Otto-von-Guericke-Universität, Leipziger Str. 44, 39120 Magdeburg
Tel.: 0391 67 18522 oder 0041 44 63 55310
E-Mail: oliver.ullrich@ovgu.de

Katharina Vorwerk | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-magdeburg.de/

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Neue Möglichkeiten für die Immuntherapie beim Lungenkrebs entdeckt
18.10.2017 | Universität Bern

nachricht Aromatherapie bei COPD
12.05.2015 | Airnergy AG

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Schnelle individualisierte Therapiewahl durch Sortierung von Biomolekülen und Zellen mit Licht

Im Blut zirkulierende Biomoleküle und Zellen sind Träger diagnostischer Information, deren Analyse hochwirksame, individuelle Therapien ermöglichen. Um diese Information zu erschließen, haben Wissenschaftler des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnik ILT ein Mikrochip-basiertes Diagnosegerät entwickelt: Der »AnaLighter« analysiert und sortiert klinisch relevante Biomoleküle und Zellen in einer Blutprobe mit Licht. Dadurch können Frühdiagnosen beispielsweise von Tumor- sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen gestellt und patientenindividuelle Therapien eingeleitet werden. Experten des Fraunhofer ILT stellen diese Technologie vom 13.–16. November auf der COMPAMED 2017 in Düsseldorf vor.

Der »AnaLighter« ist ein kompaktes Diagnosegerät zum Sortieren von Zellen und Biomolekülen. Sein technologischer Kern basiert auf einem optisch schaltbaren...

Im Focus: Neue Möglichkeiten für die Immuntherapie beim Lungenkrebs entdeckt

Eine gemeinsame Studie der Universität Bern und des Inselspitals Bern zeigt, dass spezielle Bindegewebszellen, die in normalen Blutgefässen die Wände abdichten, bei Lungenkrebs nicht mehr richtig funktionieren. Zusätzlich unterdrücken sie die immunologische Bekämpfung des Tumors. Die Resultate legen nahe, dass diese Zellen ein neues Ziel für die Immuntherapie gegen Lungenkarzinome sein könnten.

Lungenkarzinome sind die häufigste Krebsform weltweit. Jährlich werden 1.8 Millionen Neudiagnosen gestellt; und 2016 starben 1.6 Millionen Menschen an der...

Im Focus: Sicheres Bezahlen ohne Datenspur

Ob als Smartphone-App für die Fahrkarte im Nahverkehr, als Geldwertkarten für das Schwimmbad oder in Form einer Bonuskarte für den Supermarkt: Für viele gehören „elektronische Geldbörsen“ längst zum Alltag. Doch vielen Kunden ist nicht klar, dass sie mit der Nutzung dieser Angebote weitestgehend auf ihre Privatsphäre verzichten. Am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) entsteht ein sicheres und anonymes System, das gleichzeitig Alltagstauglichkeit verspricht. Es wird nun auf der Konferenz ACM CCS 2017 in den USA vorgestellt.

Es ist vor allem das fehlende Problembewusstsein, das den Informatiker Andy Rupp von der Arbeitsgruppe „Kryptographie und Sicherheit“ am KIT immer wieder...

Im Focus: Neutron star merger directly observed for the first time

University of Maryland researchers contribute to historic detection of gravitational waves and light created by event

On August 17, 2017, at 12:41:04 UTC, scientists made the first direct observation of a merger between two neutron stars--the dense, collapsed cores that remain...

Im Focus: Breaking: the first light from two neutron stars merging

Seven new papers describe the first-ever detection of light from a gravitational wave source. The event, caused by two neutron stars colliding and merging together, was dubbed GW170817 because it sent ripples through space-time that reached Earth on 2017 August 17. Around the world, hundreds of excited astronomers mobilized quickly and were able to observe the event using numerous telescopes, providing a wealth of new data.

Previous detections of gravitational waves have all involved the merger of two black holes, a feat that won the 2017 Nobel Prize in Physics earlier this month....

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Mobilität 4.0: Konferenz an der Jacobs University

18.10.2017 | Veranstaltungen

Smart MES 2017: die Fertigung der Zukunft

18.10.2017 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - Dezember 2017

17.10.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Schnelle individualisierte Therapiewahl durch Sortierung von Biomolekülen und Zellen mit Licht

18.10.2017 | Biowissenschaften Chemie

Biokunststoffe könnten auch in Traktoren die Richtung angeben

18.10.2017 | Messenachrichten

»ILIGHTS«-Studie gestartet: Licht soll Wohlbefinden von Schichtarbeitern verbessern

18.10.2017 | Energie und Elektrotechnik