Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Plötzlicher Herztod in Deutschland erstmals systematisch untersucht

28.07.2014

Er reißt unerwartet Menschen im besten Alter aus dem Leben: der plötzliche Herztod. Forscher des Deutschen Zentrums für Herz-Kreislauf-Forschung (DZHK) haben in einer Region in Niedersachsen erstmals systematisch erfasst, wie viele Menschen am plötzlichen Herztod sterben. Demnach ereilt dieses Schicksal 81 von 100.000 Menschen pro Jahr, 39 Prozent davon im erwerbsfähigen Alter. Die Forschungsergebnisse erfassen erstmals das Ausmaß des Problems und sollen helfen, Todesfälle zu vermeiden.

Die große Mehrzahl der vom plötzlichen Herztod Betroffenen verstirbt ohne klar erkennbare Warnhinweise. Scheinbar ohne Anlass hört das Herz auf zu schlagen. In 80 Prozent der Fälle sind Herzrhythmusstörungen im Rahmen eines unvorhersehbaren Herzinfarktes der Grund.

Andere Ursachen sind Herzrhythmusstörungen im Rahmen von Herzmuskelerkrankungen und angeborene Herzkrankheiten. In nur ca. 13 Prozent sind echte Risikopatienten betroffen, also Menschen, die bereits einen Herzinfarkt hatten, der zu einer deutlichen Herzmuskelschwäche geführt hat oder die eine andere bekannte Herzerkrankung haben, die somit nach den aktuellen Leitlinien prophylaktisch mit einem implantierbaren Defibrillator versorgt werden sollten.

Ein Drittel ist jünger als 65

Für Deutschland gab es bislang nur Schätzungen, wie viele Menschen am plötzlichen Herztod sterben. Die DZHK-Forscher konnten mit ihrer Untersuchung in Niedersachsen über einen Beobachtungszeitraum von 8 Jahren nun eine gesicherte Zahl von 81 Todesfällen pro 100.000 Einwohner und Jahr ermitteln. Auf ganz Deutschland bezogen sind das etwa 65.000 Fälle und damit etwa 20 Prozent aller Herz-Kreislauf-Toten. Bemerkenswert ist das Auftreten des plötzlichen Herztodes im Alter bis 65 Jahre. 34 Prozent der Todesfälle traten in dieser Altersklasse auf.

„Der plötzliche Herztod verursacht viel Leid und ist leider kein seltenes Ereignis. Wir können ihm bislang aber kaum vorbeugen, weil wir nicht wissen, wen es treffen wird“, sagt Prof. Stefan Kääb, Kardiologe am Universitätsklinikum München und Mitarbeiter am DZHK. Um vorbeugende Maßnahmen zu entwickeln, muss man zunächst wissen, wer betroffen ist, wie die Todesumstände waren und welche familiären Belastungen vorlagen. Genau hier liegt das Problem: Etwas systematisch zu erfassen, das unerwartet auftritt, ist naturgemäß schwierig, wenn nicht unmöglich.

Kääb und seine Kollegen wählten deshalb einen rückblickenden Ansatz. Hierbei kam ihnen das Notfallmedizinsystem einer Gegend in Niedersachsen zu Hilfe. Die Region rund um die Kleinstadt Aurich hat eine zentrale Rettungsleitstelle und zwei Krankenhäuer, in die kardiologische Notfallpatienten routinemäßig eingeliefert werden. So lagen den Forschern einheitliche Daten von rund 230.000 Patienteneinsätzen aus acht Jahren vor.

Um eine hohe Diagnose-Genauigkeit zu erzielen, werteten die DZHK-Wissenschaftler nur jene Fälle aus, bei denen der todbringende Herzstillstand innerhalb von einer Stunde nach dem Auftreten von Symptomen eintrat und zuvor Wiederbelebungsmaßnahmen durchgeführt worden waren. Betroffene, die bereits vor Eintreffen des Notarztes starben, wurde nicht einbezogen. Die tatsächliche Zahl der Menschen mit plötzlichem Herztod liegt daher in jedem Fall etwas höher.

Routine-Kontrollen beim Hausarzt empfehlenswert

Die Zahl der so ermittelten Todesfälle blieb über die acht Jahre annähernd konstant. Dies unterstreiche vor allem die Schwierigkeit, präsymptomatische Risikopatienten zu erkennen und so dem plötzlichen Herztod vorzubeugen, so Kääb. Denn die Behandlung von akutem Herzinfarkt und kardiovaskulären Erkrankungen im Allgemeinen habe sich in diesem Zeitraum verbessert. „Patienten“ mit plötzlichem Herztod könnten davon jedoch nicht profitieren, weil sie nicht als Risikopatienten erkannt würden.

„Wenn man bedenkt, dass die häufigste Ursache des plötzlichen Herztodes der Herzinfarkt ist, muss man die Bevölkerung sensibilisieren. Auch wer nicht erkennbar krank ist, sollte sich regelmäßig untersuchen lassen und alles tun, um Risikofaktoren klein zu halten“, sagt der Kardiologe. Die klassischen kardiovaskulären Risikofaktoren sind Bluthochdruck, Diabetes, Fettstoffwechselerkrankung, Rauchen sowie das familiäre Risiko. Letzteres kann vor allem für Herzinfarkt mit Folge des plötzlichen Herztodes bestehen.

Die Verringerung von kardiovaskulären Risikofaktoren könne also aus epidemiologischer Sicht am effektivsten die Häufigkeit des plötzlichen Herztodes reduzieren, so Kääb. Zusätzlich seien zahlreiche Forscher dabei, weitere Untersuchungsmethoden zu etablieren, die z. B. mit spezifischen EKG-Signalen helfen können, zusätzliche Risikopatienten zuverlässig zu erkennen.

Originalarbeit: Europace (2014) doi: 10.1093/europace/euu153

Kontakt:
Prof. Dr. med. Stefan Kääb, Klinikum der Ludwig-Maximilians Universität München, Medizinische Klinik und Poliklinik I, Ziemssenstr. 1, 80336 München
Tel. 49 89 4400 52381; stefan.kaab@med.uni-muenchen.de

Christine Vollgraf | idw - Informationsdienst Wissenschaft
Weitere Informationen:
http://www.dzhk.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Verschwindende Äderchen: Diabetes schädigt kleine Blutgefäße am Herz und erhöht das Infarkt-Risiko
23.03.2017 | Technische Universität München

nachricht Ein Knebel für die Anstandsdame führt zu Chaos in Krebszellen
22.03.2017 | Wilhelm Sander-Stiftung

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Wegweisende Erkenntnisse für die Biomedizin: NAD⁺ hilft bei Reparatur geschädigter Erbinformationen

Eine internationale Forschergruppe mit dem Bayreuther Biochemiker Prof. Dr. Clemens Steegborn präsentiert in 'Science' neue, für die Biomedizin wegweisende Forschungsergebnisse zur Rolle des Moleküls NAD⁺ bei der Korrektur von Schäden am Erbgut.

Die Zellen von Menschen und Tieren können Schäden an der DNA, dem Träger der Erbinformation, bis zu einem gewissen Umfang selbst reparieren. Diese Fähigkeit...

Im Focus: Designer-Proteine falten DNA

Florian Praetorius und Prof. Hendrik Dietz von der Technischen Universität München (TUM) haben eine neue Methode entwickelt, mit deren Hilfe sie definierte Hybrid-Strukturen aus DNA und Proteinen aufbauen können. Die Methode eröffnet Möglichkeiten für die zellbiologische Grundlagenforschung und für die Anwendung in Medizin und Biotechnologie.

Desoxyribonukleinsäure – besser bekannt unter der englischen Abkürzung DNA – ist die Trägerin unserer Erbinformation. Für Prof. Hendrik Dietz und Florian...

Im Focus: Fliegende Intensivstationen: Ultraschallgeräte in Rettungshubschraubern können Leben retten

Etwa 21 Millionen Menschen treffen jährlich in deutschen Notaufnahmen ein. Im Kampf zwischen Leben und Tod zählt für diese Patienten jede Minute. Wenn sie schon kurz nach dem Unfall zielgerichtet behandelt werden können, verbessern sich ihre Überlebenschancen erheblich. Damit Notfallmediziner in solchen Fällen schnell die richtige Diagnose stellen können, kommen in den Rettungshubschraubern der DRF Luftrettung und zunehmend auch in Notarzteinsatzfahrzeugen mobile Ultraschallgeräte zum Einsatz. Experten der Deutschen Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin e.V. (DEGUM) schulen die Notärzte und Rettungsassistenten.

Mit mobilen Ultraschallgeräten können Notärzte beispielsweise innere Blutungen direkt am Unfallort identifizieren und sie bei Bedarf auch für Untersuchungen im...

Im Focus: Gigantische Magnetfelder im Universum

Astronomen aus Bonn und Tautenburg in Thüringen beobachteten mit dem 100-m-Radioteleskop Effelsberg Galaxienhaufen, das sind Ansammlungen von Sternsystemen, heißem Gas und geladenen Teilchen. An den Rändern dieser Galaxienhaufen fanden sie außergewöhnlich geordnete Magnetfelder, die sich über viele Millionen Lichtjahre erstrecken. Sie stellen die größten bekannten Magnetfelder im Universum dar.

Die Ergebnisse werden am 22. März in der Fachzeitschrift „Astronomy & Astrophysics“ veröffentlicht.

Galaxienhaufen sind die größten gravitativ gebundenen Strukturen im Universum, mit einer Ausdehnung von etwa zehn Millionen Lichtjahren. Im Vergleich dazu ist...

Im Focus: Giant Magnetic Fields in the Universe

Astronomers from Bonn and Tautenburg in Thuringia (Germany) used the 100-m radio telescope at Effelsberg to observe several galaxy clusters. At the edges of these large accumulations of dark matter, stellar systems (galaxies), hot gas, and charged particles, they found magnetic fields that are exceptionally ordered over distances of many million light years. This makes them the most extended magnetic fields in the universe known so far.

The results will be published on March 22 in the journal „Astronomy & Astrophysics“.

Galaxy clusters are the largest gravitationally bound structures in the universe. With a typical extent of about 10 million light years, i.e. 100 times the...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungen

Lebenswichtige Lebensmittelchemie

23.03.2017 | Veranstaltungen

Die „Panama Papers“ aus Programmierersicht

22.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Förderung des Instituts für Lasertechnik und Messtechnik in Ulm mit rund 1,63 Millionen Euro

24.03.2017 | Förderungen Preise

TU-Bauingenieure koordinieren EU-Projekt zu Recycling-Beton von über sieben Millionen Euro

24.03.2017 | Förderungen Preise