Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Parkinson-Krankheit: Zwei Varianten der tiefen Hirnstimulation bringen auf Dauer gleich gute Ergebnisse

18.06.2010
Eine wichtige Frage zur tiefen Hirnstimulation bei der fortgeschrittenen Parkinson-Krankheit ist nun geklärt: Zwei operative Varianten sind gleich gut geeignet, um Bewegungsstörungen wie auch nicht-motorische Symptome zu behandeln. Dies zeigt eine Vergleichsstudie mit 299 Patienten, die US-amerikanische Neurologen in der Juni-Ausgabe des New England Journal of Medicine veröffentlichten.

„Die US-Ärzte bestätigen mit ihrer Arbeit die Erfahrungen in Deutschland, wonach die hierzulande vorwiegend praktizierte Stimulation des Nucleus subthalamicus (STN) langfristig wirksam ist und zu einer deutlichen Verbesserung der Lebensqualität führt“, sagt Professor Günther Deuschl von der Deutschen Gesellschaft für Neurologie, einer der führenden Experten auf dem Gebiet der tiefen Hirnstimulation.

„Die tiefe Hirnstimulation ist die wichtigste Neuerung in der Therapie der fortgeschrittenen Parkinsonkrankheit seit der Entdeckung des Medikaments Levodopa vor nunmehr bald 40 Jahren“, so Deuschl. Sie ist in Deutschland für etwa 700 Patienten jährlich die letzte Hoffnung auf eine deutliche Verbesserung ihrer Lebensqualität. Weltweit haben rund 50.000 Menschen bisher von der Methode profitiert. Mit dem „Hirnschrittmacher“ kann die Bewegungs-verlangsamung oder das Zittern beseitigt werden. Viele Fragen zur optimalen Anwendung der tiefen Hirnstimulation (THS) seien aber noch offen. „Bislang war nie wissenschaftlich untersucht worden, ob einer der beiden Hauptzielpunkte im Gehirn (Nucleus subthalamicus oder Globus pallidus internus) besser geeignet ist als der andere. Diese wichtige Frage hat die neue Studie für den Zeitraum bis 2 Jahren nach der Operation beantwortet.“

Verglichen wurden in der doppelblinden Studie an 13 US-Kliniken 152 Patienten, denen beidseitig der innere Bereich des Globus pallidus (GPi) stimuliert wurde, mit 147 Patienten bei denen der „Hirnschrittmacher“ auf den subthalamischen Kern (STN) zielte. Dabei besserten sich die Bewegungsstörungen in beiden Gruppen innerhalb des zweijährigen Beobachtungszeitraumes gleich gut. Dies war sowohl an der Bewertungsskala UPDRS-III abzulesen, als auch an der Eigenbewertung durch die Patienten. So erlebten die Patienten vor der THS eine „gute motorische Funktion“ durchschnittlich nur 6,5 bis 7 Stunden täglich, am Ende der Studie aber 11,0 bis 11,4 Stunden am Tag. Behindernde Dyskinesien verringerten sich im Mittel von 4,0 bis 4,4 Stunden am Tag auf 1,2 bis 1,4 Stunden. Die Nebenwirkungen waren bei beiden Verfahren vergleichbar. Keines der beiden Zielgebiete hat diesbezüglich schlechter abgeschnitten.

Entscheidungshilfe für Ärzte und Patienten
„Bezüglich der Besserung der Bewegungstörungen gab es keinen signifikanten Unterschied zwischen den beiden Gruppen“, fasst der Leiter der Neurochirurgie am Medizinischen Zentrum der Universität von Nebraska in Omaha und Erstautor der Studie, Kenneth Follet, das Resultat zusammen. Während die Stimulation des STN zu einem geringeren Verbrauch an dopaminergen Arzneien führte, verringerten sich in der GPi-Gruppe depressive Symptome. Insgesamt habe man jedoch bei der Stimmung wie auch den kognitiven Fähigkeiten nur geringe Differenzen zwischen beiden Gruppen festgestellt, so Follet. Auch die Häufigkeit ernsthafter Nebenwirkungen war bei beiden Stimulationsverfahren mit etwas über 50 Prozent annähernd gleich groß. 99 Prozent dieser Ereignisse waren am Ende des Studienzeitraumes überwunden. „Ärzte und Patienten können auf beide Arten der THS vertrauen“, versichert Follet.
Chancen und Risiken sind abzuwägen
Nicht zu vernachlässigen sind aber auch die Risiken und Komplikationen bei der THS, so Deuschl. In einer großen deutschen Erhebung lag das Risiko für letale Komplikationen in Kliniken mit einer großen Zahl von Operationen unter 0,5 Prozent, permanente neurologische Defizite wurden bei 2 – 3 Prozent der Eingriffe beobachtet. Auch in der aktuellen US-Studie hatte es einen Todesfall infolge der Operation gegeben; ein weiterer Patient hatte Selbstmord begangen. „Hauptziel der Patientenauswahl ist es deshalb, diejenigen zu identifizieren, bei denen der erwartete Nutzen des Eingriffs größer ist als die eher geringen Risiken der Operation. Es spricht für die Methode, dass die neue amerikanische Studie die Ergebnisse einer deutschen Studie, die vor 4 Jahren publiziert wurde, bestätigt und erweitert hat. Die Behandlung wird damit immer fundierter“, erinnert Deuschl.
Hintergrund Tiefe Hirnstimulation
Prinzipiell kommen drei Kerngebiete des Gehirns für die elektrische Stimulation durch implantierte Elektroden in Frage, wenn nach vielen Jahren medikamentöser Behandlung die Symptome der Parkinson-Krankheit durch Medikamente nicht mehr ausreichend zu kontrollieren sind. Mittels einer stereotaktischen Operation platzieren Neurochirurgen dann feine Elektroden millimetergenau entweder in den Nucleus subthalamicus (STN), manchmal auch in den inneren Bereich des Globus pallidus (GPi) und in seltenen Ausnahmefällen in den Nucleus ventralis intermedius thalami (VIM). Das Steuergerät für die Elektroden hat etwa die Größe eines Feuerzeuges und wird meist unterhalb des Schlüsselbeines implantiert. Es kann von außen programmiert werden und muss – je nach Modell – alle paar Jahre ausgetauscht werden.
Quellen:
• Follet KA et al. Pallidal versus subthalamic deep-brain stimulation for Parkinson's disease. N Engl J Med. 2010 Jun 3;362(22):2077-91.

• Deuschl G et al. A randomized trial of deep-brain stimulation for Parkinson´s disease. N Engl J Med. 2006 Aug 31;355(9):896-908.

Fachlicher Kontakt bei Rückfragen
Prof. Dr. med. Günther Deuschl
Ärztlicher Direktor der Klinik für Neurologie
Universitätsklinikum Schleswig-Holstein
Campus Kiel
Schittenhelmstrasse 10, 24105 Kiel
Tel. 0431-597-8501
Fax 0431-597-8502
E-Mail: g.deuschl@neurologie.uni-kiel.de
Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie e.V. (DGN)
sieht sich als neurologische Fachgesellschaft in der gesellschaftlichen Verantwortung, mit ihren mehr als 6000 Mitgliedern die neurologische Krankenversorgung in Deutschland zu verbessern. Dafür fördert die DGN Wissenschaft und Forschung sowie Lehre, Fort- und Weiterbildung in der Neurologie. Sie beteiligt sich an der gesundheitspolitischen Diskussion. Die DGN wurde im Jahr 1907 in Dresden gegründet. Sitz der Geschäftsstelle ist die Bundeshauptstadt Berlin.
Geschäftsstelle
Deutsche Gesellschaft für Neurologie
Reinhardtstr. 14
10117 Berlin
Tel: +49 (0)30- 531437-930
Fax: +49 (0)30- 531437-939
E-Mail: info@dgn.org
1. Vorsitzender: Prof. Dr. med. Heinz Reichmann
2. Vorsitzender: Prof. Dr. med. Günther Deuschl
3. Vorsitzender: Prof. Dr. med. Wolfgang Oertel
Geschäftsführer: Dr. rer. nat. Thomas Thiekötter
Ansprechpartner für die Medien
Frank A. Miltner, Tel: +49 (0)89-461486-22, E-Mail: presse@dgn.org
Pressesprecher der DGN: Prof. Dr. med. Hans-Christoph Diener, Essen

Frank A. Miltner | idw
Weitere Informationen:
http://www.dgn.org

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Chancen für die Behandlung von Kinderdemenz
24.07.2017 | Julius-Maximilians-Universität Würzburg

nachricht Titandioxid-Nanopartikel können Darmentzündungen verstärken
19.07.2017 | Universität Zürich

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: 3-D scanning with water

3-D shape acquisition using water displacement as the shape sensor for the reconstruction of complex objects

A global team of computer scientists and engineers have developed an innovative technique that more completely reconstructs challenging 3D objects. An ancient...

Im Focus: Einblicke unter die Oberfläche des Mars

Die Region erstreckt sich über gut 1000 Kilometer entlang des Äquators des Mars. Sie heißt Medusae Fossae Formation und über ihren Ursprung ist bislang wenig bekannt. Der Geologe Prof. Dr. Angelo Pio Rossi von der Jacobs University hat gemeinsam mit Dr. Roberto Orosei vom Nationalen Italienischen Institut für Astrophysik in Bologna und weiteren Wissenschaftlern einen Teilbereich dieses Gebietes, genannt Lucus Planum, näher unter die Lupe genommen – mithilfe von Radarfernerkundung.

Wie bei einem Röntgenbild dringen die Strahlen einige Kilometer tief in die Oberfläche des Planeten ein und liefern Informationen über die Struktur, die...

Im Focus: Molekulares Lego

Sie können ihre Farbe wechseln, ihren Spin verändern oder von fest zu flüssig wechseln: Eine bestimmte Klasse von Polymeren besitzt faszinierende Eigenschaften. Wie sie das schaffen, haben Forscher der Uni Würzburg untersucht.

Bei dieser Arbeit handele es sich um ein „Hot Paper“, das interessante und wichtige Aspekte einer neuen Polymerklasse behandelt, die aufgrund ihrer Vielfalt an...

Im Focus: Das Universum in einem Kristall

Dresdener Forscher haben in Zusammenarbeit mit einem internationalen Forscherteam einen unerwarteten experimentellen Zugang zu einem Problem der Allgemeinen Realitätstheorie gefunden. Im Fachmagazin Nature berichten sie, dass es ihnen in neuartigen Materialien und mit Hilfe von thermoelektrischen Messungen gelungen ist, die Schwerkraft-Quantenanomalie nachzuweisen. Erstmals konnten so Quantenanomalien in simulierten Schwerfeldern an einem realen Kristall untersucht werden.

In der Physik spielen Messgrößen wie Energie, Impuls oder elektrische Ladung, welche ihre Erscheinungsform zwar ändern können, aber niemals verloren gehen oder...

Im Focus: Manipulation des Elektronenspins ohne Informationsverlust

Physiker haben eine neue Technik entwickelt, um auf einem Chip den Elektronenspin mit elektrischen Spannungen zu steuern. Mit der neu entwickelten Methode kann der Zerfall des Spins unterdrückt, die enthaltene Information erhalten und über vergleichsweise grosse Distanzen übermittelt werden. Das zeigt ein Team des Departement Physik der Universität Basel und des Swiss Nanoscience Instituts in einer Veröffentlichung in Physical Review X.

Seit einigen Jahren wird weltweit untersucht, wie sich der Spin des Elektrons zur Speicherung und Übertragung von Information nutzen lässt. Der Spin jedes...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Gipfeltreffen der String-Mathematik: Internationale Konferenz StringMath 2017

24.07.2017 | Veranstaltungen

Von atmosphärischen Teilchen bis hin zu Polymeren aus nachwachsenden Rohstoffen

24.07.2017 | Veranstaltungen

Recherche-Reise zum European XFEL und DESY nach Hamburg

24.07.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Gipfeltreffen der String-Mathematik: Internationale Konferenz StringMath 2017

24.07.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Von atmosphärischen Teilchen bis hin zu Polymeren aus nachwachsenden Rohstoffen

24.07.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Lupinen beim Trinken zugeschaut – erstmals 3D-Aufnahmen vom Wassertransport zu Wurzeln

24.07.2017 | Biowissenschaften Chemie