Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Organerhaltende Behandlung von fortgeschrittenem Blasenkrebs

15.05.2012
Radiochemotherapie weit wirksamer als alleinige Bestrahlung

Bei der Behandlung von Blasenkrebs im fortgeschrittenen Stadium verbessert die Kombination von Strahlenbehandlung und gleichzeitiger Chemotherapie die Prognose der Patienten deutlich, wie eine aktuelle Studie aus Großbritannien zeigt.

„Die Radiochemotherapie bietet für viele Patienten eine schonende Alternative zu einer Radikaloperation, und eine Entfernung der Blase kann dadurch meistens vermieden werden“, betont Professor Dr. med. Jürgen Dunst, Direktor der Klinik für Strahlentherapie an der Universität Lübeck und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Radioonkologie (DEGRO). „Denn gerade für ältere Menschen mit Begleiterkrankungen kann die Operation eine große Belastung darstellen.“

Jedes Jahr erkranken in Deutschland fast 16 000 Menschen an Blasenkrebs. Die meisten Blasenkrebsarten wachsen nur oberflächlich in der Schleimhaut und sind relativ harmlos; diese Krebse können meistens bei einer Blasenspiegelung durch die Harnröhre entfernt werden. Die Blase wird dabei erhalten. Doch in jedem fünften Fall hat das Karzinom schon auf die Blasenmuskulatur übergegriffen.

Dann versuchen Ärzte gewöhnlich, die gesamte Harnblase zu entfernen, oft samt umliegender Organe wie etwa Prostata oder Gebärmutter. Privatdozent Dr. Christian Weiss, leitender Oberarzt an der Klinik für Strahlentherapie der Universität Frankfurt am Main, erläutert, dass dieses Vorgehen nicht für alle Patienten optimal ist: „Diese sogenannte Zystektomie belastet gerade ältere Menschen, die an weiteren Begleiterkrankungen leiden, schwer.“

Die Bestrahlung bietet eine Alternative zur Operation. Bisher hielten viele Ärzte die Operation aber für besser und setzten die Bestrahlung deshalb nur bei inoperablen Patienten ein. Schon seit Jahren wird daher versucht, die Bestrahlung durch zusätzliche Medikamente wirksamer zu machen. Manche Zytostatika können nämlich, wenn sie gleichzeitig mit einer Bestrahlung verabreicht werden, die Strahlenwirkung in Tumorzellen verstärken. Wichtige Erkenntnisse zu dieser Behandlungsform, der Radiochemotherapie, wurden von deutschen Universitätskliniken erarbeitet.

Durch die britische Studie wurde jetzt aber erstmals klar bewiesen, dass die Kombinationsbehandlung besser, und der Unterschied zur reinen Strahlenbehandlung sogar noch größer als erwartet ist.

An der britischen Untersuchung nahmen insgesamt 360 Patienten teil, deren Tumor schon in die Muskulatur der Blase vorgedrungen war. Sie wurden entweder nur bestrahlt oder erhielten zusätzlich noch eine Chemotherapie. Mit der Radiochemotherapie lebten zwei Jahre danach erfreulicherweise gut zwei Drittel der Patienten tumorfrei.

Durch die kombinierte Therapie können die Ergebnisse gegenüber der alleinigen Bestrahlung um mehr als zehn Prozent weiter verbessert werden. Allerdings führte die zusätzliche Chemotherapie etwas häufiger zu Nebenwirkungen. Diese blieben jedoch auf die Dauer der Behandlung beschränkt, wie die Mediziner im „New England Journal of Medicine“ berichten. Die Harnblase konnte bei den meisten Patienten (nämlich bei etwa 85 Prozent) erhalten werden.

„Die Ergebnisse der Kombinationstherapie sind ähnlich gut wie bei einer vollständigen Entfernung der Blase“, sagt PD Dr. Weiss. „Damit eröffnet dieses Vorgehen eine organerhaltende Alternative zu einer Radikaloperation bei Patienten mit fortgeschrittenem Blasenkrebs.“

DEGRO-Präsident Professor Dunst hält es für möglich und hofft, dass Ärzte die Radiochemotherapie künftig häufiger anwenden. „Die britische Studie gilt als Meilenstein für die Therapie von fortgeschrittenem Blasenkrebs. Damit ist auch beim Harnblasenkrebs, ähnlich wie bei Brustkrebs oder Kehlkopfkrebs, eine organerhaltende Behandlung möglich.“

Zur Strahlentherapie:
Die Strahlentherapie ist eine lokale, nicht-invasive, hochpräzise Behandlungsmethode mit hohen Sicherheitsstandards und regelmäßigen Qualitätskontrollen. Bildgebende Verfahren wie die Computer- oder Magnetresonanztomografie ermöglichen eine exakte Ortung des Krankheitsherdes, sodass die Radioonkologen die Strahlen dann zielgenau auf das zu bestrahlende Gewebe lenken können. Umliegendes Gewebe bleibt weitestgehend verschont.
Literatur:
Nicholas D. James et al.: Radiotherapy with or without Chemotherapy in Muscle-Invasive Bladder Cancer. In: New England Journal of Medicine, Vol. 366 (16): S. 1477–1488, 1540–1541

William U. Shipley, Anthony L. Zietman. Old Drugs, New Purpose – Bladder Cancer Turning a Corner. In: New England Journal of Medicine, Vol. 366 (16): S. 1540–1541

Kontakt für Journalisten:
Dagmar Arnold
Deutsche Gesellschaft für Radioonkologie e. V.
Pressestelle
Postfach 30 11 20
70451 Stuttgart
Telefon: 0711 8931-380
Fax: 0711 8931-167
E-Mail: arnold@medizinkommunikation.org

| idw
Weitere Informationen:
http://www.degro.org

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Sicher und gesund arbeiten mit Datenbrillen
13.01.2017 | Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin

nachricht Vorhersage entlastet das Gehirn
13.01.2017 | Philipps-Universität Marburg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Interfacial Superconductivity: Magnetic and superconducting order revealed simultaneously

Researchers from the University of Hamburg in Germany, in collaboration with colleagues from the University of Aarhus in Denmark, have synthesized a new superconducting material by growing a few layers of an antiferromagnetic transition-metal chalcogenide on a bismuth-based topological insulator, both being non-superconducting materials.

While superconductivity and magnetism are generally believed to be mutually exclusive, surprisingly, in this new material, superconducting correlations...

Im Focus: Erforschung von Elementarteilchen in Materialien

Laseranregung von Semimetallen ermöglicht die Erzeugung neuartiger Quasiteilchen in Festkörpersystemen sowie ultraschnelle Schaltung zwischen verschiedenen Zuständen.

Die Untersuchung der Eigenschaften fundamentaler Teilchen in Festkörpersystemen ist ein vielversprechender Ansatz für die Quantenfeldtheorie. Quasiteilchen...

Im Focus: Studying fundamental particles in materials

Laser-driving of semimetals allows creating novel quasiparticle states within condensed matter systems and switching between different states on ultrafast time scales

Studying properties of fundamental particles in condensed matter systems is a promising approach to quantum field theory. Quasiparticles offer the opportunity...

Im Focus: Mit solaren Gebäudehüllen Architektur gestalten

Solarthermie ist in der breiten Öffentlichkeit derzeit durch dunkelblaue, rechteckige Kollektoren auf Hausdächern besetzt. Für ästhetisch hochwertige Architektur werden Technologien benötigt, die dem Architekten mehr Gestaltungsspielraum für Niedrigst- und Plusenergiegebäude geben. Im Projekt »ArKol« entwickeln Forscher des Fraunhofer ISE gemeinsam mit Partnern aktuell zwei Fassadenkollektoren für solare Wärmeerzeugung, die ein hohes Maß an Designflexibilität erlauben: einen Streifenkollektor für opake sowie eine solarthermische Jalousie für transparente Fassadenanteile. Der aktuelle Stand der beiden Entwicklungen wird auf der BAU 2017 vorgestellt.

Im Projekt »ArKol – Entwicklung von architektonisch hoch integrierten Fassadekollektoren mit Heat Pipes« entwickelt das Fraunhofer ISE gemeinsam mit Partnern...

Im Focus: Designing Architecture with Solar Building Envelopes

Among the general public, solar thermal energy is currently associated with dark blue, rectangular collectors on building roofs. Technologies are needed for aesthetically high quality architecture which offer the architect more room for manoeuvre when it comes to low- and plus-energy buildings. With the “ArKol” project, researchers at Fraunhofer ISE together with partners are currently developing two façade collectors for solar thermal energy generation, which permit a high degree of design flexibility: a strip collector for opaque façade sections and a solar thermal blind for transparent sections. The current state of the two developments will be presented at the BAU 2017 trade fair.

As part of the “ArKol – development of architecturally highly integrated façade collectors with heat pipes” project, Fraunhofer ISE together with its partners...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Bundesweiter Astronomietag am 25. März 2017

17.01.2017 | Veranstaltungen

Über intelligente IT-Systeme und große Datenberge

17.01.2017 | Veranstaltungen

Aquakulturen und Fangquoten – was hilft gegen Überfischung?

16.01.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Latest News

Water - as the underlying driver of the Earth’s carbon cycle

17.01.2017 | Earth Sciences

Interfacial Superconductivity: Magnetic and superconducting order revealed simultaneously

17.01.2017 | Materials Sciences

Smart homes will “LISTEN” to your voice

17.01.2017 | Architecture and Construction