Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Optimierte Säuglingsernährung verhindert Übergewicht im Schulalter

21.05.2014

Muttermilch ist in idealer Weise auf die Bedürfnisse des Babys in den ersten Monaten des Lebens abgestimmt: Sie unterstützt das Gedeihen des Kindes, bietet Schutz vor Infektionen und beugt späteren chronischen Krankheiten vor. Dabei beeinflusst ein Zusammenspiel vieler Komponenten beim Stillen die Gesundheit des Babys. Eines dieser Komponenten ist der Eiweißgehalt der Muttermilch.

Der Eiweißgehalt der Nahrung, mit der ein Baby aufgezogen wird, rückte in den letzten Jahren besonders in den Fokus der Forschung, denn dieser dürfte maßgeblich daran beteiligt sein, ob das Kind später schlank bleibt oder Übergewicht entwickelt.

„Die ersten 1000 Tagen des menschlichen Lebens – von der Entwicklung im Mutterleib bis zum Alter von etwa zwei Jahren – bestimmen das Programm für das Wohlbefinden im späteren Leben und für die langfristige Gesundheit im Erwachsenenalter“, sagt Professor Dr. Berthold Koletzko, Stoffwechselexperte der Universitäts-Kinderklinik München und Vorsitzender der Stiftung Kindergesundheit:

„In dieser Zeit bieten sich die größten Chancen zur Vorbeugung gegen die bedrohlich zunehmenden Zivilisationskrankheiten unserer Tage und besonders gegen Übergewicht und Fettsucht. Unser besonderes Augenmerk gilt dabei der Ernährung des ungeborenen und des neugeborenen Kindes. Sie kann die genetischen Anlagen des Kindes und sein Immunsystem stärken oder schwächen und damit in die richtige oder aber in eine falsche Richtung programmieren und ist maßgeblich dafür verantwortlich, ob der kleine Mensch in seinem späteren Leben Gewichtsprobleme haben wird“.

Dabei spielt die Muttermilch eine wichtige Rolle: Sie hat sich in zahlreichen Studien und Metaanalysen als die beste Vorbeugung gegen Adipositas gezeigt. Sie verringert laut Stiftung Kindergesundheit das spätere Risiko für Übergewicht je nach Studie um zwischen 15 und 22 Prozent. Aus diesem Grund bemühen sich die Produzenten von industriell hergestellten Säuglingsnahrungen intensiv darum, die Zusammensetzung ihrer Produkte möglichst weit dem Vorbild der Muttermilch anzugleichen.

In den letzten Jahren wurde immer klarer, dass der Eiweißgehalt der Nahrung eine entscheidende Bedeutung für die Entwicklung der Babys besitzt. Proteine und ihre Bausteine, die verschiedenen Aminosäuren liefern die Grundsubstanz für den Stoffwechsel zum Aufbau aller Körperzellen des kindlichen Organismus. Viele der lebensnotwendigen Aminosäuren müssen mit der Nahrung aufgenommen werden.

Die Milch der Mutter ist auch in der Eiweißzusammensetzung einzigartig, weil sie einen besonders niedrigen Proteingehalt in sehr hoher Qualität bietet. Muttermilch enthält mit durchschnittlich 1,5 g pro 100 Milliliter deutlich weniger Proteine als die Kuhmilch mit 3,5 g Eiweiß pro 100 Milliliter. Auch der Eiweißgehalt industriell hergestellter Säuglingsnahrungen liegt meist deutlich höher als der der Muttermilch. Ein Zuviel an Proteinen belastet jedoch die Niere und kann die Ausschüttung von Insulin forcieren.

1678 Babys wurden verglichen

Die Frage, ob die Höhe der Eiweißzufuhr im ersten Lebensjahr auch die spätere Tendenz zum Übergewicht beeinflusst (die so genannte „Frühe Protein Hypothese“), wird seit 2002 in der von der Stiftung Kindergesundheit unterstützten und von Professor Koletzko koordinierten europäischen CHOP-Studie (European Childhood Obesity Project) untersucht. Kinder- und Jugendärzte in fünf europäischen Ländern (Deutschland, Belgien, Italien, Polen und Spanien) beobachten zusammen mit Ernährungswissenschaftlern die Entwicklung von 1678 Babys, mittlerweile im Verlauf der ersten sechs Lebensjahre.

Die teilnehmenden Babys wurden für die Studie in drei Gruppen aufgeteilt: Kinder, die nach dem zweiten Monat nicht mehr gestillt wurden, erhielten doppelblind während des ersten Lebensjahres randomisiert entweder eine Säuglingsnahrung mit niedrigem Eiweißgehalt oder Fläschchen-Kost mit höherem Eiweißgehalt. Babys, die auch nach dem zweiten Monat weiterhin gestillt wurden, dienten als Beobachtungsgruppe zur Kontrolle. Zunächst wurden im Alter von drei, sechs, zwölf, 18 und 24 Monaten nach einer genau standardisierten Methode Körpergröße und Körpergewicht gemessen und der so genannte Body-Mass-Index, BMI berechnet. Von mehr als 60 Prozent der Probanden lagen Daten zum Wachstum und zur Gewichtsentwicklung vor.

Die Untersuchungen des internationalen Forschungsteams zeigten schon ab einem Alter von sechs Monaten deutliche Unterschiede zwischen den gestillten und den mit der Flasche ernährten Babys. Bereits in diesem Alter ergaben sich auch schon die ersten Unterschiede in der Gewichtsentwicklung der mit der Flasche ernährten Kinder: Babys, die eine Säuglingsnahrung mit einem höheren Proteingehalt erhielten, legten mehr an Gewicht zu. Bei der Untersuchung im Alter von zwei Jahren erwiesen sie sich ebenfalls als deutlich schwerer als Kinder, die Nahrung mit weniger Protein bekamen.

Weniger Eiweiß, bessere Werte

Die kürzlich abgeschlossene Untersuchung der Kinder im Alter von sechs Jahren bestätigte die anfänglichen Erkenntnisse der Studie und lieferte entscheidende Beweise für die langfristigen Auswirkungen der Ernährung im Säuglingsalter. Martina Weber, Dr. von Haunersches Kinderspital der Ludwig Maximilians-Universität München, Abt. Stoffwechsel- und Ernährungsmedizin: „Unsere Messungen ergaben für Kinder, deren Säuglingsnahrung einen höheren Eiweißanteil hatte, deutlich höhere BMI-Werte im Alter von sechs Jahren. Ihr Risiko, übergewichtig zu werden, war nach Korrektur für weitere Risikofaktoren 2,9fach höher als das jener Kinder, die eine Fläschchen-Nahrung mit einem niedrigeren Eiweißanteil erhielten. Darüber hinaus führt eine höhere Eiweißzufuhr - im Vergleich zu einer eiweißärmeren Flaschennahrung oder zur Muttermilch - zu veränderten biochemischen und endokrinen Parametern und zu einem pathologisch erhöhten Nierenwachstum“. Die neue Erkenntnisse des Forschungsteams wurden Anfang 2014 im angesehenen wissenschaftlichen Fachblatt „American Journal of Clinical Nutrition“ publiziert(Am J Clin Nutr February 20, 2014, doi: 10.3945/ajcn.113.064071).

Daraus lassen sich folgende Empfehlungen ableiten:


O Stillen ist die beste Form der Säuglingsernährung und sollte aktiv und konsequent gefördert, unterstützt und geschützt werden. Zum Schutz des Stillens müssen die Grundsätze des WHO-Codex zur Vermarktung von Säuglingsnahrungen von den Herstellern eingehalten werden.

O Kinder sollten wegen des sehr hohen Eiweißgehaltes keine handelsübliche Trinkmilch (Kuhmilch) im ersten Lebensjahr zu trinken bekommen.

O Wenn die Mutter ihr Kind nicht oder nicht voll stillt, sollte sie ihr Kind bevorzugt mit einer Nahrung mit niedrigem Eiweißgehalt aber guter Eiweißqualität ernähren. Die Selbstherstellung von Fläschchen-Nahrung ist nicht empfehlenswert. Das gilt für alle Milcharten – also auch für Ziegen-, Schaf- und Stutenmilch sowie für andere Rohstoffe wie Mandeln oder Soja.

O In den ersten beiden Lebensjahren des Kindes sollte eine sehr rasche Gewichtszunahme nach Möglichkeit vermieden werden. Stellt der Kinder- und Jugendarzt bei den Vorsorgeuntersuchungen bedenkliche Werte fest, sollte er die Eltern aufmerksam machen und gezielt beraten.

Die CHOP-Studie läuft übrigens weiter: Eine weitere Beobachtung der Kinder ist bis zum Alter von elf Jahren geplant.

Vorbeugen ist besser als heilen.
Die Stiftung Kindergesundheit setzt sich durch Forschung und Praxisprojekte für die Vorbeugung von Kinderkrankheiten ein. Gemeinsam mit anerkannten Experten verbessern wir die Chancen aller Kinder, gesund aufzuwachsen und ihre Talente optimal zu entwickeln. Fördern Sie die Stiftung Kindergesundheit mit Ihrer Spende!

Weitere Informationen unter: http://www.kindergesundheit.de

Hildegard Debertin | idw - Informationsdienst Wissenschaft

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Eine Teleskopschiene für Nanomaschinen
20.04.2018 | Max-Planck-Institut für Intelligente Systeme, Standort Stuttgart, Stuttgart

nachricht Künstlicher Leberfleck als Frühwarnsystem
19.04.2018 | Eidgenössische Technische Hochschule Zürich (ETH Zürich)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Software mit Grips

Ein computergestütztes Netzwerk zeigt, wie die Ionenkanäle in der Membran von Nervenzellen so verschiedenartige Fähigkeiten wie Kurzzeitgedächtnis und Hirnwellen steuern können

Nervenzellen, die auch dann aktiv sind, wenn der auslösende Reiz verstummt ist, sind die Grundlage für ein Kurzzeitgedächtnis. Durch rhythmisch aktive...

Im Focus: Der komplette Zellatlas und Stammbaum eines unsterblichen Plattwurms

Von einer einzigen Stammzelle zur Vielzahl hochdifferenzierter Körperzellen: Den vollständigen Stammbaum eines ausgewachsenen Organismus haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Berlin und München in „Science“ publiziert. Entscheidend war der kombinierte Einsatz von RNA- und computerbasierten Technologien.

Wie werden aus einheitlichen Stammzellen komplexe Körperzellen mit sehr unterschiedlichen Funktionen? Die Differenzierung von Stammzellen in verschiedenste...

Im Focus: Spider silk key to new bone-fixing composite

University of Connecticut researchers have created a biodegradable composite made of silk fibers that can be used to repair broken load-bearing bones without the complications sometimes presented by other materials.

Repairing major load-bearing bones such as those in the leg can be a long and uncomfortable process.

Im Focus: Verbesserte Stabilität von Kunststoff-Leuchtdioden

Polymer-Leuchtdioden (PLEDs) sind attraktiv für den Einsatz in großflächigen Displays und Lichtpanelen, aber ihre begrenzte Stabilität verhindert die Kommerzialisierung. Wissenschaftler aus dem Max-Planck-Institut für Polymerforschung (MPIP) in Mainz haben jetzt die Ursachen der Instabilität aufgedeckt.

Bildschirme und Smartphones, die gerollt und hochgeklappt werden können, sind Anwendungen, die in Zukunft durch die Entwicklung von polymerbasierten...

Im Focus: Writing and deleting magnets with lasers

Study published in the journal ACS Applied Materials & Interfaces is the outcome of an international effort that included teams from Dresden and Berlin in Germany, and the US.

Scientists at the Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf (HZDR) together with colleagues from the Helmholtz-Zentrum Berlin (HZB) and the University of Virginia...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Internationale Konferenz zur Digitalisierung

19.04.2018 | Veranstaltungen

124. Internistenkongress in Mannheim: Internisten rücken Altersmedizin in den Fokus

19.04.2018 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - Juni 2018

17.04.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Grösster Elektrolaster der Welt nimmt Arbeit auf

20.04.2018 | Interdisziplinäre Forschung

Bilder magnetischer Strukturen auf der Nano-Skala

20.04.2018 | Physik Astronomie

Kieler Forschende entschlüsseln neuen Baustein in der Entwicklung des globalen Klimas

20.04.2018 | Geowissenschaften

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics