Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Opioide bei chronischen Schmerzen: Abschied von zu großen Hoffnungen

24.03.2010
Wirksamkeit ist schwächer als erwartet: Neue Leitlinie erschienen

Opioide werden als vermeintlich besonders starke Schmerzmittel zunehmend auch bei chronischen Schmerzen, die nicht durch Tumore bedingt sind, wie Gelenk- oder Rückenschmerzen, verordnet. Sie wirken aber dagegen nur wenig besser als andere Schmerzmedikamente. Das hat die erste wissenschaftliche Auswertung kontrollierter Studien im Auftrag der Deutschen Gesellschaft zum Studium des Schmerzes e.V. (DGSS) ergeben.

In einer darauf basierenden Leitlinie empfehlen die Spezialisten, die Schmerzmedikation für jeden Patienten individuell festzusetzen und immer auch begleitende Maßnahmen wie Problemlösestrategien, Verhaltens- oder Physiotherapie einzusetzen. "Von zu großen Hoffnungen auf die Wirkung von Opioden bei chronischem Schmerz müssen wir uns verabschieden und uns mehr auf schädliche Nebenwirkungen wie z.B. Suchtpotential, Aufmerksamkeits- und Antriebsstörungen konzentrieren", sagt Prof. Dr. Christoph Stein, Direktor der Klinik für Anästhesiologie der Charité und Freien Universität Berlin und Mitglied des Expertengremiums.

Leitlinie im Internet: http://www.uni-duesseldorf.de/AWMF/ll/041-003.pdf

Opioide sind nicht immer erste Wahl

"Das Ergebnis dieser S3-Leitlinie wird die Fachwelt noch lange beschäftigen", schätzt Prof. Rolf-Detlef Treede, Präsident der DGSS. Denn die vermeintlich besonders stark wirksamen Opioide lindern außerhalb ihres klassischen Anwendungsbereichs (Schmerzen nach Operationen, Tumorschmerzen) den Schmerz nicht wesentlich besser als andere Medikamente. Bei länger dauernder Einnahme schwächt sich ihre Wirkung sogar eher noch ab; über die für eine Neuzulassung von Medikamenten vorgeschriebene Anwendungsdauer von drei Monaten hinaus liegen so gut wie keine Daten vor. "Fest steht: Opioide sind bei nicht-tumorbedingten Schmerzen nicht die erste Wahl", so Treede. Gegen Nervenschmerz gibt es mit weiterentwickelten Anti-Epileptika und Anti-Depressiva inzwischen andere wirksame Mittel. Bei Gelenkschmerzen sind nichtsteroidale Antirheumatika (NSAID, wie Aspirin oder Ibuprofen) und Coxibe eine Alternative. "Hier gilt es, die jeweiligen Nebenwirkungen gegeneinander abzuwägen, bevor man die Therapieentscheidung trifft", so Treede. Überhaupt kommt es den Experten zufolge bei der Wahl der Behandlung auf die Diagnose und andere individuelle Faktoren des Patienten an.

Erste groß angelegte wissenschaftliche Auswertung

Vor dem Hintergrund wissenschaftlicher Kontroversen bezüglich der Wirksamkeit und zunehmender Berichte über schädliche Nebenwirkungen von Schmerzmedikamenten hatte die DGSS vor fünf Jahren eine auf methodisch einwandfreien veröffentlichten Studien basierende S3-Leitlinie zur Langzeitanwendung von Opioiden bei nicht tumorbedingten Schmerzen (LONTS) in Auftrag gegeben. Für die Analyse und Bewertung wurde aus 16 deutschen Fachgesellschaften und Patientenverbänden ein 35-köpfiges Experten-Team gebildet. Das Team wählte nach strengsten wissenschaftlichen Maßstäben die hochwertigsten Studien aus über 960 Veröffentlichungen in wissenschaftlich begutachteten Fachzeitschriften aus. Darin wurden über 18.000 Patienten in randomisiert, doppelblind und kontrolliert durchgeführten Vergleichen untersucht. Die Daten wurden nach der renommierten Cochrane-Methodik analysiert. Mittels wissenschaftlich etablierter statistischer Verfahren wurde die schmerzstillende Wirkung von Morphin- (Opioide) und Aspirin-ähnlichen (NSAIDs) Medikamenten verglichen. Bei Langzeitanwendung erwirkte jedes dieser Medikamente für sich alleine zwar eine statistisch signifikante, aber insgesamt nur relativ geringe Schmerzlinderung. Nach festgelegten Regeln (Delphi-Verfahren) der Arbeitsgemeinschaft wissenschaftlicher medizinischer Fachgesellschaften (AWMF) leitete das Team daraus Behandlungsempfehlungen für Patienten mit chronischem, nicht durch Tumorerkrankungen verursachtem Schmerz ab. "Damit liegt erstmals eine auf höchstem wissenschaftlichem Niveau aufwändig und unabhängig erarbeitete Behandlungsleitlinie für diese Patienten vor", so Prof. Hardo Sorgatz, federführender Autor von LONTS. "Die Leitlinie kann einem in anderen Ländern bereits kritisierten zu freizügigen Umgang mit opioidhaltigen Analgetika vorbeugen. Vielleicht bleibt dem deutschen Gesundheitssystem so die von der FDA für die USA bereits angekündigte stärkere Reglementierung der Verschreibung dieser Analgetika erspart."

Ansprechpartner

Prof. Dr. Rolf-Detlef Treede, Präsident der DGSS, Lehrstuhl für Neurophysiologie, Medizinische Fakultät Mannheim, Universität Heidelberg, Ludolf-Krehl-Str.13-17, 68167 Mannheim, Tel.:0621-383-9926, rolf-detlef.treede@medma.uni-heidelberg.de

Prof. Dr. Hardo Sorgatz, Federführender Autor LONTS; Institut für Psychologie der TU Darmstadt, Tel. 06151/16-5213, E-Mail: hardo.sorgatz@gmx.de

Meike Drießen | idw
Weitere Informationen:
http://www.dgss.org/forum/ -
http://www.uni-duesseldorf.de/AWMF/ll/041-003.pdf

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Stammzell-Transplantation: Aktivierung von Signalwegen schützt vor gefährlicher Immunreaktion
20.04.2017 | Technische Universität München

nachricht Was Bauchspeicheldrüsenkrebs so aggressiv macht
18.04.2017 | Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Immunzellen helfen bei elektrischer Reizleitung im Herzen

Erstmals elektrische Kopplung von Muskelzellen und Makrophagen im Herzen nachgewiesen / Erkenntnisse könnten neue Therapieansätze bei Herzinfarkt und Herzrhythmus-Störungen ermöglichen / Publikation am 20. April 2017 in Cell

Makrophagen, auch Fresszellen genannt, sind Teil des Immunsystems und spielen eine wesentliche Rolle in der Abwehr von Krankheitserregern und bei der...

Im Focus: Tief im Inneren von M87

Die Galaxie M87 enthält ein supermassereiches Schwarzes Loch von sechs Milliarden Sonnenmassen im Zentrum. Ihr leuchtkräftiger Jet dominiert das beobachtete Spektrum über einen Frequenzbereich von 10 Größenordnungen. Aufgrund ihrer Nähe, des ausgeprägten Jets und des sehr massereichen Schwarzen Lochs stellt M87 ein ideales Laboratorium dar, um die Entstehung, Beschleunigung und Bündelung der Materie in relativistischen Jets zu erforschen. Ein Forscherteam unter der Leitung von Silke Britzen vom MPIfR Bonn liefert Hinweise für die Verbindung von Akkretionsscheibe und Jet von M87 durch turbulente Prozesse und damit neue Erkenntnisse für das Problem des Ursprungs von astrophysikalischen Jets.

Supermassereiche Schwarze Löcher in den Zentren von Galaxien sind eines der rätselhaftesten Phänomene in der modernen Astrophysik. Ihr gewaltiger...

Im Focus: Deep inside Galaxy M87

The nearby, giant radio galaxy M87 hosts a supermassive black hole (BH) and is well-known for its bright jet dominating the spectrum over ten orders of magnitude in frequency. Due to its proximity, jet prominence, and the large black hole mass, M87 is the best laboratory for investigating the formation, acceleration, and collimation of relativistic jets. A research team led by Silke Britzen from the Max Planck Institute for Radio Astronomy in Bonn, Germany, has found strong indication for turbulent processes connecting the accretion disk and the jet of that galaxy providing insights into the longstanding problem of the origin of astrophysical jets.

Supermassive black holes form some of the most enigmatic phenomena in astrophysics. Their enormous energy output is supposed to be generated by the...

Im Focus: Neu entdeckter Exoplanet könnte bester Kandidat für die Suche nach Leben sein

Supererde in bewohnbarer Zone um aktivitätsschwachen roten Zwergstern gefunden

Ein Exoplanet, der 40 Lichtjahre von der Erde entfernt einen roten Zwergstern umkreist, könnte in naher Zukunft der beste Ort sein, um außerhalb des...

Im Focus: Resistiver Schaltmechanismus aufgeklärt

Sie erlauben energiesparendes Schalten innerhalb von Nanosekunden, und die gespeicherten Informationen bleiben auf Dauer erhalten: ReRAM-Speicher gelten als Hoffnungsträger für die Datenspeicher der Zukunft.

Wie ReRAM-Zellen genau funktionieren, ist jedoch bisher nicht vollständig verstanden. Insbesondere die Details der ablaufenden chemischen Reaktionen geben den...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Smart-Data-Forschung auf dem Weg in die wirtschaftliche Praxis

21.04.2017 | Veranstaltungen

Baukultur: Mehr Qualität durch Gestaltungsbeiräte

21.04.2017 | Veranstaltungen

Licht - ein Werkzeug für die Laborbranche

20.04.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Intelligenter Werkstattwagen unterstützt Mensch in der Produktion

21.04.2017 | HANNOVER MESSE

Forschungszentrum Jülich auf der Hannover Messe 2017

21.04.2017 | HANNOVER MESSE

Smart-Data-Forschung auf dem Weg in die wirtschaftliche Praxis

21.04.2017 | Veranstaltungsnachrichten