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Online-Entscheidungshilfe für Ärzte bei bei akuter myeloischer Leukämie entwickelt

08.02.2011
Ärzte und Forscher aus dem Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden, dem Uniklinikum Münster und anderen deutschen Kliniken haben ein Verfahren entwickelt, mit dem sich Chancen und Risiken der intensiven Therapie für Patienten mit akuter myeloischer Leukämie (AML) zuverlässiger kalkuliert lassen. Die statistischen Analysen und Informationen zur Entwicklung des Tools wurden in der britischen Zeitschrift „Lancet“ publiziert. Von dem neuen Online-Angebot profitieren vor allem ältere Patienten, für die eine intensive, stationäre Therapie besondere Risiken birgt. Denn die Entscheidungshilfe unterstützt die Ärzte bei der Wahl der für den Patienten jeweils optimalen Therapie.

Leukämien zeichnen sich durch stark vermehrte Bildung von weißen Blutkörperchen (Leukozyten) und vor allem ihrer funktionsuntüchtigen Vorstufen aus. Diese Leukämiezellen breiten sich im Knochenmark aus, verdrängen dort die übliche Blutbildung. Sie können Leber, Milz, Lymphknoten und weitere Organe infiltrieren und dadurch ihre Funktion beeinträchtigen. Durch die Störung der Blutbildung kommt es zur Verminderung der normalen Blutbestandteile. Es entsteht eine Anämie durch Mangel an Sauerstoff transportierenden roten Blutkörperchen (Erythrozyten), ein Mangel an blutungsstillenden Blutplättchen (Thrombozyten) und ein Mangel an funktionstüchtigen weißen Blutkörperchen (Leukozyten). Die häufigste akute Form bei Erwachsenen ist die akute myeloische Leukämie, die mit zunehmendem Alter vermehrt vorkommt. Da die Weltbevölkerung immer älter wird, gewinnt die AML an Bedeutung.

In Deutschland erkranken jährlich insgesamt rund 3.600 Menschen an AML. Ob diese Form der Leukämie mit einer intensiven Chemotherapie behandelt werden sollte, ist mit Blick auf das Risiko gerade bei älteren Patienten eine schwierige Abwägungsfrage. Verglichen mit jüngeren Patienten ist die Chance auf eine vollständige Erholung der Blutbildung (Komplettremission) bei Älteren mit etwa 50 Prozent deutlich schlechter und das Risiko für frühen Tod höher. Alternativen sind weniger intensive Formen der Chemotherapie, die ebenfalls den Krankheitsverlauf günstig beeinflussen können, jedoch geringere Chancen auf Heilung bieten. Fachärzte verlassen sich bei ihren Empfehlungen meistens auf persönliche Erfahrungen und Präferenzen. „Das neue Online-Tool bietet nun die Möglichkeit, die Chancen auf Erholung der Blutbildung und die Risiken der Therapie besser und objektiver einschätzen zu können“, erklärt der an der Entwicklung des Tools beteiligte Hämatologe Dr. med. Christoph Röllig von der Medizinischen Klinik und Poliklinik I des Universitätsklinikums Carl Gustav Carus. „Damit hilft es den Ärzten bei der Entscheidungsfindung.“

Das Online-Tool ist einfach aufgebaut: Die Studienallianz Leukämie (SAL) und die Deutsche Kooperative AMLStudiengruppe (AMLCSG) stellen diesen Algorithmus für Hämatologen im Internet zur Verfügung (www.AML-Score.org). Hier kann der behandelnde Arzt verschiedene Werte angeben, die Einfluss auf die Chancen einer vollständigen Erholung haben. Dazu gehören beispielsweise das Alter bei der Leukämie-Diagnose, die Zahl von Thrombozyten (Blutplättchen) und Erythrozyten im Blut sowie genetische Veränderungen in den Leukämiezellen. Aus diesen Daten berechnet das Tool die Chance einer Remission und das Risiko eines frühen Todes. Die Entscheidung für eine Behandlungsempfehlung kann dieses Instrument den behandelnden Ärzten nicht abnehmen, es kann aber dabei helfen, Chancen und Risiken verantwortungsvoll abzuwägen.

Der Berechnungs-Algorithmus basiert auf den Ergebnissen einer bundesweiten Studie an mehr als 1.400 AML-Patienten im Alter von über 60 Jahren, die mit einer intensiven Chemotherapie behandelt worden sind. Die Risiko-Prognose wurde anhand einer unabhängigen Patientengruppe aus einer Studie mit rund 800 Patienten überprüft. Die Veröffentlichung der statistischen Analysen und Informationen zur Entwicklung des Tools erfolgte in der britischen Zeitschrift „Lancet“, einem der weltweit wichtigsten medizinischen Fachorgane.

Literaturangabe: Krug U, Röllig C, Koschmieder A, Heinecke A, Sauerland MC, Schaich M, Thiede C, Kramer M, Braess J, Spiekermann K, Haferlach T, Haferlach C, Koschmieder S, Rohde C, Serve H, Wörmann BJ, Hiddemann W, Ehninger G, Berdel WE, Büchner T and Müller-Tidow C. Lancet 2010; 376: 2000-2008.

DOI: http://dx.doi.org/10.1016/S0140-6736(10)62105-8

Kontakt
Medizinischen Fakultät Carl Gustav Carus
Medizinische Klinik und Poliklinik I
Dr. med. Christoph Röllig
Facharzt für Hämatologie und internistische Onkologie sowie
Leiter des Bereichs Klinische Studien der Medizinischen Klinik und Poliklinik I
Tel. (0351) 458-3775
E-Mail: christoph.roellig@uniklinikum-dresden.de

Holger Ostermeyer | idw
Weitere Informationen:
http://www.mk1dd.de

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