Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Ohne Chemotherapie gegen Blutkrebs

11.07.2013
Wissenschaftler des Universitätsklinikums Freiburg an Erforschung neuer Therapie beteiligt – Veröffentlichung im New England Journal of Medicine

Im Rahmen einer groß angelegten Studie gelang es deutschen und italienischen Wissenschaftlern, eine seltene Unterform von Blutkrebs bei fast 100 Prozent der Patienten zu heilen – und das ganz ohne Chemotherapie.

Jährlich erkranken etwa 300 Menschen in Deutschland an Akuter Promyelozytärer Leukämie (APL). Der Erkrankung liegt ein fehlerhaftes Gen zugrunde, wodurch das krebsverursachende Fusionsprotein PML-RARα entsteht. Dieses Protein behindert die Weiterentwicklung der weißen Blutkörperchen, die das Knochenmark überschwemmen und die normale Blutbildung verdrängen. Die Folge sind Gerinnungsstörungen mit lebensgefährlichen Blutungen oder Blutgerinnseln. Bisher wird die APL mit einer Kombination aus Chemotherapie und dem Vitamin-A-Derivat All-trans Retinsäure (ATRA) behandelt, welches einen Teil des krebsverursachenden Gens gezielt abbaut. Auf diese Weise können bisher etwa 90 Prozent der APL-Patienten geheilt werden.

In einer an 40 italienischen und 27 deutschen Zentren durchgeführten Studie verglichen Forscher über mehrere Jahre die Standardtherapie mit einer neuen Kombination aus ATRA und Arsentrioxid bei über 160 Patienten. Die deutsche Studienleitung übernahmen der Dresdner Hämatologe Prof. Dr. Uwe Platzbecker und Prof. Dr. Richard F. Schlenk aus Ulm, in Italien leitete der Hämatologe Dr. Francesco Lo-Coco aus Rom das Projekt. Auch das Universitätsklinikum Freiburg nahm als aktives Zentrum an der Studie teil.

Die neue Therapie setzt an zwei Stellen des defekten Gens an: Während ATRA den RARα -Teil abbaut, inaktiviert Arsentrioxid den PML-Anteil. Auf diese Weise erreichten die Wissenschaftler Zwei-Jahres-Überlebensraten von 98 Prozent, verglichen mit 91 Prozent bei der Standardtherapie.

Insgesamt träten bei der neuen Therapie zwar etwas häufiger Nebenwirkungen auf, diese seien aber selten lebensbedrohlich, erklärt Prof. Dr. Michael Lübbert, Hämatologe und Onkologe in der Klinik für Innere Medizin I des Universitätsklinikums Freiburg. „Eine reversible Leberschädigung sowie gewisse EKG-Veränderungen waren durch vorübergehendes Absetzen der Arsen-Therapie immer gut beherrschbar“, erklärt Lübbert, der auch an der Studienplanung beteiligt war. Bei der Standardtherapie kam es hingegen gehäuft zu einer Knochenmarksuppression mit Blutbildveränderungen, die zu einem geschwächten Immunsystem und damit lebensbedrohlichen Infekten führte.

Die neue Therapie sei aber nicht nur besser verträglich, sie dauere auch statt zwei Jahren nur sechs Monate und könne zu einem großen Teil ambulant durchgeführt werden. „Das alles bedeutet einen Zugewinn an Lebensqualität für die Patienten“, sagt Lübbert. „Mit Hilfe der neuen Kombinationstherapie aus ATRA und Arsentrioxid konnten wir eine Leukämie ganz ohne Chemotherapie heilen. Sie ist ein exzellentes Beispiel für eine genotyp-gesteuerte und molekular zielgerichtete Therapie.“ Experten sind sich einig, dass die neue Kombinationstherapie die bisherige Standardtherapie bald ablösen wird.

Titel der Originalveröffentlichung: Retinoic Acid and Arsenic Trioxide for Acute Promyelocytic Leukemia

doi: 10.1056/NEJMoa1300874

Kontakt:
Prof. Dr. Michael Lübbert
Klinik für Innere Medizin I
Universitätsklinikum Freiburg
Telefon: 0761 270-35340
michael.luebbert@uniklinik-freiburg.de
Weitere Informationen:
http://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMoa1300874

Benjamin Waschow | idw
Weitere Informationen:
http://www.uniklinik-freiburg.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Wachablösung im Immunsystem: wie Dendritische Zellen ihre Bewaffnung an Mastzellen übergeben
16.11.2017 | Universitätsklinikum Magdeburg

nachricht Wie Lungenkrebs zur Entstehung von Lungenhochdruck führt
16.11.2017 | Justus-Liebig-Universität Gießen

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Reibungswärme treibt hydrothermale Aktivität auf Enceladus an

Computersimulation zeigt, wie der Eismond Wasser in einem porösen Gesteinskern aufheizt

Wärme aus der Reibung von Gestein, ausgelöst durch starke Gezeitenkräfte, könnte der „Motor“ für die hydrothermale Aktivität auf dem Saturnmond Enceladus sein....

Im Focus: Frictional Heat Powers Hydrothermal Activity on Enceladus

Computer simulation shows how the icy moon heats water in a porous rock core

Heat from the friction of rocks caused by tidal forces could be the “engine” for the hydrothermal activity on Saturn's moon Enceladus. This presupposes that...

Im Focus: Kleine Strukturen – große Wirkung

Innovative Schutzschicht für geringen Verbrauch künftiger Rolls-Royce Flugtriebwerke entwickelt

Gemeinsam mit Rolls-Royce Deutschland hat das Fraunhofer-Institut für Werkstoff- und Strahltechnik IWS im Rahmen von zwei Vorhaben aus dem...

Im Focus: Nanoparticles help with malaria diagnosis – new rapid test in development

The WHO reports an estimated 429,000 malaria deaths each year. The disease mostly affects tropical and subtropical regions and in particular the African continent. The Fraunhofer Institute for Silicate Research ISC teamed up with the Fraunhofer Institute for Molecular Biology and Applied Ecology IME and the Institute of Tropical Medicine at the University of Tübingen for a new test method to detect malaria parasites in blood. The idea of the research project “NanoFRET” is to develop a highly sensitive and reliable rapid diagnostic test so that patient treatment can begin as early as possible.

Malaria is caused by parasites transmitted by mosquito bite. The most dangerous form of malaria is malaria tropica. Left untreated, it is fatal in most cases....

Im Focus: Transparente Beschichtung für Alltagsanwendungen

Sport- und Outdoorbekleidung, die Wasser und Schmutz abweist, oder Windschutzscheiben, an denen kein Wasser kondensiert – viele alltägliche Produkte können von stark wasserabweisenden Beschichtungen profitieren. Am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) haben Forscher um Dr. Bastian E. Rapp einen Werkstoff für solche Beschichtungen entwickelt, der sowohl transparent als auch abriebfest ist: „Fluoropor“, einen fluorierten Polymerschaum mit durchgehender Nano-/Mikrostruktur. Sie stellen ihn in Nature Scientific Reports vor. (DOI: 10.1038/s41598-017-15287-8)

In der Natur ist das Phänomen vor allem bei Lotuspflanzen bekannt: Wassertropfen perlen von der Blattoberfläche einfach ab. Diesen Lotuseffekt ahmen...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Kinderanästhesie aktuell: Symposium für Ärzte und Pflegekräfte

23.11.2017 | Veranstaltungen

IfBB bei 12th European Bioplastics Conference mit dabei: neue Marktzahlen, neue Forschungsthemen

22.11.2017 | Veranstaltungen

Zahnimplantate: Forschungsergebnisse und ihre Konsequenzen – 31. Kongress der DGI

22.11.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Kinderanästhesie aktuell: Symposium für Ärzte und Pflegekräfte

23.11.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Seminar „Leichtbau im Automobil- und Maschinenbau“ im Haus der Technik Berlin am 16. - 17. Januar 2018

23.11.2017 | Seminare Workshops

Biohausbau-Unternehmen Baufritz erhält von „ Capital“ die Auszeichnung „Beste Ausbilder Deutschlands“

23.11.2017 | Unternehmensmeldung